Ministerin Schulze: Einfalt unter der Vielfalt

Unsinn der Woche

Eine Pressemitteilung des Landes Nordrhein-Westfalen, genauer des Pressereferats im Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung, hat sich unter die Nachrichten aus der Wissenschaft verirrt, die das IDW täglich veröffentlicht. Vermutlich ist die Pressemeldung dort gelandet, weil jemand viel Spass dabei hatte, Einfalt zu demonstrieren. Am besten wir steigen direkt ein, in die Mitteilung, die Ministerin Schulze für die Öffentlichkeit hat:

“Menschen weisen immer öfter Unterschiede hinsichtlich ihres Alters, ihrer sozialen und ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer physischen und psychischen Fähigkeiten oder auch ihrer Religion und Weltanschauung auf. Diese Unterschiedlichkeit birgt das Potenzial für Kreativität und Innovation in sich. Und dieses Potenzial müssen wir nutzen” sagte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. “Die Workshopreihe hat dazu wichtige Hinweise gegeben.”

Einfalt hat viele Gesichter
Einfalt hat viele Gesichter

Welch unglaubliche Erkenntnis die Ministerin hier doch entwickelt hat: Menschen sind unterschiedlich alt, sie kommen aus unterschiedlichen Schichten und Ländern, manche von ihnen sind gar weiblich, andere männlich, und dann gibt es auch Homosexuelle und Spitzesportler und Kranke und Evangelische, ja gar Liberale soll es noch irgendwo geben. Eine unglaubliche Erkenntnis, die die Ministerin hier hat, sicher geeignet, um ihr eine Ehrendoktorwürde für Sozialstrukturanalyse an der Humbug Universität in Berlin einzubringen. Und Unterschiede im Alter und im Geschlecht, der ethnischen Herkunft oder der Gesundheit, die es “immer öfter” gibt, wie die Ministerin aufgrund ihrer dynamischen Forschungsperspektive weiß, sind gut, so gut, dass sie Potential darstellen, das wir, also die Ministerin im Pluralis Majestatis oder diejenigen, die zugegen waren, als sie diesen Unsinn von sich gegeben hat, oder eine noch zu benennende Menge des vielfältigen “Wir”, also “wir” nutzen müssen.

Ja.

Wenn Sie nun zu Ende gelacht haben, können wir uns vielleicht dem wichtigen Thema der Vielfalt oder auch der Heterogenität, so genau ist der Ministerin der Unterschied zwischen beiden Worten, wohl nicht geläufig, nennen wir es daher einfach Diversität, zuwenden. Am besten durch die “Publikation zum Workshop “Wissenschaft hat viele Gesichter”, die “bereits erschienen” ist und in der die Ministerin ein Interview als Vorwort hält (vermutlich mit sich selbst …).

Und es ist dieses Interview, aus dem man eine Unzahl weiterer wichtiger Erkenntnisse entnehmen kann, die der oben zitierten Erkenntnis in nichts nachstehen:

“Ein reflektierter Umgang mit Vielfalt bereichert das Zusammenleben … indem er alternative Wahrnehmungs- Denk- und Handlungsansätze eröffnet.”

Reflektieren wir kurz über unseren Umgang mit dem Zitat von Ministerin Schulze, am besten dadurch, dass wir der Vielfalt und der immer größeren Unterschiede, die es im Hinblick auf die Verteilung von Intelligenz gibt, Rechnung tragen. Und in der Tat, wir wissen nicht, wie das bei Ihnen ist, aber es eröffnet wirklich neue Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsansätze, man wird so … mitleidig, fast schon friedlich…

Aber nur fast, deshalb weiter im Text:

NRW Minist Inn“Der demografische Wandel … eine sinkende Zahl von Fachkräften, machen es … für Hochschulen … unabdingbar … sich … auf die Heterogenität dieser Gruppen [der Studierenden] einzustellen”. Deshalb, so die Ministerin weiter, müssten Universitäten “Vielfalt als Ressource anerkennen und wertschätzen, Talente unabhängig vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern erkennen und fördern, für Beschäftigte und Studierende eine diskriminierungsfreie Lern- und Arbeitsumwelt schaffen, für internationale Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler attraktiver werden.”

Zurückgehende Geburtzahlen, also weniger Kinder und damit weniger potentielle Studenten sorgen für Fachkräftemangel, so die Ministerin, und Heterogenität. Heterogenität gibt es also erst seit dem Fachkräftemangel oder dem demographischen Wandel, sie ist, wenn man so will, eine Erfindung der Neuzeit, jedenfalls denkt Ministerin Schulze das wohl. Und weil Heterogenität wichtig ist, muss die Vielfalt der Ressourcen anerkannt werden, also arme Intelligente und reiche Dumme und leistungswillige Jungen und leistungsunwillige Mädchen, z.B. und natürlich die Gruppe der Opportunisten, die sich in all der Heterogenität verstecken, ganz unabhängig vom Bildungsstand der Eltern.

Und damit Universitäten die Heterogenität nutzen können, oder die Vielfalt, damit sie das können, müssen sie am besten schon Sechsjährige rekrutieren und verhindern, dass Talente im in dieser Hinsicht dysfunktionalen Schulssystem, das Jungen diskriminiert und Schüler in Abhängigkeit von ihrer sozialen Herkunft aussortiert bzw. weiterempfiehlt (Kinder aus der Unterschicht auf Haupt- und Sonderschulen, Kinder aus der Mittelschicht auf Realschulen und Gymnasien), dass diese Talente verloren gehen. Ach ja, attraktiv für ausländische Studenten müssen die Hochschulen auch sein, für die Vielfalt der Studenten aus den 206 Staaten der Erde, naja, aus den meisten, wir wollen die Vielfalt ja nicht übertreiben und Diversitäts-Wanderungen an unsere Hochschulen befördern, also keine armen Schwarzen aus dem Kongo oder aus dem Süden des Sudan.

Vielfalt des BieresÜberhaupt fällt auf, dass die Prediger und Apostel der Vielfalt sich durch eine sehr rigide Interpretation der Vielfalt oder Diversität auszeichnen. Vielfalt ist für sie nämlich nichts, was Menschen eigen ist, sondern etwas, das Gruppen zugestanden wird, eine Form staatlich anerkannter Vielfalt. Derzeit gibt es fünf Möglichkeiten, als Vertreter einer staatlich anerkannten Vielfalt akzeptiert zu werden, wie aus der Broschüre “Wissenschaft hat viele Gesichter” entnommen werden kann:

Die Vielfalt sozialer Schichtzugehörigkeit, die allerdings keine Kinder aus der Oberschicht umfasst. Die sind privilegiert und somit nicht anerkennungsfähig.

Die Vielfalt religiöser und sonstiger Weltanschauung, wie es so schön heißt, also das jeweilige Glaubessystem, dem sich manche verpflichtet fühlen, vom Katholizismus über den Isalm bis zum Feminismus und Sozialismus.

Die Vielfalt des Alters, die ist gerade erst entdeckt worden, wie die Ministerin weiß, denn früher sind die Menschen scheinbar nicht gealtert, und seit wir die Vielfalt entdeckt haben, ja, was eigentlich, seit dem gibt es Alter… und Demenz, und das ist vermutlich die Crux, damit die Vielfalt von Alter entdeckt werden konnte, musste eine Hilfsbedürftigkeit für Alte geschaffen werden, eine Verdienstmöglichkeit für die Hilfeindustrie. Denn erst wenn Vielfalt finanziell ausgenutzt werden kann, ist es anerkennungswerte Vielfalt.

Vielfalt gibt es auch in Gesundheit, wobei wir die Vielfalt nicht zu weit treiben wollen und deshalb nur Behinderte und Schwangere zur entsprechend hilfsbedürftigen Gruppe zählen.

Schließlich ist auch die sexuelle Orientierung (also das, was man früher Geschlecht genannt hat) nicht zu vergessen. Die sexuelle Orientierung ist die Ressource, die es an Hochschulen zu nutzen gilt, denn scheinbar ist man der Überzeugung, insbesondere auf die Ministerin trifft dies wohl zu, dass Homosexuelle anders denken als Heterosexuelle und somit eine biologisch distinkte Gruppe darstellen, deren Hirn anders funktioniert. Wäre dies nicht die Prämisse, es wäre schlicht nicht notwendig, die sexuelle Orientierung als wichtige Ressource für Hochschulen zu bezeichnen.

dorksideAber es ist wichtig für die Diversitäts-Vielfalts-Heterogenitäts-Apostel-Priester. Für sie ist es wichtig, die Vielfalt nicht vielfältig werden zu lassen. Und deshalb gibt es genau fünf Formen akzeptierter Vielfalt. Wenn Sie also als vielfältig und divers gelten wollen, dann müssen sie sich z.B: eine Identität als Homosexueller zulegen oder auf ihre Weltanschauung pochen: “Ich bin ein Marxist”, müssen sie dann sagen und schon wird ihnen ein Schutzraum eröffnet, und, ja, sie können der größte Depp sein und dennoch gelten sie als Ressource, die Weltanschauung als akzeptierte Vielfalt macht es möglicht.

Vorteile verschafft man sich auch dadurch, dass man die fünf anerkannten Formen von Diversität kombiniert, wenn sie also zum homosexuellen Feministen mit Kinderwunsch werden, der aufgrund seiner Abweichung eine Schizophrenie entwickelt hat und gemeinsam mit anderen Mittelschichtsangehörigen in der Psycho-Therapie alt wird. Vielfalt als Ressource: ungeahnte Möglichkeiten ergeben sich.

Wer bislang gedacht hat, seine spezielle Biographie, seine Lehre und sein anschließendes Studium, sein Auslandsaufenthalt als Aufbauhelfer in Ruanda, seine Anstrengungen zum Bodybuilding, die ihm nicht nur die Muskeln und Kraft, sondern auch die Fähigkeit verschafft haben, einen Angreifer in die Flucht zu schlagen, wer also denkt, derartige individuelle Lebensverläufe und Leistungen seien die Ursache von Vielfalt unter den Menschen, der irrt.

Vielfalt gibt es nur in fünf anerkannten Varianten. Sie wird von Einfältigen vertrieben, die die Welt in ihren vielen Facetten ebenso wenig ertragen können, wie die Tatsache, dass es wichtigere Dinge geben könnte als sie und ihre Fixierung auf die fünf genannten Vielfalts-Gruppen.

Wir leben in einer Welt, in der Etwas zum hehren Ziel stilisiert wird und in sein Gegenteil verkehrt eine phantasierte Realität bevölkert, ohne dass dies die Einfältigen und Dummen daran hindern würde, dieses Etwas zu sehen und zu verehren. Diese Herrschaft des Unverstands ist ohne historisches Vorbild, was zeigt, wie vielfältig die Ausdrucksformen von Dummheit doch sein können.

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