Täglich erfahren wir Neuigkeiten, hören von Ereignissen, bekommen die Darstellungen und Interpretationen anderer Leute für bestimmte Ereignisse oder Zustände zu hören. Viele nehmen wir als solche einfach so hin, z.B. Neuigkeiten der Art: „Hast Du gehört, dass sich Frau Brehmers Nichte und ihr Mann scheiden lassen wollen?“.
Für andere suchen wir professionell bedingt, aus eigener Betroffenheit oder einfach aus (wie auch immer gearteten besonderem) persönlichem Interesse Erklärungen. So dürften sich die meisten von uns fragen, was die Ursache für Übersterblichkeit ist, wenn wir mit einem Bericht über Übersterblichkeit konfrontiert sind, die Ursache für die Entwicklung der Inflationsrate, wenn wir einen Bericht über Inflation hören, warum keine Friedensverhandlungen aufgenommen werden angesichts nicht enden wollender Berichte und Bilder von militärischen Auseinandersetzungen bzw. Kriegsopfern, etc.
Wir tun unser Bestes, uns die Dinge auf der Basis unseres Fakten- und Erfahrungswissens zu erklären, oder meinen zumindest, diesbezüglich unser Bestes zu tun. Dabei sind wir uns oft selbst nicht bewusst darüber, dass wir einen gewohnheitsmäßigen Erklärungsstil haben, der (u.a.) beeinflusst, welche Fakten und Erfahrungen wir dabei erinnern und zur Grundlage für unseren Erklärungsentwurf nehmen. Einen gewohnheitsmäßigen Erklärungsstil zu haben, bedeutet, eine Tendenz dazu zu haben, ähnliche Erklärungen für verschiedene Dinge/Ereignisse/Entwicklungen vorzubringen (Peterson et al. 2009: 1) unabhängig von ihrem jeweiligen Inhalt.
„Ähnlich“ erklärt sich jemand z.B. die Entwicklung der Inflationsrate und der Übersterblichkeit, wenn er sie beide als extern verursacht ansieht, also sich selbst keine Rolle bei ihrer Entwicklung zuschreibt, wenn er sie beide für vergleichsweise kurzfristige und bald vorübergehende Phänomene ansieht oder er von beiden meint, dass sie nur bestimmte Personengruppen oder Bereiche betreffen. In diesem Beispiel sind die drei Dimensionen angesprochen, die normalweise berücksichtigt werden, wenn es darum geht, Erklärungsstile zu identifizieren. Sie können in Frageform wie folgt beschrieben werden:
- (1) Wird die Ursache für etwas extern (also in anderen Personen oder der Umwelt) oder intern (d.h. bei der eigenen Person) gesucht?
- (2) Wird die Ursache als stabil bzw. anhaltend angesehen oder als instabil oder vorübergehend?
- (3) Wird die Ursache als eine globale angesehen, d.h. als etwas betrachtet, das für viele verschiedene Dinge in verschiedenen Lebensbereichen verantwortlich ist, oder als eine spezifische, die eine spezielles Ereignis oder eine spezielle Entwicklung bzw. Phänomene in einem bestimmten Bereich erklärt?
Was das bedeutet, kann man sich an einem Beispiel veranschaulichen, das dem Lehrbuch „Social Psychology“ von Brehm und Kassin (1996: 535) entnommen ist: Ein junger Mann erfährt von seiner Freundin, dass sie die Beziehung beenden will. Er hat verschiedene Möglichkeiten, sich diese Entscheidung seiner Freundin zu erklären. Er kann meinen, er sei einfach irgendwie beziehungsunfähig oder einfach nicht liebenswert. In diesem Fall betrachtet er die Ursache als intern, d.h. in der eigenen Person liegend. Oder er kann meinen, dass seine Freundin eine unstete Person sei oder einfach Abwechslung brauche oder ihrerseits unfähig zu einer ernsthaften oder dauerhaften Beziehung sei oder dass sie den Verführungskünsten eines anderen Mannes zum Opfer gefallen sei. In allen diesen Fällen verortet er die Ursache extern, sieht sie bei anderen Personen oder in seiner Umwelt gelegen. Vielleicht nimmt er die Entscheidung der Freundin resigniert hin und betrachtet sie als ein weiteres Dokument dafür, dass ihn sowieso niemand gern hat. In diesem Fall würde man von einem „globalen“, einem umfassenden, weit über den zu erklärenden Fall hinausgehend, erklärenden Entwurf sprechen. Und vielleicht betrachtet er die Entscheidung der Freundin als vorhersehbares Ereignis in der Kette seiner vorhergehenden Beziehungen, deren Nicht-Mehr-Existenz er als Ausdruck dafür ansieht, dass sein Liebesleben immer in Schwierigkeiten ist und wahrscheinlich immer sein wird, was formal einer Attribuierung auf eine stabile Ursache entsprechen würde.
Das Beispiel vom jungen Mann, dessen Freundin ihm mitteilt, die Beziehung zu beenden, hat wahrscheinlich schon die Vermutung nahegelegt, dass die drei Dimensionen nicht gänzlich unabhängig voneinander sind: Wenn man sich selbst für nicht liebenswert hält (interne Attribuierung), dann wundert man sich vielleicht nicht darüber, dass niemand einen wirklich gern hat (globale Attribuierung), und interpretiert vergangene und aktuelle Beziehungsschwierigkeiten als Indikatoren eines stabilen Zustandes, einer dauerhaften Unfähigkeit zu einer dauerhaften, befreidigenden Beziehung.
Ein (solcher) Erklärungsstil, der auf internen, globalen und stabilen Zuschreibungen bezüglich der Ursache(n) für negative Ereignisse oder Entwicklungen beruht, wird in der (sozial-/)psychologischen Literatur als pessimistischer Erklärungsstil und manchmal als depressiver Erklärungsstil bezeichnet, weil er bei demjenigen, der ihn hat, dazu führen kann, dass er zu der allgemeinen Einstellung kommt, dass er selbst ja ohnehin nichts an der Situation ändern, das Ereignis beeinflussen könne oder anders gesagt: er Hilflosigkeit regelrecht erlernt und kultiviert, eigene Bemühungen einstellt und einen niedrigen Selbstwert entwickelt. Das ist das sogenannte Modell von Depression durch erlernte Hilflosigkeit (Abramson et al. 1978; Maier & Seligman 1976; Seligman 1975; Seligman et al. 1979). Es gibt empirische Hinweise darauf, dass sich ein pessimistischer bzw. depressiver Erklärungsstil vor allem durch stabile und globale Zuschreibung von Ursachen auszeichnet, während die interne Zuschreibung von Ursachen weniger wichtig ist (Bunce & Peterson 1997).
Und wie verhält es sich mit der Erklärung positiver Ereignisse/Entwicklungen?
Wie fügen sie sich in einen pessimistischen Erklärungsstil ein?
Peteron et al. (2009: 14) halten fest, dass im Rahmen eines pessimistischen Erklärungsstils positive Ereignisse/Entwicklungen tendenziell (aber durchaus nicht immer) auf externe, spezifische und instabile Ursachen zurückgeführt werden. Wenn positive Ereignisse/Entwicklungen extern, spezifisch und instabil, also auf allen drei Dimensionen im Gegensatz zu negativen Ereignisse/Entwicklungen erklärt werden, dann können positive Ereignisse/Entwicklungen nicht als Korrektiv für den üblichen pessimistischen Erklärungsstil für negative Ereignisse dienen, denn dann gibt es von vornherein ja kein positives Ereignis/keine positive Entwicklung, deren Ursachen intern oder global oder stabil sein könnten. Und damit ist ausgeschlossen, dass jemand die Erfahrung macht, dass sowohl negative als auch positive Ereignisse/Entwicklungen intern, global oder stabil (oder extern, spezifisch oder instabil) verursacht sein können. Jemand mit einem pessimistischen Erklärungsstil schließt sich eben durch seinen Erklärungsstil von dieser Erfahrung selbst aus.
Sweeney et al. (1986) haben auf der Basis einer Zusammenschau der Ergebnisse von 104 Studien einen klaren und starken Zusammenhang zwischen einem pessimistischen Erklärungsstil für negative Ereignisse/Entwicklungen und Depression festgestellt, wobei man im Prinzip nach der Richtung der Kausalität fragen kann, denn es ist möglich, dass Depression anders als durch den gewohnheitsmäßigen pessimistischen Erklärungsstil verursacht ist, aber ihrerseits für die Entwicklung eines pessimistisches Erklärungsstils verantwortlich ist:
und zwar weitgehend unabhängig von einer Reihe möglicher intervenierender Variablen wie z.B. der Realität oder Fiktivität des zu erklärenden Ereignisses, dem Fachbereich, wenn eine Studie unter Studierenden durchgeführt wurde, und dem verwendeten Instrument zur Messung von Depression oder Erklärungsstil (Sweeney et al. 1986: 974), denn es gibt eine Reihe von verschiedenen Instrumenten zur Messung von Depression, aber auch zur Messung von Erklärungsstilen, wie z.B. demjenigen von Peterson et al. (1982), aus dem das folgende Beispiel stammt:
Im Interesse der eigenen mentalen Gesundheit sollte man sich also gerade im Zusammenhang mit negativen Ereignissen oder Entwicklungen selbst fragen, wie man sie sich erklärt bzw. ob man sie als intern verursacht, global und stabil betrachtet, und worauf genau man ggf. seine Zuschreibung von Ursachen als intern veursacht, global und stabil stützt. Man mag als älterer Mensch geneigt sein, diese Frage schlicht mit „Lebenserfahrung“ zu beantworten, aber dann sollte man sich weiterfragen, an welche Erfahrungen genau man in diesem Zusammenhang denkt, und ob man nicht bestimmte andere, widersprechende, Erfahrungen unbeachtet lässt oder schlichtweg für weniger relevant oder für Ausnahmen erklärt, obwohl sie dies vielleicht nicht sind. Man sollte sich fragen, seit wann man die Tendenz zu pessimistischen Erklärungen hat und ob man sich nicht während dieses Zeitraums systematisch selbst von widersprechenden Erfahrungen ausgeschlossen hat.
Ein pessimistischer Erklärungsstil hat deshalb die Eigenschaft, sich zu verfestigen. Wenn man ihn bei sich feststellt, tut man gut daran, ihm bewusst probeweise einen optimistischen Erklärungsstil entgegenzusetzen, der von negativen Ereignissen/Entwicklungen annimmt, ihre Ursachen seien instabil, d.h. nicht dauerhaft bzw. veränderlich bzw. veränderbar, und bereichsspezifisch, nicht umfassend.
Ist man z.B. mit Berichten über die Korruption von Gesundheitsbehörden konfrontiert, sollte man sich klar machen, dass das nicht automatisch bedeutet, dass alle Behörden (gleichermaßen) korrupt sein müssten, bzw. welche guten Gründe man dafür hat, just dies zu vermuten. Und man kann sich fragen, welche belastbaren Belege man tatsächlich dafür hat, dass zumindest einige andere, wenn nicht alle, Behörden (gleichermaßen) korrupt sind. Von positiven Ereignissen/Entwicklungen nimmt man im Rahmen eines optimistischen Erklärungsstiles an, dass es sich bei ihnen nicht bloß um Ausnahmefälle handelt oder handeln muss, sondern dass sie wiederholt oder gar systematisch und in anderen Bereichen auftreten können.
Welche guten Gründe oder Belege hat man tatsächlich dafür, dass dies nicht der Fall sein kann?
Es geht hier nicht darum, dass man sich etwas einreden soll, was einem nicht glaubwürdig oder überzeugend vorkommt, oder prinzipiell und ggf. gegen vorhandene Indikatoren das Bestmögliche annehmen soll, sondern darum, sich zu fragen, wie glaubwürdig oder überzeugend eine pessimistische Erklärung in einem konkreten Fall tatsächlich ist. Häufig basiert ein pessimistischer Erklärungsstil nach meiner Beobachtung auf der Neigung zu falschen Verallgemeinerungen der Art: „Diese Petition wird nichts bringen; Petitionen haben noch nie etwas gebracht“, oder „Boykott bringt nichts; offene Briefe und Petitionen haben bislang ja auch nichts genutzt“. Selbst, wenn dies alles zutreffen und in einem inneren, systematischen Zusammenhang stehen sollte, der bislang verhindert haben sollte, dass Bürgerinitiativen irgendeiner Art zu Veränderungen geführt haben, ist nicht ausgeschlossen, dass die nächste eine Veränderung herbeiführen wird wie uns u.a. „tipping point“-Modelle oder „critical point“-Modell gelehrt haben sollten (s. z.B. Bell 1985-1986; Huckfeldt 1980; Reiter & Samuel 1980; Schelling 1969; Zhang 2011).
Wenn Sie also demnächst wieder geneigt sind, Ereignisse/Entwicklungen pessimistisch zu erklären, also globale und stabile Ursachen für sie anzunehmen, dann nehmen Sie sich die Zeit, sich zu fragen, wie gut die Belege für die von Ihnen vermuteten Ursachen tatsächlich sind bzw. ob sie ihre Erklärung nicht aus einer falschen Verallgemeinerung heraus vornehmen. Sie befördern damit das eigene Wohlergehen – und vermutlich auch das Ihrer Mitmenschen, die sich durch Ihre pessimistische Erklärung Ihrerseits entmutigt fühlen können, oder in der sozialpsychologischen Terminologie ausgedrückt: Ihr eigener pessimistischer Erklärungsstil könnte die Art und Weise, wie andere Menschen sich Ereignnisse oder Entwicklungen erklären, beeinflussen und ggf. zu Entwicklung oder Verstärkung eines pessimistischen Erklärungsstiles bei anderen erwachsenen Menschen führen. Ob oder inwieweit dies zutrifft, ist unklar, denn m.W. gibt es hierzu keine empirische Forschung. Es gibt jedoch Belege dafür, dass ein pessimistischer Erklärungsstil von Eltern den Erklärungsstil ihrer Kinder negativ beeinflusst und sich auch in anderen Hinsichten negativ auf ihre Kinder auswirkt (Belt & Peterson 1991; Seligman et al. 1984; Vélez et al. 2014).
Literatur
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Belt, Anne Vanden, & Peterson, Christopher, 1991: Parental Explanatory Style and Its Relationship to the Classroom Performance of Disables and Nondisabled Children. Cognitive Therapy and Research 15(4): 331-341
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