No GroKo, Trump, AfD, Brexit, Rassismus: Angst erklärt alles

Als Herbert Marcuse über den eindimensionalen Menschen geschrieben hat, da hat er übertrieben… Er kannte die heutigen Politdarsteller nicht.

Eine kleine Sammlung der Angst:

Die Wähler von Donald Trump, vorwiegend weiße Männer wie wir von denen wissen, die meist nichts wissen, haben Angst vor Veränderung, vor Ausländern, Fremden, vor denen, die ihre traditionellen Werte angreifen, davor, dass sich die Welt ändert, vor China und Russland … vor Gott und der Welt. Angst eben.
Angst erklärt.

Die Wähler, die in Britannien für den BREXIT gestimmt haben, die haben Angst vor Pluralismus. Die wollen zurück, in die heile Welt von Blighty, als der Tee noch nicht von Earl Grey war. Sie wollen kein Europa, keinen Studentenaustausch, keine arbeitswilligen Polen, Bulgaren und Rumänen und schon gar keine Flüchtlinge. Sie haben Angst um ihren Status, ihr Häuschen und davor, dass sich etwas verändern könnte.
Angst erklärt.

Die Wähler der AfD, sie haben Angst vor allem, was Veränderung ausmacht. Sie wollen zurück zu Tradition und Heimat, weg von sexueller Orientierung in Schulbüchern, sie fürchten sich vor anderen Lebensentwürfen, davor, dass ihr Wohngebiet überfremdet, sie sind voller Angst vor Fremden, Migranten, Flüchtlingen, Muslimen, vor Wandel und Moderne, vor wirtschaftlichem Abstieg.
Angst erklärt.

Diejenigen, die nicht wollen, dass ihren Kindern bereits in der Kindertagesstätte sexuelle Orientierungen um die Ohren gehauen werden, die haben Angst vor moderner Pädagogik, vor sexueller Freiheit, vor Emanzipation und Aufklärung.

Diejenigen, die Genderismus kritisieren, die haben Angst davor, dass ihnen Frauen den Rang ablaufen, den Job abnehmen (allerdings nur, wenn sie nicht Müllmann, Kanalarbeiter, Lkw-Fahrer, Maurer, Dachdecker … sind), nicht mehr das Essen kochen…
Angst erklärt.

Diejenigen, die denken, es seien jetzt genug Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, die haben Angst vor Fremden, Anderen, vor Migranten und Flüchtlingen eben, vor Veränderung und Zuwanderung, vor … [denken Sie sich was]..
Angst erklärt.

Und natürlich haben Rechtsextremisten, Rassisten, Sexisten und Sonstisten Angst, vor allem und jedem.

Und diejenigen, die in der SPD gegen die Große Koalition stimmen wollen, die sind „getrieben von Angst vor der Union“, das sagt Lars Klingbeil, der Generalsekretär der SPD im Vorwärts.

Angst erklärt.

Nur was erklärt Angst?

Wenn man die Beispiele Revue passieren lässt, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die Erklärung mit der Angst immer da vorgebracht wird, wo es um Positionen, Pöstchen, Politiken, mit denen Positionen und Pöstchen verbunden sind, eben um Einkommensquellen geht.

Die Erklärung mit der Angst, sie wird generell von denen vorgebracht, die damit eine Veränderung oder eine Kritik abwehren wollen: Den Brexit, Donald Trump, die Kritik am Genderismus, die Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die Wahl der AfD und vieles mehr. Fast, dass man den Eindruck gewinnen muss, dass die Erklärung mit der Angst aus Verlustangst, Statusangst, Angst vor Veränderung (nämlich der, morgen arbeitslos zu sein) derer entspringt, die sie vorbringen. Sie haben Angst davor, ihre Pfründe zu verlieren, sie wollen verhindern, dass Schüler etwas Lernen und ihnen im späteren Leben zur Konkurrenz werden, sie haben Angst vor Wettbewerb, davor, sich mit neuen Ideen und Inhalten messen zu müssen. Sie benötigen eine mit Flüchtlingen unterschichtete Gesellschaft, um ihren eigenen Status zu halten, sie können sich ihres Werts nur dadurch versichern, dass sie sich zu Beschützern von denen aufschwingen, die sie hierarchisch unter sich verorten.

Sie sind die eigentlich ängstlichen und die tatsächlich 0,5dimensionalen. Konfrontiert mit denjenigen, die nicht so wollen, wie sie, fällt ihnen nichts anderes ein als Angst zu unterstellen, die Angst, die sie selbst empfinden, so wie der Parteivorstand der SPD, in dem alle starr vor Angst vor einem negativen Mitgliederentscheid sind.

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Die Angst, Dinge beim Namen zu nennen

Uns scheint, in Deutschland herrscht in bestimmten Kreisen eine immense Angst vor der Realität. Nur so ist es zu erklären, dass manche ein gebrochenes Verhältnis zu eben dieser Realität haben.

Ein paar Beispiele:

Inhaber wissenschaftlicher Positionen verstecken sich hinter Begriffsen, die sie davor schüzen sollen, mit Realität konfrontiert zu werden. Entsprechend schreibt man lieber über die Armut, anstatt sich konkret mit armen Menschen zu beschäftigen. Das hat den Vorteil, dass man nicht damit konfrontiert ist, dass sich zumindest in westlichen Nationen keine armen Menschen mehr finden lassen und dass man nicht damit konfrontiert ist, dass es dennoch Menschen gibt, neben denen man nicht wohnen wollte. Unbelastet von der Realität können diese Inhaber wissenschaftlicher Positionen darüber schwadronieren, wie furchtbar die Armut doch ist, wie schrecklich sie sich auswirkt und müssen dabei ihrer Phantasie keinerlei Schranken der Realität auferlegen.

language 1Kommentatoren mögen keine Kategorisierungen, warum auch immer. Vermutlich steht dahinter eine Scheu, die doch so verschiedenen Menschen in eine Kategorie einzuordnen, die in der tiefen essentialistischen Überzeugung begründet liegt, dass die entsprechenden Menschen damit verschwinden, aufhören, Individuum zu sein. Auf die Idee, dass Kategorisierungen dazu dienen, eine disperse Gruppe aufgrund zumeist weniger Merkmals und wegen dieser wenigen Merkmale zu kategorisieren, kommen diese Kategorien-Nichtmöger nicht. Für sie umfasst Kategorisierung den ganzen Menschen, beschreibt sein Wesen; ein Reduktionismus, der es den entsprechenden Kategorien-Nichtmögern erlaubt, die Welt dennoch zu klassifizieren: Denn es ist ihre Idee, dass Hartz-IV nicht nur Menschen wegen des Bezugs von Hartz-IV klassifiziert, sondern wegen noch anderer Dinge. Es ist ihre Idee, dass eine Klassifizierung einem ewigen Verdikt gleichkommt, das unveränderlich, weil vom Kategorisierungs-Gott in Stein gemeißelt, ist. Es ist entsprechend ihre Prämisse, dass es wenige, wenn nicht nur einen essentiellen Baustein gibt, der ausreicht, um Menschen komplett zu beschreiben und über diese Beschreibung auf ewig zu verdammen.

Wieder andere sind der Ansicht, eine wissenschaftliche Sprache müsse abstrakt sein, dürfe keine Worte benutzen, die dem alltäglichen Sprachgebrauch entnommen sind, sehen Wissenschaft also vornehmlich als das, was Ludwig Wittgenstein ein Sprachspiel genannt hat, dessen Zweck darin besteht, die Wissenschafts-Gemeinde zu unterhalten, nicht darin, die Realität zu beschreiben, geschweige denn Dritten, die nicht am Wissenschaftsspiel beteiligt sind, vermittelbar zu sein oder gar einen Nutzen für sie zu produzieren. Sie treffen sich mit den oben benannten Inhabern wissenschaftlicher Positionen, deren einziger Daseinszweck in Sprachspielen besteht, die, damit Dritte nicht merken, dass sich damit keinerlei Konsequenzen für die Realität verbinden, am Beispiel affektiv bewerteter Objekte ausgeführt werden. Die genannte Armut ist ein Beispiel, Rechtsextremismus, die angebliche Benachteiligung von Frauen, die komplette Verleugnung der Bildungsnachteile von Jungen sind andere Beispiele.

reality checkAffekte wiederum sind, wie wir gerade in einem Post und mit Bezug auf die entsprechende sozialpsychologische Forschung gezeigt haben, bestens geeignet, um Rationalität zu beseitigen und Entscheidungen aus dem Bauch an die Stelle einer rationalen Erwägung von Handlungskonsequenzen und einer entsprechenden Entscheidung mit Blick auf die Handlungskonsequenzen treten zu lassen. Abermals ein Mechanismus, der nützlich ist und der keine Realität zulässt: Wer würde schon von sich behaupten, er sei nicht gegen die Beseitigung von Armut. Die entsprechende “Ich bin …” -Aussage ist gefahrlos zu treffen, da nicht damit gerechnet werden muss, dass die Armen, denen man angeblich helfen will, am nächsten Tag vor der Tür stehen und um die versprochene Hilfe bitten. Die entsprechende Diskussion hat keinerlei Folgen außer, dass man sich gut fühlen kann, gut in seiner Traumwelt.

Schließlich hat Dr. habil. Heike Diefenbach am Beispiel des so genannten “Rechts auf Vergessen” gezeigt, wie leicht es möglich ist, die Angst, die Dinge beim Namen zu nennen, für die eigenen Zwecke zu nutzen. Der gesamte Diskurs über das Recht auf Vergessen, der unter “Datenschutz” geführt wird, könnte auch ganz anders geführt werden, z.B. wie wir das getan haben als Diskurs über das Recht sich wie ein Schwein zu benehmen ohne die Folgen davon tragen zu müssen. Wie sonst kann man erklären, dass Richter wahre Informationen aus dem Internet löschen lassen wollen, nicht die Informationen, sondern die Links von Google, über die die Informationen gefunden werden können? Entsprechend werden die 12.000 Anträge, die Google bereits von Löschaspiranten vorliegen hat, nicht zu Gesuchen, die Privatsphäre zu schützen, sondern zu Eingeständnissen, dass man Dreck am Stecken hat, der in Zukunft vor der Öffentlichkeit verborgen werden soll.

Vier Beispiele, die man wie folgt zusammenfassen kann:

  • Wissenschaftler diskutieren im Elfenbeinturm über Abstrakta und binden die Abstrakta nicht auf die Realität zurück.
  • Kommentatoren haben vor den eigenen Prämissen so sehr Angst, schämen sich so sehr für ihren eigenen Essentialismus, dass sie Kategorisierungen generell ablehnen.
  • Andere sind der Ansicht, Wissenschaft müsse sich in erhabener Sprache üben und dürfe Dinge nicht beim Namen nennen.
  • Und schließlich gibt es gezielte Versuche, die Wahrheit hinter abstrakten Floskeln zu verstecken und die Diskussion über die Realität zu verunmöglichen, sie von ihrem tatsächlichen Gegenstand zu entfernen und in eine fiktive Scheinwelt zu übertragen.

Allen beschriebenen Verhaltensweisen ist gemeinsam, dass sie durch eine tiefe Scheu, Dinge beim Namen zu nennen, ausgezeichnet sind, sie sind spezifische Formen der Realitätsflucht.

  • reality 1Die genannten Inhaber wissenschaftlicher Positionen fürchten die Realität, weil die Realität sie als die Schwätzer enttarnen kann, die sie nun einmal sind.
  • Die genannten Kommentatoren fürchten die Realität, weil die Realität ihre Prämissen schonungslos offenlegt und deutlich macht, dass ihre vermeintliche Gutheit nur vorgeschützt ist, um die vorhandene Angst vor Menschen und ihrer Vielfalt zu verdecken.
  • Die genannten Anderen wollen ihre Traumwelt von Wissenschaft nicht gestört sehen und verhindern, dass verständliche Begriffe die Übertragung dessen, was gerade diskutiert wird, auf die Realität vereinfachen. Sie wollen den Schein bewahren, dass der Gegenstand von Wissenschaft, wie Jürgen Habermas einmal sinngemäß gesagt hat, so kompliziert ist, dass man ihn nicht mit einfachen Worten beschreiben kann. Aber, was soll man mit einer angeblichen Wissenschaft, deren Erkenntnisse nicht mitteilbar sind?
  • Schließlich benutzen wieder andere die Scheu vor der Realität für ihre Zwecke, in dem sie Maßnahmen, die sie getroffen haben, in einen positiv konnotierten Zusammenhang stellen, z.B. “Datenschutz” (wer wäre schon gegen Datenschutz) und ihn mit einer irreführenden Floskel benennen (Recht auf Vergessen). Eine der einfachsten Formen der Manipulation, die nur gelingen kann, weil kaum jemand die Floskeln mit der Realität abgleicht.

Es gibt somit vier treibende Ängste, die dafür sorgen, dass Realität nicht vorkommt:

  • Die Angst, als leerer Schwätzer enttarnt zu werden.
  • Die Angst, als Essentialist offenbart zu werden, der Angst davor hat, dass Menschen unterschiedlich sind.
  • Die Angst, nicht Teil einer erhabenen und überlegenen Klasse zu sein, die sich durch erhabene und überlegene Sprache vom Rest der Gesellschaft abhebt.
  • Die Angst, als der kleine Manipulator aufzufliegen, der versucht, mit kruden und plumpen Mitteln, seine Interessen durchzusetzen.

Wundert es noch jemanden, wenn die Realität, das was wirklich ist und mit ihr die Wahrheit über Dinge in Deutschland so häufig auf der Strecke bleiben? – Dass es möglich ist, Kontrolle als Datenschutz, Paternalismus als Hilfe und Plünderung von Einkommen oder Rentenkassen als Dienst an der Gemeinschaft zu verkaufen?

In Erwartung des ewigen Heils: Weltuntergangsphantasien und Angst vor Veränderung

Karl Raimund Popper beginnt den ersten Band seiner Offenen Gesellschaft mit dem griechischen Philosophen Heraklit und dessen Angst, ja Horror, vor Veränderung: “‘Alles fließt’, so sagt er [Heraklit], und ‘man kann nicht zweimal in den selben Fluß steigen’. Enttäuscht argumentiert er gegen den Glauben, dass die bestehende soziale Ordnung ewig währen werde: ‘Wir dürfen nicht handeln und reden wie die Kinder, die nach dem beschränkten Grundsatz großgezogen wurden: ‘Wie es uns überliefert ward'” (Popper, 1992, S.19). Veränderung ist etwas, das Heraklit fürchtet, denn Veränderung ist für ihn eine Bewegung weg von einem Idealzustand und hin zum “planlos aufgeschütteten Misthaufen”, für den er den Kosmos hält.

Platon hat diese Angst von Heraklit aufgenommen und in ein Entwicklungsgesetz gegossen: “Nach diesem Gesetz … führt jegliche soziale Veränderung zu Verderbnis, zum Verfall oder zur Degeneration” (Popper, 1992, S.25). Konfrontiert mit dem stetigen Verfall, den Veränderung ausmacht, der Entwicklung weg vom paradisischen Zustand, in dem noch die Vorväter lebten, offeriert Platon seine eigene Heilslehre, die Rettung der Menschheit, die dann eintritt, wenn die derzeitigen Veränderungen die soziale Entwicklung auf den Tiefpunkt geführt haben: “Nach einem der Dialoge Platons (dem Staatsmann) geht unserem eigenen Zeitalter, dem Zeitalter des Zeus, ein Goldenes Zeitalter, das Zeitalter des Kronos voraus: Kronos regiert die Welt, und der Mensch entsprießt der Erde; nach Ablauf dieser Periode wird die Welt von den Göttern im Stich gelassen und auf sich selbst verwiesen. Der Verfall nimmt daher ständig zu. Und in der Darstellung des Staatsmannes finden wir auch eine Andeutung, dass der Gott am Tiefpunkt vollständigen Verfalls wieder das Steuer des kosmischen Schiffes in die Hand nehmen wird und dass sich hierauf alles wieder zum Guten wendet” (Popper, 1992, S.26).

Die Aussage der Mythologie des Platon ist klar: Die Rettung naht am Tiefpunkt. Nur: Wo ist der Tiefpunkt bzw. wann ist der Tiefpunkt erreicht? Diese Frage beschäftigt Träumer, Esoteriker, Devotionalienhändler und Geschäftemacher aller Art, deren Spezialität darin besteht, Naivität (oder Dummheit) in bare Münze zu verwandeln, seit Jahrtausenden und zu all den Antworten, die in der Vergangenheit gegeben wurden (das Jahr 1000, das Jahr 2000, 1984…) hat sich eine neue Antwort gesellt: Der 21. Dezember 2012. Denn, so weiß weltuntergang-2012.de: “Der Weltuntergang steht bevor. Zumindest wenn man den Berechnungen der Maya glaubt.”

Am 21. Dezember 2012 geht in der Zeitrechnung der Maya die 13. Ära zu Ende, nicht jedoch die Welt, denn die Maya hatten keine Vorstellung von Weltzyklen, und auch keine Vorstellung von einer Zeitenwende. Beide Ideen stammen von den Azteken und wurden unter dem Eindruck der ins Land drängenden Spanier geboren. Am 21. Dezember endet für die Maya das 13. Baktun. Was kommt nach “13”? Richtig, 14! Auch für die Maya. Deshalb beginnt am 22. Dezember 2012 und ganz undramatisch das 14. Baktun. “Der Unfug mit dem Weltuntergang 2012, so der Altamerikanist Nikolai Grube von der Universität Bonn, hat mit den Maya nicht das Geringste zu tun – aber mit uns sehr viel: Da spiegelt sich offenbar eine irrationale Heilserwartung, in der unsere Ängste und Wünsche für die Zukunft festgeschrieben werden” [Ausführlich äußert sich Nikolai Grube im Rahmen eines sehr guten Beitrags im Bild der Wissenschaft mit dem Titel “Keine Ende in Sicht” zur Maya-Mania].

Die Ängste und Heilsvorstellungen, von denen Grube hier spricht, und die man vielleicht besser als irrationale Paradies-Vorstellungen von Menschen beschreiben würde, die mit ihrem derzeitigen Leben nicht zufrieden sind und alle Hoffnung auf die Zukunft und Hilfe von außen setzen, die also keinerlei Möglichkeit für sich sehen, mit der Welt in der sie leben, zu Rande zu kommen, die sich, den Veränderungen, die sie umgeben hilf- und schutzlos ausgeliefert fühlen, entsprechen den Heilserwartungen, die Platon in der oben zitierten Stelle aus dem Staatsmann niedergelegt hat. Es sind Ängste, die sich über Jahrhunderte immer wieder als Angst vor der Industrialisierung, Angst vor neuer Technik, Angst vor den wachsenden Städten, Angst vor der Gentechnik, vor Atomkraft, Angst vor Wettbewerb, Angst vor Konkurrenz, Angst vor anderen, Angst vor Leistung, Angst vor allem, was neu ist, geäußert hat, eine Angst, die Popper in seiner “Offenen Gesellschaft” als Ausgangspunkt des Totalitarismus  sieht und deren antidemokratische Züge Kurt Sontheimer (1994) in seiner Abhandlung über des antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik offengelegt hat.

Wie real diese Wurzeln des Totalitarismus, die Angst vor letztlich dem Leben ist, die zu einer radikalen Abwendung von der Rationalität und einer fast schon selbstzerstörerischen Hinwendung zur Irrationalität führt, lässt sich am Beispiel des Weltuntergangs oder der Zeitenwende, die die Maya angeblich für den 21. Dezember vorhergesagt haben, zeigen. Ich zitiere aus einem Buch von Birgit Feliz Carrasco mit dem Titel “2012 – Die große Zeitenwende. Wie die Prophezeiungen der Maya Chancen für Neues Sein und Denken eröffnen”. Die Ähnlichkeiten der zitierten Stelle mit der Platonischen Heilslehre aus dem Staatsmann, sind unverkennbar:

“Das prophetische Kalendarium der Maya endet mit dem Jahr 2012. Warum? … Vorab sei jedoch zur Beruhigung Ihrerseits und zur Untermauerung des seriösen Anspruchs dieses Buches gesagt, dass im Dezember 2012 vermutlich nicht die Welt untergeht, wie manche Mythenbeschwörer mitunter glauben machen wollen. Im oder um das Jahr 2012 wird sich vielmehr die Weltordnung verändern, eine neue Struktur erhalten, und nach dem Verständnis der Maya-Kultur wird sich am Ende des Jahres 2012 der göttliche Schöpfungszyklus auf Erden komplettiert haben und zur Heilung von allen und allem führen”.

Wer diesen Unsinn mit einem kritischen Geist liest und in Erinnerung hat, was Nikolai Grube und die Wissenschaft über die Maya zu sagen wissen, dem fällt zunächst auf, dass den Maya hier ein Schöpfungszyklus zugeschrieben wird, den sie nicht hatten, und er erinnert sich daran, dass der 21. Dezember 2012 das Ende des 13. Baktun bezeichnet und der 22. Dezember 2012 den Beginn des 14. Aber das ist eine rationale Konfrontation mit den Fakten, und Fakten sind offensichtlich etwas, was mit dem “seriösen” Buch von Carrasco nicht vermittelt werden soll. Das Buch zielt darauf, Unsicherheiten, Ängste und Irrationalität zu bedienen, es will diejenigen füttern, die auf der Suche nach Halt in ihrem Leben sind und diesen Halt bei Gott, Mythen, den scheinabr allwissenden Maya, bei Hintz und Kuntz, nur eben nicht bei sich selbst suchen. Nicht nur, das zeigen einige der Kunden-Rezensionen bei Amazon, bedient das Buch von Carrasco diese Zielsetzung, es findet auch die entsprechende Klientel:

Sarasvati “Yogalehrerin” weiss nach der Lektüre dieses Buches endlich, wo ihr Platz im Leben ist: “Ich frage mich schon seit Monaten, was und warum es in der Welt und in meinem persönlichen Leben gerade so abgeht – das Buch erläutert die Zusammenhänge und setzt ein Puzzle aus Einzelteilen zusammen, was ich bisher nicht geschafft hatte”. Dreapig IMOX ist sicher, dass das Buch “allen Menschen [hilft], die kommenden Jahre und die Veränderungen besser zu verstehen und sie positiv mitzuerleben …” Und Rockn Roll Hero “Candyman” fügt noch an: “Dass die Menschheit am Abgrund steht, sollte längst allen bekannt sein, dass es aber auch Chancen gibt, nicht abzustürzen, das scheint nicht jedem klar zu sein. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, weil es ‘angstfrei’ ist und Mut macht”.

All diese “Renzensionen” weisen in die gleiche Richtung: Das Klammern an die Maya-Mythe, die man nur zu bereitwillig zu glauben bereit ist, gibt Halt und Sicherheit und verschafft einen moralischen Aussichtspunkt, von dem aus man die noch nicht Iniziierten bemitleiden oder missionieren kann. Es gibt einen Sinn im Leben und Sicherheit in  einer als unsicher erlebten Welt. Dabei ist es erschreckend, dass Carrasco mit einfachsten emotionalen Appellen eine Fangemeinde hinter sich versammeln  und darüber hinwegtäuschen kann, dass weitgehend alle Verbindungen, die sie in ihrem Buch herstellt, ihrer eigenen Einbildung entspringen.

Menschen, die sich aus Angst an Heilslehren klammern, wie die oben dargestellten Leser des Buches von Carrasco, sind gefundenes Fressen für Devotionalienhändler und all diejenigen, die entweder das Heil in Form welcher Produkte auch immer verkaufen wollen (z.B. als Reiseveranstalter, der über eine Vielzahl von Hotels auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán herrscht) oder die den angstbesetzen Suchern nach Halt und Richtung im Leben nebenbei noch ihre eigenen totalitären Phantastereien unterschieben wollen. Ein Beispiel, das Kommerz mit totalitären Träumen verbindet, ist das folgende Buch, einer, wie ein begeisterter Rezensent des Buches schreibt, “Mayapriesterin und promovierten Psychologin”. Ich lasse das Zitat unkommentiert stehen. Mir hat es die Sprache verschlagen (und nicht nur das), und ich frage mich seither, was schlimmer ist: Die offenen Anklänge an den Vril-Kult der Nazis, dem nichtzuletzt Himmler gehuldigt hat oder die Tatsache, dass ein derartiger Unsinn einen Verleger gefunden hat:

“Im Dezember 2006 begann eine Serie spiritueller Seminare für Frauen. Ziel dieser Seminare ist es, die Kraft der Göttin in der Frau zurückzuholen und die Frau wieder zur Trägerin der liebevoll lodernden Flamme der Göttin und Mutter zu machen. Die Führungsspitze der Lichtmeister, welche die Menschheit bei ihrer Entwicklung zum Ende der Zeiten geleiten, haben darauf hingewiesen, dass der Frau eine Schlüsselfunktion zufällt, wenn es gilt, das Zeitalter der Beschränkung in eine strahlende Ära des Lichts zu verwandeln. Mit ihrer Sensibilität, ihrer hochentwickelten Intuition und ihrer Bereitschaft zur Verwirklichung der wahren Liebe verwandelt sich die Frau in eine Heilsquelle für die Menschheit und den gesamten Planeten” (Kin, Nah: Die authentische Botschaft der Maya für das neue Zeitalter).

Es gibt einen wirkungsvollen Schutz vor dieser Art totalitärer Phantastereien: Kritik und kritisches Denken. Kritik am Buch von Carrasco führt schnell zu der Erkenntnis, dass das Buch keine Fakten, dafür aber Hirngespinste enthält. Kritisches Denken mit Blick auf das Machwerb von Nah Kin hat zum Ergebnis, dass die hier entwickelte und den Maya zugeschriebene “Mutter Gottes”-Mythe als solche spätestens da entlarvt wird, wo man sich fragt, wer die Lichtmeister sind, warum man ihnen glauben soll und welche Kompetenzen sie für sich reklamieren können, damit man ihnen glaubt? Aber: Das alles ist Ausdruck von Rationalität und würde zu der Einsicht führen, dass das eigene Leben nicht von fremden Mächten bestimmt wird, sondern eine Frage der Selbstgestaltung ist, was wiederum bedeutet, dass man selbst und nicht etwa die Maya für das eigene Leben verantwortlich sind, eine Einsicht, die manche zu fürchten scheinen, wie der Teufel das Weihwasser.

Literatur

Popper, Karl Raimund (1992). Die offene Gesellschaft und Ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Sontheimer, Kurt (2004). Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933. München: dtv.

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