
Man kann also festhalten: Der nicht moderne Mensch ist ein freier Mensch, der seine Rechte freiwillig an einen Souverän und im Tausch für die Garantie von Sicherheit und Eigentum übergibt. Die Pflichten, die aus der Übertragung der Garantiefunktion an den Souverän entstehen, sind vom nicht modernen Menschen freiwillig in Kauf genommenen und insofern sich selbst auf erlegte Pflichten. Der moderne Mensch kann hier nicht mithalten: Der moderne Mensch bekommt Rechte von seinem Souverän zugestanden und Pflichten auferlegt. Der moderne Mensch ist nicht Autorität über seine Rechte und Pflichten, er ist Rezipient von Rechten und Pflichten.
Und diese verkehrte Welt, in der die Rechte und Pflichten der Staatsbürger von Regierungs-Gnaden existieren und nicht Regierungen die Erfüllungsgehilfen von Staatsbürgern sind, die ihre Rechte ausüben, hat eine neue Klasse von Staatsgetreuen hervorgebracht. Dabei handelt es sich um Personen, die ihre Berufung nicht darin sehen, individuelle Freiheitsrechte zu propagieren und zu schützen, sondern darin, individuelle Freiheitsrechte einzuschränken. Es handelt sich dabei um Personen, die (andere) Bürger als Anhägnsel ihres Staates sehen, der frei über deren Rechte und Pflichten verfügt. Es handelt sich um Personen, die nie auf die Idee kämen, den Souverän im Bürger als solchem zu sehen, denn für sie ist ein Bürger in erster Linie der Untertan, der dem Willen des Souverän unterworfen ist. Und der erste Wille aller Souveräne zu allen Zeiten hat immer dem eigenen und dem Einkommen seiner Günstlinge gegolten. Deshalb ist es so wichtig, die Freiheit gegen Staaten und ihre Günstlinge zu verteidigen.
„Steuerzahlen gehört zu den Pflichten der Bürger…. Steuern sind der Preis für eine zivilisierte Gesellschaft. … Ein moderner Staat braucht um diesen steigenden Anforderungen gerecht zu werden, daher auch überproportional steigende Staatseinnahmen, der Anteil der Steuern am Bruttosozialprodukt müsste demnach kontinuierlich steigen.“
Dies ist eine Adaption des Buches Genesis durch den Sozialismus: Am Anfang war der Staat. Und der Staat sprach: „Lasset die Steuern zu mir kommen“. Aber es kamen nicht nur die Steuern zum Staat, sondern auch die Anforderungen,und die Anforderungen, die wuchsen sogar, so dass der Staat sagen musste: „Lasset noch mehr Steuern zu mir kommen“. Und weil die Steuern scheinbar doch nicht freiwillig zum Staat gekommen sind, musste der Staat das Steuerzahlen zur Pflicht erheben, weil es die diversen Anforderungen so von ihm verlangten, nicht weil er das wollte. Überhaupt gibt es im sozialistischen Buch Genesis keinen Willen. Der Staat ist getrieben durch Anforderungen, die Bürger sind getrieben durch Pflichten, und die Pflichten sind der Preis für „eine zivilisierte Gesellschaft“. Man fragt sich unwillkürlich, ob man nicht in diesem Fall mit einer unzivilisierten, aber willentlich getriebenen Gesellschaft besser bedient wäre.
Und es geht weiter, im Beitrag von Unger:
„Steuerhinterziehung ist Diebstahl an der Allgemeinheit. … Eine steigende Steuerhinterziehung ist ein Zeichen einer ungleicher werdenden Einkommensverteilung. … Steuerhinterziehung ist eine weitere Belohnung einer Einkommensgruppe, die ohnehin schon zu viel verdient. … Man kann die steigende Steuerhinterziehung auch als Zeichen einer zunehmenden Entsolidarisierung einer Gesellschaft durch zu große Einkommensunterschiede sehen.
Das sind starke Behauptungen, die an Brunnenvergiftung grenzen, und die man vielleicht vor dem Hintergrund des Jugendmedienschutzstaatsvertrags (darin §4) untersuchen müsste, immerhin wird hier der Hass gegen die Gruppe der Steuerhinterzieher angestachelt und dadurch, dass generell Bezieher hoher Einkommen (wobei unklar gelassen wird, was denn hohe Einkommen sind) gegen Bezieher geringer Einkommen gestellt werden, wird suggeriert, Steuerhinterzieher fänden sich nur oder vorwiegend unter den Beziehern hoher Einkommen (die Frau hat von Schwarzarbeit offensichtlich noch nie etwas gehört), und diese würden die Bezieher geringer Einkommen durch ihre Steuerhinterziehung schädigen. Dies alles ist absoluter Unsinn und offenbart nicht nur ein Obrigkeitsdenken, das erschreckend ist.
Entsolidarisierung, so lernen wir, ist ein relativer Begriff, denn unweigerlich ist es so, dass die Steuern in absoluter Höhe, die einem Reichen vom Einkommen abgezogen werden, die Steuern in absoluter Höhe, die ein Armer entrichten muss, übersteigen. Wenn also zwei Personen einem Bettler 5 Euro geben, der erste monatlich 2000 Euro, der zweite 4000 Euro verdient, dann ist dies ein Zeichen der Entsolidarisierung, denn der zweite hätte entweder 10 Euro geben müssen, oder der erste 2,5 Euro. Das ist das Problem mit der Relativierung von Werten: Wer Begriffsmonster wie „Entsolidarisierung“ nicht an absoluten, sondern an relativen Werten festmacht, der schafft damit auch die Möglichkeit, in die nicht gewünschte Richtung so solidarisieren, und dann bleiben dem Bettler 7,50 Euro statt der möglichen 10 Euro.
Derartige negative Folgen ihrer Vorschläge sind Personen wie Unger, wenn sie den Zeitgeist reiten und sich gegen Steuerhinterzieher positionieren, natürlich nicht bewusst. Diese Folgen kann man nur in Rechnung stellen, wenn man Individuen als Akteure in eigenem Recht und mit eigenen Interessen sieht und genau das ist bei Frau Unger, deren Welt aus dem Staat, seinen Günstlingen und den Untertanen besteht, nicht möglich. Deshalb verharrt sie im Stadium des Neids, dabei, andere um ihren Reichtum zu beneiden, von denen sie, außer dass sie „zu viel“ verdienen, nichts weiß und nicht wissen muss, denn die Fixierung auf materielle Werte ist selbstgenügend und sie verdient Mitleid, dieser Form der Fixierung.
