Kritischer Blödsinn: Wie akademische Autisten die Wissenschaft zerstören

Springer, ein Verlag, der sich als wissenschaftlicher Verlag aufgestellt hat und in 2.900 Zeitschriften und mehr als 300.000 Büchern den Erkenntnisfortschritt befördern will, ist verantwortlich für eine Reihe von Büchern und Zeitschriften, in denen das Gegenteil stattfindet: Nicht Erkenntnis wird befördert, sondern die Tradition der westlichen Wissenschaften, die Erkenntnis erst möglich gemacht hat, sie wird zerstört. Das neueste Beispiel, das uns auf den Tisch gekommen ist, trägt den Titel: „Critical Dietetics and Critical Nutrition Studies“. John Coveney und Sue Booth haben den Sammelband herausgegeben, in dem sich Texte finden, die Haare zu Berge stehen lassen.

Es fällt uns schon seit längerer Zeit auf, dass es den Versuch gibt, den größten Blödsinn und a-wissenschaftlichen Unfug durch den Zusatz „kritisch“ zu legitimieren. Für die weitgehend trivialen Aussagen der Gender Studies soll durch den Zusatz „kritisch“ gedankliche Tiefe suggeriert werden wo keine ist. Wie viele, die den Begriff “kritisch“ verwenden, so sind auch Genderista der Ansicht, kritisch verweise auf besonders tiefes und langes Nachdenken, das auf Fähigkeiten basiere. Deshalb mögen sie den Begriff so gerne. Deshalb ist alles, was sie tun, kritisch, von der kritischen Reflexion bis zur kritischen Intraspektion. Jeder Unfug soll durch den Zusatz „kritisch“ legitimiert werden.

Wer unser Grundsatzprogramm gelesen hat, der weiß, dass sich kritisch in den Wissenschaften auf eine Methode der Prüfung bezieht. Kritischer Rationalismus ist deshalb kritisch, weil die Gefahr, dass wissenschaftliche Aussagen an der Realität scheitern können, aktiv maximiert wird. Aussagen werden geprüft, falsifiziert, modifiziert. Man steht seinen eigenen Aussagen kritisch gegenüber. Der Unterschied zwischen dieser wissenschaftlichen Methode und dem Unsinn, der heutzutage mit dem Zusatz „kritisch“ versehen wird, er könnte nicht größer sein. Anstelle der Methode steht der Glaube, die Überzeugung, dass man im Besitz der reinen Lehre sei und vor deren Hintergrund Abweichungen „kritisch“ (hier: negativ) betrachten müsse. Die kritische Methode, die Wissenschaftlichkeit erst garantiert, ist beseitigt, an ihre Stelle ist das angeblich kritische Ideologisieren und Missionieren getreten.

Die „kritische Ernährungslehre“ „Critical Dietetics“ sie ist Humbug, der in diese Klasse gehört. Springer hat sich zum Vertreiber dieses Humbug gemacht und mutet seinen Lesern nun Autoren wie Jennifer Brady und Jacqui Gingras zu, die an den Universitäten von Halifax und Toronto in Kanada ihr Unwesen treiben, solches Unwesen:

“Although we do not wholly reject the scientific method as a means of creating knowledge about the world, a critical orientation rejects the notion that it is even possible to produce knowledge that is objective, value-free, and untouched by human bias. A critical orientation similarly rejects the idea that any one way of creating knowledge about the world is superior to another or is even sufficient. In contrast to positivism, CD [critical dietetics] is rooted in an interpretivist epistemology, or interpretivism. Interpretivism considers knowledge as inherently subjective and informed by the values, priorities, and worldviews of the individuals, institutions, and wider social, political and environmental context that guides its creation. An interpretivist epistemology also sees phenomena as being open to multiple means of knowledge creation and interpretation that are equally legitimate. As such, CD draws on poststructuralism and feminist science … that hold that there is not one truth that can be generated about any single thing, that multiple truths are possible depending on who is asking and for what purpose, and that knowledge is not apolitical even if it is considered positivist (i.e. value neutral or unbiased).”

Es wird uns immer ein Rätsel bleiben wie akademische Illiteraten wie die beiden, die sich hier offenbart haben, einerseits der Meinung sein können, dass alles willkürlich und nichts objektivierbar sein könne, andererseits der Ansicht, das, was sie gerade zusammengeschrieben haben, sei davon ausgenommen, enthalte einen intersubjektiv nachvollziehbaren Sinn, sei das Papier wert, auf das es geschrieben wurde, denn intersubjektive Nachvollziehbar ist die Voraussetzung für Verständnis. Wenn alles vom Auge es Betrachters abhängig ist, wie Brady und Gingras hier behaupten, dann gilt das auch für ihr Geschreibsel, dessen Sinn jedem außer Ihnen verschlossen bleiben muss, weil es nämlich keinen teilbaren subjektiven Sinn gibt, außerhalb der irren Welt, die Brady und Gingras wohl bevölkern.

Was Brady und Gingras hier schreiben, ist natürlich vollkommener Blödsinn, der belegt wie wenig Ahnung sie, wie die meisten Genderista, von Wissenschaft und vor allem von wissenschaftlicher Methode haben, denn: Dass es möglich ist, Wahrheit und objektiv richtiges Wissen zu erreichen, das behauptet überhaupt niemand, außer den Spinnern, die eine „kritische“ Was-auch-immer in Abgrenzung von der wissenschaftlichen Methode erfinden wollen. Unter Wissenschaftler ist seit rund 500 Jahren unstrittig und seit den Diskussionen über die Werturteilsfreiheit in den 1960er Jahren ist es auch in Deutschland geteilte Basis der Wissenschaft, dass man zwischen einem Erkenntnis- und einem Begründungs- und einem Verwendungszusammenhang unterscheiden muss.

Der Erkenntniszusammenhang hat im Wesentlichen die Frage zum Gegenstand, wie man zu einer Fragestellung kommt. Hier kommen Werte und Überzeugungen zum Tragen, denn niemand, der nicht dem Rechtsextremismus in welcher Weise auch immer als Thema verbunden ist, wird dessen Erforschung betreiben. Der Begründungszusammenhang ist rigide und methodisch. Das macht die Wissenschaft aus. Theorien werden formuliert. Prüfbare Hypothesen aus den Theorien abgeleitet und geprüft. Wird die Hypothese falsifiziert, dann muss die Theorie modifiziert werden. Wird die Hypothese bestätigt, dann gilt die Theorie vorerst als bestätigt. Mit Objektivität und Wahrheit hat das überhaupt nichts zu tun, es hat mit intersubjektiver Prüfbarkeit und damit etwas zu tun, dass man Wahrheit als regulative Idee beibehält, um nicht in dem relativistischen Wahnsinn zu enden, in dem sich Genderista und andere poststrukturalistische Adepten suhlen.

Der Verwendungszusammenhang behandelt die Frage, was aus den Ergebnissen, die mit wissenschaftlicher Methode erzielt wurden, folgt, welche Konsequenzen sie im sozialen oder politischen Leben haben, sofern sie welche haben. Der Verwendungszusammenhang hat mit Wissenschaft nicht zu tun. Er ist der Tummelplatz von Politikern, schon weil auch hier Werte eine Rolle spielen.

Wären Genderista und viele derjenigen, die sich für kritisch halten, nicht so unendlich ahnungslos, wenn es um Wissenschaft geht, sie würden nicht ständig gegen Schatten kämpfen, die sie selbst werfen. Und wären sie auch nur ansatzweise intelligent, sie würden nicht Unsinn schreiben, wie den folgenden:

„Scientific examples of ways in which neoliberalism, medicalization, healthism and nutrionism have contributed to various forms of oppression abound. One example is the gender binary on which virtually all nutrition recommendations for individuals’ caloric intake and nutrient needs are based. The very foundation on which nutrition rests is deeply rooted in the terms of gender-sex-binary, which excludes transgender, gender-non-conforming, and gender-queer-communities. The strict gender bias leaves little room for conceptualising the human body as existing outside the narrowly defined categories for weight, height, sex, and in some cases, even race. Another example is the ongoing surveillance of Indigenous communities using Eurocentric nutrition guidelines”.

Das Konzept der Unterdrückung leidet etwas, wenn man Kalorienangaben auf Nahrungsmitteln dafür verantwortlich macht. Und auf die Idee, dass Kalorienangaben Transmenschen unterdrücken, weil sie nur für Männlein und Weiblein gegeben werden, muss man erst einmal kommen. Ob man es bei diesen kritischen Ernährungskundlern mit Personen zu tun hat, die sich durch eine Form von Paranoia auszeichnen, die man nicht unbedingt in Publikationen ausleben muss, wissen wir nicht. Dass die Aussage, Eskimos und Aborigines, Sorben und Navajo würden durch eurozentrische Ernährungsangaben pro 100 Gramm überwacht, eine Aussage ist, die die Männer, sorry: Personen mit dem auf dem Rücken verschließbaren Hemdchen auf den Plan rufen müsste, das wissen wir dagegen.

Im Übrigen finden sich auf vielen Nährwertangaben Trans-Fette als eigenständige Kategorie. Reicht das nicht, um Transpersonen ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft der Nährwerttabellen-Leser zu verschaffen?

Brady, Jennifer & Gingras, Jacqui (2019). Critical Dietetics: Axiological Foundations. In: Coveney, John & Booth, Sue (eds.). Critical Dietetics and Critical Nutrition Studies. Berlin: Springer, pp.15-32.


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