Von der Wissenschaft zur Staatsforschung: Universitäten als ideologische Haftanstalten

Pressmeldungen wie die folgende, sind leider zur Normalität geworden.

An der Universität (!sic) Hohenheim findet am 12. und 13. März ein Symposium „Glücksspiel“ statt. Im Vorfeld dieses Symposiums hat sich Dr. Tilman Becker, „Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim“ schon einmal verbal als guter Vasall seines Staates zu erkennen gegeben und sich bei seinem örtlichen Finanzamt und beim noch zu benennenden Finanzminister, sofern es in der 19. Legislaturperiode einen Finanzminister geben wird, angedient.

Deutschland, so befindet Herr Becker, sei „DAS Paradies für illegale Glücksspielanbieter … Schuld daran sei das Versagen der Länder bei der Glücksspielregulierung … Dem Staat sind 2015 Einnahmen von 490 Millionen Euro entgangen“.

Man stelle sich das einmal vor. Da gibt es Menschen in Deutschland, die gehen Online um dort an Glücksspielen teilzunehmen. Nicht genug damit, dass sie das in sie gesetzte Vertrauen, das mit der Gewährung eines Online-Zugangs, wenn auch eines sehr langsamen im europäischen Vergleich, in sie gesetzt wurde, missbrauchen, um Glück zu spielen, sie tun es auch noch bei illegalen Anbietern, also bei solchen, die nicht durch ein Bundesland lizensiert sind, die in Deutschland keine Ertrags-, Umsatz- und Vergnügungssteuer abführen, die die 20%, die z.B. auf den Einsatz beim Lotto als Steuer erhoben werden, nicht an den Fiskus abführen. Schlimmer noch: Der Staat hat keinerlei Zugriff auf die Gewinne, kann entsprechend keine Einkommenssteuer einfordern.

Das ist, was die, die sich derzeit den Hintern auf einer institutionellen Position in den Wissenschaften wärmen, für bedenklich halten: Menschen tun etwas, worüber ihr Staat keine Kontrolle hat. Sie tun etwas, das niemanden schädigt, das ihnen offensichtlich Spaß macht, aber woran ihr Staat nichts verdient. Und das findet Herr Becker bedenklich.

Alle Worte, die uns einfallen, um unsere Verachtung für eine derartige Andienforschung auszudrücken, sind nicht dazu geeignet, hier veröffentlicht zu werden. Deshalb belassen wir es bei einem Blick auf das, was die institutionellen Mundstücke des Staates, die von sich denken, sie seien Wissenschaftler, zerstört haben.

In den 1970er Jahren gab es Forscher wie Johannes Fesst und Erhard Blankenburg, die sich in Polizeiautos gesetzt haben, um herauszufinden, ob die Polizei als staatliche Institution Strafverfolgung differenziert durchführt. Stimmt es, dass man die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt?

In den 1970er und 1980er Jahren haben eine Reihe von Kriminologen um Fritz Sack eine vollkommen verquere und falsche aber zumindest engagierte Version des Labeling Approach nach Deutschland gebracht und untersucht, ob Strafgesetze als Herrschaftsinstrumente einer sozialen Klasse eingesetzt werden, um ihre eigene Position in der sozialen Hierarchie zu sichern.

In den 1990er Jahren hat die Kommission des Sechsten Familienberichts einen Bericht erstellt, der im Bundesministeriums für Familie und all die anderen Missfallen erregt hat, da er sich kritisch mit den dortigen Politiken auseinandergesetzt hat.

Von den 1970er bis in die 2000er Jahre haben sich Wissenschaftler wie Hans Herbert von Arnim gegen die politische Korruption gewendet, die in Parteienklüngeln, den politischen Stiftungen der Parteien, die keine Stiftungen, sondern eingetragene Vereine sind und im Speckgürtel um Parteien und Ministerien, mit all ihren vielen Mäulern, die gestopft werden wollen, endemisch ist, und die Fehlentwicklungen in zahlreichen Publikationen kritisiert.

Beginnend mit den 1990er Jahren haben sich in Deutschland sogar Verwaltungswissenschaftler gefunden, die den Ansatz des New Public Managements, der nicht nur mehr Rechenschaft und Transparenz von Verwaltungen verlangt, sondern Wettbewerb einführen wollte, so dass selbst ein pomadiger Beamter noch auf Trap gebracht werden konnte, nach Deutschland übertragen wollten, um u.a. den Wildwuchs nutzloser Verwaltungsstellen einzudämmen.

Wissenschaftler wie Hartmut Esser oder Heike Diefenbach haben sich mit Regierenden angelegt und wieder und wieder darauf hingewiesen, dass die Politik im Bezug auf Migranten, die Bildung, die Bevorzugung von Frauen und vieles mehr, verfehlt ist. Andere wie Karl-Dieter Opp haben einen sehr mächtigen Erklärungsansatz mit Rational-Choice entwickelt, dem es zu verdanken ist, dass Soziologie und Politikwissenschaft an die Tür einer Normalwissenschaft geklopft haben, bevor sie von Gender Studies und Sozialismen aller Art in den Naturzustand einer nicht einmal Vorwissenschaft zurückgeworfen wurden.

Und was haben wir heute?
Heute haben wir politische Angestellte an Universitäten, die über staatliche Förderprogramme an Universitäten gehievt wurden, damit sie dort jederzeit instrumentalisiert werden können, um für Ministerien nützliche angebliche Forschung zu betreiben, also Papier zu füllen, auf das Ministerien dann verweisen können, um ihre Politiken zu legitimieren.

Wir haben Ministerien, die Wissenschaftler auffordern, sich an Projekten des Ministeriums zu beteiligen, nicht ohne diese Aufforderung mit den gewünschten Inhalten des angeblichen Projekts zu verbinden. Wir haben Legitimationsforscher, die sich beeilen, die Ergebnisse zu produzieren, die ihre politischen Herren von ihnen verlangen, so wie es z.B. die Abhängigen im Institut für Demokratieforschung in Göttingen getan haben, nur um dann einen Tritt in den Hintern zu bekommen, wenn der politische Auftraggeber mit seiner beabsichtigten Manipulation der Öffentlichkeit auf Grundlage der angeblichen Studie aus Göttingen nicht durchkommt.

Wir haben angebliche Wissenschaftler, die Konzepte wie Nudging erfinden, um dem Staat eine Handhabe zur Manipulation seiner Bevölkerung zu geben und darauf auch noch stolz sind.

Und wir haben Finanzbeamte wie Herrn Becker, die es nicht in die Oberfinanzdirektion geschafft haben und ihre Enttäuschung nun dadurch zu verarbeiten suchen, dass sie sich als Hilfsbeamten beim Finanzministerium andienen und allzeit bereit sind, die Seite des Staates gegen seine Bürger zu vertreten.

Und das ist, was am beklagenswertesten ist.

Die Wissenschaft als emanzipatorische Kraft ist in Deutschland nicht mehr vorhanden. Sie ist umfunktioniert worden zur dritten Kolonnen derjenigen, die gerade am Ruder sind und für die Dienste, die die Wissenschaftssklaven freiwillig erbringen, gerade bezahlen. Die Kritik, die Wissenschaft ausmacht, ist durch Anbiederung ersetzt. Die offene Forschung ist zur Legitimationsforschung verkommen. Die Suche nach Erkenntnis zur Fabrikation von Bestätigung für staatliche Vorgaben. Universitäten sind nicht mehr Stätten, an denen Ideen ausgetauscht werden, an denen die Freude am verfolgen neuartiger Gedanken herrscht, Universitäten sind zu ideologischen Haftanstalten geworden, an denen Gedanken den Ketten der politischen Korrektheit anheim gestellt sind. Die Insassen der Haftanstalten verdingen sich als Legitimationsbeschaffer, als Finanzbeamte, als Krämer für die Sache des Staates, sie schleimen und dienen sich bei der politischen Klasse an und verraten diejenigen, die sie finanzieren und denen sie eigentlich im Kampf um individuelle Freiheit und gegen den Staat beistehen müssten, wüssten sie noch, was die Idee der Wissenschaft ausmacht.

Aber das haben die meisten vergessen. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich anzubiedern, anzudienen, immer in der Hoffnung, ihre Talente zum Schleimen würden eines Tages erkannt und mit einer Stelle in einem Ministerium belohnt.

Universitäten waren einst Orte, an denen große Ideen entwickelt wurden, Träume verwirklicht wurden. Heute sind sie Orte, an denen die Familie mit dem Beruf vereinbart wird, die Lehre nur stattfinden kann, wenn der Universitätskindergarten seinen Lärmpegel auf unter 90 Dezibel senkt und Orte, an denen die Träume der Beschäftigten bei der Verbeamtung enden.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Dann unterstützen Sie ScienceFiles!

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Petitio Principii – Eine Form der ideologischen Denkbehinderung

Schon Arthur Schopenhauer hat sich über die Petitio Principii, also eher über die Dummheit dahinter, geärgert: Kunstgriff 6 seines kleinen Bevier über die Kunst, Recht zu behalten, lautet:

„Man macht eine versteckte petitio principii, indem man das, was man zu beweisen hätte, posutliert, entweder 1. unter einem anderen Namen, z.B. statt Ehre guter Name, statt Jungfrauschaft Tugend usw., auch Wechselbegriffe: – rotblütige Tiere, statt Wirbeltiere, 2. oder was im Einzelnen streitig ist, im Allgemeinen sich geben lässt, z.B. die Unsicherheit der Medizin behauptet, die Unsicherheit alles menschlichen Lebens postuliert: 3. Wenn vice versa zwei aufeinander folgen, das eine zu beweisen ist; man postuliert das andere: 4. Wenn das Allgemeine zu beweisen und man jedes einzelne sich zugeben lässt (Das umgekehrte von Nr. 2).“ (Schopenhauer 1995: 46).

Die petitio prinicpii ist in Deutschland allgegenwärtig. Martin Ganslmeier, der bei der ARD auf der Gehaltsliste steht, ist einer der ungekrönten Könige der petitio principii, der seine Überzeugung regelmäßig und wenig verwunderlich bestätigt sieht. Ganslmeier denkt, dass Waffenbesitz zu Amoklauf führt. Gibt es einen Amoklauf mit Waffen, dann ist das für ihn Beleg, dass Waffenbesitz zu Amoklauf führt. Ob er sich oder seine Leser oder beide mit diesem fehlerhaften Argument, das voraussetzt, was zu zeigen wäre, täuscht, ist unerheblich. Es reicht festzustellen, dass Ganslmeier irrt, voller Überzeugung und im Bewusstsein, ein guter Mensch zu sein, irrt, aber nichts desto trotz irrt.

Die petitio principii, findet sich in so vielen Zusammenhängen, dass es kaum möglich ist, sie alle zu besprechen. Die Genderista ist – wen wundert es – beherrscht von diesem Fehlschluss, der immer dann, wenn Genderista Kritik wittert, den Anti-Feminismus-Reflex auslöst und dazu führt, dass sie den Kritikern all das unterstellen, was eigentlich zu beweisen wäre: Sie seien rechts, sie seien frauenfeindlich, sie seien liberal oder neo-liberal, sie seien maskulist oder so, der Dummheit gedanklicher Assoziation sind keine Grenzen gesetzt.

Man findet ganze Schulen in dem, was die institutionelle Wissenschaften sind, die auf den Sand der petitio principii gebaut sind, Schulen elaborierter sprachlicher Leere. Moliere bringt dies in „La Malade Imaginaire“ hervorragend auf den Punkt:

„[Der zu prüfende] Bakkalaureus: Ich bin von dem gelehrten Doktor gefragt worden nach der Ursache und dem Grund, warum Opium schlafen macht. Darauf antworte ich: Weil in ihm eine einschläfernde Kraft (virtus dormitiva) ist, deren Natur es ist, die Sinne einzuschläfern. Chorus [der examinierenden Doktoren]: Sehr gut, sehr gut so zu antworten. Würdig, würdig ist er, einzutreten in unseren gelehrten Lehrkörper.”

Moliere im universitären Leben der Whiteness-Studies, dem neuesten Neuronenvernichter aus dem Hause Irrsinn, liest sich dann etwas so:

Warum ist der weiße Mann noch einmal böse? Weil er weiß ist und deshalb privilegiert und weil er privilegiert ist, kann er nie Opfer von Rassismus sein und weil er nie Opfer von Rassismus sein kann, muss er selbst ein Rassist sein und weil er selbst ein Rassist ist, ist er böse, der weiße Mann.

Weil der, der die Petitio Principii benutzt, anderen etwas unterschieben will, lebt ein solcher Petitent zuweilen gefährlich, dann nämlich, wenn er auf Menschen trifft, die sich nicht fremder Leute Prämissen unterschieben lassen und er das auch nach wiederholter Warnung nicht verstehen will.

Das Problem mit einer Petitio Principii besteht natürlich darin, dass sie eine argumentative Leerformel darstellt. Sie trägt keinerlei Gehalt und hat bei manchen die gefährliche Nebenwirkung, die Vorurteile zu bestätigen, die sie haben. Das ist dann ein Problem, wenn die entsprechenden Vorurteile im wissenschaftlichen Kontext ausgelebt werden, etwa in der Weise, wie dies manche, die sich für Antirassimus-Forscher halten, tun. Nicht von ungefähr hat Karl Raimund Popper argumentiert, dass es in der Wissenschaft darum geht, Hypothesen zu falsifizieren, nicht darum, sie zu verifizieren.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Dann unterstützen Sie ScienceFiles!

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Amadeu hilf RIAS: Wenn Blinde Tauben das Sehen erklären wollen

Zwei Tweets, drei Fehlschlüsse.

Man braucht schon ein dickes Fell, wenn man sich ab und an genötigt sieht, den Unsinn zur Kenntnis zu nehmen, den von Steuerzahlern finanzierte Gutmenschen in ihrem Wahn und Glauben, nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Moral mit Löffeln gefressen zu haben, von sich geben.

Heute hat uns ein Leser zwei Tweets zugemutet. Einer von der Amadeu-Antonio-Stiftung, einer von RIAS, nicht Rundfunk im Amerikanischen Sektor, sondern Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. RIAS ist ein Kooperationspartner der Amadeu-Antonio-Stiftung und wird u.a. vom Berliner Senat und von der Landeshauptstadt München, also von den jeweiligen Steuerzahlern, die beider Säckel füllen, finanziert. Diese Art der Finanzierung ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Eine politische Institution zeigt durch die Finanzierung einer als moralisch gut angesehenen Institution, dass sie auch moralisch gut ist, auf der richtigen Seite steht und die Institution, die sich als moralisch gut inszeniert, wird durch die öffentliche Finanzierung in ihrem Glauben, moralisch gut zu sein, bestärkt. Wäre da nicht die Kleinigkeit, dass die Finanzierung, die hier gegen Gutfühlen getauscht wird, von der arbeitenden Bevölkerung erwirtschaftet werden muss, man könnte von einem Ringtausch in Gutheit sprechen.

Wie dem auch sei, die Guten von RIAS, sie haben einen Bösen gefunden, an dem man die eigene Gutheit exerzieren kann: Thomas de Jesus Fernandes, Landtagsabgeordneter der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und schon deshalb ein Böser. Der böse Thomas ist nicht nur und aus Sicht derer, die vor moralischer Gutheit nicht mehr laufen können, ein Böser, er hat verwerflicher Weise auch etwas gesagt. Er hat gesagt, dass ihn ein geplantes Gesetz, das verhindern soll, dass AfD-Politiker in den Stiftungsrat des ehemaligen KZs Bergen-Belsen, das natürlich aus Steuergeldern finanziert werden, „einziehen können“, an die Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen erinnert, die zu einer anderen Zeit stattgefunden hat und in die Errichtung von Lagern wie Bergen-Belsen gemündet ist.

Ein legitimer Analogieschluss, den man, wenn man ihn für falsch hält, einfach und leicht mit Argumenten zerstören könnte, solchen, die zeigen, warum man die Ausgrenzung der Juden durch die Nazis nicht mit der Ausgrenzung der AfD durch den Block der anderen Parteien vergleichen kann.

Aber beim steuerfinanzierten RIAS hat man es nicht so mit Argumenten. Dort ist man so von der eigenen Gutheit überzeugt, dass man in aller unbegründeten moralischen Überheblichkeit, einen Fehlschluss begeht:

De Jesus Fernandes unterstellt und instrumentalisiert nicht, er fragt. Er ist auch nicht geschichtsvergessen, schon weil er an die Geschichte erinnert. Wäre er geschichtsvergessen, er könnte sich kaum auf Ereignisse beziehen, die vor Jahrzehnten stattgefunden haben. Würde er instrumentalisieren, dann setzte dies voraus, dass er durch Nutzung der Verbrechen des Nationalsozialismus einen Vorteil erreichen kann. Wie man mit historischem Massenmord einen Vorteil erzielen kann, ist vermutlich etwas, was nur die Gutmenschen von RIAS beantworten können, schon weil sie gut vom historischen Massenmord leben, sofern es ihnen gelingt, eine Satz mit einem Argument zu machen und nicht einen, der vor Bewertungen trieft.

De Jesus Fernandes macht einen simplen Analogieschluss. RIAS begeht einen satten Fehlschluss und schließt von dem, was tatsächlich geschrieben wurde, auf die Motivation dahinter. Den betreffenden Fehlschluss, der in Deutschland vor allem unter Gutmenschen sehr beliebt ist, nennt man eine Petitio Principii. In diesem Fall: Man unterstellt dem Gegenüber niedere Motive und nimmt die eigene Unterstellung als Beleg für deren Richtigkeit.

Und jetzt kommt die Amadeu-Antonio-Stiftung, die kraft Stasi-Vergangenheit wohl von einer ganz besonderen moralischen Überlegenheit beflügelt wird und schreibt Folgendes:

Fehlschluss 1: Individualistischer Fehlschluss: Vom Verhalten oder von den Einstellungen eines Einzelnen kann man nicht auf das Verhalten einer Gruppe schließen. Der entsprechende Fehlschluss ist einer, den die Nazis sehr gerne gemacht haben, immer dann, wenn sie von „dem Juden“ gesprochen haben und Juden entsprechend stereotypisiert haben. An derartigen Stereotypisierungen erkennt man Faschisten.

Fehlschluss 2: Von einem individuellen Verhalten kann man nicht auf die Richtigkeit einer davon völlig unabhängigen Entscheidung schließen. Damit, dass De Jesus Fernandes etwas schreibt, was RIAS und AAS-Stiftung nicht gut finden, kann nicht begründet werden, dass die AfD keinen Platz in Opferstiftungen hat. Ein derartiger Schluss ist so dumm, dass nicht einmal eingefleischte Fehlschlusssucher und –bekämpfer es bislang für nötig gefunden haben, einen Namen für ihn zu finden. Man könnte ihn den AAS-Fehlschluss nennen und als Beispiel angeben, dass die Tweets der AAS-Stiftung belegen, wie richtig ist es ist, Grundschülern in Berlin rudimentärste Formen der Sprachbeherrschung vorzuenthalten. Man kann natürlich aus den Tweets der AAS-Stiftung auch schließen, dass es richtig von Prinz Joachim von Preußen war, sich das Leben zu nehmen…

Aber natürlich sind uns RIAS und AAS-Stiftung moralisch überlegen, sie kämpfen eben mit allen Mitteln gegen das Böse, mit Fehlschlüssen, Anfeindungen, Stereotypisierungen, mit Vorurteilen, Ausgrenzung … you name it.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Dann unterstützen Sie ScienceFiles!

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

„Der neue deutsche Simplizismus“: Wie politische Korrektheit das kritische Denken zerstört

In seinem Roman „Berge des Wahnsinns“, hat HP Lovecraft eines der besten Bilder für die Degeneration einer Gesellschaft gefunden. Sein Bild beschreibt den Verlust an Fähigkeiten und Kompetenzen, so dass letztlich die groben Hüllen einst bedeutender Symbole bleiben, ohne das ihre Bedeutung bekannt wäre. Lovecraft wäre nicht Lovecraft gäbe er nicht auch eine Ursache für gesellschaftliche Degeneration. Bei ihm führen Trägheit, vielleicht auch Faulheit dazu, dass sich eine Gesellschaft im Niedergang fndet: Immer mehr Arbeit wird delegiert, immer weniger Individuen sind in der Lage, ihr Leben mit Sinn und Tätigkeit zu füllen, immer weniger haben eine Fähigkeit oder Kompetenz, die sie auszeichnet.

Der Verlust von Kompetenzen und Fähigkeiten ist auch eine Folge, die mit politischer Korrektheit einhergeht. Die gesellschaftliche Degeneration, hier als Degeneration der Denkfähigkeit, steht nach unserer Ansicht in einem direkten Zusammenhang mit der Ausbreitung von politischer Korrektheit und den damit verbundenen Denkverboten.

Dr. habil. Heike Diefenbach ist bei der Vorbereitung eines Kurses, der kritisches Denken zum Gegenstand hat, auf eine Reihe von Beispielen gestoßen, die zeigen, dass selbst in Büchern, die angeblich dem Ziel dienen, kritisches Denken zu befördern oder dazu zu befähigen, bereits eine Degeneration der Denkfähigkeit festzustellen ist. So wie die Individuen der Gesellschaft, die Lovecraft beschreibt, nicht mehr in der Lage waren, den Sinn von Symbolen und Konzepten zu verstehen, mit denen sie sich umgeben, so findet sich in Büchern zu angeblich „kritischem Denken“ ein erschreckendes Ausmaß von Inkompetenz und Sinnverlust.

Ein Beispiel:

Slippery Slope Argumente sind Argumente, die eine Wirkung entfalten können, können ist hier der modus operandi, die der berühmten Eisfläche entspricht. Ehe man sich versieht, ist man an eine Stelle gerutscht, an die man nicht wollte, argumentativ jedenfalls nicht. Das Bild der „slippery slope“ ist insofern ein sehr gutes Bild, weil es sich in zwei Richtungen interpretieren lässt. Jemand kann den argumentativen Abhang (slope) unbeabsichtigt hinunterrutschen, oder jemand kann figurativ einen Hang ins Rutschen bringen und darunter begraben werden, wie derjenigen, der ein Schleusentor öffnet.

Argumente, die ihre „Opfer“ wegtragen und ihre „Täter“ begraben können, sind grundsätzlich der Klasse der logischen Fehlschlüsse nicht zuordenbar. Entsprechend ist das Argument der Slippery Slope nicht generell ein Fehlschluss. Es kann zu einem werden, wenn man nicht aufpasst, wobei das Aufpassen insofern nicht einfach ist, als es die Frage umfasst, wann aus mehreren Sandkörnern ein Sandhaufen wird.

Ein Beispiel.

X wird mit 32 km/h in einer 30 km/h Zone geblitzt. Er argumentiert mit Wachtmeister W, dass er nur 2 km/h zu schnell gefahren sei, und deshalb auf seine Bestrafung verzichtet werden könne. Wachtmeister W drückt ein Auge zu. X geht ohne Strafe aus. Kurz danach wird Z mit 34 km/h geblitzt. Er argumentiert mit Wachtmeister W, dass er nur 2 km/h schneller gefahren sei als X, und X schließlich auch nichts bezahlen musste. Es ist leicht zu sehen, in welche Richtung ein „slippery slope“ Argument sich entwickelt. Ebenso leicht ist zu sehen, dass die Frage, ob es sich um ein solches handelt, keine Frage ist, die man generell beantworten kann, wäre dem so, man würde das Argument im Rahmen der formalen Logik und nicht im Rahmen der informalen Logik behandeln.

Douglas Walton, der 1989 ein Buch zu „Informal Logic“ geschrieben hat, das bis heute zu den besten Büchern gehört, beschreibt diesen Umstand wie folgt:

„A slippery slope argument gets started when you are to acknowledge that a difference between two things is not really significant. Once having acknowledged this first step, it may be difficult to deny that the same difference between the second thing and some other third thing is likewise not really significant. Once this sort of argument gets started, it can be too late to decisively stop it. You’re on the slippery slope” (Walton 2008 [1989]; 315).

Eben weil die Frage, ob ein Unterschied zwischen zwei Dingen (32 km/h und 30 km/h) vernachlässigt werden kann, eine Frage ist, die sich nur beantworten lässt, wenn man die Konsequenzen der jeweiligen Antworten bedenkt, kann ein slippery slope Argument nur daran erkannt werden, dass es im Bezug zum Ausgangspunkt, also zur 30 km/h Geschwindigkeitsbeschränkung zu inakzeptablen Ergebnissen führt, weil man in der oben beschriebenen Logik letztlich auch 130 km/h anstelle von 30 km/h als nicht zu bestrafendes Verhalten akzeptieren müsste.

Man kommt demnach nicht umhin, die Frage, ob ein slippery slope Argument vorliegt, im Einzelfall zu entscheiden.
Dennoch findet sich in dem von Albert Mößner (2016) zu verantwortenden Buch „Fehlschlüsse in Argumenten: Logische und rhetorische Irrwege erkennen und vermeiden“ ebenso wie in dem Buch „Kritisch denken – treffend argumentieren: Ein Übungsbuch“ von Paul Walter und Petra Wenzl eine Form der Degeneration kritischen Denkens, die man nicht anders bezeichnen kann als als politisch korrekte Denkverweigerung, deren Ziel darin besteht, bestimmte Formen der Argumentation, dann, wenn sie sich auf bestimmte Inhalte beziehen, für unzulässig zu erklären.

So schreibt Mößner: „Das Dammbruchargument [so nennt er das Slippery Slope Argument] wird oft von Gegnern gleichgeschlechtlicher Ehen verwendet. Wenn man Homosexuelle heiraten lassen würde, so wird argumentiert, welchen Grund gäbe es dann, nicht auch polygame Ehen zuzulassen? Und wenn schließlich jeder jeden heiraten könne, warum nicht auch Ehen mit Ziegen, Enten, Schildkröten oder Delphinen? Wer möchte schon, dass es Ehen zwischen Menschen und Tieren gibt“.

Ob man Mößner, für den es sich beim „Dammbruchargument“ unausweichlich und immer „um einen Trugschluss“ handelt, folgt oder nicht, ist ausschließlich eine Frage der politischen Korrektheit. Teil man seine Bewertung, dann folgt man ihm wahrscheinlich, wenn nicht, dann nicht. Das jedoch hat weder etwas mit kritischem Denken noch mit informaler Logik zu tun, denn beide sollen gerade zeigen, welche Schlüsse unabhängig von Bewertungen gültig sind bzw. nicht gültig sind.

Und aus diesem Grund kann man Mößner schon deshalb nicht folgen, weil er ein „Slippery Slope Argument“ macht, um „Slippery Slope Argumente“ generell zu verteufeln. Es hilft eben nichts, man muss im Einzelfall prüfen, ob die Heirat zwischen einem Delphin und einem Menschen logisch äquivalent zur Heirat zwischen Homosexuellen und als solche gleichweit von der Heirat zwischen Heterosexuellen entfernt ist. Glücklicherweise kann man diese Frage formal anhand unabhängiger Kriterien entscheiden, denn Delphine gelten nicht als Rechtssubjekte weshalb sie nicht rechtsfähig sind. Selbst wenn man sie als Rechtssubjekte zulassen würde, müsste man eine Form der Verständigung mit ihnen finden, die es erlaubt, sie als eigenverantwortliche Partei in einem Rechtsakt anzusehen. Diese Schwierigkeiten ergeben sich mit Blick auf polygame Ehen nicht. Entsprechend ist es kein Slippery Slope Argument, wenn man darauf hinweist, dass es schwierig wird, die Zulassung von homosexuellen Ehen zu befürworten und gleichzeitig die Zulassung von polygamen Ehen auf der Grundlage des Arguments eigenständiger Rechtssubjekte zu verweigern. Es liegt somit kein Slippery Slope Argument im Vergleich von heterosexuellen, homosexuellen und polygamen Ehen vor.

Wer argumentiert, wie Mößner, dem geht es somit nicht darum, informale Logik zu verbreiten, sondern darum, kritisches Denken im Keim zu ersticken und bestimmte Formen der Argumentation generell zu beseitigen.

Wie sehr Denkverbote und unkritisches Nachplappern mittlerweile unter der Überschrift „kritisches Denken“ verbreitet werden sollen, belegt auch das Buch von Walter und Wenzl. Darin gibt es eine Zusammenstellung von angeblichen Scheinargumenten, darunter angebliche Umdeutungen: „Wieso fragst Du, warum ich Dich geschlagen habe? Ich hab‘ Dich doch nur gestreichelt“. Oder „Killerphrasen“ wie: „Unsere Budgets sind zurzeit zu eng, um den Fußballplatz zu erneuern“.

Bei derartigem Unsinn fragt man sich nach dem Zweck, der hier verfolgt werden soll. Natürlich ist es aufgrund der Folgen, die das angebliche Streicheln auf der Haut hinterlassen hat, leicht, zu entscheiden, ob wir es hier mit Streicheln oder Schlagen zu tun haben. Und natürlich gibt es Budgets, die „zurzeit zu eng“ sind, um einen Fußballplatz zu erneuern. Weder ist der Verweis auf das Budget eine „Killerphrase“ noch ist die Behauptung, man habe gestreichelt und nicht geschlagen, eine Umdeutung, jedenfalls nicht, solange man die Realität als Entscheider über die Richtigkeit von Behauptungen benutzt und uns scheint, dass es gerade darum geht, Realitäten zu verleugnen, Realitäten, die dazu führen, dass man von Fall zu Fall entscheiden muss, ob man es mit einem Slippery Slope Argument zu tun hat oder nicht, Realitäten, die entscheidbar machen, ob ein Schlag ein Schlag oder ein Streicheln war, und Realitäten, die Budgets und Ressourcen allgemein als begrenzt ausweisen und deshalb mit Beschränkungen und Interessenkonflikten einhergehen.

Das neue kritische Denken, das Heike Diefenbach als „neuen deutschen Simplizismus“ bezeichnet, will bestimmte Formen der Argumentation ausmerzen und der politischen Korrektheit opfern. Im Hinblick auf den heiligen Kanon der politischen Korrektheit, der dem Kult der homosexuell-feministischen Queerness gewidmet ist, der nur noch durch die moralische Überlegenheit des Fremden ergänzt werden muss, um das Syndrom der modernen Degeneration, wie wir sie derzeit sehen, hervorzubringen, darf kein Argument zugelassen werden, das eventuell zeigen könnte, dass Homosexuelle, Frauen und Migranten gar nicht die besseren Menschen sind, sondern schlicht Menschen.

Wie gesagt, Denkverbote gehen unweigerlich mit intellektueller Degeneration einher.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Dann unterstützen Sie ScienceFiles!

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Offene Gesellschaft: Nicht Mekka der Politisch Korrekten, sondern der Wettstreitort der Individuen

Sie halten sich für intelligent, politisch-korrekt, weichen nicht von Vorgaben ab und wollen anderen signalisieren, dass sie unter den guten einer der besten Menschen sind? Dann sind sie sicher auch ein Befürworter der offenen Gesellschaft. Tatsächlich sind die Verteidiger der Diversität, die Kämpfer gegen Ergebnis-Ungleichheit gegen Leistung und für die Gleichwertigkeit aller Menschen alle selbsterklärte Anhänger der offenen Gesellschaft.

Eine ganze Webpage wird von angeblichen Anhängern der „offenen Gesellschaft“ betrieben. Dort stellen sie z.B. Fragen zu „Queer Feminismus“ und „Critical Whiteness“. Die Amadeu-Antonio-Stiftung ist ein vehementer Verteidiger der „offenen Gesellschaft“ und zeichnet sich durch einen großzügigen Gebrauch des Begriffs aus. Wobei kein Zweifel gelassen wird, dass mit „offene Gesellschaft… eine (im Sinne von Karl Popper) offene Gesellschaft“ gemeint ist.

Die offene Gesellschaft, sie ist zu einem Begriff geworden, mit dem man sich gerne schmückt. Politiker aller Provenienz stehen den Kämpfern für das, was sie für eine gute Welt ansehen, in nichts nach und die Zeitungen in Deutschland sind voll der offenen Gesellschaft.

Der Begriff der „offenen Gesellschaft“ wird nicht nur von der Amadeu-Antonio-Stiftung Karl Raimund Popper zugeschrieben. Popper hat den Begriff, das Konzept der offenen Gesellschaft, wie man besser sagen sollte, im berühmten 10. Kapitel seiner Monographie „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ bestimmt. Von dort hat der Begriff als sprachlich manifestierter Liberalismus seinen Siegeszug angetreten.

Wie alle Begriffe, die populär werden, so ist auch der „Offenen Gesellschaft“ nicht erspart geblieben, was den meisten Begriffen widerfährt: Sie werden benutzt, weil die Benutzer sich im Ruhm des Begriffsschöpfers sonnen wollen, ohne dass sie eine Idee davon hätten, was mit der offenen Gesellschaft eigentlich gemeint ist. Und so kommt es, dass linke Fundamentalisten den Wettbewerb befürworten und Kämpfer gegen die Meinungsfreiheit, letztere zum unabdingbaren Inhalt erklären, einfach, weil sie den Begriff der offenen Gesellschaft benutzen ohne seine Bedeutung zu kennen.

Eine offene Gesellschaft ist für Popper zunächst eine durchlässige Gesellschaft, in der Individuen eigenverantwortlich um gesellschaftliche Positionen konkurrieren und keiner ein Privileg oder ein Recht auf eine Position hat.

„Im folgenden“, so schreibt Popper in der offenen Gesellschaft, „wird die magische, stammesgebundene oder kollektivistische Gesellschaft auch die geschlossene Gesellschaft genannt werden; die Gesellschaftsordnung aber, in der sich die Individuen persönlichen Entscheidungen gegenübersehen, nennen wir die offene Gesellschaft.

Eine geschlossene Gesellschaft in ihrer besten Form kann ganz gut mit einem Organismus verglichen werden. Die sogenannte biologische oder Organismus-Theorie, die den Staat als Lebewesen betrachtet, ist auf sie weitgehend anwendbar.

[…]

Daher fehlen gerade jene Züge, die, wie wir sehen werden, eine erfolgreiche Anwendung der Organismus-Theorie auf die offene Gesellschaft vereiteln.

Die Züge, an die ich denke, sind mit der Tatsache verbunden, dass viele Mitglieder einer offenen Gesellschaft sozial emporzukommen versuchen, dass sie versuchen, die Stellen anderer Mitglieder einzunehmen. Dies kann zum Beispiel zu einem so wichtigen sozialen Phänomen wie dem Klassenkampf führen. In einem Organismus finden wir nichts, das einem Klassenkampf auch nur irgendwie ähnlich wäre;

[…]

Nichts im Organismus entspricht einem der wichtigsten Kennzeichen der offenen Gesellschaft, dem Wettstreit ihrer Mitglieder um die Stellung, die sie in ihr einnehmen sollen; damit ist aber gezeigt, dass die sogenannte Organismus-Theorie des Staates auf einer falschen Analogie beruht. In der geschlossenen Gesellschaft jedoch gib t es kaum solche Bestrebungen. Ihre Institutionen, …, sind sakrosankt – tabu.“ (Popper, 1992: 207-208).

Sodann ist eine offene Gesellschaft eine Gesellschaft des rationalen Diskurses, des Arguments und der Kritik, wie Popper an anderer Stelle schreibt:

„Was ich meine, wenn ich von der Vernunft spreche oder vom Rationalismus, ist weiter nichts als die Überzeugung, dass wir durch Kritik lernen können – durch kritische Diskussion mit anderen und durch Selbstkritik.

[…]

Der Nachdruck liegt hier auf den Worten ‚kritische Diskussion‘. Der rechte Rationalist glaubt nicht, dass er selbst oder sonst jemand die Weisheit mit Löffeln gegessen hat. Er weiß, dass wir immer wieder neue Ideen brauchen und dass uns die Kritik nicht zu neuen Ideen verhilft. Aber sie kann uns dazu verhelfen, den Hafer von der Spreu zu sondern. […] nur die kritische Diskussion kann uns helfen, eine Idee von mehr und mehr Seiten zu sehen und sie gerecht zu beurteilen.

[…]

Denn ein Rationalist wird sich leicht darüber klar, dass er seine Vernunft anderen Menschen verdankt. Er wird leicht einsehen, dass die kritische Einstellung nur das Ergebnis der Kritik anderer sein kann und dass man nur durch die Kritik anderer selbstkritisch sein kann.

[…]

Wir können beide voneinander lernen, solange wir nicht vergessen, dass es nicht so sehr darauf ankommt, wer recht behält, als vielmehr darauf, der objektiven Wahrheit näher zu kommen.

[…]

Warum liegt uns Aufklärern so viel an der Einfachheit der Sprache? Weil der rechte Aufklärer, der rechte Rationalist, niemals überreden will. Ja, er will eigentlich nicht einmal überzeugen: Er bleibt sich stets dessen bewusst, dass er sich ja irren kann. Vor allem aber achtet er die Selbständigkeit, die geistige Unabhängigkeit des anderen zu hoch, als dass er ihn in wichtigen Dingen überzeugen wollte; viel eher will er seinen Widerspruch herausfordern, seine Kritik. Nicht überzeugen will er, sondern aufrütteln, zur freien Meinungsbildung herausfordern. Die freie Meinungsbildung ist ihm wertvoll. Sie ist ihm nicht nur wertvoll, weil wir mit der freien Meinungsbildung der Wahrheit näher kommen können, sondern auch darum, weil er die freie Meinungsbildung als solche respektiert. Er respektiert sie auch dann, wenn er eine Meinung für grundfalsch hält“ (Popper 1990: 232-234).

Wenn Sie also das nächste Mal jemanden von der offenen Gesellschaft reden hören, dann nehmen Sie ihn beim Wort. Fragen Sie ihn, wie er zum Wettbewerb von Gesellschaftsmitgliedern um Positionen steht? Testen Sie seine Haltung zu Kritik, in dem sie ihn heftig kritisieren. Fragen Sie ihn, ob er die Meinung anderer respektiert oder denkt, man müsse andere von seiner Meinung überzeugen. Machen Sie ihn eventuell haftbar für die warm-glow Benutzung von Konzepten, die er nicht kennt.

Popper, Karl Raimund (1992). Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Tübingen: Mohr Siebeck.
Popper, Karl Raimund (1990). Woran glaubt der Westen? In: Ders.: Auf der Suche nach einer besseren Welt. München: Piper, S.231-254.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Dann unterstützen Sie ScienceFiles!

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Translate »
error: Content is protected !!