Stephan Lewandowsky, Gilles E. Gignac und Klaus Oberauer haben heute auf Plos One eine Untersuchung veröffentlicht, die neugierig macht: Warum weisen Menschen wissenschaftliche Forschungsergebnisse zurück? Warum ist Wissenschaft in den Augen vieler diskreditiert? Warum sind wissenschaftliche Forschungsergebnisse für viele nicht glaubwürdig?
Lewandowsky, Gignac und Oberauer kommen zu einem anderen Ergebnis als wir. Sie suchen die Gründe für die zunehmende Diskreditierung nicht innerhalb der Wissenschaft, sondern außerhalb, bei den Rezipienten, bei denen, die wissenschaftliche Ergebnisse verwerfen. Und, um es bereits vorwegzunehmen, es sind Untersuchungen wie die von Lewandowski, Gignac und Oberauer, die viel dazu beitragen, dass Wissenschaft weiter diskreditiert wird.
Was machen die Autoren?
- Ich glaube, dass sich das Klima ständig ändert, und was wir derzeit sehen, ist nichts anderes als eine natürliche Fluktuation. [Methodische Anmerkung: Doppelter Stimulus, deshalb untaugliches Item]
- Die genetische Modifikation von Nahrungsmitteln ist eine verlässliche Technologie.
- Impfstoffe werden im Labor extensiv getestet und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so lange nicht sicher ist, dass sie sicher sind. [Methodische Anmerkung: Doppelter Stimulus; allgemeine Formulierung macht Item unbrauchbar, denn ob alle Impfstoffe ausreichend getestet wurden, wissen nicht einmal Wissenschaftler.]
- Die Sicherung freier Märkte ist wichtiger als lokale Bedenken im Hinblick auf Umweltschutz.[Methodische Anmerkung: Ideologisches Item, das einen nicht existierenden Interessenkonflikt aufbaut.]
- Die Ermordung von Martin Luther Kind ist das Ergebnis einer Verschwörung von US-Regierungsorganisationen wie dem FBI und dem CIA
- Der angebliche Zusammenhang zwischen passivem Rauchen und Lungenkrebs ist das Ergebnis fingierter Forschung und der Versuch eines korrupten Kartells medizinischer Forscher Wissenschaft mit einem Dogma zu ersetzen. [Methodische Anmerkung: Gleich drei Stimuli in einer Aussage, daher unbrauchbar.
Die 1001 US-amerikanischen Befragten, die an der Untersuchung von Lewandowsky, Gignac und Oberauer teilgenommen haben, haben alle etwas zu diesen Aussagen gesagt, ihnen zugestimmt, mehr oder weniger oder nicht zugestimmt oder die Antwort verweigert. Wie üblich, so haben die Autoren die Antworten zusammengefasst und miteinander korreliert, und dabei ist herausgekommen, dass
- Linke eher zu Verschwörungstheorien neigen als Rechte,
- Konservative einen freien Markt befürworten,
- Linke eher gegen Impfung eingestellt sind,
- Konservative die Behauptung, es gebe einen menschlich verursachten Klimawandel in Frage stellen und vor allem die damit einhergehenden regulativen Konsequenzen ablehnen,
- die Ablehnung von genetisch modifizierten Nahrungsmitteln vor allem unter Linken zu finden ist.
Darüber hinaus können Lewandowsky, Gignac und Oberauer zeigen, dass eine negative Einstellung gegenüber Impfung, Klimawandel oder dem vermeintilchen Zusammenhang zwischen passivem Rauchen und Lungenkrebs wahrscheinlicher ist, wenn Befragte einer Verschwörungstheorie anhängen, z.B. dass es die Mondlandung nicht gab, das HIV-Virus in Labors der USA geschaffen wurde oder Martin Luther King von CIA und FBI ermordet wurde. Und aus all dem folgern die Autoren, dass es vor allem der Glaube an Verschwörungstheorien und das dahinter stehende Weltbild ist, der den Zweifel an wissenschaftlichen Ergebnissen sät und Wissenschaft in Misskredit bringt.
Hier wird also versucht, das Verhältnis von Wissenschaft inhaltlich zu messen, wobei wissenschaftliche Unbedenklichkeit oder wissenschafliche Literacy den Befragten von Lewandowsky, Gignac und Oberauer genau dann attestiert wird, wenn sie die Weltsicht der Autoren teilen.
Wissenschaftler handeln mit Wahrscheinlichkeiten, und manche Wahrscheinlichkeiten haben sich als recht sichere Basis für Entwicklungen erwiesen, wie wir sie täglich genießen, vom Ipod angefangen bis hin zum sauberen Wasser. Aber gerade weil Wissenschaftler mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, die z.B. angeben, dass Impfungen recht sicher sind bzw. der Nutzen die Kosten überwiegt oder dass der Klimawandel dann zutrifft, wenn die Modelle zum Klimawandel und die Annahmen, auf denen sie basieren, richtig sind, gerade deshalb ist es für Wissenschaft wichtig, ihre Ergebnisse ständig zu hinterfragen und zu testen, und deshalb ist es für Wissenschaft so wichtig, die eigenen Ergebnisse nicht als den Stein der Weisen darzustellen, der auch in einer Million Jahre noch an der Stelle steht, an den ihn heutige Wissenschaftler gepflanzt haben.
Lewandowsky, Gignac und Oberauer tun leider das Gegenteil. Sie stellen Ergebnisse, die selbst in der wissenschaflichen Gemeinschaft umstritten sind, wie z.B. den Klimawandel oder die Frage, ob passives Rauchen Lungenkrebs erzeugen kann, als Wahrheiten hin. Sie diskreditieren Personen, die offizielle Versionen z.B. über den Tod von Martin Luther King nicht als Wahrheit akzeptieren, sondern hinterfragen und versuchen, die offizielle Version einem Test zu unterziehen, als Verschwörungstheoretiker und zeigen damit, wie weit sie selbst von Wissenschaft entfernt sind.
Offensichtlich sind die Autoren nämlich der Ansicht, Wissenschaft konstituiere ein Regime, dem der normale Bürger zu folgen habe, das er nicht hinterfragen dürfe und vor allem, dem er nicht kritisch gegenüberstehen dürfe. Damit erklären sie sich selbst zu Feinden der Wissenschaft, denn Wissenschaft lebt davon, hinterfragt, kritisiert und nicht wortlos hingenommen zu werden.
Und wo liegt eigentlich das Problem? Mit jeder vermeintlichen Verschwörungstheorie, die zeigen will, dass die Mondlandung inszeniert und nicht echt war und daran scheitert, nachvollziehbare Belege für diese Behauptung zu liefern, steigt die Glaubwürdigkeit der offiziellen Version. Gegen eine entsprechende Prüfung kann man als Wissenschaftler also nichts einzuwenden haben.
Leandowsky, Stephan, Gignac, Gilles E. & Oberauer, Klaus (2013). The Role of Conspiracist Ideation and Worldviews in Predicting Rejection of Science.
