
Die erste Antwort auf die Frage, die offensichtlich ist, lautet: Es gibt Namenstrends: Bestimmte Vornamen sind zu bestimmten Zeitpunkten mehr in Mode als andere Vornamen. Gut. Aber was erklärt der Verweis auf Trends, auf Modewellen, Fashion-Trends? Nichts. Die Frage, warum bestimmte Namen auf der Woge des Trends reiten, während andere in der Gischt verschwinden, ist nach wie vor unbeantwortet oder besser: Sie war unbeantwortet, denn nun gibt es die Arbeit von Hema Yoganarasimhan (Modename?), Assistant Professor an der Graduate School of Management an der University of California, in der gezeigt wird, warum bestimmte Namen in der Beliebtheitsskala oben schwimmen, während andere dies nicht tun.
Alles beginnt mit Thorstein Veblen und Pierre Bourdieu. Veblen erklärt Modetrends, Hypes, durch imitierendes Verhalten. Zuerst adoptieren die Reichen ein Verhalten, spielen zum Beispiel Golf oder hängen sich einen echten Miro ins Wohnzimmer. Dann adaptieren die weniger Reichen das Verhalten der Reichen, beginnen mit Golfschlägern zu hantieren und kaufen die Miro-Reproduktion. Die Weniger Reichen tun dies, um sich von den noch weniger Reichen zu differenzieren, um zu zeigen, dass sie im Status über denen stehen, die nicht Golf spielen und keine Reproduktion von Miro im Wohnzimmer hängen haben. Das nachgeahmte Verhalten der Reichen ist also eine Form der Differenzierung und je mehr sie nutzen, desto mehr wird die Differenzierung zur Mode, zum Trend und verliert entsprechend (nicht nur) für die Reichen ihren Wert.
In beiden Fällen, im theoretischen Ansatz von Veblen und im theoretischen Ansatz von Bourdieu, werden die Insignien, die Reiche (bei Veblen), kulturelle Kapitalträger (bei Bourdieu) nutzen, zum Symbol für deren Status. Mit der Übernahme der entsprechenden Statussymbole versprechen sich diejenigen, die nicht reich sind oder nicht bzw. kein kulturelles Kapital haben, den Status zu gewinnen, den ihre „Vorbilder“ haben. Ein Trend ist somit eine Art Trittbrettfahren, bei dem Personen, die in der sozialen Hierarchie (egal, ob im Hinblick auf Reichtum oder im Hinblick auf kulturelles Kapital) nicht oben, sondern, sagen wir in der Mitte sind, versuchen, sich von denen, die sie unter sich ansiedeln, zu differenzieren. Sie versuchen, zu symbolisieren, darzustellen, dass sie eigentlich in der sozialen Hierarchie nach oben gehören, und sie versuchen dies, in dem sie die Insignien übernehmen, die sie Reichen oder kulturellen Kapitalträgern zuordnen.
Namen sind solche Insignien. Das zeigt die Untersuchung von Yoganarasimhan sehr deutlich. Yoganarasimhan kann auf einen reichhaltigen Datenfundus, der sich aus dem Current Population Survey und Daten von der Social Security Administration, also Daten für die USA zusammensetzt, zurück greifen. Auf diese Weise gelingt es Yoganarasimhan einen Zeitraum von knapp 70 Jahren von 1940 bis 2009 abzudecken und zu untersuchen. Für diesen Zeitraum kann Yoganarasimhan nicht nur die Existenz verschiedener Modezyklen, also von Namen, die Mode werden und wieder verschwinden, nachweisen. Yoganarasimhan kann auch zeigen, dass es immer die Personen mit hohem kulturellen Kapital sind, die Namen zuerst adaptieren, lange bevor sie zum Trend werden und von Personen mit wenig kulturellem Kapital übernommen werden. Personen mit hohem kulturellem Kapital fungieren also als Trendsetter und finden unter denen, die wenig(er) kulturelles Kapital besitzen, willige Nachahmer. Die selbe Systematik lässt sich für die von Veblen behaupteten Trendsetter, die Reichen, nicht finden. Als kulturell distinguiert zu gelten, ist demnach wichtiger als als reich zu gelten.
Je mehr Eltern jedoch Namen wie Ben oder Mira an ihre Kinder verteilen, umso wirkungsloser wird die mit der Namensvergabe verbundene Differenzierung, umso nutzloser ist der Name als Symbol für den reklamierten Status, und entsprechend kann man bereits jetzt vorhersagen, dass Ben und Mira in den nächsten Jahren aus den Toprängen der Namens-Hitliste verschwinden werden und – entsprechend der gesellschaftlichen Retardierung, die wir derzeit erbeleben, vielleicht von Ernst, Emil, Erna und Minna ersetzt werden.
Yoganarasimhan, Hema (2013). Identifying the Presence and Cause of Fashion Cycles in the Choice of Given Names.
