Fallacia falsi medii: Anti-Rechtsextremismus-Industrie gutachtet gegen Sicherheitsüberprüfung

Diejenigen, die ihr Auskommen daraus gewinnen, die eigene Ideologie gegen die falschen Ideologien in Stellung zu bringen, die Anti-Rassisten, die Anti-Rechtsextremisten und die Anti-Anti-Semitisten, sie haben derzeit ein Problem: Ihrem Bemühen, das von Ministerien wie dem BMFSFJ als der Demokratie förderlich angesehen wird und das deshalb aus Steuermitteln gefördert wird, wird nicht mehr generell eine Unbedenklichkeitsplakette verliehen, weil die Kämpfer von sich behaupten, sie würden gegen die falschen Ismen unserer Zeit agitieren und „Demokratie leben!“.

Nein, sie werden überprüft.

Gerade hat die Bundesregierung in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der LINKEN (der Schutzpatronin aller, die von Links gegen Rechts kämpfen oder dies zumindest vorgeben) erklärt, dass bislang 46 Träger, die sich mit einem Projekt für den Kampf gegen Rassismus, Rechtsextremismus oder Antisemitismus um Steuergelder beworben haben, durch den Verfassungsschutz geprüft wurden.

Geprüft wurde, ob diejenigen, die für die Demokratie und gegen den Extremismus kämpfen wollen, selbst auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Damit soll ausgeschlossen werden, dass linke Extremisten finanziert werden, um rechte Extremisten zu bekämpfen (da die Bekämpfung von Linksextremismus kaum eine Rolle spielt, kann der umgekehrte Fall hier unberücksichtigt bleiben).

Klingt sinnvoll. Immerhin geht es um Steuergelder, und wenn in Ministerien schon Geld verschwendet wird, um Bürger zum richtigen ideologischen Glauben zu erziehen, dann doch bitte so, dass nicht Extremisten dafür finanziert werden, die Grundlagen demokratischen Zusammenlebens zu zerstören.

Macht also Sinn.
Das ist wie mit der Schufa.
Niemand bekommt einen Kredit, wenn er bei der Schufa als Kreditrisiko geführt wird.

Und dennoch laufen die Vertreter der Anti-Rechtsextremismus-Industrie Sturm. Sie, die sie die Demokratie nicht nur auf Kosten der Steuerzahler leben, sondern auch verteidigen wollen, sie wollen nicht daraufhin geprüft werden, ob sie überhaupt fähig sind, Demokratie zu leben und zu verteidigen.

Und sie haben zu viel Geld. So viel Geld, dass sie, in diesem Fall der Bundesverband Mobile Beratung e.V., der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. und die Bundearbeitsgemeinschaft Demokratieentwicklung, ein angeblich „wissenschaftliches Gutachten“ in Auftrag geben können, das zeigen soll, dass die Überprüfung all der treuen Recken, die die Demokratie auf Kosten von Steuerzahlern leben und verteidigen wollen, nicht rechtens ist.

Wunder über Wunder: Die drei Verbände haben die Rechtsanwältin, Anna Luczak, gefunden. Sie ist bereit, das gewünschte angebliche Gutachten zu erstellen und zu den erhofften Ergebnissen zu kommen. Wie teuer die Bereitschaft, das erhoffte Gutachten zu erstellen, war, ist eine offene Frage. Was Luczak dazu befähig, ein Gutachten zu erstellen, ist noch eine offene Frage. Wodurch Luczak in der Vergangenheit bekannt wurde, ist weniger offen:

„Für bundesweites Aufsehen sorgte der Fall eines ihrer Mandanten, der während einer Personenkontrolle am Rande des G8-Gipfels bei Rostock von einem Polizisten niedergeschlagen worden war. Das Amtsgericht Rostock sprach den Polizisten vor Kurzem frei.“
So schreibt das Neue Deutschland, die SED-Parteizeitung, deren Journalisten noch nicht zu wissen scheinen, dass in einem Rechtsstaat ein Freispruch bedeutet, dass der Polizist, der nach Ansicht des Neuen Deutschlands einen Mandanten von Luczak niedergeschlagen haben soll, diesen Mandaten nach den Tatsachenfeststellungen des Gerichts eben NICHT niedergeschlagen hat.

Doch zurück zum Gutachten von Luczak, das auch tatsächlich zum Ergebnis hat, was sich die Auftraggeber erhofft und auch gewünscht haben müssen: Die Überprüfung, ob Träger von Projekten, in denen Demokratie gelebt und gegen Extremismus verteidigt werden soll, auf Kosten der Steuerzahler versteht sich, mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung konform gehen, ist nach Ansicht von Luczak nicht rechtskonform, denn (1) gebe es keine rechtliche Grundlage für die Überprüfung, (2) sei der Verfassungsschutz als derjenige, der die Überprüfung durchführe, dafür bekannt, dass bereits geringfügige Anlässe zu einer Ablehnung des Trägers führten, (3) sei die Speicherung der Daten von Personen und Gruppen, die im Bereich der Demokratieförderung tätig seinen, ein unverhältnismäßiger Eingriff in deren Grundrechte und (4) davon auszugehen, dass der Verfassungsschutz als speichernde Behörde gegen Datenschutzbestimmungen verstoße und die in einem Zusammenhang gespeicherten Daten auch in einem anderen Zusammenhang benutze.

Bevor Sie sich über diese Form der Rabulistik aufregen: Ruhe bewahren. Es ist nicht notwendig, sich über dieses vermeintliche wissenschaftliche Gutachten zu erregen, denn es ist kein wissenschaftliches Gutachten, es ist nicht einmal ein Gutachten. Es ist ein umfangreicher Fehlschluss der falschen Disjunktion oder auch der falschen Alternativen, ein Fehlschluss der Erschleichung, des falschen Mittelterms „Fallacia falsi medii“, wie ihn Georg Michael Klein bereits im Jahre 1824 in seiner Anschauungs- und Denklehre beschrieben hat, denn:

Niemand muss sich um Förderung durch das Bundesministerium für FSFJ bewerben.
Niemand hat ein Recht auf eine entsprechende Förderung.
Niemand hat einen generellen Anspruch darauf, aus den Taschen der Steuerzahler finanziert zu werden.

Nimmt man diese Prämissen zum Ausgangspunkt der Begutachtung der Frage, ob eine Überprüfung derer, die Demokratie leben wollen, darauf, ob sie denn überhaupt Demokratie leben können, rechtens ist, dann folgt, dass die Überprüfung nicht zwingend ist, da sich niemand, der nicht überprüft werden will, um Mittel aus den Taschen der Steuerzahler bewerben muss, wer sich aber darum bewerben will, nachweisen können muss, dass er Demokratie leben kann.

Und weil dem so ist, sind die Folgerungen, die Luczak in ihrem angeblichen Gutachten zieht, allesamt Fehlschlüsse, und weil die Folgerungen allesamt Fehlschlüsse sind, deshalb ist das Gutachten kein wissenschaftliches, sondern ein fehlerhaftes Gutachten, das man bestenfalls einstampfen kann, so wie man den Versuch, ein Gutachten zu erstellen, bestenfalls belächeln kann.

Das ist bitter, bitter für die Amadeu-Antonio-Stiftung und ihre Satelliten, die sich so heftig über das Ergebnis des wie sie glauben (machen wollen) doch wissenschaftliche Gutachten gefreut haben, ebenso wie es für die erkleckliche Liste derer, die die Beauftragung durch die drei oben genannten, wie auch immer unterstützt haben (siehe Abbildung für die stattliche Liste derer, die einer Prüfung darauf, ob sie die Grundsätze der freiheitlich demokratischen Grundordnung einhalten, nicht standhalten wollen), bitter ist.

Nichts war’s.

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Gegen Hass anhassen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung: Irrsinn darf in Deutschland wieder öffentlich geäußert werden

Vor nicht allzu langer Zeit, haben wir in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass Sir Karl Raimund Popper missbraucht wird. Personen, die im Normalfall nicht wissen, wer Popper eigentlich war, zitieren Popper damit, dass er angeblich gesagt habe, man dürfe Intoleranz nicht tolerieren. Zu sagen, Intoleranz dürfe nicht toleriert werden, ist natürlich ein Lügner-Paradoxon, denn wenn man Intoleranz nicht toleriert, wird man selbst zum Intoleranten, mit der Konsequenz, dass man nunmehr sich selbst nicht tolerieren darf.

Dass viele derer, die Popper im Mund führen, mit diesem Paradox leben, den Widerspruch ertragen können, spricht für den beklagenswerten Zustand ihrer geistigen Kapazitäten. Dass sie ihre eigenen Defizite aber Popper in die Schuhe schieben wollen, geht zu weit. Liest man die Stelle, die die meisten, die ihn zitieren, nicht kennen, bei Popper weiter, dann erfährt man, dass Popper seine Aussage an zwei Bedingungen knüpft: (1) Verweigerung des rationalen Diskurses und (2) Gewalt. Nur wenn es jemand mit einer schrägen Meinung, die andere Meinungen kategorisch ausschließt, verweigert, über seine Meinung und Kritik an seiner Meinung zu diskutieren und jeden Versuch, darüber zu diskutieren, mit Gewalt unterdrücken will, dann ist Popper der Ansicht, müsse man ihn und seine Meinung nicht tolerieren.

Popper hätte heute wohl wenig Probleme mit den meisten der AfD-Politiker. Aber es ist kaum zu erwarten, dass er Antifa und andere Meinungsdiktatoren, die keine Abweichung von dem zulassen, was sie für richtig halten, und die gewalttätig sind, tolerieren würde.

Der Missbrauch von Popper ist nur eine Facette einer geistigen Minderleistung bei denen, deren Selbstwert vornehmlich über ihren Ärger und ihren Hass, allgemeiner: ihre Befindlichkeit konstituiert wird und nicht über Leistungen, die durch einen unabhängigen Dritten nachvollziehbar wären.

Es gibt eine Geschichte von HP Lovecraft, in der er von einer gelangweilten Gesellschaft erzählt, eine Gesellschaft, deren Mitglieder weitgehend unbeschwert leben könnten, hätten sie nicht jede Motivation und jeden Antrieb, sich selbst zu entwickeln, an sich zu arbeiten, sich einen Lebenssinn zu geben, verloren. Selbst Zuneigung ist ihnen von sich aus nicht mehr möglich. Deshalb treffen sie sich in Zuneigungsgruppen, um sich Zuneigung zu erzählen. Es scheint, heutzutage trifft man sich nicht in Zuneigungs-, sondern in Abneigungsgruppen, um zu hassen, sich gegen andere zu wenden und sich auf diese Weise der eigenen Existenz zu vergewissern.

Dass derartige Abneigungsgruppen staatlich, vornehmlich vom Ministerium für FSFJ finanziert werden, ist vermutlich nicht verwunderlich, denn auch Ministerien werden heute häufig vom Gefühl und nicht vom Verstand geleitet (deshalb sind die Ministerdarsteller zumeist einer Meinung, die sie oft mit „wir dürfen“, „wir müssen“ oder sonstigen Floskeln einleiten, haben in der Regel aber keinerlei nachprüfbare Begründung für ihre Meinung, die lediglich dazu dient, sich affektiv zu verorten und zu vergewissern). Dass derartige organisierte Abneigungsgruppen dem Verstand nicht zuträglich sein, sein können, weil sie das Gefühl zu Lasten der Ratio betonen, konnte man unlängst wieder in Berlin beobachten.

Anlass war eine Demonstration der AfD.

Die, die man in Anlehnung an Harold Garfinkel als affektive Dopes bezeichnen kann, also Personen, die von ihren Gefühlen und nicht von ihrem Verstand geleitet werden, benötigen organisierte Abneigungsgruppen und öffentliche Abneigungshappenings, um sich zum einen zu demonstrieren, dass sie jemand sind, ein Guter und um zum anderen ein Wir-Gefühl zu entwickeln, denn richtig gut kann man sich nur in der Masse fühlen. Die Ursache dafür kann in der Sozialpsychologie gefunden werden: Menschen, die am Versuch gescheitert sind, eine personale Identität zu bilden, müssen sich an Gruppen anlagern, anderer Meinung imitieren, anderer Gefühl zu ihrem eigenen machen, müssen sich durch Abgrenzung von vermeintlich Bösen selbst eine Surrogat-Persönlichkeit verschaffen, und zwar in regelmäßigen und vermutlich immer kürzer werdenden Abständen. Anders formuliert: Die AfD ist lebenswichtig für viele affektive Dopes, weil Letztere ohne die AfD außer Stande wären, das Gefühl, sie hätten eine Persönlichkeit, zu entwickeln und ihre Persönlichkeit zu simulieren.

Doch zurück zur Verdrängung oder Beseitigung des Verstands durch das Gefühl, ein Phänomen, das wir schon öfter beobachtet haben. Im Bereich der institutionalisierten Wissenschaft finden wir es bei der Genderista, deren Vertreter in der Lage sind, eine ganze Vielfalt von Widersprüchen nebeneinander bestehen zu lassen, z.B. den Widerspruch, dass sie es ganz furchtbar finden, dass so wenige Frauen in MINT-Fächern zu finden sind und kein Problem damit haben, selbst eine Entscheidung gegen ein MINT-Fach getroffen zu haben.

Wir finden die fast schon als Anhänglichkeit zu bezeichnende Fähigkeit, sich in wenigen Sätzen zu widersprechen, bei all denen, die Poppers Paradoxon der Toleranz entstellt und zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht haben, ohne dabei zu merken, dass sie sich lächerlich machen.

Schließlich finden wir die affektiven Dopes, die vor lauter Gefühl nicht merken, wenn sie sich widersprechen, vornehmlich unter denen, die sich der Weihe ihrer eigenen Existenz besonders sicher sind. Die keinen Zweifel haben, dass sie die Guten sind und andere die Bösen.

Der folgende – mittlerweile weit bekannte – Tweet fand sich heute einmal mehr in unserer Mailbox. Er ist ein beeindruckendes Zeugnis der geistigen Inkontinenz, des Mangels an kognitiver Kapazität und der Fähigkeit, sich selbst dann, wenn man sich in Widersprüchen wickelt, im vermeintlichen Glanz der eigenen emotionalen Überlegenheit zu suhlen.

Nach diesem Tweet kann man in jedem Fall feststellen, dass die Mitarbeiter der AAS-Stiftung im Portfolio ihrer Fähigkeiten „Hass“ und „hassen“ haben, aber offensichtlich nicht Logik, Verstand und Fähigkeit zum kritischen Denken. Zudem kann man einmal mehr feststellen, dass diejenigen, die ständig „Hass“ im Munde führen, die ständig „Hass“ denken, diejenigen sind, die ständig hassen, die den Hass benötigen, um sich ihrer gewiss zu werden.

Das ist nur konsequent. Sie benötigen Feinde, Gegner, Menschen, die sie zu Bösen stilisieren können, die sie herabwürdigen können, um sich über sie zu stellen und sich zu Guten zu erklären, um sich eine Surrogat-Persönlichkeit zu geben. Sie müssen hassen, denn ohne Hass sind sie niemand, kein Guter, kein Kämpfer für das Gute, einfach nur nichts. Ein leerer Zellhaufen ohne Sinne und Zweck, ein unfertiges Projekt Mensch, gescheiter am Versuch, sich eine autonome Persönlichkeit zu geben.

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Macht Luftverschmutzung kriminell?

Crime is in the air“.

Malvina Bondy, Sefi Roth und Lutz Sager von der London School of Economics sind auf eine nicht ganz neue, natürlich politisch korrekte Idee gekommen. Im Bemühen, innerhalb des politischen Mainstreams zu bleiben und keine Forschung zu betreiben, die politisch kontrovers werden könnte, haben sie untersucht, wie sich die Luftverschmutzung auf Kriminalität auswirkt. Daten aus 624 Londoner Polizeirevieren haben sie mit Daten von 96 über London verteilten Messstationen kombiniert. 455.520 erfasste Straftaten auf Revierebene werden von den drei Autoren mit Messwerten der Luftqualität aus den drei Messstationen kombiniert, die dem Zentrum des Reviers am nächsten liegen (Aus den drei Werten wurde ein Durchschnitt berechnet).

Und dann wird analysiert und siehe da: Kriminalität variiert mit Luftverschmutzung. Wo die Luftverschmutzung intensiver ist, ist auch die Kriminalität höher. Das ist gewöhnlich die Stelle, an der wir darauf hinweisen, dass man als Wissenschaftler dann, wenn man eine Korrelation gemessen hat, eine Theorie benötigt, um eine Kausalität zu begründen.

Und siehe da. Die drei aus London haben eine Theorie. Die Rational-Choice Theorie.

Hohe Luftverschmutzung, so hypothetisieren sie, führe zu gesundheitlichen Problemen, verkürzten Lebenserwartungen und relativiere auf diese Weise die individuelle Nutzenfunktion: Wer wegen Luftverschmutzung früher stirbt, der ist für Abschreckung durch Strafe nicht so empfindlich wie derjenige, dem wegen geringer Luftverschmutzung ein längeres Leben winkt – sofern ihn nicht ein Herzinfarkt beim Lesen unsinniger Studien dahinrafft. Wer wegen Luftverschmutzung früher stirbt, sofern er früher stirbt als jemand, der saubere Luft genießt, für den habe der kurzfristig durch Kriminalität erzielbare Gewinn einen höheren Nutzen, was Kriminalität wahrscheinlicher macht.

Die Argumentation ist eine individuelle, eine, die sich noch dazu durch eine Engstirnigkeit auszeichnet, die Kevin McConway, Professor für angewandte Statistik, in einer ersten Stellungnahme sehr vornehm in die Worte packt, dass die Autoren nicht sicher sein könnten, dass sie alle relevanten Variablen in ihrem Modell erfasst haben.

Das ist ein typisches britisches Understatement, denn natürlich gibt es viele Variablen, die einen Effekt auf Kriminalität ausüben, die Einzelne in bestimmten Situationen Straftaten begehen sehen, während andere in identischen Situationen nie auf die Idee kämen, sich kriminell zu verhalten. Bei atmosphärischen Variablen wie der Luftverschmutzung, die alle in einem Gebiet in gleicher Weise beeinträchtigen, ist dieses Problem noch verschärft: Warum verhalten sich nicht alle kriminell, wenn die Luftverschmutzung einen Effekt auf Kriminalität haben soll?

Warum nur manche?

Not even Dickens thought about pollution as cause of crime, Dickens, the author of the Pickwick Papers!

Derartige Fragen stellen sich die drei Londoner Autoren nicht. Sie sind so von ihren Ergebnissen eingenommen, dass sie nicht einmal bemerken, dass die Rational-Choice Theorie eine individualistische Theorie ist, die Annahmen über die Bedingungen individuellen Verhaltens macht, Annahmen darüber, wann welche individuellen Präferenzen zu welchen Handlungen führen. Ergo müsste man erklären, wann, wie und unter welchen Umständen ein Mensch in Gebiet X bemerkt, dass er höherer Luftverschmutzung ausgesetzt ist als ein Mensch in Gebiet Y, wie er diese Wahrnehmung mit seiner Disposition Straftaten, zu begehen, verbindet bzw. wie diese Wahrnehmung seine entsprechende Disposition beeinflusst und – vor allem – wie diese Disposition sich dann in Straftaten transformiert, wo die Gelegenheiten, Motive und Kenntnisse herkommen, die eine Straftat erst ermöglichen, denn wir wollen ja nicht annehmen, dass Luftverschmutzung nicht nur einen Kurzschluss in Gehirnen von manchen Menschen auslöst, der sie – motivlos – kriminell werden lässt, weil nämlich die selbe Luftverschmutzung Gelegenheiten zur Kriminalität gleich mitliefert, die Bank für den Überfall, den Passanten für den Raub, den Bekannten für die Prügelei und natürlich auch gleich die Kenntnisse, die notwendig sind, um Raub, Diebstahl oder Betrug zu begehen.

Aber genau das tun die drei aus London. Sie nehmen an, dass Luftverschmutzung auf all die genannten Variablen, Täter, Motiv, Gelegenheit und Fähigkeiten in gleicher Weise wirkt. Und mehr noch, sie rechnen mit Aggregatdaten. Sie haben nicht einmal Daten über individuelles Verhalten. Sie haben Kriminalitätsraten für ein Gebiet und Daten zur Luftverschmutzung für ein größeres Gebiet und auf dieser Grundlage wird nun wild spekuliert oder interpretiert:

“This paper investigates the potential link between ambient air pollution and crime.
Using two separate identification strategies, we find that daily variation in air pollution is positively linked to higher crime rates in London. We also find that pollution affects most crime types but appears to have larger effects on crimes which are less severe. Based on the rational choice model and our empirical results, we conclude that the underlying channel for our findings is likely to be higher discounting of future punishment on high pollution days. … Our results suggest that improving air quality in urban areas by tighter environmental policy may provide a cost effective way to reduce crime. … Finally, given the link between air pollution and crime, our results therefore suggest that examining the effects of air pollution on health impacts alone, may lead to a substantial underestimation of its societal costs.”

Was hier behauptet wird, ist ein direkter Effekt von Luftverschmutzung auf Kriminalität, der daraus geschlossen wird, dass Daten auf Ebene von regionalen Einheiten mit theoretischen Erwägungen über individuelle Präferenzen zusammen geworfen werden. Das ist methodischer Unsinn, der aus der Korrelation zwischen Luftverschmutzung und Kriminalität nichts anderes macht als eben diese Korrelation, von der nach wie vor zu zeigen wäre, dass sie sinnvoll ist. Natürlich wird man gesellschaftliche Kosten durch derart haltlose und blödsinnige Spekulationen nicht reduzieren, wie die Autoren meinen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit erhöhen.

Es ist leicht, diesen Junk zum Einsturz zu bringen. Luftverschmutzung in Städten, zumal in Städten wie London, hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Verkehr und Heizung. Je mehr Verkehr in einem Gebiet vorhanden ist und je mehr geheizt wird, desto höher die Luftverschmutzung und desto mehr Menschen halten sich in einem Gebiet auf. Je mehr Menschen sich aber in einem Gebiet aufhalten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit kriminellen Verhaltens, denn wo viele Menschen sind, sind auch viele Diebe, Räuber, Schläger… und viele Gelegenheiten. Höhere Luftverschmutzung und höhere Kriminalität in einem Gebiet und im Vergleich zu einem anderen, haben somit dieselbe Erklärung: Mehr Menschen. Weg ist er, der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Luftverschmutzung.

Aber wir haben keinen Zweifel, dass die Londoner Studie, die den Zeitgeistnerv in den meisten Redaktionen der sogenannten deutschen Qualitätsmedien treffen wird, dort eifrig aufgenommen wird.

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Krieg der Soziologen

Krieg, lassen Sie sich nicht erzählen, es gebe einen Krieg, der stattfinde, um Menschenrechte durchzusetzen, Krieg dient einzig dazu, Zugänge zu Ressourcen zu gewinnen oder zu verteidigen. Wer einen Krieg beginnt, will in der Regel die Ressourcen dessen, den er mit Krieg überzieht, einver- und übernehmen.

Bei Soziologen ist dies nicht anders.

Vor einiger Zeit haben wir von der Spaltung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) berichtet. Die DGS ist letztlich ein Zusammenschluss in öffentlichen Einrichtungen praktizierender Soziologen, der einerseits dem Austausch von Erkenntnissen dient, andererseits und in letzter Zeit vornehmlich, ein Vehikel darstellt, um an staatliche Mittelzuweisungen zu gelangen und Wissenschaftspolitik z.B. über die Gremien der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Sinne der DGS und somit im Sinne von weiteren Mittelzuweisungen zu beeinflussen.

Nun hat sich die Soziologie über die letzten Jahrzehnte und vor allem dadurch, dass Ideologen aller Art in das Fach geströmt sind, um dort ihren Sozialismus und ihren Genderismus zu predigen, von einer Vorwissenschaft, die in Kuhns Terminologie an der Schwelle zu einer Normalwissenschaft stand, zu einer Pseudo-Wissenschaft entwickelt, in der jeder seinen privaten Senf als Lehrmeinung vertreten und seine privaten Kreuzzüge unter dem Signum der Soziologie führen darf. Die Soziologie und ihre Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) sind zu einer Spruchbeutelversammlung der Heilsbringer verkommen, deren Fachtagungen zu Veranstaltungen, die oft genug nurmehr der Verkündung heiliger, genderistischer und sonstwie sozialistischer Worte gewidmet waren.

Gegen diesen Missbrauch des Mantels von Wissenschaft, um Ideologien zu verbreiten, haben wir vor nunmehr bereits sechs Jahren unser Grundsatzprogramm gestellt und mit ScienceFiles ein Forum geschaffen, das der Welt zeigen soll, dass Soziologie und andere Sozialwissenschaften Fächer sind, die einer Methodologie und einem Erkenntnisinteresse, die Nachprüfbarkeit, Falsifizierbarkeit und intersubjektiver Reproduzierbarkeit verpflichtet sind.

Dieses Programm steht im krassen Gegensatz zum „alles-ist-möglich-Gelaber“, aus Genderistischen Weltbetrachtungen, sozialistischen was-mir-nicht-passt-Publikationen und wie-mir-die-Welt-vorkommt Spinnereien, die die heutige Soziologie auszeichnen und zu einer willkürlichen Ansammlung von wirren Ideen machen.

Nun hat sich ein Häuflein, vielleicht auch ein Haufen von Soziologen, die dem Ausverkauf ihrer Wissenschaft nicht mehr länger zusehen wollen und wie wir der Ansicht sind, wissenschaftliche Texte müssen bestimmten Anforderungen, wissenschaftliche Konzepte bestimmten Kriterien entsprechen und wissenschaftliche Dozenten bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse aufweisen, um sich als Soziologie bzw. Soziologe zu qualifizieren, unter der Bezeichnung „Akademie für Soziologie“ zunächst zusammengeschlossen, dann von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie abgespalten und tritt nunmehr in direkte Konkurrenz mit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

Das bedeutet Krieg, denn nun geht es um Ressourcen und bei aller Lethargie, die die DGS seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten auszeichnet, wenn es um die Ressourcen, das Geld, den Zaster geht, dann werden sie wach, die institutionalisierten und im geistigen Gefängnis der DGS wohnenden Soziologen. Wenn ihnen jemand an die Pfründe will, sagt, er leiste das, was die DGS nicht leiste, brauchbare, nachvollziehbare Forschung, aus Theorien abgeleitet, in Hypothesen gegossen und mit empirischer Falsifizierung oder Bewährung versehen, dann ist Schluss mit lustig, dann nimmt selbst der herkömmliche DGS-Soziologe den Griffel in die Hand und verfasst eine zunächst irritierte und dann erzürnte Schrift wider die Spalter.

Wir zitieren:

„Die Gründung der „Akademie für Soziologie“ im Juli 2017 hat für viele Mitglieder der DGS fachliche und professionspolitische Fragen aufgeworfen, u.a. nach dem Verhältnis zwischen DGS und „Akademie““

[…]

Unsere Übersetzung: Der Vorstand der DGS sieht sich genötigt zur Kenntnis zu nehmen, dass es selbst in der DGS sozialen Wandel gibt.

„Die DGS will mit der neuen Einrichtung, analog zum Umgang mit vielen anderen Vereinigungen, das konstruktive Gespräch suchen und pflegen. Kontroversen gehören dazu. Zugleich weist die DGS den allgemeinen Vertretungsanspruch für die Disziplin, den die „Akademie“ durch die – falsche – Verallgemeinerung eines letztlich spezifischen epistemologischen und methodologischen Programms formuliert, zurück. Allein die DGS ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft für die Soziologie in ihrer gesamten Pluralität und Breite. Innerhalb der DGS sind alle wissenschaftlichen Paradigmen und methodologische[n] Perspektiven des Faches vertreten; einschließlich derjenigen Positionen, die die „Akademie“ für sich reklamiert. Die jeweilige Sichtbarkeit und Wirkmächtigkeit von Positionen hängt von innerverbandlichen Dynamiken ab. Der Vorstand der DGS befürwortet ausdrücklich die breite und plurale Diskussion und den Austausch zwischen unterschiedlichen Positionen in ihren Gremien und Sektionen.“

Unsere Übersetzung: Du sollst keine andere Standesvertretung neben der DGS haben. Wir lieben Pluralismus, hassen den Wettbewerb und haben kein Problem mit Widersprüchen.

[…]

„Der Name „Akademie für Soziologie“ sowie die bisherigen Stellungnahmen legen im Gegensatz dazu einen allumfassenden Vertretungsanspruch für das Fach nahe. Damit nimmt die „Akademie für Soziologie“ ein Spannungsverhältnis zur DGS in Kauf. Der DGS-Vorstand sieht in der Gleichzeitigkeit von allgemeinem Anspruch und spezifischem Programm einen eklatanten Widerspruch. Mit ihrem epistemologischen Bekenntnis zu einem spezifischen Verständnis der empirisch-analytischen Soziologie geht seitens der „Akademie“ eine Engführung des Faches und der Sozialwissenschaften einher, die dem pluralen wissenschaftlichen Verständnis der DGS nicht entspricht. Zugleich wird die Wissenschaftlichkeit und Professionalität anderer soziologischer Richtungen in Frage gestellt.

[…]

Unsere Übersetzung: Soziologie muss nicht nachvollziehbar sein. Auch Sätze, die vollkommen wirr und keiner empirischen Prüfung zugänglich sind, Sätze, die in soziologischer Trance nach zwei Flaschen Rotwein (Fusel) zu Schriftsprache geronnen sind, sind dann Soziologie, wenn sie vom soziologischen Katheder aus verkündet werden.

„Sowohl die Bezeichnung als auch der Vertretungsanspruch der „Akademie“ lässt für ihre Koexistenz mit der DGS Konfliktpotentiale erwarten. Deutlich wird dies u.a. an der Absicht der „Akademie“, bei der DFG-Fachkollegienwahl in Konkurrenz zur DGS zu treten. Dieses Vorhaben ist fachlich nicht zu rechtfertigen. Es ist die DGS, die die multiparadigmatische Ausrichtung des Faches programmatisch beherbergt, bislang auch einschließlich der Ansätze einer empirisch-analytischen Soziologie.“

Unsere Übersetzung: Wir hassen die Marktwirtschaft und den Wettbewerb. Man sollte alle Versuche, der DGS Beine unterm Hintern zu machen, verbieten, sie sind mit dem Alleinvertretungsanspruch der DGS nicht zu vereinbaren und deshalb müssen sie von dunklen Kräften lanciert worden sein, um die DGS zu bewegen, ihr die Ressourcen abzugraben, sie zu zerstören…

Heureka.
So langsam kommt Leben in die Bude.
Wir hätten es gar nicht zu hoffen gewagt und werden natürlich als Kriegsberichterstatter aus dem ersten Graben berichten.

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Wie die Regierungen ihre Bevölkerung zensieren/schützen: YOUTUBE Löschdaten

Die Regierungen in Europa nehmen ihre Aufgabe, die eigene Bevölkerung vor Inhalten zu schützen, die sie nichts angehen oder die aus anderen Gründen zensiert werden, sehr ernst. Dies zeigt die neueste Statistik (euphorisch als “transparency report” bezeichnet) von YOUTUBE, die die Forderungen nach Löschung, die Regierungen an YOUTUBE gestellt haben, zusammenstellt. Schon das erste Datum zeigt, wie sehr Regierungen um unser aller Wohl besorgt sind. Die Anzahl der von Regierungen gestellten Forderungen, dass Inhalte auf YOUTUBE gelöscht werden sollen, die im zweiten Halbjahr 2009 noch 1.031 betragen hat, ist im ersten Halbjahr 2017 auf 19.176 angeschwollen. Waren es im zweiten Halbjahr 2009 noch 41.772 Clips oder Videos, die gelöscht werden sollten, waren es im ersten Halbjahr 2017 schon 76.714. Die häufigsten Gründe, die für die Löschung angegeben werden, gehören in die Bereiche von „Privatheit und Sicherheit“ bzw. „Nationaler Sicherheit“. In ca. 80% der Fälle kommt YOUTUBE den Forderungen der Regierungen auch nach.

Um welche Forderungen es sich dabei u.a. handelt, zeigen die folgenden Beispiele aus Deutschland, die ebenso zeigen, wie private Motive über Regierungen transportiert werden, wie sie zeigen, dass das Jugendrecht in Deutschland eine optimale Grundlage der Zensur bietet.

Request
The German government requested that we restrict a YouTube video for violating local youth protection laws. The video’s soundtrack is a rap song that contains violent imagery and implicitly glorifies Al Qaeda and the Charlie Hebdo attack.
Outcome
We restricted access to 3 videos on YouTube in Germany.

Request
We received a request from the Minister of Justice of the Federal State Rheinland Pfalz to remove an image from Image Search on google.de depicting him as a supporter of Islamic Sharia law in Germany.
Outcome
We did not remove content.

Request
We received a request to remove 70 YouTube videos for allegedly violating the German Children and Young Persons Act.
Outcome
We restricted some of the videos from view in Germany in accordance with local laws.

Betrachtet man die Gründe, aus denen die deutsche Regierung (oder Gerichte) die Löschung von Posts auf YOUTUBE verlangen, dann stehen an erster Stelle “Privatheit und Sicherheit” (39%), gefolgt von diffamierenden Inhalten (28%). Hate Speech, um die so viel Aufhebens unter Heiko Maas gemacht wurde, schlägt mit genau 4% der Forderungen auf Löschung zu Buche, in einem Fall wurde von der deutschen Regierung verlangt einen Beitrag zu löschen, in dem die deutsche Regierung kritisiert wird.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland in der Spitzengruppe der Lösch- und Zensierwütigen. Gemessen an der Anzahl der Forderungen auf Löschung, die YOUTUBE seit 2009 erhalten hat, rangiert Deutschland an sechster Stelle. Gemessen an der Anzahl der Clips oder Videos, auf die sich die Löschforderung bezogen hat, liegt Deutschland an siebter Stelle. Die Abbildungen zeigen, dass Russland und das Vereinigte Königreich, in denen zu 81% bzw. 71% Löschungen wegen „Nationaler Sicherheit“ verlangt werden, Spitzenreiter mit Bezug auf die Anzahl der Löschforderungen (Russland) oder die Anzahl der zu löschenden Clips/Videos (Vereinigtes Königreich) sind. Sie werden gefolgt von der Türkei bzw. Spanien, an dritter Stelle haben sich die USA festgesetzt.

Insgesamt zeigen die Daten wie normal es mittlerweile geworden ist, dass Regierungen das, was ihre Bürger im Internet zu sehen bekommen, zensiert bzw. aus dem Netz entfernt sehen wollen.

Wie gut, dass Regierungen auf ihre Bürger aufpassen und dafür sorgen, dass sie nichts zu Gesicht bekommen, das ihre Kenntnisse in einer ungewünschten und (für Regierungen?) schädlichen Weise erweitern könnte. Wie gut, dass Regierungen bereit sind, für ihre Bürger zu entscheiden, was gut für sie ist. Und wie gut, dass es das deutsche Jugendrecht gibt, das es erlaubt, den Jugendschutz zum Vorwand zu nehmen, um allen, Jugendlichen wie Erwachsenen, den Zugang zu dem, was die Regierung für unangemessen hält, vorzuenthalten.

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