Don Alphonso im Belltower – News von der Front der gehässigen Gutmenschen

Don Alphonso wird ab 31. März keine Blogs mehr für die FAZ betreiben. Allein die Ankündigung hat schon einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Bei den einen. Bei den anderen war es ein Anlass zu unverhohlener Freude. Der Don selbst hat sein Ende als FAZ-Blogger damit erklärt, dass sein Fortbestand immer von Frank Schirrmacher und nach dessen Tod davon gelebt habe, dass der Chef des Digitalressorts an ihm festgehalten habe. Nun ist auch der Ressortchef des Digitalen gegangen und dessen Nachfolger, so Don Alphonso, sehe keine Notwendigkeit für die reichweitenstarken Blogs vom Don.

Das kann man nun einfach so hinnehmen und mit der Logik mediokrer Institutionen erklären, in denen nicht geduldet wird, dass einer seinen Kopf aus der grauen Masse der Redaktionsgestalten heraussteckt und schon gar nicht, wenn er dies erfolgreich tut. Man kann es auch hinnehmen und mit der Race-to-the-Bottom-Logik erklären, die neue Besen, wenn sie ein Ressort übertragen bekommen, vor allem die Erfolgreichen „Rauskehren“ sieht, weil sie dann einen großen Skalp vorweisen können und jemand, der sich traut, einen erfolgreichen Blogger wie Don Alphonso zu streichen, der muss ein ganz toller Hecht im Redaktionsteich sein. Es gibt viele Institutionen, die an dieser verfehlten Logik zu Grunde gegangen sind.

Noch ein Don.

Wie dem auch sei, wir empfehlen allen Lesern, die Stellungnahme von Don Alphonso in seinem eigenen Blog nachzulesen und dann der Dinge zu harren, die da kommen, denn dass neue Dinge kommen, das kann man vorhersehen, ohne Hellseher zu sein, so wie man sagen kann, dass Wandel in der Welt der Selbständigen zumeist einen Produktivitätsgewinn nach sich zieht. Wenn man selbständig ist und eine Zeitlang einen Markt beackert hat, dann tut es manchmal gut, dazu gezwungen zu werden, sich neue Ideen zu überlegen, sich mit anderen zu vernetzen, die ähnliche Ideen und Vorstellungen haben, ein neues Unternehmen zu starten, das zum Beispiel der Moderne Rechnung trägt, in der die Musik im Internet spielt und nicht in den Redaktionen von Papierausgaben überkommener Zeitungen. Der „Wind of Change“, den so viele besungen haben, er ist oftmals mit dem verbunden, was Joseph Schumpeter eine schöpferische Zerstörung genannt hat. Altes muss weg, damit Neues wachsen und prosperieren kann. Vor diesem Hintergrund muss man froh sein, dass Alphonso endlich die Fesseln der FAZ und der damit unweigerlich verbundenen institutionellen Korrektheitsregeln losgeworden ist und nunmehr zu neuen Ufern und zu denen aufbrechen kann, die die Moderne schon eingeläutet haben.

Soweit so gut.

Nun gibt es eine Meute von Gutmenschen, die sich öffentlich darüber freuen, dass Don Alphonso ab April nicht mehr bei der FAZ schreibt. Das ist ein unter Linken bekanntes Phänomen. Schon Stalin und seine Andiener haben sich z.B. über den Tod von Leo Trotzki gefreut. Der Tod von Ludwig dem XVI wurde geradezu frenetisch von seinen Gegnern gefeiert. Auch der Tod von Margaret Thatcher hat bei manchen, deren linke Gesinnung keine menschlichen Empfindungen zulässt, Freude ausgelöst. Die Liste der Ereignisse, die bei Linken eine Freude auslösen, die international als deutsche „Schadenfreude“ bekannt ist, ein Wort, das nicht ins Englische übersetzt wurde, weil das Konzept, sich am Schaden anderer zu weiden, befremden hervorruft, ist lang, so lang, dass man annehmen muss, eine linke Gesinnung gehe mit einer Prädisposition einher, anderen Schaden zu wollen bzw. sich am vermeintlichen Schaden anderer zu ergötzen und den Skalp, in diesem Fall vom Don für sich zu reklamieren, wie dies eine Reihe von Twitterern, die denken, ihre Denunziation habe dazu geführt, dass Alphonso nicht mehr FAZ-Alphonso ist, tun.

Und diese Schadenfreude, die aus der Einbildung entsteht, man habe einem Anderen Schaden können oder aus der Annahme, ein Anderer habe einen Schaden erlitten, die soll uns in diesem Post beschäftigen, und zwar am Beispiel von von Steuerzahlern finanzierter Schadenfreude. Der folgende Tweet wurde von Belltower-News abgesondert. Belltower-News ist ein Anhängsel der Amadeu-Antonio-Stiftung und Namens-Nachfolger von No-Nazi-Net. No-Nazi-Net ist nachdem das Neue Rechte Wiki, der Versuch eines Online-Diffamierungsprangers in die Hose gegangen ist, offensichtlich als Name verbrannt, so dass ein neuer Name hermusste. Der Versuch, sich neu zu branden oder durch einen neuen Namen auch eine unbesudelte Identität anzunehmen, ist nicht neu. Schon Josef Mengele hat seine Spuren zunächst als Fritz Ullmann, dann als Fritz Hoffmann und schließlich mit Hilfe des Roten Kreuzes als Helmut Gregor zu verwischen versucht. Die neue Identität für das alte Elend, sie ist ein alter Trick, mit dem z.B. die Kommunisten, das Scheitern des Kommunismus dadurch verdecken wollten, dass sie sich fortan Sozialisten genannt haben. Manche haben sich noch als „demokratischer Sozialismus“ deklariert, um damit eine Tradition zu reklamieren, mit deren Hilfe sie hoffen, sich der Opfer des Sozialismus entledigen zu können, ja, es soll sogar ehemalige Stasi-Mitarbeiter geben, die sich als Menschenrechtsaktivisten inszenieren wollten.

Belltower News ist also der Namensnachfolger von No-Nazi-Net und Belltower News ist eine Standarte der Gehässigkeit und Bosheit, einer Disposition, die man im Englischen mit dem Begriff „Meanness“ beschreibt, für den es wiederum keine adäquate Übersetzung ins Deutsche gibt. Belltower News hat dazu, dass sich die Wege von Don Alphonso und FAZ trennen, Folgendes zu sagen:

In der Sozialpsychologie ist man sich weitgehend darüber einig, aus welchem menschlichen Abgrund, der Lustgewinn entspringt, der durch einen Schaden, den ein anderer vermeintlich erlitten hat, ausgelöst wird. So wird im Rahmen der Theorie sozialer Identität auf die Notwendigkeit einer positiven Differenzierung der eigenen von einer konkurrierenden anderen Gruppe hingewiesen. Diese Notwendigkeit wird noch verstärkt, wenn die eigene Gruppe in ihrem Bestand gefährdet ist, z.B. weil eine neue Gruppierung in Parlamente eingezogen ist und die Gefahr mit sich bringt, die sprudelnde Quelle der Steuergelder auszutrocknen. In dieser Situation ist die Notwendigkeit groß, sich zu differenzieren, sich als Gute zu inszenieren. Aber die Prädisposition zur Boshaftigkeit oder Gehässigkeit lässt nun keinen Gedanken darüber zu, wie man durch Leistung eine Differenzierung zu Stande bringen könnte. Die einzige Möglichkeit, die im gehässigen Kopf zur Differenzierung vorhanden ist, besteht in der Abwertung Anderer und der dadurch erhofften eigenen Aufwertung. Viel Forschung hat hier dasselbe Ergebnis erbracht: Die Abwertung anderer, die Freude über den Schaden Anderer erhöhen das Selbstwertgefühl derjenigen, die keine Mittel zur Verfügung haben, um sich Kraft eigener Leistung zu differenzieren.

Die Theorie des sozialen Vergleichs geht in die selbe Richtung setzt jedoch einen anderen Schwerpunkt. Nun ist die Triebfeder nicht der Versuch, sich zu differenzieren, sondern der soziale Vergleich mit anderen, bei dem man schlecht abgeschnitten hat. Vergleicht man die Reichweite von Belltower News mit der Reichweite von Don Alphonso, dann entspricht dies dem Vergleich eines Zweifamilienhauses in Eckernförde mit dem Empire State Building in New York. Die Belltowers können also nur schlecht abschneiden. Aus dieser misslichen Lage hilft psychologisch und nur darum geht es, u.a. Denunziation und Schadenfreude. Was die Belltowers täglich tun, sich über angeblich Rechte mokieren und echauffieren, dient der Stärkung des eigenen Selbstwerts, der in sozialen Vergleichen mit erfolgreichen Menschen, die viel Geld verdienen und es geschafft haben, z.B. ein Haus in Großbritannien zu kaufen, um in Freiheit zu leben, während man selbst in der Enge der Mietwohnung mit 127 anderen im selben Haus zu leben und deren Lärm zu ertragen gezwungen ist, so massiv leidet, erhält einen Schub, wenn man sich täglich als moralisch überlegen inszenieren kann, und er erhält noch mehr Schub, wenn ein Anderer, den man als Feind wahrnimmt, einen Schaden erlitten hat, an dem man sich ergötzen zu können glaubt.

Von dieser Form der psychologischen Störung ist es dann nur noch ein kurzer Schritt zur Erklärung, die Freud für Boshaftigkeit und Gehässigkeit anbietet: Projektion. Das eigene Gefühl der Nutzlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit, es wird auf andere projiziert und man freut sich, wenn diese Anderen einen Schaden erleiden, durch den man selbst wiederum aufgewertet wird, jedenfalls in der eigenen Wahrnehmung. In der Realität ist dies natürlich nicht so.

Schließlich argumentiert eine Reihe von Sozialpsychologen damit, dass gehässige und boshafte Personen versuchen, mit ihrer Boshaftigkeit die Gefahr, die erfolgreiche andere für ihr Ego darstellen, abzuwehren. Schadenfreude ist hier für das Ego von entscheidender Bedeutung, denn das kleine Ego, es wächst, durch den Schaden, den andere angeblich erlitten haben.

Weder diese Erklärungen noch die Verhaltensweisen sind neu. Neu ist, dass Personen in Deutschland dafür von Steuerzahlern finanziert werden, dass sie ihre psychologische Beschädigung und ihre Schadenfreude öffentlich ausleben. Früher war die Öffentlichkeit ein Ort, an dem man sich besonders gut verhalten musste, heute ist sie ein Ort, an dem manche meinen, die Sau herauslassen zu dürfen, von Steuerzahlern finanziert wohlgemerkt.

Bleibt abschließend noch die Frage zu klären, warum Belltower News Belltower News heißen. Nun, für manche in der ScienceFIles-Redaktion ist eine Analogie offensichtlich: Die Analogie zur Geschichte, „Der Teufel im Glockenstuhl [The Devil in the Belfry]“ von Edgar Allen Poe. In dieser Geschichte beschreibt Poe die Verwerfungen, ja Verheerungen, die in einer Gesellschaft der geistigen Zwerge durch einen Teufel angerichtet werden, der sich im Glockenstuhl eingenistet hat. Die Belltower News sind offensichtlich angetreten, um zu verhindern, das sich wiederholt, was Poe beschreibt, dass sich ein Teufel in ihrer Kirche einnistet. Eine Fraktion mit abweichender Meinung in der Redaktion sieht eine Assoziation zum Wachturm der Zeugen Jehovas, und entsprechend den Ursprung der Namensgebung im alternativ-religiösen Bereich. Wir wollen indes den Zeugen Jehovas, die es an sich schon schwer haben, nicht noch eine Hypothek aufbürden, die ihnen den Garaus machen könnte, deshalb haben wir uns entschieden, den Teufel im Glockenstuhl als den wahrscheinlichen Ort, von dem die Belltowers ihren Namen entliehen haben, anzusehen.

Wie dem auch sei, wir wünschen Don Alphonso viel Spaß auf dem Weg zu neuen Ufern und Netzwerken und bei der schöpferischen Zerstörung, die damit einhergeht.

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Grenzen der Volkserzieher: Freie Märkte sind unvereinbar mit Totalitarismus


Der neue Mensch ist nicht dick. Sicher nicht. Er ist auch nicht unsportlich. Das schon gar nicht. Er raucht nicht. Himmel hilf. Seine Kritikfähigkeit reduziert sich auf Aussagen wie „Du Nazi“ oder „Das ist ja anti […. beliebiges Gutwort einsetzen]“. Der neue Mensch, wie er den Do-Goodern und Regierungen in dem, was sich moderne Staaten nennt, vorschwebt, ist bereit, einen kleinen Selbstbehalt zu akzeptieren und den größten Teil seines Einkommens als Steuer zu entrichten. Er zahlt gerne mehr für den Strom, weil er Öko-Strom unterstützen will. Er zahlt gerne mehr für soziale Ausgaben, weil 1.000.000 Flüchtlinge den moralischen Wert von Deutschland steigern. Er geht zwanzig, oder dreißig oder fünfzigmal zum Arzt, zur Vorsorgeuntersuchung gegen X, Y und Z, weil er ein guter Bürger ist, der seine Ansprüche gegenüber der Krankenkasse nicht verlieren will. Der neue Mensch und gute Bürger murrt nicht einmal, wenn er im Alter feststellt, dass trotz der horrenden Abzüge für die Rentenversicherung nicht genug Geld vorhanden ist, um ein Alter in Würde zu führen. Es macht dem guten Bürger schlicht nichts aus. Er geht dann zur Tafel oder wühlt sich durch öffentliche Mülleimer. Der neue Bürger ist auch sehr darauf bedacht, die Hygiene der öffentlichen Meinung zu wahren. Deshalb sagt er nichts, was anstößig ist, bringt zur Anzeige, was er anstößig findet und tut alles, damit es anderen nicht besser geht als ihm selbst.

Der neue Bürger ist leicht zu schaffen, wenn totalitäre Strukturen es befördern. Wer keine Alternative hat, weil sein Staat Alternativen mit hohen Kosten versehen hat, der lässt sich leicht in eine Richtung schieben oder nudgen, wie es heute heißt. Wer sich vor sozialen Kosten fürchtet, weil jeder, der seine Organe der wichtigen Nachwelt nicht übergeben will, auf dass Ärzte und Händler sich eine goldene Nase an dem unentgeltlich überlassenen Gut verdienen, dem kann man gut die Option, die Spende zu verweigern, lassen. Er wird sie nicht nutzen. Wer fürchten muss, durch ein falsches Wort, eine unangepasste Äußerung von der Horde der Gutmenschen verfolgt und verbal gekreuzigt zu werden, in der Folge seinen Job zu verlieren und Gefahr zu laufen, in Obdachlosigkeit zu enden, der ist leicht gefügig zu machen, leicht zum Verstummen zu bringen, leicht einzunorden. Nun ergänzen wir noch Kinder und die Verhaltenspflichten, die als staatliche Forderung an die richtige Aufzucht gestellt werden und fertig ist das totalitäre Umfeld, in dem kaum mehr jemand den Mund aufmacht.

In einem freien Markt ist das anders.

Ein Markt ist im Wesentlichen ein Ort der Optionen. Es gibt viele unterschiedliche Angebote und Nachfrager. Jeder findet etwas, was zu ihm passt.

Ein Markt als solcher ist zu groß, als dass man ihn kontrollieren und beherrschen könnte. Freiheit hat den großen Nachteil, mit Phantasie verbunden und genutzt zu werden.

Deshalb schränken Staaten Märkte ein.
Deshalb verknappen sie das Angebot.

Denn mit jeder Regulation, die den Markt wieder ein Stück beseitigt, geht auch ein Stückchen Freiheit verloren.

Und mit jedem Stückchen Freiheit, das beseitigt wird, werden Bürger gefügiger, so die Rechnung. Mit jedem Stückchen Gefügigkeit, das Staaten gewinnen, verschwindet ein Stückchen Widerstand.

Deshalb ist es oberste Priorität totalitärer Staaten, Märkte, seien es Märkte, auf denen Produkte, Waren, Dienstleistungen getauscht werden, seien es Märkte, auf denen Meinungen oder Informationen getauscht werden, zu beschränken, zu regulieren, zu kontrollieren.

Was passiert, wenn Staaten oder staatliche Organe keine Kontrolle über Märkte haben, zeigt ein Beispiel aus Seattle. Dort haben Do-Gooders beschlossen, dass sie die Adipositas vieler US-Amerikaner nicht mehr mitansehen wollen und deshalb den Preis von Coca Cola, Dr. Pepper und den anderen Softdrinks, die viel Zucker für wenig Geschmack anbieten, verdoppelt.

Das geschieht natürlich nur zum Besten der Bürger. Immer wenn Freiheiten von Bürgern eingeschränkt werden, haben die staatlichen Gefängniswärter nur das Beste der Bürger im Sinn, deren Sicherheit, deren Gesundheit, deren Lebensfreude … Und Lebensfreude gewinnt man bekanntlich nicht dadurch, dass man Coca Cola trinkt …

Man stelle sich ein entsprechendes Gesetz in Deutschland vor. Die Bundesregierung beschließt, dass alle Softdrinks, die Zucker enthalten, mit einer hohen Steuer belegt werden und nunmehr das Doppelte des vorherigen Preises kosten. Der Beschluss ist flächendeckend. Von Rewe in Kiel bis Aldi in Berchtesgaden gelten die erhöhten Preise. Die Gängelung der Verbraucher ist umfassend. Es gibt kein Schlupfloch außerhalb von Schmugglerringen. Die Beschränkung der Freiheit zu trinken, was man trinken will, ist uneingeschränkt.

Nicht so in den USA.
Hier scheitern die Versuche, bürgerliche Freiheiten zu beschränken, regelmäßig am Pluralismus der US-Kultur, der sich u.a. darin äußert, dass Persönlichkeitsrechte weitgehend unantastbar sind und keine Regelung so umfassend oder durchsetzbar ist, als dass man sie nicht unterlaufen könnte. Dass dem so ist, hat die Stadt Seattle bzw. die Do-Gooders, die dort die Stadt-Regierung bilden, gerade erfahren. Sie wollen das Verhalten ihrer Bürger so steuern, dass Letztere weniger Softdrinks trinken. Steuern ist hier wörtlich zu nehmen, denn ausgeheckt wurde eine Steuer auf Softdrinks, die eine fast Verdoppelung des Preises zum Ergebnis hat. In einem totalitären Staat ohne Alternative, in dem der Markt reglementiert und unfrei ist, käme eine solche Regelung dem Zwang für Bürger gleich, ihre Präferenzen nunmehr mit dem doppelten Einsatz von finanziellen Ressourcen zu verfolgen. Nicht so in den USA. Dort gibt es nicht nur einen Markt. Dort gibt es auch selbstbewusste Marktakteure. Mehr noch: Die selbstbewussten Marktakteure betreiben Supermärkte.

Und so hat Costco, ein großer Einzelhändler, nicht nur seine Preisschilder dahingehend geändert, dass die Kunden über die Höhe der Steuer, die in einen Preis eingeht, unterrichtet werden, Costco informiert seine Kunden auch darüber, dass die selben Produkte außerhalb von Seattle deutlich billiger sind, ergänzt durch die Adresse des nächsten Supermarkts außerhalb der Jurisdiktion von Seattle. Als Ergebnis haben sich die Absätze von Softdrinks in Seattle erheblich reduziert und sind im Umland fast explodiert.

Sozialwissenschaftler sprechen hier von Renitenz. Renitenz setzt immer dann ein, wenn ein Akteur von einem anderen zu etwas gezwungen werden soll, das er nicht tun will. Höhere Preise für etwas bezahlen zu müssen, weil ein Gutmensch meint, es sei der Gesundheit eines anderen schädlich, zu viel davon zu trinken, weshalb er Einfluss auf dessen Trinkmenge nehmen will, ist ein Zwang, der mit Sicherheit Renitenz nach sich zieht. Wie gesagt, in totalitären Systemen haben diejenigen, die Zwang ausüben, gleich welche Form der Zwang annimmt, leichtes Spiel mit ihren Opfern. Wer sich nicht fügt, wird in den Untergrund gezwungen und bezahlt sein Beharren auf Handlungsfreiheit damit, kriminalisiert zu werden. In einem freien Markt ist das nicht möglich. Dort kann ein Gezwungener den Anbieter wechseln und seine Bedürfnisse woanders befriedigen. Dort haben diejenigen, die Zwang ausüben, nicht so leichtes Spiel mit denen, die sie zwingen wollen.

Deshalb ist bei denen, die gerne Zwang auf andere ausüben wollen, die deren Handlungen, Entscheidungen und Gewohnheiten durch Zwang verändern wollen, der Markt so verhasst. Deshalb wollen sie Märkte, gleich welcher Art, dadurch zerstören, dass sie sie reglementieren. Denn Märkte sind die Feinde des Totalitarismus.

Eine gute Zusammenfassung der Bauchlandung, die die Gutmenschen in Seattle erlitten haben, findet sich hier.

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Klotzen, nicht Kleckern: Wenn Sie ein Schwein sein wollen, dann bitte richtig

Die Unverfrorenheit, der man heutzutage gegenübersteht, ist erstaunlich. Politiker fälschen wissenschaftliche Arbeiten, erfinden ein ganzes Studium, finanzieren ihre Kumpane über eigens erfundene Programme, die von Steuerzahlern bezahlt werden. Und weil das noch nicht reicht, beschimpfen sie Bürger, die ihre bürgerlichen Rechte wahrnehmen, als Wut- oder Problembürger oder gleich als Pack, sprechen anderen demokratische Rechte vollständig ab und führen sich auf, als würde ihnen die Deutschland AG komplett gehören, als wären sie gar keine Angestellten, die im Auftrag von Wählern deren Willen ausführen müssen.

ncomms13327-f1Frechheit siegt, so hat man früher gesagt, wenn man mit Zeitgenossen konfrontiert war, deren Unverfrorenheit bis sie an einem selbst geraten sind, zum Erfolg geführt hat. Aber früher hat man auch gedacht, dass es eine Grenze der Frechheit gibt, die von zwei Seiten definiert wird: Von Seiten derjenigen, die sich auf diese Weise Vorteile verschaffen wollen, einfach dadurch, dass sie eine moralische Grenze für sich einhalten, also z.B. nicht zu offen auf Kosten von Steuerzahlern leben, keine Studienabschlüsse erfinden und keine Kinderpornographie auf Rechnern, die Steuerzahler finanziert haben, sammeln, und von Seiten derjenigen, die mit Unverfrorenen konfrontiert sind, die sich entsprechend Vorteile verschaffen wollen, einfach dadurch, dass sie Grenzen der Zumutbarkeit und Akzeptanz setzen und wenn es anders nicht geht, eine auf’s Maul geben.

Neue Forschung aus Deutschland, von der Universität Köln, die gerade in Nature Communications veröffentlicht wurde, stellt diese Sicht der Dinge in Frage und legt den Schluss nahe, dass man, wenn man sich wie ein Schwein verhalten will, sich am besten wie ein großes Schwein verhält.

Loukas Balafoutas, Nikos Nikiforakis und Bettina Rockenbach haben untersucht, wie sich Passanten verhalten, die einen Normverstoß auf einem Bahnhof beobachten. Den Normverstoß gab es in zwei Formen: als Kaffeebecher und als Müllsack. Beides wurde einfach auf den Bahnsteig geworfen. 100 Passanten und deren Reaktionen haben die Forscher beobachtet und in anschließenden Befragungen, weitere 510 und noch einmal 324 Befragte mit dem Szenario und einigen Fragen dazu konfrontiert.

Das Ergebnis:

Die Mehrzahl der Passanten, die beobachteten, wie ein Kaffeebecher oder ein Müllsack auf den Bahnsteig geworfen wird, unternimmt nichts, gar nichts, macht keinen Versuch, den Normverstoß zu bestrafen. Mehr noch: Die Minderheit derer, die den Normverstoß direkt bestrafen, indem sie den öffentlichen Müllentsorger z.B. verbal maßregeln wird geringer, wenn ein großer Müllsack anstelle eines kleinen Kaffeebechers auf den Bahnsteig geworfen wird. Mit einem gröberen Verstoß gegen die Regeln des Miteinanders geht also ein geringere Wahrscheinlichkeit von Konsequenzen einher. Das mag erklären, warum Politiker heute, wenn es darum geht, sich opportunistisch gegenüber den eigenen Bürgern zu verhalten, nicht mehr Kleckern, sondern Klotzen.

angst-vor-aergerAls Erklärung dafür, warum sie den wilden Müllentsorger nicht für seinen Normverstoß zur Rede gestellt und ihn nicht dafür verantwortlich gemacht haben, geben 53% beim Kaffeebecher und 67% beim Müllsack an, dass das „zu Streit führen könnte“. Angst ist somit die Ursache dafür, dass Personen, die sich in der Öffentlichkeit wie Schweine benehmen, kaum Konsequenzen für ihr Verhalten zu erwarten haben, und je größer ihr Regelverstoß, desto größer ist die Angst vor Streit, d.h. je größer der Schaden durch den Normverstoß (für die Allgemeinheit), desto unwahrscheinlicher die Konsequenzen für denjenigen, der sich wie ein Schwein benommen hat.
Dieses Ergebnis erklärt unsere Überschrift und das Verhalten mancher Politiker.

Wir entschuldigen uns an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Schweinen, die zu intelligent sind, als dass sie ausgerechnet als Bezeichnung für Menschen herhalten sollten, die die Angst ihrer Mitmenschen ausnutzen. Wir begründen unsere Verwendung des Begriffs „Schwein“ mit kultureller Gepflogenheit, die den Begriff „Schwein“ dann, wenn er auf Menschen angewendet wird, seiner moralischen Befähigung, die ihn auszeichnet, wenn er auf die entsprechenden Tiere angewendet wird, entledigt.


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Untersuchung zeigt, was Wächter der politischen Korrektheit treibt

Wir haben wieder einmal ein kleines Juwel der Sozialforschung gefunden.

Zachary K. Rothschild, Mark J. Landau, Lucas A. Keefer und Daniel Sullivan sind dafür verantwortlich.

Und: “Another’s punishment cleanses the self: Evidence for a moral cleansing function of punishing transgressors” ist der Titel des Beitrags, der in der Zeitschrift Motivation and Emotion zur Veröffentlichung ansteht.

Die Untersuchung

Motivation Emotion SpringerIn drei Experimenten haben die Autoren die Idee getestet, dass eigene A-Moralität, das Wissen um eigene Verstöße gegen moralische Grundregeln (also z.B. das Begehen einer Straftat), dann als weniger schlimm empfunden wird, wenn es Andere gibt, die wegen moralischer Verfehlungen bestraft worden sind.

Das klingt zunächst etwas kryptisch.

Daher in Abfolge:

Alle drei Experimente begannen damit, dass ein Teil der Probanden eine kurze Begebenheit zu Papier bringen sollten, bei der sie in einer moralisch nicht vertretbaren Weise gehandelt haben.

Dann wurde den Probanden jeweils eine Geschichte zu lesen gegeben, und zwar in Experiment 1 von einem Studenten, dem vorgeworfen wurde aus einer Spendenbox an der Universität Geld gestohlen zu haben. Die Geschichte hatte drei verschiedene Ausgänge: (1) der Vorwurf gegen den Studenten hat sich als falsch erwiesen; (2) der Vorwurf hat sich als richtig erwiesen, aber der Student konnte nicht bestraft werden, weil er kein Student der Universität mehr war, (3) der Student wurde bestraft und von der Universität verwiesen.

Sodann sollten die Probanden auf einer 6-Punkte-Skala (“1” stimme überhaupt nicht zu bis “6” stimme voll und ganz zu) jeweils einschätzen, ob sie sich “außerordentlich rein”, “sehr sauber”, “dreckig” oder “verschmutzt” fühlten.

Ergebnis: Die Probanden, denen aufgegeben war, eine Episode zu erinnern und zu Papier zu bringen, in der sich sich in einer moralisch nicht vertretbaren Weise verhalten hatten, fühlten sich phyisch schmutziger als die Probanden, denen diese Aufgabe nicht gestellt worden war. Das Gefühl, psychisch verschmutzt zu sein, reduzierte sich erheblich, wenn die Probadenen mit der Version der Geschichte des Studenten konfrontiert wurden, in der der Student bestraft wurde.

Kurz: Das Wissen um die Bestrafung eines Dritten reduziert Gefühle der Verschmutzung aufgrund eigenen nicht moralischen Handelns.

Zwei weitere Experimente haben die Autoren durchgeführt, bei denen Sie Bedingungen und Einschätzungen variiert haben.

Die Ergebnisse bestätigen Experiment 1. So hatten Probanden, die ein eigenes nicht moralisches Verhalten berichtet hatten, größere Schuldgefühle als die Vergleichsgruppe, sie schätzten andere Personen, die sich nicht moralisch verhalten haben, als körperlich dreckiger ein als die Vergleichsgruppe, sie waren bereitwilliger als die Vergleichsgruppe ihr nicht moralisches Verhalten zu revidieren, eine Bereitschaft, die erloschen ist, wenn sie erfahren haben, dass ein Dritter für sein nicht moralisches Verhalten bestraft wurde.

Schließlich haben Probanden, die ein eigenes nicht moralisches Verhalten berichtet haben, einen Autofahrer, der eine Unfallflucht begangen hat und sich ebenfalls nicht moralisch verhalten hat, als boshafter eingeschätzt als die Vergleichsgruppe, wobei die Probanden gleichzeitig mehr eigene Schuld empfunden haben als die Vergleichsgruppe, allerdings nur so lange, bis sie erfahren haben, dass der Unfallflüchtige bestraft wurde.

So what?

Alle drei Experimente zeigen die symbolische Bedeutung öffentlicher Bestrafung von Personen, die sich moralisch nicht korrekt verhalten haben: Öffentliche, mediale Hinrichtungen wirken als moralische Reinigung für alle Betrachter, die sich ihrerseits moralisch nicht korrekt verhalten haben, die Straftaten begangen haben usw.

Mediale Hinrichtungen von Personen, die sich nicht moralisch verhalten haben, die also den Kanon der Regeln, die als für die Gesellschaft wichtig angesehen werden (sollen), nicht eingehalten haben, von Personen wie Uli Hoeneß oder Christop Daum, für die, die sich noch an ihn erinnern, dienen also nicht nur der Generalprävention, wie Kriminologen annehmen, also der Kenntlichmachung dessen, was passiert, wenn man z.B. Steuern hinterzieht, sie dienen auch der moralischen Reinigung, und dazu dienen sie all denen, die ihrerseits Leichen im Keller haben.

Entsprechend haben mediale Hinrichtungen oder Schauprozesse nicht nur eine positive generalpräventive, sondern auch eine negative Wirkung, führen sie doch dazu, dass all diejenigen, die sich ihrerseits schuldig fühlen, z.B. weil sie Steuern hinterzogen haben, z.B. weil sie Brandsätze geworfen haben, z.B. weil sie fremdes Eigentum zerstört haben, durch die öffentliche Zelebrierung der Bestrafung eines Dritten, von aller eigenen moralischen Verfehlung gereinigt.

Insofern öffentliche Hinrichtungen oder öffentiche Pranger eine reinigende Funktion für die Betrachter haben, quasi eine Form der Beichtstuhl-Absolution, lässt sich mediales Aufmerksam-Machen auf vermeintliche Verfehlungen Dritter natürlich dazu instrumentalisieren, die Leichen im eigenen moralischen Keller etwas tiefer zu verbuddeln.

Und das erklärt, warum Wächter der politischen Korrektheit aus dem Boden schießen, deren einziges Anliegen darin besteht, moralische Überlegenheit zu zelebrieren und die Abweichung von dem, was sie als politisch korrekt wahrnehmen, anzuprangern.

AfD-Watch, deren Ziel darin besteht, Dritte zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, Münkler-Watch, dessen Ziel darin besteht, einen konkreten Professor zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, der Jammerzirkus, der klagend ob des wachsenden Anti-Feminismus durch die Lande zieht und dessen Ziel darin besteht, alle, die Kritik am Genderismus üben, zu diffamieren und öffentlich zu brandmarken, die Antifas, die wechselweise gegen das furchtbare Kapital, die schreckliche Globalisierung, die verderbliche Kernkraft, die zersetzende Gentechnik zu Felde ziehen und regelmäßig versuchen, die Bösen in ihrer Bösartigkeit öffentlich zu kreuzigen, sie alle werden getrieben von dem Motiv, sich selbst zu reinigen, ihre eigenen moralischen Unzulänglichkeiten quasi auf Dritte zu projizieren.

Die öffentlichen Hinrichtungen, die wir in letzter Zeit beobachten können, sind somit nichts anderes als der Ersatz für den Beichtstuhl in der nicht-säkularen deutschen Gesellschaft: Sie verteilen Absolution an diejenigen, die sich selbst für moralisch unzulänglich und nicht gesellschaftsfähig halten.

Rothschild, Zachary K., Landau, Mark J., Keefer, Lucas A. & Sullivan, Daniel (2015). Another’s Punishment Cleanses the Self: Evidence for a Moral Cleansing Function of Punishing Transgressors. Motivation and Emotion (Online First).

Der Islam oder: Einbildung als Rettungsanker der Mittelschicht?

“Im Sommer 1954 versammelten Forscher um den US-amerikanischen Sozialpsychologen Muzafer Sherif 22 Jungen in einem Sommerlager. Die Jungen entstammten ausnahmslos weißen, protestantischen Elternhäusern der Mittelschicht. Die Jungen Robbers-Cave-Experimentwurden in zwei Gruppen geteilt, wobei die Forscher darauf geachtet haben, dass die physischen, geistigen und sozialen Talente der Jungen auf beide Gruppen ungefähr gleich verteilt waren. Beide Gruppen wussten zunächst nichts voneinander. Durch gemeinsame Tätigkeiten und Spiele entwickelten die Jungen beider Gruppen, die sich vor dem Sommerlager nicht gekannt hatten, ein Zusammengehörigkeistgefühl, das sich schnell in einem Gruppennamen niederschlug. Die eine Gruppe nannte sich “die Adler”, die andere Gruppe nannte sich “die Klapperschlangen”. Nachdem Mitglieder der Klapperschlagen und der Adler auf das Vorhandensein der jeweils anderen Gruppe hingewiesen wurden, entwicklten die Mitglieder beider Gruppen ein starkes “Wir-Gefühl”, dessen sichtbares Zeichen eine Flagge war, mit der Mitglieder beider Gruppen ihre Besitzstände zu signalisieren suchten. Gleichzeitig entstanden erste Gruppenanimositäten: Jungen aus beiden Gruppen belegten sich mit Schimpfworten, der jeweilige Gruppenname wurde von den Jungen der jeweils anderen Gruppe als Schimpfwort benutzt. Die Forscher nutzten diese Situation, um einen Wettbewerb auszuloben, an dessen Ende die Mitglieder der siegreiche Gruppe eine Trophäe und Medaillen erhalten sollten. Die Adler gewannen diesen Wettbewerb, was bei die Mitglieder der unterlegenen Klapperschlangen dazu veranlasst hat, die Unterkunft der Adler zu überfallen und die Trophäe, sowie die Medaillen und alle Taschenmesser, derer sie habhaft werden konnten, zu stehlen. Die Forscher hatten einen Krieg zwischen zwei Jungengruppen aus dem Nichts und auf Grundlage von willkürlichen Gruppenbezeichnungen geschaffen. Das Experiment von Sherif et al. ist als Robber’s Cave Experiment in die Geschichte der Sozialpsychologie eingegangen.”

Instrumentell für die Schaffung von Animositäten zwischen Jungen, die sich bis zum Start des Sommerlagers nicht kannten, war die Schaffung einer willkürlichen und fiktiven sozialen Identität und damit eines “Wir-Gefühls, die Benennung und damit Sichtbarmachung dieser Identität als “Klapperschlagen” und “Adler” und die Symbolisierung dieser Identität mit Hilfe von Artefakten, im vorliegenden Fall mit Hilfe einer Fahne. Die Einführung von Knappheitsbedingungen durch einen Wettbewerb, den nur eine beider Gruppen gewinnen kann, hat die Gruppenidentität nach innen gestärkt und nach außen in Ablehnung und Hass gegenüber der anderen Gruppe überführt. Schließlich hat der Ausschluss einer der beiden Gruppen von Ressourcen (signalisiert durch die Vergabe von Trophäe und Medaillen an die andere Gruppe) zu offener Feinschaft und Gewalthandlungen geführt.

Es braucht demanch nur eine eingebildete Zugehörigkeit, mehrere andere, die diese Einbildung teilen, ein Symbol für diese Zugehörigkeit und knappe Ressourcen, um einen Konflikt zwischen Gruppen zu schaffen.

Sherif Robbers caveNun denkt man, das sind Jungen und eben keine Erwachsenen. Bei Erwachsenen ist das anders. Erwachsene sind rationaler und durchschauen die Willkürlichkeit von Gruppenidentitäten. Erwachsene wissen, dass es keine Identität der “Klapperschlangen” gibt, keine Essenz, die die “Klapperschlangen” von den “Adlern” unterscheidet. Von Erwachsenen erwartet man, dass sie um eine geteilte Menschlichkeit wissen, dass sie in der Lage sind, eine Verbindung zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen anderer herzustellen, zu abstrahieren und zu denken: Es gibt Dinge, die alle Menschen teilen. Alle Menschen haben Grundbedürfnisse nach Nahrung, Trinken, Schlaf, suchen Sicherheit und Selbstbestätigung. Derartige Gemeinsamkeiten sind wichtiger als eingebildete Gruppenzugehörigkeiten.

Schade nur, dass die Hoffnung in die menschliche Rationalität in der Realität oft nicht wiederzufinden ist. In der Realität gibt es willkürlich zusammengebastelte Nationalstaaten. Die darin Eingepferchten denken tatsächlich, sie wären über die gemeinsame Verpflichtung, Steuern an eine Polit-Klasse zu entrichen, durch geheimnisvolle Kräfte, Klapperschlangen-Kräfte, miteinander verbunden und so zusammengeschweißt, dass es mehr Gemeinsamkeit zwischen einem Hamburger und einem Würzburger gibt als zwischen einem Türken und einem Deutschen.

Und wie Klapperschlangen und Adler im Robber’s Cave Experiment ihre Zusammengehörigkeit dadurch zementiert haben, dass sie sich von der jeweils anderen Gruppe absetzten, die jeweils andere Gruppe als deviant, abweichend und feindlich definiert haben, so findet auch heute die Definition von z.B. Deutschtum ausschließlich in Abgrenzung nach außen, z.B. vom Islam Fall statt. Der Islam, das sind die Adler der Klapperschlangen, so könnte man formulieren, aber das wäre falsch, denn im Gegensatz zu den Jungen, die 1954 dem berichteten Experiment unterzogen wurden, braucht es heutzutage keinerlei physisches Gegenüber mehr, von dem man sich abgrenzt.

Im Zeitalter medialer Dauerberieselung genügt es, sich Phantasien vom bösen Gegenüber zu machen, diese Phantasien dann mit einem Namen zu versehen, Islam zu nennen, um dann, zur Krönung der Aneinanderreihung von Fehlschlüssen, alle, die sich zum Islam Bekennen als Feinde auszumachen. Die sozialpsychologische Fehlfunktion, die Sherif und seine Mitarbeiter bei den Jungen in Robber’s Cave ausgemacht haben, geht entsprechend deutlich über das hinaus, was sich Sherif et al. vorstellen konnten.

Offensichtlich ist es für manche problemlos möglich, nicht nur eine willkürliche Bezeichnung mit ihren Ängsten und Bedrohungsphantasien zu füllen, sie sind auch in der Lage, diese Phantasien auf mehr als eine Milliarde Menschen zu übertragen und die Überzeugung zu vertreten, dass diese Milliarde Menschen des Teufels sind.

Der bindende Kitt für diesen Fehlschluss ist eine Variable, die Sherif und seine Mitarbeiter nicht berücksichtigt haben, die ihnen vermutlich nicht einmal in den Sinn gekommen ist: Essentialismus. Essentialismus meint die Zuweisung von unveränderlichen und für ein Zuweisungsobjekt konstituierenden Eigenschaften. Der Essentialismus für Islam lautet: böse Religion.

Essentialismus kennt keinerlei Differenzierung, basiert er doch gerade auf der Überzeugung, dass der Nukleus der bösen Religion sich wesenhaft in allen findet, die sich durch die böse Religion haben infizieren lassen. Entsprechend kann es für Essentialisten nur böse Muslime, Islamisten, Araber, wie auch immer man sie bezeichnen will, geben. Gute Muslime sind nicht vorgesehen, bringen das ganze kunstvolle Phantasiegebilde zum Einsturz.

Für diesen essentialistischen Wahn sind manche bereit, jede Menschlichkeit aufzugeben. Das äußert sich dann in einer unglaublichen Entfremdung von allem, was man als normal menschlich bezeichnet. Im sich ergebenden Zerrbild ist dann kein Platz für menschliche Bedürfnisse, für Hunger, Angst, Liebe, Furcht, Schrecken – all das, was die Vertreter eines entsprechenden Essentialismus für sich in Anspruch nehmen, ist damit gleichsam anderen entzogen: Muslime können es nicht haben, können weder Furcht, noch Hunger noch Liebe oder Angst empfinden. Man hat sie entmenschlicht, um die eigene Vorstellung, die auf der Grundlage einer herbeiphantaiserten Gemeinsamkeit gebildet wurde, aufrecht erhalten zu können. Und dieses Fundament wäre mit einem Schlag beseitigt, würde man Muslimen Menschlichkeit zugestehen.

TajfelNun hat die Gruppenzuordnung noch einen Zweck, der über die Not, sich eine Identität, eine soziale, keine personale, zu geben, hinausgeht: den der Sicherung von Ressourcen durch den Ausschluss anderer – und damit die letzte Zutat aus dem Robber’s Cave Experiment.

Und wieder denkt man: Robber’s Cave, das waren Jungen, keine Erwachsenen: Erwachsene wissen, dass der Zugang zu Ressourcen nicht von eingebildeten Zuordnungen abhängt, dass sich z.B. deutsche Politiker und deutsche Funktionäre, die allesamt die fiktive Eigenschaft teilen, deutsch zu sein, munter selbst bedienen und der Schaden, der von ihnen jährlich angerichtet wird, duch Klientelpolitik und Bevorzugung ihrer deutschen Spezies, deutlich höher ist als alle Kosten, die entstünden, ließe man Angehörige von als fremd etikettierten Gruppen an den vorhandenen Ressourcen partizipieren.

Wozu also das Beharren auf eingebildeten Kategorien, um andere von Ressourcen auszuschließen? Man kann nicht anders als ein unrühmliches Treten nach unten anzunehmen, ein Treten, das Getretene nicht diejenigen zur Rechenschaft ziehen sieht, die sie getreten haben, sondern ihrerseits nach unten treten lässt …

Die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg!

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