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Die Angst, Dinge beim Namen zu nennen

Uns scheint, in Deutschland herrscht in bestimmten Kreisen eine immense Angst vor der Realität. Nur so ist es zu erklären, dass manche ein gebrochenes Verhältnis zu eben dieser Realität haben.

Ein paar Beispiele:

Inhaber wissenschaftlicher Positionen verstecken sich hinter Begriffsen, die sie davor schüzen sollen, mit Realität konfrontiert zu werden. Entsprechend schreibt man lieber über die Armut, anstatt sich konkret mit armen Menschen zu beschäftigen. Das hat den Vorteil, dass man nicht damit konfrontiert ist, dass sich zumindest in westlichen Nationen keine armen Menschen mehr finden lassen und dass man nicht damit konfrontiert ist, dass es dennoch Menschen gibt, neben denen man nicht wohnen wollte. Unbelastet von der Realität können diese Inhaber wissenschaftlicher Positionen darüber schwadronieren, wie furchtbar die Armut doch ist, wie schrecklich sie sich auswirkt und müssen dabei ihrer Phantasie keinerlei Schranken der Realität auferlegen.

Kommentatoren mögen keine Kategorisierungen, warum auch immer. Vermutlich steht dahinter eine Scheu, die doch so verschiedenen Menschen in eine Kategorie einzuordnen, die in der tiefen essentialistischen Überzeugung begründet liegt, dass die entsprechenden Menschen damit verschwinden, aufhören, Individuum zu sein. Auf die Idee, dass Kategorisierungen dazu dienen, eine disperse Gruppe aufgrund zumeist weniger Merkmals und wegen dieser wenigen Merkmale zu kategorisieren, kommen diese Kategorien-Nichtmöger nicht. Für sie umfasst Kategorisierung den ganzen Menschen, beschreibt sein Wesen; ein Reduktionismus, der es den entsprechenden Kategorien-Nichtmögern erlaubt, die Welt dennoch zu klassifizieren: Denn es ist ihre Idee, dass Hartz-IV nicht nur Menschen wegen des Bezugs von Hartz-IV klassifiziert, sondern wegen noch anderer Dinge. Es ist ihre Idee, dass eine Klassifizierung einem ewigen Verdikt gleichkommt, das unveränderlich, weil vom Kategorisierungs-Gott in Stein gemeißelt, ist. Es ist entsprechend ihre Prämisse, dass es wenige, wenn nicht nur einen essentiellen Baustein gibt, der ausreicht, um Menschen komplett zu beschreiben und über diese Beschreibung auf ewig zu verdammen.

Wieder andere sind der Ansicht, eine wissenschaftliche Sprache müsse abstrakt sein, dürfe keine Worte benutzen, die dem alltäglichen Sprachgebrauch entnommen sind, sehen Wissenschaft also vornehmlich als das, was Ludwig Wittgenstein ein Sprachspiel genannt hat, dessen Zweck darin besteht, die Wissenschafts-Gemeinde zu unterhalten, nicht darin, die Realität zu beschreiben, geschweige denn Dritten, die nicht am Wissenschaftsspiel beteiligt sind, vermittelbar zu sein oder gar einen Nutzen für sie zu produzieren. Sie treffen sich mit den oben benannten Inhabern wissenschaftlicher Positionen, deren einziger Daseinszweck in Sprachspielen besteht, die, damit Dritte nicht merken, dass sich damit keinerlei Konsequenzen für die Realität verbinden, am Beispiel affektiv bewerteter Objekte ausgeführt werden. Die genannte Armut ist ein Beispiel, Rechtsextremismus, die angebliche Benachteiligung von Frauen, die komplette Verleugnung der Bildungsnachteile von Jungen sind andere Beispiele.

Affekte wiederum sind, wie wir gerade in einem Post und mit Bezug auf die entsprechende sozialpsychologische Forschung gezeigt haben, bestens geeignet, um Rationalität zu beseitigen und Entscheidungen aus dem Bauch an die Stelle einer rationalen Erwägung von Handlungskonsequenzen und einer entsprechenden Entscheidung mit Blick auf die Handlungskonsequenzen treten zu lassen. Abermals ein Mechanismus, der nützlich ist und der keine Realität zulässt: Wer würde schon von sich behaupten, er sei nicht gegen die Beseitigung von Armut. Die entsprechende „Ich bin …“ -Aussage ist gefahrlos zu treffen, da nicht damit gerechnet werden muss, dass die Armen, denen man angeblich helfen will, am nächsten Tag vor der Tür stehen und um die versprochene Hilfe bitten. Die entsprechende Diskussion hat keinerlei Folgen außer, dass man sich gut fühlen kann, gut in seiner Traumwelt.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach am Beispiel des so genannten „Rechts auf Vergessen“ gezeigt, wie leicht es möglich ist, die Angst, die Dinge beim Namen zu nennen, für die eigenen Zwecke zu nutzen. Der gesamte Diskurs über das Recht auf Vergessen, der unter „Datenschutz“ geführt wird, könnte auch ganz anders geführt werden, z.B. wie wir das getan haben als Diskurs über das Recht sich wie ein Schwein zu benehmen ohne die Folgen davon tragen zu müssen. Wie sonst kann man erklären, dass Richter wahre Informationen aus dem Internet löschen lassen wollen, nicht die Informationen, sondern die Links von Google, über die die Informationen gefunden werden können? Entsprechend werden die 12.000 Anträge, die Google bereits von Löschaspiranten vorliegen hat, nicht zu Gesuchen, die Privatsphäre zu schützen, sondern zu Eingeständnissen, dass man Dreck am Stecken hat, der in Zukunft vor der Öffentlichkeit verborgen werden soll.

Vier Beispiele, die man wie folgt zusammenfassen kann:

Allen beschriebenen Verhaltensweisen ist gemeinsam, dass sie durch eine tiefe Scheu, Dinge beim Namen zu nennen, ausgezeichnet sind, sie sind spezifische Formen der Realitätsflucht.

Es gibt somit vier treibende Ängste, die dafür sorgen, dass Realität nicht vorkommt:

Wundert es noch jemanden, wenn die Realität, das was wirklich ist und mit ihr die Wahrheit über Dinge in Deutschland so häufig auf der Strecke bleiben? – Dass es möglich ist, Kontrolle als Datenschutz, Paternalismus als Hilfe und Plünderung von Einkommen oder Rentenkassen als Dienst an der Gemeinschaft zu verkaufen?

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