Solidarität: Die Entkernung eines Begriffs

Solidarität ist eines dieser “geflügelten Worte”, eines dieser Plastikwörter die alle kennen, viele benutzen, von denen aber wenige eine konkrete Vorstellung davon haben, was sie eigentlich bedeuten. Solidarisch kann/muss/soll man mit so ziemlich allem und jedem sein, was gerade en vogue oder gut ist, mit Armen, Kranken und natürlich mit Schwachen, mit der Arbeiterschaft, mit Hartz-IV-Empfängern, mit den Aufständischen in Libyen, mit Soldaten, Hörgeschädigten, mit Lateinamerika, mit syrischen Demonstranten, mit ägyptischen Demonstranten, mit den bedrängten Christen unserer Zeit, mit Frauen in Not usw. (Alle diese Objekte der Solidarität sind im Internet zu finden!) Solidarität, so lehrt uns der Duden, umschreibt ein “unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele” und, so weiß der Duden weiter, besonders in der Arbeiterbewegung bezieht sich Solidarität auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander, das Gewähren gegenseitiger Unterstützung.

Bereits dieser kurze Absatz schafft wahrscheinlich schon eine Unmenge von Verwirrung darüber, was unter Solidarität verstanden werden soll. Wem das noch nicht reicht, hier geht es weiter: Solidarität ist keine Einbahnstraße sagt Rainer Brüderle von der FDP. Solidarität ist eine Einbahnstraße, sagt der Freie Journalist und Medienberater Timm Steinborn auf den Seiten des DGB. Solidarität ist die “Verpflichtung auf eine neue Weltordnung”, meint die Neue Solidarität und hat damit in gewisser Weise eine Verbindung zur katholischen Soziallehre geschlagen, die der Ansicht ist, Solidarität sei notwendig, da Menschen grundsätzlich “ergänzungsbedürftig”, also auf andere angewiesen seien (Hellmann, 1994, S.793).

Das aufeinander Angewiesensein finden sich als etwas modifiziertes Motiv von Solidarität bei der Bundeszentrale für politische Bildung wieder, wenn konstatiert wird, dass das “Prinzip der Solidarität” besagt, “dass die Sozialversicherten wechselseitig miteinander verbunden sind”. Gleiches weiß die Deutsche Sozialversicherung zu berichten, die das “Prinzip der Solidarität” wie folgt beschreibt: “Die zu versichernden Risiken werden von allen Versicherten gemeinsam getragen. Unabhängig davon, wie viel die Vesicherten an die Sozialversicherung gezahlt haben, sind sie in umfassenden Maße abgesichert”. Dies scheint in gewisser Weise wieder zu Timm Steinborn und dem DGB zu führen, denn: “Wer oft sieben Tage die Woche rund 90 Stunden arbeitete und trotzdem kaum Geld verdiente, der konnte in eine Solidargemeinschaft eben nur eines einbringen: seine Solidarität” und, Steinborn weiter: “Solidarität benötigen eben nicht die Starken, sondern nur die Schwachen”.

Solidarität wird demnach von den Starken an die Schwachen gegeben, etwa so, wie im Solidarpakt , den die Bundesregierung beschwört, wenn sie auf einem Fortbestand des Länderfinanzausgleichs besteht. Zwar erklärt die Steinbornsche Definition von Solidarität als Almosen von Starken für Schwache, warum Banker, kranke Milliardäre, Chinesen, Bill Gates, Angela Merkel oder der Papst keiner Solidarität bedürfen und auch keine erhalten, aber es führt nicht sonderlich weit, wenn man versucht, Solidarität unabhängig von Mildtätigkeit und Almosen zu bestimmen.

Möglicherweise hilft es weiter, sich an die Ursprünge von “Solidarität” zu erinnern, wie sie sich in den gängigsten Definitionen niedergeschlagen haben: Solidarität bedeutet für Liberale einen Zusammenschluss auf Grundlage gemeinsamer Interessen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Demonstranten, die sich vor einen Zug setzen, um zu verhindern, dass Atommüll nach Gorleben gelangt, erfüllen diese Definition. Für Marxisten bedarf es einer Klassensolidarität, einer Bekämpfung des falschen Bewusstseins unter Arbeitern, um als Einheitsfront den bürgerlichen Kapitalisten gegenüber treten zu können. Solidarität meint für Marxisten also Gleichschaltung, etwa so, wie sie zum Ende der  Weimarer Republik in den Reihen der SA praktiziert wurde, als alle gemeinsam in die Straßenschlacht gegen die zumeist ebenfalls aus Arbeitslosen rekrutierten Truppen der KPD gezogen sind. Und dann gibt es natürlich, und wie immer, Emile Durkheim und seine soziologische Definition von Solidarität, die – zugegebener Maßen – etwas verträumt  und der Tatsache geschuldet ist, dass zu Durkheims Zeiten Ethnologie und Soziologie noch weitgehend als Einheit gesehen wurden.

Also findet Durkheim eine mechanische Solidarität, die er in primitiven Gesellschaften vorzufinden glaubt und deren Hauptkennzeichen darin besteht, dass sie unhinterfragt ist und durch Sitte und Tradition zusammengehalten sein soll. Moderne Gesellschaften zeichnen sich dagegen durch Arbeitsteilung aus, was mechanische Solidarität unmöglich macht und den Zusammenhalt der Gesellschaft nach Ansicht von Durkheim auf organische Solidarität angewiesen sieht. Und damit meint Durkheim nichts anderes als vertragliche Strukturen, die das Zusammenleben regeln. Urplöztlich ist diese Darstellung bei der Unterscheidung zwischen Gesellschaft, einem willentlichen und vertraglichen Zusammenschluss von Individuen, und Gemeinschaft, einem von Natur aus gegebenen Gemeinsein von Individuen, angekommen. Es sei darauf hingewiesen, dass man die Existenz von Gesellschaft anhand vertraglicher Beziehungen nachweisen kann, während man sich die Existenz von Gemeinschaft aufgrund von Entitäten wie, z.B. Natur des Menschen, Blut, Abstammung einbilden muss.

Aber, hier soll es um Solidarität gehen, was für Durkheim ganz offensichtliche eine Frage der Organisation einer Gesellschaft ist, explizit und vertraglich heute, uninterfragt und implizit in seinen primitiven Gesellschaften (von denen man sich fragen kann, ob es sie je in der Weise gegeben hat, wie Durkheim angenommen hat, dass es sie gegeben hat). Entlang dieser Linie zwischen explizit-vertraglich oder modern und implizit-unhinterfragt oder primitiv kann man nunmehr die bisherigen Bestimmungsversuche von “Solidarität” zuteilen: Marxisten wären entsprechend in der impliziten Unhinterfragtheit der Durkheimschen primitiven Gesellschaften stehen geblieben, während Liberale in moderen Gesellschaften angekommen wären. Solidarität als Weltordnung und in den meisten oben dargestellten Verwendungen, die eine gefühlsmäßige Bindung annehmen, gehörte in die Zeit primitiver Gesellschaften, während Solidarität im Rahmen des Finanzausgleichs und im Rahmen der Sozialversicherungen das “Prinzip” in vertraglich gestalteten und modernen Gesellschaften verortete. Damit ist Solidarität aber nichts, was sich einfach einstellt, sondern etwas, was man vertraglich vereinbaren und entsprechend auch aufkündigen kann.

Und daher stellt sich die Frage, wo die Grenze von Solidarität verläuft, wann Solidarität als vertragliche Übereinkunft darüber, dass manche Solidarität geben und andere Solidarität empfangen, ihre Grenzen erreicht (Für Liberale ist das keine Frage, denn Solidarität endet für sie da, wo die Interessen, die sie tragen, nicht mehr gegeben sind, da, wo derjenige, der Solidarität gewähren soll, kein Interesse daran hat, Solidarität zu gewähren – aber Liberale haben in der heutigen deutschen Gesellschaft nicht einmal in der FDP etwas zu sagen, daher jetzt für alle nicht-Liberalen): Kann man Solidarität z.B. soweit strapazieren, dass man gesetzlich Krankenversicherte, die sich gesund ernähren, vegetarisch leben, Sport treiben kurz, die alles machen, was die AOK als Grundlage eines gesunden Lebens empfiehlt, für diejenigen mitbezahlen, mit denjenigen solidarisch sein lässt, die sich um den Verstand trinken und entsprechend hohe Ausnüchterungskosten in entsprechenden Anstalten verursachen? Kann man es von Krankenversicherten verlangen, mit den extrem-sportlichen Grillen anderer Versicherter solidarisch zu sein, für diese zu haften? Kann man es von Krankenversicherten verlangen, mit den Kindern anderer solidarisch zu sein und deren Arztrechnung zu übernehmen? Die drei Fragen machen eines deutlich: Mit Solidarität gibt es Probleme, wenn die Interessen derer, die zum Solidarisch sein verpflichtet werden, divergieren. Dies verweist auf die Ursprünge des Begriffs in der Arbeiterbewegung: Solidarität war eine gemeinsame Sicherung von Arbeitern gegen die Risiken, die mit ihrer Arbeit verbunden waren, gesundheitliche Risiken, oder die Risiken, arbeitslos oder erwerbsunfähig zu werden. Knackpunkt hier ist: Die gleichen Interessen wurden von gleichen Beiträgen oder zumindest ähnlichen Beiträgen in die Solidarkasse begleitet. Solidarität war entsprechend ein “Clubgut”, das nur denjenigen zuteil wurde, die in den Club der miteinander Solidarischen eingezahlt haben. Hier findet sich eine erhebliche Abweichung zur heutigen Solidarität, die auch die Solidarität mit nicht-Clubmitgliedern, die keinerlei Beiträge zur Solidarkasse geleistet haben, vorsieht.

Entsprechend ist aus Solidarität ein Begriff geworden, mit dem diejenigen, die sich als bedürftig ansehen oder von anderen als bedürftig definiert werden, von denen, die als nicht-bedürftig angesehen werden, Solidarität einklagen können. Die heutige Verwendung von Solidarität schlägt sich in so etwas wie einer Pflicht, Bettlern ein Almosen zu geben, nieder: Wer die Solidarität auf seiner Seite wähnt oder wem sie staatlich zugewiesen wird, der hat ein Anrecht auf Unterstützung. Damit eignet sich der Begriff hervorragend zum Verfolgen eigener Vorteile und wie einfach das geht, zeigt ein Zitat, das wieder Timm Steinborn zu verantworten hat: “Hätten Bergleuteknappschaften im 19. Jahrhundert der Witwe des verunglückten Kumpels sagen sollen: ‘Natürlich bekommst du Unterstützung. Aber erst, wenn du den erstbesten Mann geheiratet hast, der dir über den Weg läuft, und deine Kinder im Winter auf lange Hosen verzichten”. Ich will den absurden Inhalt dieses Zitats vorab kurz kommentieren: Der Inhalt lässt mehr Schlüsse über die geistige Verfassung des Autoren zu als sonst etwas, denn offensichtlich kann sich Herr Steinborn nicht vorstellen, dass die Bergleute im 19. Jahrhundert mit ihren Frauen nicht in einer bürgerlichen Ehe gelebt haben, in der die Männer Alleinernährer und die Frauen die Heimchen am Herd waren, die den Nachwuchs aufziehen. Dass die bürgerliche Ehe eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts ist und Arbeiterfrauen sich in der Regel selbst unterhalten konnten, weil sie gearbeitet haben, ist offensichtlich für Herrn Steinborn fern jeder Vorstellung.

Doch zurück zum Zitat: Interessant ist die Ausdehnung der Solidaritätsempfänger, über den Einzahler, also das Mitglied der Bergleuteknappschaft hinaus. Eben einmal wird die Solidarkasse, die den Bergmann gegen Lebensrisiken abgesichert hat, auf Dritte erweitert, in diesem Fall auf seine Familie, was kaum weiter auffällt, denn dass “die Familie” Nutznießer des Ablebens des Ernährers ist, daran haben wir moderne Menschen uns gewöhnt, und deshalb nehmen wir an, dass es immer so gewesen ist. Aber so war es nicht, und Solidarität war auch nicht etwas, was einfach von jemandem nachgefragt werden konnte oder einfach verteilt oder umverteilt werden konnte, sondern etwas, was man sich erwerben musste. Daraus entstand gerade der Wert von Solidarität, dass sie das Ergebnis eigener Anstrengungen und Leistungen war und nicht ein Almosen von Dritten oder eine Zuweisung des Staates. Aber auch das sind Gedanken, die in der modernen Welt, mit ihrem differenzierten Denken, in dem die bürgerliche Kleinfamilie selbst auf Seiten der Gewerkschaft zum historischen Standard geworden ist, nicht mehr vorkommen.

Hillmann, Karl-Heinz (1994). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Kröner.

Bildnachweis:
Bikinibottom
Karasakulihatkudengar
Politics1
Randnotizen
Gruppe Soziale Kämpfe

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About Michael Klein
... concerned with and about science

2 Responses to Solidarität: Die Entkernung eines Begriffs

  1. Mo says:

    Ich nahm bisher an, Solidarität beruhe auf den Grundgedanken der Selbstlosigkeit.
    Und dieser Grundgedanke wird gehegt und gepflegt.

  2. Pingback: Nationalismus: infantiler Kampfbegriff | ScienceFiles

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