Er ist allgegenwärtig, der Fehlschluss ad hominem: „Britischer Rechtspopulist Farage gewinnt Fernsehduell“, „Putin, der Polit-Macho in Moskau, ist schwer berechenbar“, „Das Institut der Wirtschaft hat halt auch seine eigene Agenda. Ich kennen da auch andere Zahlen…“, Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen“. Jemand, der nicht selbst betroffen ist, kann das nicht beurteilen, „der ist ja ein Antifeminist, Neoliberaler, Macker, Homophober, Xenophober… . Die Beispiele für den Fehlschluss ad hominem sind Legion. Eine beliebige Seiten von Mainstream-Medien im Internet, eine beliebige Rede von Politikern im Bundestag wird entsprechend zur Fundgrube, für diesen in Deutschland doch weit verbreiteten Fehlschluss.
Der Fehlschluss ad hominem kommt, wie Robert Paul Churchill (1990: 465) unterscheidet, als „abusive ad hominem“ daher und als „circumstancial ad hominem“. Ersterer ist eine persönliche Attacke gegen eine Person, deren Kern aus der Unterstellung besteht, diese Person weise persönliche Defizite auf, so dass alles, was diese Person sagt, falsch sein müsse. Letzteres ist eine Attacke, die sich gegen die Situation richtet, in der eine bestimmte Person sich befindet. Wer z.B. Parteivorsitzender einer EU-kritischen Partei ist, dessen Aussagen zur EU müssen falsch sagen.
Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Variante des Fehlschlusses ad hominem identifiziert, den Fehlschluss der politischen Korrektheit, der eine vermittelte Form des ad hominem ist. In diesem Fall richtet sich der Angriff nicht gegen die Person des Aussagenden, sondern gegen eine dritte Person oder dritte Personen, die sich die Aussagen zu eigen gemacht haben und die „böse“ sind.
In jedem Fall zeichnet sich ein Fehlschluss ad hominem dadurch aus, dass nicht die Aussage des Gegenüber Gegenstand der Betrachtung ist, sondern der Aussagende. Die angebliche Falschheit der Aussage soll über das Hilfskonstrukt des derogativen Umgangs mit dem Aussagenden belegt werden.
Nun ist der Fehlschluss ad hominem, so aufgelöst, nicht unbedingt ein ausgefeiltes Unterfangen. Vielmehr ist er ein so primitives und offenkundiges Unterfangen, dass man sich fragt, warum er (a) angewendet wird und (b) warum er zuweilen erfolgreich zu sein scheint bzw. bei wem er erfolgreich sein kann.
Wer einen Fehlschluss ad hominem hört und glaubt oder ihn sich zu eigen macht, ist offensichtlich leichter über emotionale als über intellektuelle Kanäle ansprechbar. Um sein Verhalten zu erklären, muss man entsprechend in die Sozialpsychologie wandern und von dem Ausflug die Forschung von Amos Tversky und Daniel Kahneman mitbringen.
Auf deren Grundlage bietet es sich an, den Fehlschluss ad hominem als Form der Manipulation zu betrachten, deren Ziel darin besteht, den Ankereffekt auszunutzen und die Reaktion bei Zuhörern in einer für die eigenen Behauptungen positiven Weise zu rahmen (Framing). Ankereffekte ebenso wie das Framing beeinflussen die Wahrnehmung von Menschen. Geschickt gesetzte Anker (Rechtspopulist) können die Einschätzung bei einem Publikum manipulieren. Geschickt geframte Aussagen (der unberechenbare Politi-Macho Putin) können dazu führen, dass Leser oder Zuhörer sich von offensichtlichen Alternativen ablenken lassen, dieselben nicht mehr in Rechnung stellen. In beiden Fällen besteht das Ziel darin, die Aufmerksamkeit der Zuhörer bzw. Leser zu dirigieren und für die eigenen Zwecke zu leiten.
Wer ist nun anfällig für Fehlschlüsse ad hominem?
Die Frage ist einfach zu beantworten, wenn man sie neu stellt: Wem reicht es aus, Autoren in Wort und Schrift als homophob, rechtspopulistisch, antifeministisch, dumm, usw. zu titulieren ohne sich mit dem, was sie sagen oder schreiben auseinanderzusetzen? Wem reicht es aus, Betroffenheitsbehauptungen der Art, wer das nicht erlebt hat, kann nicht mitreden, gelten zu lassen?
In der Regel handelt es sich entweder um Personen, die sich einen privaten Vorteil verschaffen wollen, indem sie eine Diskussion über vorhandene Argumente im Keim zu ersticken versuchen und statt dessen auf die Person des Argumentierers ausweichen. Und in der Regel handelt es sich bei den Rezipienten, auf die ein Fehlschluss ad hominem erfolgreich angewendet werden kann, um dass, was Julian Rotter als Personen mit einem externen Locus of Control bezeichnet hat. Sie sind nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden und ständig auf der Suche nach Führung.
Ein Fehlschluss ad hominemkann nicht nur negativ motiviert sein, er kann auch positiv formuliert sein (dann spricht man von einem Fehlschluss ad autoritatem). In diesem Fall soll vom Fehlen eines Arguments dadurch abgelenkt werden, dass z.B. auf bestimmte übermenschliche Fähigkeiten eines Führers rekurriert wird, wie dies im Dritten Reich der Fall war, oder die Wahrheit von Aussagen auf einem Offenbarungsmodell basiert (wie dies Hans Albert genannt hat), bei dem sich einem Erleuchteten die Wahrheit mitteilt, die er dann an seine Jünger weitergibt, die wiederum die Wahrheit des Weitergegebenen mit Verweis auf den Erleuchteten belegen (im Kern ist der ad hominem Fehlschluss ein Zirkelschluss).
Damit kommen wir bei den Gefahren der Fehlschlüsse ad hominem an, die man wie folgt zusammenfassen kann:
- Fehlschlüsse ad hominem vergiften die Atmosphäre und fördern die Grüppchen- der Sektenbildung;
- Fehlschlüsse ad hominem appellieren an niedere Instinkte und führen die entsprechende Sektenbildung somit auf Basis niederer Instinkte herbei, oder Fehlschlüsse ad hominem appellieren an übermenschliche Erleuchtung und führen die entsprechende Sektenbildung auf Basis eines irrationalen Glauben-Wollens herbei;
- Fehlschlüsse ad hominem sollen eine sachliche Auseinandersetzung mit Argumenten verhindern und verhindern entsprechend das Lernen, denn Lernen setzt eine Auseinandersetzung mit kontroversen Gegenständen voraus, sonst ist es ein stupides Repetieren;
- Fehlschlüsse ad hominem sind somit eine Gefahr für die so oft beschworene Zivilgesellschaft und befördern statt dessen eine Kultur der Ablehnung und des Abschlusses in Gesinnungs-Sekten.
Aus einer weiten Verbreitung von Fehlschlüssen ad hominem und einer entsprechend weit verbreiteten Bereitschaft, persönliche Attacken vor inhaltliche Diskussionen zu stellen, muss man also schließen, dass keine demokratische Diskussionskultur vorhanden ist. Rhetorikbücher mit Titeln wie: „Wie behalte ich in jedem Fall recht“, deren Ziel in der Manipulation des Gegenüber und in seiner Überredung oder Mundtotmachung besteht und somit nicht in der Schaffung einer lebhaften Diskussion über ein Thema sind entsprechend Gift für eine demokratische Diskussionskultur.
