
„Bedrohte Bücher. Eine Geschichte der Zerstörung und Bewahrung des Wissens.“
Wird mehr attackiert als „nur“ die Worte, die diese Bücher enthalten?; so stand es in der „Financial Times“ anlässlich des Erscheinens des im Titel genannten Buches des britischen Autoren und Bibliothekars Richard Ovenden im Jahr 2020 zu lesen.
In diesem m.E. lesenswerten Buch beschreibt Ovenden, der auf eine herausragende Karriere im Bibliothekswesen zurückschauen kann und seit 2014 als der 25. Bibliothekar der Bodleian Library an der Universität Oxford fungiert – die ihrerseits sechsundzwanzig einzelne Bibliotheken in Oxford samt der zentralen Universitätsbibliothek umfasst –, Bücherverbrennungen, Zerstörungen von Bibliotheken und digitale Manipulationen von Daten oder Texten zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte der Menschheit und an verschiedenen Orten – und ihre Folgen.
Sein Anliegen ist es erstens zu zeigen, dass Versuche, Informationen und Wissen dem Vergessen anheim fallen zu lassen – sei es böswillig oder durch das Bestreben motiviert, zu einer bestimmten Zeit vermeintlich oder tatsächlich als falsch oder überholt erkannte Darstellungen auszusondern –, so alt sein dürften wie die ersten Bemühungen darum, Wissen und Informationen zu sammeln und für Folgegenerationen zu bewahren, und zweitens zu zeigen, warum der uneingeschränkte Zugang zu Informationen und die Bewahrung von Wissen, das „vulnerable, fragile and unstable“ (Ovenden 2020: 7), d.h. „verletzlich, zerbrechlich und instabil“, sein kann,
„… vital for an open, healthy society [ist], as indeed it has been since the beginning of our civilisations“ (Ovenden 2020: 5),
d.h.
„… lebenswichtig für eine offene, gesunde Gesellschaft [ist], wie es in der Tat seit Beginn unserer Zivilisationen der Fall war“ (Ovenden 2020: 5).
So bearbeitet Ovenden in Kapitel 13 des Buches die Fragen:
Zwar bietet die Digitalisierung eine zusätzliche Chance für die Bewahrung und Weitergabe von Informationen bzw. Wissen, aber gleichzeitig bietet sie Chancen, Informationen und Wissen in bis dahin unbekanntem Ausmaß und in Sekundenschnelle zu zerstören, zu manipulieren oder unzugänglich zu machen, Letzteres u.a. durch DDos(Denial-of-Service)-Angriffe, bei denen eine systematische Überlastung von Servern durch von Bots generierte Anfragen herbeigeführt wird.
Ovenden weist auch auf m.E. sehr wichtige Gerechtigkeitsfragen hin, wenn er festhält, dass ein großer Teil des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit durch die Digitalisierung bereits jetzt in der Hand weniger großer Unternehmen wie Google oder Facebook geraten ist, die sich seiner als „Daten“ bedienen, sie zugänglich machen oder nicht zugänglich machen können. Z.B. machen sie große Teile des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit nur einem zahlenden Publikum oder sonstwie ausgewählten Personengruppen zugänglich, Und nicht nur das:
Ein paar Seiten weiter, genau: auf Seite 201, weist Ovenden dann darauf hin, dass solche Praktiken der Digitale-Technologie-Unternehmen sowie deren Beteiligung an und Manipulation von politischen Kampagnen überhaupt nur belegbar ist, wenn die Archive, die Belege hierfür enthalten, nicht ihrerseits von diesen Unternehmen kontrolliert werden und dementsprechend zerstört, manipuliert oder unzugänglich gemacht werden. Wie Ovenden festhält, ist es deshalb wichtig, dass es Bibliotheken und Archive gibt,
Ein „Recht auf Vergessenwerden“, wie es in Deutschland und der EU gemäß Artikel 17 DSGVO existiert, ist diesem Anliegen entgegengesetzt. Es schützt vor allem diejenigen, die nicht (mehr) die Verantwortung dafür tragen möchten, was sie öffentlich gesagt oder getan haben und leistet damit unverantwortlichem Sprechen und Handeln Vorschub, während es verhindert, dass sich jemand ein eingermaßen realistisches Bild von jemand anderem machen kann, dem es per Gesetz freisteht, diejenigen Aspekte seiner Person oder seiner Rede, die er selbst nicht schätzt (sonst wollte er ja nicht verhindern, dass sie in der Öffentlichkeit bekannt oder weiter bekannt werden), zu unterschlagen.
Private Initiativen zur Dokumentation von im web veröffentlichten Inhalten sind vor diesem Hintergrund sehr wichtig, wenn nicht unverzichtbar. Als das „uber-web archive“ aller derzeit exisiterenden digitalen Archivierungs-/Dokumentations-Initiativen bezeichnet Ovenden das „Internet Archive“ mit Sitz in San Francisco, das von Brewster Kahle im Jahr 1996 geschaffen wurde (Ovenden 2020: 202). Eine der wichtigsten Dienstleistungen des „Internet Archive“ ist die „Wayback Machine“, in der Webseiten gesichert sind, die im Rahmen einer normalen Suche mit Hilfe von Suchmaschinen (z.B. Google Search, DuckDuckGo etc.) nicht mehr gefunden werden können, weil sie von den jeweiligen Betreibern aus dem Netz genommen wurden . Ovenden (2020: 203) berichtet, dass das „Internet Archive“ seit seiner Existenz 441 Billionen Web-Seiten gesichert hat. Den Nutzen der „Wayback Machine“ illustriert Ovenden anhand einer eigenen Erfahrung:
Ovenden betrachtet das „Internet Archive“ als „incredibly valuable“ (Ovenden 2020: 203), d.h. als äußerst wertvoll, und als „‚organised body of knowledge‘ of huge importance for global society“ (Ovenden 2020: 204), d.h. als „‚organisierten Wissensbestand‘ von großer Bedeutung für die globale Gesellschaft“, aber er macht sich Sorgen um seine Überlebensfähigkeit als kleine, unabhängige Einrichtung, die nur eine bescheidene Finanzierungsgrundlage aufweisen kann (Ovenden 2020: 203). Er meint deshalb:
„The international community of libraries and archives need to come together to develop new ways of supporting the Internet Archive’s mission“ (Ovenden 2020: 204),
d.h.
„Die internationale Gemeinschaft der Bibliotheken und Archive muss zusammenkommen, um neue Wege zur Unterstützung der Aufgabe des Internet Archive zu entwickeln“ (Ovenden 2020: 204).
Zur Finanzierung von – digitalen oder traditionellen – Archiven und Bibliotheken schlägt Ovenden (in Kapitel 14) die Einführung einer „memory tax“ (Ovenden 2020: 222), d.h. einer „Gedächtnis-Steuer“ oder „Erinnerungs-Steuer“, vor, die von den Tech-Unternehmen gezahlt werden sollten. Dieser Vorschlag schließt an das oben bereits angesprochene Gerechtigkeitsproblem, das Ovenden sieht, an:
Was Ovenden diesbezüglich offenbar als unproblematisch ansieht, es jedenfalls nicht als problematisch thematisiert, ist, dass dies gesetzliche Regelungen möglichst einer ganzen Reihe von nationalen Regierungen erfordern würde, und diese, wenn die erforderliche gesetzliche Grundlage geschaffen wäre, alles andere als neutrale Treuhänder von Steuermitteln sind, wie uns die Erfahrung gelehrt haben sollte. Nationale Regierungen sind heutzutage nicht weniger daran interessiert, ihre politische Ideologie zu propagieren und ihren politischen wie materiellen Nutzen zu mehren als zu irgendeiner anderen Zeit (eher im Gegenteil) und als dies Technologie-Unternehmen sind.
Ironischerweise liefert Ovenden selbst in seinem Buch einige Beispiele für ideologisch motivierte „Schlagseite“, die deutlich zeigt, dass Menschen, die Archive oder Bibliotheken verwalten, wie Ovenden das seit Jahrzehnten tut, durchaus nicht unbedingt als die neutralen Hüter von Informationen angesehen werden können als die sie sich vielleicht selbst sehen oder als die sie gesehen werden wollen. So hat Ovenden u.a. eine ärgerliche Neigung, Beispiele für die Relevanz von digitalen Archiven auf Kosten von Donald Trump, u.a. auf den Seiten 205 bis 206, aber niemals von Hillary Clinton oder Joe Biden zu bringen. Ovenden ist anscheinend auch aufrichtig davon überzeugt, dass die „Wikipedia“ etwas anderes (geworden) sei als ein Propagandainstrument Linksextremer oder sozialer Aktivisten (s. Ovenden 2020: 207-208); so bezeichnet er die „Wikipedia“ auf Seite 207 allen Ernstes als eine „online encyclopedia“ und „[o]ne of the most heavily used ‚organised body of knowledge‘ in the present day“, und fügt beunruhigenderweise an:
„Libraries and archives, far from feeling threatened by it, have from the outset chosen to work with it“ (Ovenden 2020: 207),
d.h.
„Bibliotheken und Archive fühlen sich davon keineswegs bedroht, sondern haben sich von Anfang an dafür entschieden, mit ihr zu arbeiten“ (Ovenden 2020: 207),
aber anscheinend haben sie nicht bemerkt, dass die „Wikipedia“ von ihren anfänglich durchaus respektablen Zielen sehr weit abgekommen ist und statt eines Wissenskorpus ein systematisch zensiertes und manipuliertes Instrument zur Bekämpfung ideologisch unwillkommener Ideen, Tatsachen und Personen geworden ist, und zwar so sehr, dass selbst der Mitbegründer der „Wikipedia“, Larry Sanger, in Interview mit Fox News den linken Bias derselben kritisiert und als „entmutigend“ bezeichnet und festgestellt hat, dass „The days of Wikipedia’s robust commitment to neutrality are long gone“, d.h. „Die Zeiten, in denen die Wikipedia konsequent der Neutralität verpflichtet war, sind längst vorbei“ (s. hierzu den Bericht von Mailonline vom 21. Februar 2021).
Ein Archiv oder eine Bibliothek muss dies wissen, insbesondere dann, wenn sie mit der „Wikipedia“ arbeitet. Leider erweist sich Ovenden auch mit Bezug auf das Thema „Klimawandel“ als voreingenommen:
Dazu:
Costella, John P. (2010). Climategate analysis. Science and Policy Institute (2010).
McIntyre, Stephen, and Climate Audit (2010). The Diclousre of Climate Data from the Climatic Research Unit at the University of East Anglia.
Natürlich geht es hier nicht um die Person Ovendens, sondern darum: Wenn Bibliothekare (wie Ovenden einer ist) als Hüter des soziales Gedächtnisses und insbesondere des von der Menschheit erworbenen Wissens gelten wollen und daraus die Legitimation für die Wichtigkeit ihrer Arbeit und die Notwendigkeit von stabiler Finanzierung ableiten, dann ist es unabdingbar, dass sie sich „im Dienst“ neutral verhalten bzw. sie sich als offen für alle Informationen und Daten, die eine bestimmte Angelegenheit betreffen, erweisen, denn selbstverständlich kann nicht von ihnen erwartet werden, dass sie über alle möglichen Themen, die Einträge in ihrem Archiv oder in ihrer Bibliotheke betreffen, möglichst vollumfänglich unterrichtet bzw. auf dem jeweiligen Stand der Forschung sind. Ovenden selbst bemerkt auf derselben (!) Seite, nämlich Seite 227:
Aber schaffen Bibliotheken tatsächlich „all kinds of content“, alle Arten von Inhalten, an?
Welche Rolle spielen bei Beschaffungsentscheidungen die persönlichen Überzeugungen und Vorlieben der Bibliotheksleiter? Würde eine Regierung mit der Zuteilung von Steuermitteln nicht irgendeine Art von „Aufsicht“ darüber führen wollen, was Bibliotheken anschaffen und was nicht? Schließlich sollen ja keine „fake news“ steuermittelfinanziert von Bibliotheken verbereitet werden, oder?!
Während ich Ovendens Forderung, Archive und Bibliotheken stärker zu unterstützen, als solche uneingeschränkt unterstützen kann, bin ich deshalb, was das von ihm vorgeschlagene Mittel zu diesem Zweck betrifft, eher skeptisch. Dessen ungeachtet ist es auch m.E. wichtig, eine Diskussion um Mittel zur bestmöglichen Förderung des „sozialen Gedächtnisses“ der Menschheit in der Öffentlichkeit zu beginnen.
Im letzten Kapitel des Buches, Kapitel 15, begründet Ovenden, warum wir seiner Meinung nach immer Bibliotheken und Archive brauchen werden, so die Überschrift des Kapitels. Zur Begründung hierfür benennt Ovenden fünf Funktionen, die Bibliotheken und Archive seiner Meinung nach erfüllen. Wenn Bibliotheken oder Archive zerstört werden oder unterfinanziert bleiben, Bücher verbrannt, Informationen unzugänglich gemacht werden oder bleiben, dann werden damit Gedanken, Ideen, Erfahrungen und Beobachtungen (mindestens) derjenigen, die die (in ihnen enthaltenen)Texte verfasst haben, vernichtet. Was bedeutet das im Einzelnen?
Ovenden benennt in diesem Zusammenhang zunächst die Funktion, die Bibliotheken und Archive für die Bildung speziell, aber nicht nur, junger Menschen spielen können. Weil Bibliotheken und Archive unentgeltlich genutzt werden können, stehen sie allen Einkommensklassen samt Einkommenslosen zur Verfügung. Ovenden fährt fort, die große Nachfrage nach Ausleih- und Recherchediensten am Beispiel „seiner“ Bibliotheken, der Bodleian Library in Oxford, anhand von Daten zu belegen. (Es ist ausgerechnet im Zusammenhang mit der Bildungsfunktion von Bibliotheken, dass Ovenden meint, Daten hervorheben zu müssen, die einen angeblich von Menschen gemachten Klimawandel stützen; s.o.!)
Dass Bibliotheken und Archive eine Bildungsfunktion überhaupt erfüllen können, hängt aber davon ab, dass sie Nutzern die Möglichkeit bietet, sich unterschiedlichen Ideen und verschiedenen Anschauungen darüber, was als Wissen (der Zeit, zu einer Sache) gilt, auszusetzen. Kritisches Denken zu entwickeln, ist weder möglich noch nötig, wenn es keine unterschiedlichen Ideen oder Anschauungen gibt bzw. nur ganz bestimmte Ideen oder Anschauungen als die (einzig) richtigen, akzeptablen oder relevanten dargestellt werden.
Innovation geschieht nicht in einem Vakkum, sondern ist in der Regel ein Ergebnis der Konfrontation mit verschiedenen, u.U. widersprüchlichen Beobachtungen oder Erfahrungen, die Menschen, die sie gemacht haben, in ihren Texten berichten. Und Innovation ist nötig, um die Gegenwart und Zukunft zu meistern.
Bücher zu verbrennen, Informationsquellen unzugänglich zu machen, sowie das Umschreiben oder (sonstwie) Manipulieren von Texten sind deshalb Betrug älterer Menschen an jungen Menschen, denen es überlassen bleiben wird, ihre Gegenwart und Zukunft bestmöglich zu gestalten und bewältigen, ohne dabei ggf. auf Anregungen oder Entwürfe zurückgreifen zu können, die ihnen diese Aufgabe vielleicht erleichtert hätten.
Was die Vergangenheit betrifft, so helfen uns die Konfrontation mit Ideen, die nicht dem Zeitgeist entsprechen mögen, und Berichte über die Erfahrungen, die Menschen zu anderen Zeiten unter anderen Lebensbedingungen gemacht haben, dabei, unsere Vergangenheit, unser So-und-So-Geworden-Sein und letztlich uns selbst zu verstehen. Dementsprechend hält Ovenden (als Punkt fünf seiner Liste der Funktionen von Bibliotheken und Archiven) fest:
„… libraries and archives help root societies in their cultural and historical identities through preserving the written record of those societies“ (Ovenden 2020: 232),
d.h.
„… Bibliotheken und Archive tragen dazu bei, Gesellschaften in ihren kulturellen und historischen Identitäten zu verwurzeln, indem sie die schriftlichen Aufzeichnungen dieser Gesellschaften bewahren“ (Ovenden 2020: 232).
Dabei ist weniger an literarische Werke zu denken als vielmehr an Materialien, die einen lokalen Bezug haben oder aus ihm heraus entstanden sind wie z.B. Familienchroniken, eine Abhandlung über Weinbau im 19. Jahrhundert in einer Bibliothek in einer Weinbau-Region, vielleicht samt Bebilderung, die den eigenen Großvater in jungen Jahren bei der Weinlese zeigt, oder eine Dokumentation der Geschichte der lokalen Burg.
Die Sicherung oder Doppelung von offiziellen Dokumenten durch regierungsunabhängige Bibliotheken oder Archive können der Verletzung von Bürgerrechten oder anderen Individualrechten im Fall des Fehlens oder Verschwindens von offiziellen Dokumenten entgegenwirken, besonders angesichts der Tatsache, dass der rechtliche Status von Menschen zunehmend allein digital festgestellt und festgehalten wird, so dass sie bei Verlust des digitalen Dokumentes nichts auf der Hand haben, um ihren Status belegen zu können. Man kann m.E. nicht genug betonen, wie wichtig es vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung von offiziellen Dokumenten ist, für deren doppelte und dreifache Sicherung auf verschiedenen, regierungsunabhängigen Servern zu sorgen, wenn sie schon nicht zusätzlich als Papier-Dokument vorliegen. Die erheblichen Schwierigkeiten, die für einen Menschen entstehen können, wenn seine offiziellen Dokumente verloren gehen – sei es absichtlich oder nicht –, und wie schnell und einfach ein solcher Verlust erfolgen kann, werden in der Öffentlichkeit, soweit ich es sehe, längst nicht in dem Maß wahrgenommen und gewürdigt wie es in unser aller Interesse angebracht wäre.
Die letzte Funktion, die Ovenden (als Punkt vier seiner Liste) anspricht und die mit den und insbesondere der zuletzt genannten Funktion zusammenhängt, ist die Funktion von Bibliotheken und Archiven als Stätten, die dabei helfen, Rechenschaftspflicht einfordern zu können. Ovenden bringt diesbezüglich wieder ein Beispiel vernichteteter offizieller Unterlagen (diesmal mit Bezug auf Hong Kong; s. Ovenden 2020: 230), sowie das Beispiel von Forschungsergebnissen, die auf der Basis von Daten gewonnen und publiziert werden, aber normalerweise nicht von der diesbezüglich informierten und interessierten Öffentlichkeit und oft auch nicht von Fachkollegen überprüft werden können, weil ihnen die Daten einfach nicht zugänglich sind:
Damit werden Forschungsdaten und die darauf gezogenen Schlussfolgerungen überprüfbar und ggf. als „fake science“ (Ovenden 2020: 231) identifizierbar. Hier (ebenso wie bei der Sicherung digitaler offizieller Dokumente) geht es also um nicht mehr und nicht weniger als Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit, zwei Kriterien für Aussagen, die Anspruch auf Wahrheit bzw. Wahr-Sein erheben. Deshalb hält Ovenden fest:
„… libraries and archives provide a fixed reference point allowing truth and falsehood to be held to account through verification, citations and reproducibility“ (Ovenden 2020: 230),
d.h.
„… Bibliotheken und Archive bieten einen festen Bezugspunkt, der es ermöglicht, [Aussagen mit Anspruch auf] Wahrheit und Unwahrheit durch Verifizierung, Zitate und Reproduzierbarkeit zur Rechenschaft zu ziehen“ (Ovenden 2020: 230).
Ovenden beendet dieses letzte Kapitel mit dem Hinweis darauf, dass sich die Funktionen, die Bibliotheken und Archive erfüllen, nicht in den fünf von ihm genannten Funktionen erschöpfen, aber die Wichtigkeit der Bewahrung von Wissen (im weiteren Sinn) für die Gesellschaft aufzeigen.
Wie eingangs bereits gesagt ist das Buch von Ovenden m.E. sehr lesenswert. Es ist keine Kritik an dem Buch selbst, wenn ich abschließend bemerke, dass mir zwei Dinge gefehlt haben, die ich im Zusammenhang mit dem Thema des Buches wichtig finde. Die „Kritik“ ist also tatsächlich gar keine bzw. keine Kritik an dem, was geleistet wurde, sondern gehört in die Klasse „Was-Ich-Mir-Sonst-Noch-Gewünscht-Hätte“.
Erstens hätte ich mir gewünscht, dass Ovenden in einem Kapitel die Kluft zwischen Anspruch und Realität mit Bezug auf die Dienstleistungen von Bibliotheken und Archiven für die Öffentlichkeit thematisiert. So mag es stimmen, dass sie unentgeltlich genutzt werden können, aber die wenigsten Menschen wohnen in hinreichender Nähe zu einer guten, großen Bibliothek, die viele Leistungen anbietet, um sie aufsuchen zu können. Die Nutzung der Dienstleistungen durch die meisten Menschen hängt also davon ab, dass Bibliotheken einer breiten Öffentlichkeit digitale Dienste anbieten. Diese digitalen Dienste werden aber häufig eben nicht angeboten. Versuchen Sie z.B., über Ihre örtliche Bibliothek oder die in der nächstgrößeren Stadt von zuhause aus Zugang zu Fachzeitschriften zu erhalten und Artikel in ihnen, sofern der Zugang wider Erwarten möglich sein sollte, nicht nur zu lesen (oder nur die Zusammenfassung zu lesen), sondern auch herunterzuladen oder auszudrucken! Sofern diese Dienste angeboten werden, sind sie gewöhnlich mit Lizenzen verbunden, die von Universitäten (mit-/)bezahlt werden, die ihrerseits den Zugang für an der Universität Studierende oder Angestellte beschränken und nicht für die Öffentlichkeit offen sind. Dasselbe gilt für Daten(-/Sätze); der Zugang zu ihnen bleibt oft Wissenschaftlern vorbehalten und erfordert teilweise die Angabe von Verwendungszweck oder des Forschungsprojektes, in dessen Rahmen die Daten von Interesse sind.
Die zweite Soll-Stelle, die ich sehe, ist eine größere Beschäftigung mit der Frage, wer – allgemein, aber im Zusammenhang mit dem Buch von Ovenden speziell mit Bezug auf die Beschaffungs- und Angebotsentscheidungen von Bibliotheken und Archiven – wie entscheidet, was in einer Zeit, in der nicht einmal mehr ein Konsens darüber besteht, dass es Wissen gibt, das mehr als subjektive Geltung beanspruchen kann, als Beitrag zum Erwerb oder zur Weitergabe von Wissen angesehen wird und was nicht.
Wie können Bibliotheken und Archive sicherstellen, dass sie nicht einseitig Materialien sammeln, die ihnen heute oder aufgrund persönlicher Vorurteile) als Wissen vorkommen, und Materialien aus der Sammlung ausschließen, die für sie kein Wissen oder vielleicht „fake news“ darstellen (sich aber morgen als faktisch zutreffend erweisen können)? Und sollen sich Bibliotheken und Archive auf die Sammlung von Wissen beschränken? Inwieweit sollte in Bibliotheken unterhaltendes Material gesammelt werden? Auf diese Fragen gibt es nur mehr oder weniger gut begründbare Antworten, aber keine richtigen oder falschen Antworten. Es geht also nicht darum, die richtige Antwort auf diese Fragen zu finden, geschweige denn zu verlangen, dass Ovenden die richtige Antwort auf diese Fragen in seinem Buch liefern solle. Es wäre m.E. aber hilfreich gewesen, wenn Ovenden seine diesbezügliche eigene Anschauung oder Praxis und seine Erfahrungen mit der entsprechenden Praxis angesprochen hätte; da dies nicht der Fall ist, kommt man als Leser schwerlich umhin, die implizit bleibenden Voraussetzungen, unter denen Ovenden für eine größere Wertschätzung und finanzielle Förderung von Bibliotheken und Archiven argumentiert, zu rekonstruieren, so gut es geht.
Wie gesagt ist es nicht fair, einem Buch anlasten zu wollen, was es nicht enthält, statt das zu würdigen, was es enthält, und das Buch von Ovenden enthält neben einer Vielzahl von Informationen über historische Bücherverbrennungen im weiteren Sinn viele Überlegungen (wie z.B. darüber, welche besonderen Ansprüche die zunehmende Digitalisierung an Einrichtungen stellt, die als eine Art soziales oder kulturelles Gedächtnis funktionieren sollen oder wollen), an denen der Leser ansetzen kann, um seine eigenen diesbezüglichen Überlegungen anzustellen.
Ich vermute, dass die meisten Leser des Buches zu dem Schluss kommen werden, es mit Gewinn gelesen zu haben, und würde deshalb die Lektüre des Buches allen, die sich für das Bibliothekswesen oder die Frage nach dem Wert der Bewahrung und Weitergabe von Wissen überhaupt interessieren, empfehlen. Deutschsprachigen Lesern würde ich außerdem empfehlen, wenn möglich, die englischsprachige Originalversion zu lesen und nicht die ins Deutsche übersetzte Version, die ich zugegebenerweise nicht vollständig gelesen habe, die mir aber aufgrund der Stichproben-Lektüre, die ich vorgenommen habe, nicht immer dem Tenor der Originalversion entsprechend vorkam, und sei es nur durch Konnotationen der gewählten Worte (was nicht unbedingt die Übersetzerin zu verantworten hat, sondern ein Stück weit bei jeder Übersetzung unvermeidlich ist).
