Mit der Eurokrise gegen das demokratische Defizit: Leipziger Professor mit devianter Meinung

Unter den Hinweisen auf wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich täglich in unserer Mailbox finden, war vor einigen Tagen ein, wie man sagen könnte, Exklusivhinweis von der Universität Leipzig, in dem wir auf einen Text von Georg Vobruba hingewiesen wurden, der wiederum in der “Serie Europa” der Universität Leipzig erschienen ist. Und das Bonbon: Im Text wird gegen den Mainstream argumentiert

Wow! Eine Arbeit gegen den Mainstream und, ehrlich gesagt, aus einer Institution (Universität Leipzig), aus der wir das  nicht unbedingt erwartet haben. Entsprechend habe ich den Text von Georg Vobruba gestern Abend mit auf die Veranda genommen und die etwas kühleren Abendstunden genutzt, um mit kühler Ratio einem devianten, von der Mehrheitsmeinung abweichenden Text gegenüberzustreten. Hier nun das Ergebnis:

Georg VobrubaVorab kurz zur Person: Prof. Dr. Georg Vobruba hat einen Lehrstuhl für Sozialpolitik am Institut für Soziologie der Universität Leipzig und weil dem so ist, und es schon schlimm genug ist, dass wir wieder einmal einen vom Mainstream abweichenden Text auf ScienceFiles besprechen, will ich doch zumindest der in Leipzig geltenden Regelung wider den tierischen Ernst und wider die Logik der deutschen Sprache Rechnung tragen, und Frau Professor Vobruba oder war es Herr Professorin Vobruba? (die Reihenfolge ist immerhin ein hierarchisches Statement, wer steht vorne: generisches Maskulinum oder Femininum?) politisch korrekt bezeichnen.

Die Eurokrise wird die EU Politisch stabilisieren. Sie wird dazu führen, dass die politische Integration der EU vorangetrieben und das demokratische Defizit beseitigt wird.

Diese These findet sich in der Form nicht im Text von Vobruba. Es ist meine verkürzte Fassung einer Aussage, von der ich nicht weiß, warum sie nicht so deutlich im Text zu finden ist. Aber der Reihe nach.

Vobrubas Text beginnt gemächlich und mit einem Hinweis auf Offensichtliches, den man dennoch machen muss, weil heutzutage nichts so unbekannt zu sein scheint, wie das Offensichtliche. Offensichtlich befinden wir uns in einer Krise, einer Eurokrise, und Krisen sind offene Veranstaltungen, man schlittert in die Krise, also mehr unfreiwillig als freiwillig, und was rauskommt, das ist im Reich des Unbekannten (auch wenn Politiker uns erzählen wollen, sie könnten die Krise “managen”, könnten Sie die Krise managen, dann hätte es die Krise nie gegeben, aber genug der Logik).

Institut f soziologieVon hier wandert der Leser des Textes von Vobruba, stets auf der Suche nach der Abweichung vom Mainstream, zu dem Hinweis, dass auch ohne Griechenland und Malta, die EU noch die EU wäre (schon weil die Bürokratie in Brüssel ein sich selbst erhaltendes System ist, aber das ist natürlich wieder meine abweichende Meinung). Lediglich die Integrationsstruktur würde sich in EU minus Griechenland (und Malta) ändern. Man hätte, so schreibt Vobruba, dann das Muster einer abgestuften Integration (4). Das ist eine sehr interessante Idee, und demgemäß haben wir bereits den Zustand erreicht, dass die Türkei, die ja alle Vorteile einer Zollunion mit der EU genießt, Teil der EU ist, abgestuft integriert, aber immerhin (eigentlich ein perfekter Zustand: alle Vorteile aus der wirtschaftlichen Integration, aber keine Eurokraten, die blasse Glühbirnen für türkische Fassungen vorschreiben).

Es folgt die nächste Offensichtlichkeit, die man heutzutage betonen muss, und es ist löblich, dass Vobruba im Zeitalter genderistischer Konflikthysteriker, die nichts mehr hassen, als offenen Streit, weil er sie daran hindert, hinter dem Rücken anderer ihr Süppchen zu kochen, dass also Vobruba darauf hinweist, dass Konflikt und Konkurrenz gut sind.

Mir hat es die Sprache verschlagen als ich dies von einem deutschen Soziologen gelesen habe. Wettbewerb oder Konkurrenz, wie Vobruba lieber schreibt, ist gesellschaftsfördernd. Ohne Konkurrenz keine Gesellschaft: “Konkurrenz hat ‘diese ungeheure vergesellschaftende Wirkung: sie zwingt den Bewerber, der einen Mitbewerber neben sich hat und häufig erst hierdurch eigentlicher Bewerber wird, dem Ungewohnten entgegen- und nahezukommen, sich ihm zu verbinden” (5) Dieses Zitat stammt von Georg Simmel. Simmel gilt als Klassiker und ist somit jemand, den moderne Soziologen zwar im Munde führen, aber gewöhnlich nicht mehr lesen. Vobruba hat Simmel gelesen und damit gezeigt, dass es noch deutsche Soziologen gibt, die außerhalb von ideologischen Bahnen denken können, und dies sogar im Osten und in räumlicher Nähe zu Jena.

Zwischenergebnis soweit: Konflikt und Konkurrenz ist gut, beide wirken integrierend, weil sich Menschen oder die Leute, wie Vobruba schreibt, miteinander arrangieren müssen.

Vobruba stratetgic unionismUnd jetzt kommt die Eurokrise. Ich spare mir die Herleitung der Eurokrise. Wen das interessiert, der mag es bei Vobruba nachlesen. Interessanter ist für mich Kapitel V, in dem Vobruba mich abermals überrascht hat. Ein Soziologe kennt den Ökonomen Robert Mundell (1961) und die von ihm aufgestellte Theorie der optimum currency area. Die wirklich kürzeste Zusammenfassung dessen, was Mundell 1961 geschrieben und eine Reihe von Autoren nach ihm weiterentwickelt haben, findet man bei Frankel und Rose:

Since Mundell (1961) first developed the concept of an optimum currency area (OCA), a vast literature has developed, including classic contributions by McKinnon (1963) and Kenen (1969). … Much of the literature focuses on four inter-relationships between the members of a potential OCA. They are 1) the extent of trade; 2) the similarity of the shocks and cycles; 3) the degree of labour mobility; and 4) the system of risk-sharing, usually through fiscal transfers. The greater any of the four linkages between the countries, the more suitable a common currency” (Frankel & Rose, 1998, S.1011).

In kurz sagt die Theorie von Mundell, dass eine Währungsunion zwischen unterschiedlichen Partnern nur dann funktionieren kann, wenn Schocks, wie sie sich unweigerlich einstellen, also z.B. die Subprime-Mortgage-Krise intern umverteilt oder abgefedert werden können, also dadurch, dass Arbeitslose aus einem Teil der Währungsunion, z.B. Griechenland oder Spanien, der vom Schock hart getroffen wird, in einen anderen Teil migrieren, wo es Arbeitsplätze für sie gibt, also z.B. nach Deutschland. Je besser das Zusammenspiel der Mitglieder einer Währungsunion im Hinblick auf die vier oben genannten Punkte, desto besser funktioniert die Währungsunion.

Bei Mundell finden sich indes nur drei Punkte, die für die Stabilität einer Währungsunion wichtig sind: (1) die Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit, (2) die Faktormobilität zwischen den Mitglieddstaaten (Faktoren sind Arbeit und Kapital) und (3) die Fähigkeit, externe Schocks gleichmäßig aufzufangen.

Vobruba konzentriert sich auf die beiden ersten Punkte und konstatiert, dass keine Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Mitgliedsstaaten der Eurozone stattgefunden hat. Standorte, die zu Beginn der Währungsunion strukturschwach waren, sind dies immer noch. Exportweltmeisterschaften werden immer noch unter nur wenigen großen Ländern der Eurozone ausgetragen. Eine Migration von Arbeitskräften, wie sie notwendig wäre, um Strukturschwächen zwischen den Mitgliedern der Währungsunion auszugleichen, findet in keinem Umfang statt, der auch nur annähern geeignet wäre, zur Beseitigung der Ungleichgewichte beizutragen. Das einzige, was die Währungsunion bislang erreicht hat, sind Kapitaltransfers. Die armen Mitglieder der Währungsunion, Griechenland, Portugal, Irland hatten nach dem Start der Eurozone plötzlich die Möglichkeit, Kredite zu Konditionen aufzunehmen, die sie zuvor für traumhaft gehalten haben, und sie haben den Großteil der Kredite genutzt, um in Deutschland oder anderen Exportstaaten der Eurozone einzukaufen und somit einen lebhaften internen Geldkreislauf in Gang gesetzt, denn ein Teil der Gewinne der Exporteure und nicht nur sie, kamen als Investition oder Kredit in die armen Länder zurück. Dieses monetäre möchtegern Perpetuum mobile hat funktioniert, bis das Geld an den Kapitalmärkten knapp wurde. Deutlichstes Fanal der neuen Geld-Knappheit war das Ende der Lehman Brothers.

Dies ist die Krisenbeschreibung, die Vobruba mit Blick auf Mundell gibt. Wir erinnern uns, Vobruba hat festgestellt, dass Krisen offen sind, prinzipiell gestaltbar und dass Konkurrenz nicht schlecht ist. Vor diesem Hintergrund ist man nunmehr gespannt, was er als Lösung für die Eurokrise anbietet, wo er die gesellschaftsbildende Kraft der Eurokrise sieht, die ihn erwarten lässt, dass Europa politisch gestärkt aus der Eurokrise hervorgeht und eben nicht, dass die Eurozone ihrem Ende zugeht.

Frankel NBERDiese Frage ist für einen Leser nicht leicht zu beantworten. Man muss sich die Antwort aus verschiedenen Textstellen zusammensuchen. Auf Seite 8 z.B. wo Vobruba die politische Entscheidung bespricht, Gläubiger, die ihre Einlagen in Banken Maltas hatten, am Bailout zu beteiligen. Das ist der mainstream-Euphemismus für Diebstahl. Man findet ein weiteres Indiz auf Seite 9, wo Vobruba die mutige These vertritt, dass der Fehler im Euro, die jetzige Krise, vielleicht nicht in ihrem Ausmaß, aber in ihrem Auftreten vorhergeplant war, bewusst von Politikern (?) eingesetzt wurde, um die politische Integration der EU (auch gegen den Willen ihrer Bevölkerungen) voranzutreiben.

Diese beiden Fragmente reichen, um zu sehen, wohin die Reise geht. Die Krise, so argumentiert Vobruba, übt Druck auf politische Eliten und ihre Bevölkerungen aus, die demokratische Integration der EU voranzutreiben und möglicherweise das demokratische Defizit zu beseitigen, so dass am Ende so etwas wie die Vereinigten Staaten Europas stehen.

Dies ist dann der Punkt, an dem sich die Wege von Georg Vobruba und mir trennen. Für mich sind die Vereinigten Staaten von Europa eine Horrorvorstellung, auch wenn ich in Wales lebe. Angesichts des bereits jetzt grassierenden Nepotismus in der EU, in der eine Verwaltung Steuergelder ausgibt, um ihre eigenen Claqueure zu bezahlen, wage ich mir das Ausmaß an Nepotismus, das Vereinigte Staaten von Europa sehen würden, kaum vorzustellen. Angesichts der Art und Weise, in der bereits heute die EU-Kommission die Öffentlichkeit, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen, an der Nase herumführt, wage ich mir nicht vorzustellen, welche Mittel dieser totalitäre Moloch erst einzusetzen bereit ist, wenn er von sich behaupten kann, demokratisch legitimiert zu sein. Und schließlich teile ich den Elitismus von Georg Vobruba in keiner Weise. Es widerspricht nach meiner Ansicht jeder erdenklichen Operationalisierung von Demokratie, eine politische Integration top-down einzuführen und Menschen, die sie offensichtlich nicht wollen, aufzustülpen. Und ob das Neidmotiv, das darin zum Ausdruck kommt, dass man suggeriert, die Kosten der politischen Integration wären von Reichen zu tragen, deren Bankkonten man per Gesetz plündert, so lange trägt, bis der Vereinigte Staaten von Europa Moloch etabliert ist, ist eine Frage, die ich negativ beantworten würde.

Auch wenn die Schlussfolgerungen, die Vobruba aus seinem Text ja nicht zieht, sondern nur andeutet, nicht von mir geteilt werden, so würde ich den Text von Vobruba dennoch allen Lesern als einen Text ans Herz legen, der zeigt, dass es selbst in Deutschland noch Soziologen gibt, die mit dem eigenen Kopf denken und nicht die Ideologie nachbeten, die ihnen vorgegeben wird. Jetzt hoffe ich, dass wir demnächst aus der Feder von Georg Vobruba einen Text zur Vernichtung der Universitätskultur und Vertreibung der Bildung aus Universitäten lesen können, wie sie derzeit unter dem Rubrum des Genderismus betrieben wird.

Frankel, Jeffrey A. & Rose, Andrew K., 1998: The Endogeneity of the Optimum Currency Area Criteria. Economic Journal 108 (July): 1009-1025.

Vobruba, Georg (2013). Gesellschaftsbildung in der Eurokrise. Universität Leipzig: Institut für Soziologie, Serie Europa No. 3/2013.

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3 Responses to Mit der Eurokrise gegen das demokratische Defizit: Leipziger Professor mit devianter Meinung

  1. jck5000 says:

    Drei kurze Anmerkungen:
    Dass sich Bürokratie selbst erhält, ist doch eine logische Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen von Parkinson, der beschrieben hat, wie eine Bürokratie mit der Zeit, nicht mit ihren Aufgaben wächst (in den 1950ern, http://www.economist.com/node/14116121). Ist der irgendwann widerlegt worden, was ich nicht mitbekommen habe?
    Zweitens gibt es auch in der Türkei keine ordentlichen Glühbirnen mehr.
    Drittens, und das ist der Punkt, der mir ein bisschen Angst macht: Ich finde in Herrn Vobrubas Text keine Stelle, an der er sich explizit für mehr demokratische Legitimierung ausspricht; er beschreibt nur die Probleme der Demokratie. Vielmehr lese ich von “ergänzender Institutionenbildung” – das kann man auch umgekehrt sehen: Das Lösen des Problems fehlender demokratischer Legitimierung durch Abschaffung der Demokratie. Auch wenn ich aus seinem Unterton nicht denke, dass er das Gutheißen würde.

    • drei kurze Erwiderungen:
      (1) Parkinson wurde bislang nicht widerlegt, ich wüsste nicht wie, da er schwer empirisch prüfbar ist, aber ein sich selbst-erhaltendes System braucht ja auch etwas mehr als einen Büroleiter, der zunächst der Ansicht ist, er bräuchte in paar Gehilfen, um Arbeit zu delegieren, nur um dann festzustellen, dass er nun nicht nur alle Arbeit selbst macht, sondern auch noch die Gehilfen kontrollieren muss… Das ist ein etwas anderer Punkt als ein bürokratischer Moloch, der für sich Tätigkeiten erfindet und das entsprechende Funding gleich und bequemerweise selbst sicherstellen kann.

      (2) I’m sorry to hear it. Wenn Sie welche brauchen, es gibt eine Untergrundquelle im UK, die Glühbirnen, die hell machen, verkauft.

      (3) Schreiben Sie Prof. Vobruba doch eine entsprechende Mail oder vielleicht kommentiert er ja auch, wie er sich das denkt. (Wenn Sie eine Mail schreiben, bitte Antwort in Kopie an ScienceFiles…:))

  2. Exphilosoph says:

    Schön, etwas ansatzweise gutes von meinem ehemaligen Dekan zu lesen. Zu meiner Zeit in Leipzig (90iger) wurde durchaus noch Soziologie gelehrt. Weber, Simmel, Parsons, Esser sind mir im Gedächtnis geblieben. Ebenso ein anspruchsvolles Seminar zur Spieltheorie. Einzig die Mehtodenvorlesung fand ich damals reichlich dünn. Da ist zwar im Rahmen des Bachelorstudiums schon einiges dazugekommen, aber geholfen hat es bis jetzt anscheinend nicht.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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