Warum Wissenschaft einen schlechten Leumund hat

Stephan Lewandowsky, Gilles E. Gignac und Klaus Oberauer haben heute auf Plos One eine Untersuchung veröffentlicht, die neugierig macht: Warum weisen Menschen wissenschaftliche Forschungsergebnisse zurück? Warum ist Wissenschaft in den Augen vieler diskreditiert? Warum sind wissenschaftliche Forschungsergebnisse für viele nicht glaubwürdig?

SokalDie Untersuchung ist schon deshalb interessant, weil wir auf ScienceFiles eine ganz eigene Antwort auf diese Fragen geben: Für uns sind Wissenschaft im Allgemeinen und die Sozialwissenschaften im Besonderen deshalb und zunehmend diskreditiert, weil immer mehr Ideologen, von links und rechts in die Wissenschaft drängen und dort ihre Weltsicht als Wissenschaft verkaufen. Wissenschaft im Allgemeinen und die Sozialwissenschaften im Besonderen sind deshalb diskreditiert, weil die wissenschaftliche Methode immer unbekannter wird, weil Personen auf Lehrstühlen sitzen, die denken, ihre Momentane “Grille” oder ihre fixe Idee, nach der z.B. Geschlecht ganz besonders wichtig sei, rechtfertige ihr Dasein als Wissenschaftler. Entsprechend sind pseudo-intellektuelle  Betrachtungen an die Stelle wissenschaftlich präziser Aussagen getreten, entsprechend sind ideologische Vorlieben die Maßstäbe, an denen Studenten gemessen werden. Die zunehmende Diskreditierung von Wissenschaft ist vor diesem Hintergrund eine logische Konsequenz der Ideologisierung von Wissenschaft und nicht überraschend.

Lewandowsky, Gignac und Oberauer kommen zu einem anderen Ergebnis als wir. Sie suchen die Gründe für die zunehmende Diskreditierung nicht innerhalb der Wissenschaft, sondern außerhalb, bei den Rezipienten, bei denen, die wissenschaftliche Ergebnisse verwerfen. Und, um es bereits vorwegzunehmen, es sind Untersuchungen wie die von Lewandowski, Gignac und Oberauer, die viel dazu beitragen, dass Wissenschaft weiter diskreditiert wird.

Was machen die Autoren?

Climate change conferenceLewandowsky, Gignac und Oberauer haben die Einstellungen von 1001 US-Bürger erfragt. (Mittlerweile ist es schon soweit, dass mir die Nackenhaare stehen, wenn ich Einstellungsforschung sehe.) Die 1001 US-Bürger wurden z.B. gefragt, ob sie den folgenden Aussagen zustimmen, und zwar auf einer Skala von 1 “stimme überhaupt nicht zu” bis 5 “stimme voll und ganz zu”:

  • Ich glaube, dass sich das Klima ständig ändert, und was wir derzeit sehen, ist nichts anderes als eine natürliche Fluktuation. [Methodische Anmerkung: Doppelter Stimulus, deshalb untaugliches Item]
  • Die genetische Modifikation von Nahrungsmitteln ist eine verlässliche Technologie.
  • Impfstoffe werden im Labor extensiv getestet und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so lange nicht sicher ist, dass sie sicher sind. [Methodische Anmerkung: Doppelter Stimulus; allgemeine Formulierung macht Item unbrauchbar, denn ob alle Impfstoffe ausreichend getestet wurden, wissen nicht einmal Wissenschaftler.]
  • Die Sicherung freier Märkte ist wichtiger als lokale Bedenken im Hinblick auf Umweltschutz.[Methodische Anmerkung: Ideologisches Item, das einen nicht existierenden Interessenkonflikt aufbaut.]
  • Die Ermordung von Martin Luther Kind ist das Ergebnis einer Verschwörung von US-Regierungsorganisationen wie dem FBI und dem CIA
  • Der angebliche Zusammenhang zwischen passivem Rauchen und Lungenkrebs ist das Ergebnis fingierter Forschung und der Versuch eines korrupten Kartells medizinischer Forscher Wissenschaft mit einem Dogma zu ersetzen. [Methodische Anmerkung: Gleich drei Stimuli in einer Aussage, daher unbrauchbar.

Die 1001 US-amerikanischen Befragten, die an der Untersuchung von Lewandowsky, Gignac und Oberauer teilgenommen haben, haben alle etwas zu diesen Aussagen gesagt, ihnen zugestimmt, mehr oder weniger oder nicht zugestimmt oder die Antwort verweigert. Wie üblich, so haben die Autoren die Antworten zusammengefasst und miteinander korreliert, und dabei ist herausgekommen, dass

  • Linke eher zu Verschwörungstheorien neigen als Rechte,
  • Konservative einen freien Markt befürworten,
  • Linke eher gegen Impfung eingestellt sind,
  • Konservative die Behauptung, es gebe einen menschlich verursachten Klimawandel in Frage stellen und vor allem die damit einhergehenden regulativen Konsequenzen ablehnen,
  • die Ablehnung von genetisch modifizierten Nahrungsmitteln vor allem unter Linken zu finden ist.

Darüber hinaus können Lewandowsky, Gignac und Oberauer zeigen, dass eine negative Einstellung gegenüber Impfung, Klimawandel oder dem vermeintilchen Zusammenhang zwischen passivem Rauchen und Lungenkrebs wahrscheinlicher ist, wenn Befragte einer Verschwörungstheorie anhängen, z.B. dass es die Mondlandung nicht gab, das HIV-Virus in Labors der USA geschaffen wurde oder Martin Luther King von CIA und FBI ermordet wurde. Und aus all dem folgern die Autoren, dass es vor allem der Glaube an Verschwörungstheorien und das dahinter stehende Weltbild ist, der den Zweifel an wissenschaftlichen Ergebnissen sät und Wissenschaft in Misskredit bringt.

Hier wird also versucht, das Verhältnis von Wissenschaft inhaltlich zu messen, wobei wissenschaftliche Unbedenklichkeit oder wissenschafliche Literacy den Befragten von Lewandowsky, Gignac und Oberauer genau dann attestiert wird, wenn sie die Weltsicht der Autoren teilen.

Albert TraktatWissenschaft ist ein Verfahren um Erkenntnisgewinn zu erzielen. Dabei gilt die Wahrheit denen, die Wissenschaft betreiben, also die Übereinstimmung von wissenschaflichen Aussagen und Realität als regulative Idee, denn ob eine wissenschaftliche Erkenntnis, die derzeit mit den Fakten übereinstimmt, im Lichte neuer Ergebnisse, die die Zukunft bringen mag, noch korrekt sind, ist eine Frage, die man heute nicht beantworten kann. Folglich kann sich auch kein ernsthafter Wissenschaftler hinstellen und behaupten, die Erkenntnisse, die es derzeit im Hinblick auf den Klimawandel, die Wirkung von gentechnisch modifizierter Nahrung oder von Impfungen gibt, seien umfassend und könnten nicht durch neue Forschung modifiziert werden.

Wissenschaftler handeln mit Wahrscheinlichkeiten, und manche Wahrscheinlichkeiten haben sich als recht sichere Basis für Entwicklungen erwiesen, wie wir sie täglich genießen, vom Ipod angefangen bis hin zum sauberen Wasser. Aber gerade weil Wissenschaftler mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, die z.B. angeben, dass Impfungen recht sicher sind bzw. der Nutzen die Kosten überwiegt oder dass der Klimawandel dann zutrifft, wenn die Modelle zum Klimawandel und die Annahmen, auf denen sie basieren, richtig sind, gerade deshalb ist es für Wissenschaft wichtig, ihre Ergebnisse ständig zu hinterfragen und zu testen, und deshalb ist es für Wissenschaft so wichtig, die eigenen Ergebnisse nicht als den Stein der Weisen darzustellen, der auch in einer Million Jahre noch an der Stelle steht, an den ihn heutige Wissenschaftler gepflanzt haben.

Lewandowsky, Gignac und Oberauer tun leider das Gegenteil. Sie stellen Ergebnisse, die selbst in der wissenschaflichen Gemeinschaft umstritten sind, wie z.B. den Klimawandel oder die Frage, ob passives Rauchen Lungenkrebs erzeugen kann, als Wahrheiten hin. Sie diskreditieren Personen, die offizielle Versionen z.B. über den Tod von Martin Luther King nicht als Wahrheit akzeptieren, sondern hinterfragen und versuchen, die offizielle Version einem Test zu unterziehen, als Verschwörungstheoretiker und zeigen damit, wie weit sie selbst von Wissenschaft entfernt sind.

Offensichtlich sind die Autoren nämlich der Ansicht, Wissenschaft konstituiere ein Regime, dem der normale Bürger zu folgen habe, das er nicht hinterfragen dürfe und vor allem, dem er nicht kritisch gegenüberstehen dürfe. Damit erklären sie sich selbst zu Feinden der Wissenschaft, denn Wissenschaft lebt davon, hinterfragt, kritisiert und nicht wortlos hingenommen zu werden.

Und wo liegt eigentlich das Problem? Mit jeder vermeintlichen Verschwörungstheorie, die zeigen will, dass die Mondlandung inszeniert und nicht echt war und daran scheitert, nachvollziehbare Belege für diese Behauptung zu liefern, steigt die Glaubwürdigkeit der offiziellen Version. Gegen eine entsprechende Prüfung kann man als Wissenschaftler also nichts einzuwenden haben.

Leandowsky, Stephan, Gignac, Gilles E. & Oberauer, Klaus (2013). The Role of Conspiracist Ideation and Worldviews in Predicting Rejection of Science.

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… concerned with and about science

6 Responses to Warum Wissenschaft einen schlechten Leumund hat

  1. Klaus says:

    Lewandowsky ist für auch für Manipulationen, Irreführungen und Hinterhältigkeit bekannt, siehe: http://climateaudit.org/tag/lewandowsky/

  2. Bill Miller says:

    dass die Wissenschaft so einen schlechten Ruf hat (ich bin Chemiker und in der Big Pharmaforschung tätig) könnte auch daran liegen, dass die ehrliche Antwort “ich bin nicht ganz 100 %ig sicher” strategisch von denen ausgenutzt wird, die absolut sichere Wahrheiten verkünden (Homöopathen, Religioten, “Philosophen” und dergleichen Gelichter).

  3. Ich teile die Kritik an der Studie, denke allerdings, dass der schlechte Leumund auch viel damit zu tun hat, dass für immer mehr Menschen offensichtlich wird, dass das in der Öffentlichkeit sichtbare Bild, das die (Wirtschafts-)Wissenschaften von der sozialen und wirtschaftlichen Realität zeichnen und das sich in den Prognosen und Handlungsempfehlungen an die Politik sowie letztlich natürlich auch in der Politik widerspiegelt, immer stärker von der Realität abweicht, wie sie erlebt wird und in den Fakten zum Ausdruck kommt.

    Dabei ist es ein besonderes Problem, dass die hinter den Prognosen und Handlungsempfehlungen stehenden theoretischen Gedankengebäude, die ja der Interpretationsschlüssel von allem und damit ausschlaggebend für das gezeichnete Bild von der Realität sind, unausgesprochen und für die Öffentlichkeit verborgen bleibt.

    Diese Gedankengebäude sind mithin sehr fehlerhaft und die egentliche Ursache für die angesprochen starke Abweichung. Das kann aber keiner verstehen, wenn er nicht davon weiß und genau dies trägt maßgeblich zum schlechten Leumund bei – jedenfalls was die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften anbelangt und die Rechts-Links-Logik, mit der scheinbar alles erfasst wird.

    Viele Grüße
    SLE

    PS: Auf Querschuesse habe ich diesen Zusammenhang – Rechts-Links-Logik und alternative Erklärungsansätze für Märkte (bzw. Markt- und Wettbewerbslogiken) – unter der Überschrift “Vom Problem der Überwindung der Rechts-Links-Logik” aufgegriffen und, wie ich hoffe, etwas transparenter gemacht.

  4. A.S. says:

    Wenn im Mittelalter ein Idiologe seine Meinung argumentativ unangreifbar machen wollte, so versuchte er irgendwie kirchliche Autorität zu erlangen. Dann konnte er seine Meinung als Gottes Wille verkaufen.
    Die Aufklärung hat bewirkt, dass heute Idiologen versuchen wissenschaftliche Autorität zu erlangen und ihre Meinung nun als Erkenntnis zu verkaufen suchen.
    Idiologen heften sich immer an die Autoritäten der jeweiligen Zeit an.

    Zu dem sehr gelungenen Artikel möchte ich noch einen Gedanken ergänzen, der meiner Meinung nach fehlt:
    Die Rolle der Medien, von denen das Bild der festen, zweifels- und lückenfreien Wissenschaft stammt. Es sind zuerst die Medien, die ihre eigenen Meinungen und (Vor)Urteile als gesichertes Wissen verkaufen und sich dabei auf dumme oder falsche Experten berufen, die jeden Unsinn als “Wissenchaftlich” absegnen. Da kommt auch ein Teil des Misstrauens her.
    Man denke an Berichte über den Klimawandel. Medial erscheint es so, als sei alles mit der absoluten Sicherheit mathematischer Beweise geklärt. Tatsächlich hat Klimaforschung immer etwas von Kaffesatzleserei (was nicht anders geht) und jeder gute Klimaforscher weiß das.
    Es sind die Medien die schlicht falsch über Wissenschaft berichten und so den Eindruck der ständigen Fehlerhaftigkeit von Wissenschaft erzeugen ohne zu sagen, dass Fehler ein wesentlicher Bestandteil von Wissenschaft sind.

  5. Pingback: Ideologisierung der Wissenschaft | Basedow1764's Weblog

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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