Linke und Rechte vereint in Intoleranz und Angst voreinander

Aus unserer Reihe: “Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?”

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 4

Im Teil 3 unserer Serie wurden die Befunde aus der auf Daten aus neunzehn europäischen Ländern basierenden Studie von Thorisdottir et al. (2007) besprochen, die gezeigt haben, dass sich Personen mit politisch rechter Orientierung und politisch linker Orientierung nicht auf systematische Weise mit Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale, die normalerweise als Dimensionen der so genannten autoritären Persönlichkeit gelten, voneinander unterscheiden. In Teil 4 unserer Serie stellen wir eine Studie vor, die zeigt, dass sich Personen mit politisch rechter und Personen mit politisch linker Orientierung auch nicht mit Bezug auf ihre Intoleranz gegenüber dem politischen Gegner bzw. den typischerweise von ihm bevorzugten Politiken voneinander unterscheiden.

Diese Studie wurde im Jahr 2014 von Jarret T. Crawford und Jane M. Pilanski in der Fachzeitschrift „Political Psychology“ veröffentlicht, und der Ausgangspunkt der Studie ist eine andere Studie, über deren Ergebnisse Nicole M. Lindner und Brian A. Nosek in einem Text berichten, der im Jahr 2009 in der derselben Fachzeitschrift gedruckt wurde. Lindner und Nosek hatten anhand eines experimentellen Designs die Hypothese geprüft, dass Liberale eine größere Toleranz für freie Meinungsäußerung bzw. unzensierte Rede aufweisen als Konservative. Als diesbezügliche Stimuli benutzten die Autoren Poster mit den Aufschriften „Americans are the Problem“ und „Arabs are the Problem“, von denen sie vermuteten, dass Liberale und Konservative ihne mit unterschiedlicher Toleranz begegnen würden [Die Studie stammt aus den USA. In den USA sind “liberals” das, was in Deutschland von der SPD nach links außen zu finden ist.]

„The primary hypothesis was that liberals would be more willing to protect an extreme left-wing statement than an extreme right-wing statement, while conservatives would be more willing to protect an extreme right-wing statement than an extreme left-wing statement. Also, based on prior evidence …, we anticipated a main effect in which liberals would be more likely to protect controversial speech acts in general” (Lindner & Nosek 2009: 75).

Die Hypothese der Autoren wurde bestätigt:

„Political liberalism, whether measured implicitly or explicitly, predicted stronger speech protection overall. Being more politically liberal predicted stronger speech protection for the statement “Americans are the problem,” and both political liberals and conservatives expressed similar protection of the statement “Arabs are the problem” (Lindner & Nosek 2009: 86).

Lindner und Nosek wiesen jedoch darauf hin, dass dieses Ergebnis den Stimuli, die „racially charged“ (Lindner & Nosek 2009: 89; Hervorhebung im Original) gewesen sind, geschuldet sein könnte und sich bei der Verwendung anderer Stimuli andere Ergebnisse einstellen könnten.

Und hieran schließen Crawford und Pilanski an: Sie untersuchen die Frage nach der Toleranz oder Intoleranz von Personen mit rechter und Personen mit linker Orientierung anhand ihrer Zustimmung zu oder Ablehnung von acht Aussagen, die sich auf den Schutz der freien Rede oder auf Gruppenrechte bezogen, wobei die in diesen Aussagen angesprochenen Personen oder Gruppen jeweils unterschiedlich waren. Die Beschränkung auf ein bestimmtes gesellschaftliches Thema oder bestimmte Gruppen wie diejenige auf Amerikaner versus Araber in der Studie von Lindner und Nosek  wurde damit vermieden.

Die acht Aussagen lagen in zwei Varianten vor, in denen entweder die angesprochene soziale Gruppe oder Person variiert wurde oder positive Verben durch negative Verben ersetzt wurden. (Es wurden also tatsächlich sechzehn Aussagen, eben acht in jeweils zwei Varianten, formuliert.) Auf diese  Weise sollte sichergestellt werden, dass die Aussagen einmal auf „left-wing targets“ und einmal auf „right-wing targets“ (Crawford und Pilanski 2014: 843) abzielen. Beispielsweise lautete eine dieser Aussagen in ihren beiden Varianten:

„I think that the Democratic Party should not be allowed to visit college campuses in order to register potential voters”

und

„I think that the Republican Party should not be allowed to visit college campuses in order to register potential voters” (Crawford und Pilanski 2014: 851; Appendix).

Beide Aussagen sollen Intoleranz messen, aber in der ersten Formulierung soll Intoleranz gegenüber einem „left-wing target“ gemessen werden, in der zweiten Intoleranz gegenüber einem „right-wing target“.

Die Aussagen wurden insgesamt 160 Personen vorgelegt, wobei jede der beiden Varianten einer Aussage der Hälfte der Befragten vorgelegt wurde. Die Befragten wurden durch Amazon Mechanical Turk (MTurk) rekrutiert, einer Art Arbeitsplatzbörse, die von Amazon bereitgestellt wird (Crawford und Pilanski 2014: 843). Weil den Befragten nicht nur die acht Aussagen zur Beurteilung vorgelegt wurden, sondern sie auch nach ihrer politischen Orientierung (von 1 „extremely liberal“ bis 7 „extremely conservative“)[1] und ihrer Parteipräferenz gefragt wurden, konnten Crawford und Pilanski ihre Hypothese testen, nach der Personen mit linker politischer Orientierung und Personen mit rechter politischer Orientierung gleichermaßen Intoleranz gegenüber „targets“ des jeweiligen politischen Gegners aufweisen:

“From our perspective, those on the political right and left should be just as likely to express intolerance of targets with ideologically opposing positions“ (Crawford und Pilanski 2014: 842).

Darüber hinaus wurde von den Befragten

  • ihre Sympathie für die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken („warmth ratings“),
  • das Ausmaß der Internalisierung demokratischer Werte (anhand von sechs Items),
  • das Ausmaß, in dem sie die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken als Gefahr für das gesamte Land wahrnehmen, erfragt sowie
  • ihr politisches Wissen. Letzteres wurde erhoben, indem gefragt wurde, ob Liberale oder Konservative die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken unterstützen oder sie bekämpfen. Schließlich wurden die Befragten nach Angaben zu ihren
  • demographischen Merkmalen (Alter, Geschlecht und „race“/Ethnizität) gebeten.

Die Daten wurden von Crawford und Pilanski anhand zweistufiger hierarchischer Regressionen ausgewertet. In der unten abgebildeten Tabelle haben die Autoren die Ergebnisse für die Korrelationen zwischen den oben genannten Variablen zusammengestellt. Gleichzeitig kann man der Tabelle entnehmen, welche Gruppen und Politiken in den acht Aussagen angesprochen waren:

Wie man der Tabelle (genau: den t-Werten in den mit „Ideology x Condition“ betitelten Zeilen entnehmen kann, sind die Zusammenhänge zwischen der politischen Orientierung der Befragten („ideology“) und ihrer Zustimmung oder Ablehnung der acht Aussagen in einer der beiden Varianten (s.o.) („condition“) mit einer Ausnahme („Immigration“) statistisch signifikant. D.h. mit einer Ausnahme korreliert eine politisch linke Orientierung („liberalism“) statistisch signifikant mit Intoleranz gegenüber allen „right-wing targets“ und eine politisch rechte Orientierung („conservatism“) mit Intoleranz gegen alle „left-wing targets“. Damit ist die Hypothese von Crawford und Pilanski bestätigt; Personen mit linker politischer Orientierung und Personen mit rechter politischer Orientierung sind gleichermaßen intolerant gegenüber „targets“ des jeweiligen politischen Gegners.

Von den weiteren Ergebnissen der statistischen Analysen ist das Ergebnis, das Crawford und Pilanski für die Bedeutung der Gefahrenwahrnehmung erzielten, sicherlich das wichtigste. Oben wurde bereits berichtet, dass die Befragten auch nach dem Ausmaß gefragt wurden, in dem sie die in den acht Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken als Bedrohung für das gesamte Land wahrnehmen. Die Autoren bildeten für jeden Befragten einen Durchschnittswert für die wahrgenommene Bedrohung über die in den verschiedenen Aussagen angesprochenen Gruppen oder Politiken hinweg, und die Analysen zeigten, dass es sowohl bei Personen mit linker politischer Orientierung als auch bei Personen mit rechter politischer Orientierung diese Größe, also das Ausmaß der  wahrgenommenen Bedrohung, ist, die die Intoleranz gegenüber Gruppen oder Politiken, die mit dem politischen Gegner assoziiert sind, erklären:

„As expected, the effect of conservatism on intolerance of leftwing targets was fully mediated by perceived threat from those targets, as the relationship between conservatism and intolerance of left-wing targets … was reduced to nonsignificance when controlling for perceived threat … Likewise, the effect of liberalism on intolerance of right-wing targets was fully mediated by perceived threat from those targets …” (Crawford & Pilanski 2014: 847).

Dieses Ergebnis ist deshalb wichtig, weil die wahrgenommene Bedrohung der Gesellschaft durch bestimmte soziale Gruppen oder (liberale oder progressive) Politiken in der Literatur häufig als zentrales Merkmal des intoleranten „Right-Wing Authoritarianism“ wie z.B. bei Dallago & Roccato (2010) angesehen wird. Wenn Bedrohungsgefühle durch bestimmte soziale Gruppen oder Politiken als eine, vielleicht zentrale, Dimension von Autoritarismus oder als eine Variable, die positiv mit Autoritarismus zusammenhängt, angesehen werden muss, muss man aufgrund der Befunde von Crawford und Pilanski davon ausgehen, dass Autoritarismus unter Personen mit linker politischer Orientierung ebenso verbreitet ist wie unter Personen mit rechter politischer Orientierung.

Wie in Teil 2 unserer Reihe mit Bezug auf die Studie von Van Hiel et al. (2006) gezeigt wurde, gibt es tatsächlich autoritäre Persönlichkeiten sowohl unter Personen mit rechter politischer Orientierung als auch unter Personen mit linker politischer Orientierung. Festhalten lässt sich jedenfalls, dass Personen mit linker politischer Orientierung nicht als „Komplementäre“ zu Personen mit rechter politischer Orientierung gelten können, sondern sich die Forschungslage dahingehend verdichtet, dass sich die Persönlichkeiten von Personen mit linker und rechter Orientierung weit weniger stark voneinander unterscheiden als die insbesondere Personen mit linker Orientierung gerne behaupten.

Literatur:

Crawford, Jarret T. & Pilanski, Jane M., 2014: Political Intolerance, Right and Left. Political Psychology 35(6): 841-851.

Dallago, Francesca & Roccato, Michele, 2010: Right-Wing Authoritarianism, Big Five, and Perceived Threat to Savety. European Journal of Personality  24(2): 106-122.

Lindner, Nicole M. & Nosek, Brian A., 2009: Alienable Speech: Ideological Variations in the Application of Free-Speech Principles. Political Psychology 30(1): 67-92.

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.


[1] 55% der Befragten gaben an, „Extremely liberal, Liberal, or Somewhat liberal“ zu sein, 24% identifizierten sich als „Moderate/middle of the road“, und 21% gaben an, „Extremely Conservative, Conservative or Somewhat conservative“ zu sein (Crawford & Pilanski 2014: 843; Kursivsetzungen im Original), so dass eine Verteilung der Daten auf der Variable „politische Orientierung“ bzw. „Ideology“ vorlag, die für statistische Analysen geeignet ist.

Agentin.org: Die verlorene Ehre des Heinrich Böll

Nachdem die Denunziationsplattformen der Amadeu-Antonio-Stiftung alle miteinander baden gegangen sind, versucht sich nun die Heinrich-Böll-Stiftung an der Denunziation von all denen, die den Katechismus der Böll-Stiftung nicht teilen und der Heilsverkündung des Genderismus nicht folgen wollen.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat dort einen Eintrag, in dem sie als dem „Maskulismus“ nahestehdende Soziologin und Bloggerin bezeichnet wird.
Michael Klein hat dort einen Eintrag, in dem er als am Antifeminismus und Maskulismus orientierter Blogger bezeichnet wird.
ScienceFiles hat dort einen Eintrag, der derzeit nicht erreichbar ist.
SurveyNet hat dort den folgenden Eintrag: „Umfrageseite der Internetpräsenz ScienceFiles, die dem Maskulismus nahesteht“

Verantwortlich für Agentin.org ist die Heinrich-Böll-Stiftung, die wieder einmal einen Weg gefunden hat, um das Geld von Steuerzahlern, das ihr über die Bundestagsparteien zugeschustert wird, zu veruntreuen. Verantwortlich für die Inhalte von Agentin.org ist die Redaktion, die sich aus Andreas Kemper, Henning Bargen und Elisabeth Tuider zusammensetzt. Alle drei scheinen auf eine neue Form des Gelderwerbs angewiesen zu sein und haben offensichtlich wenig andere Qualifikation als den Aufbau von Denunziationsplattformen.

Agentin.org ist die letzten Tage durch die Medien gegangen und wurde mehrheitlich gar nicht positiv aufgenommen.

Es ist an der Zeit, dass wir Stellung zu dieser neuen Form von Zeitvertreib für Schmalspur-Denunzianten nehmen, deren Mut nur dazu reicht, die schwarze Feder in die Hand zu nehmen und aus dem Hinterhalt eines anonymen Computers andere – wie sie meinen – zu diffamieren.

Nun, damit eine Diffamierung klappt gehören immer mindestens drei dazu: Einer der diffamiert, einer, der sich diffamieren lässt und einer der die Diffamierung glaubt.

Mit der Glaubwürdigkeit der Diffamierung ist es nicht weit her, wie die negative Berichterstattung über Agentin.org zeigt.
Mit der Bereitschaft, sich diffamieren zu lassen, ist es auch nicht weit her, wie wir nun demonstrieren werden, in unseren beiden kurzen Statements zeigen:

Michael Klein:

Heinrich Böll hat seine Ehre verloren, seit er von der grünen Stiftung als Namensgeber missbraucht wird. Erinnert sich noch jemand an das Buch „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“? Darin beschreibt Böll – ich zitiere Wikipedia, „wie eine bisher unbescholtene Frau wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulevardpresse wird, besonders eines bestimmten Blattes, das nur „ZEITUNG“ genannt wird“. Fügt man nun noch das Vorwort, das Böll seiner Erzählung gegeben hat, an, dann kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Heinrich-Böll-Stiftung Heinrich Böll in einer Weise pervertiert hat, die man nur widerlich nennen kann:

„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Wie Heinrich Böll wohl reagieren würde, wenn er wüsste, dass die Praktiken, die er damals der Bild-Zeitung zugeschrieben hat, heute von der Stiftung praktiziert werden, die seinen Namen trägt?

Heike Diefenbachs Statement ist in Reaktion auf die Anfrage eines Medienvertreters geschrieben wurde, die sie heute erreicht hat und in der sie gefragt wird, was sie davon “denkt”, in der Liste von Agentin.org geführt zu werden.

Hier die Antwort von Dr. habil. Heike Diefenbach:

Hallo …

schön, dass Sie das interessiert, obwohl ich nicht weiß, warum!

Was glauben Sie, was ich darüber denke?

Ich denke erstens, dass das Führen von Listen mit Personen, die als Gefahr für irgendeine Ideologie betrachtet werden, für diese Personen mehr oder weniger ehrenhaft ist, weil es zeigt, dass diese Personen eigenständig denken können und über Urteilsfähigkeit verfügen.

Dies gesagt denke ich zweitens, dass das Führen von Listen mit Personen, die als Gefahr für eine Ideologie betrachtet werden, als solches eine Praxis ist, die man mit totalitären Staaten und deren Helfershelfern und Wasserträgern in Verbindung bringt, mit demokratischen Spielregeln jedoch nicht vereinbar ist, denn in Demokratien ist es normal und wird akzeptiert, dass Menschen mit Bezug auf gesellschaftspolitische Fragen unterschiedlicher Auffassungen sind (wie z.B. im Vereinigten Königreich, in dem ich seit mehr als 10 Jahren nicht ohne Grund lebe und arbeite).

Drittens ist es zutreffend, dass ich der Genderideologie nichts abgewinnen kann; ich bin kein Ideologe, sondern Wissenschaftler.

Viertens ist es gerade deshalb aber nicht zutreffend, mich als “anti-gender” einzuordnen insofern mich die Gender-ideologie als solche genauso wenig interessiert wie irgendeine andere Ideologie. Ich würde angemessenerweise bestenfalls als “anti-Ideologie” und “pro-Wissenschaft” geführt.

Fünftens und vor allem denke ich darüber, dass es schwerlich weniger in diesem Universum gibt, was mir gleichgültiger wäre und was ich lächerlicher fände.

Und zwar deshalb, weil ich sechstens darüber denke, dass die Zeit, die mit Listen, auf denen ideologisch “böse” Zeitgenossen zusammengestellt werden, besser dazu genutzt wäre, zu versuchen, POSITIV für die Genderideologie und deren Relevanz zu argumentieren,

weshalb ich wiederum siebtens denke, dass das anscheinend selbst in den Augen derer, die sich so gerne als pro-gender inszentieren, nicht möglich ist.

Quod erat demonstrandum!

Mit freundlichen Grüßen,

__________________________
Dr. phil. habil. Heike Diefenbach
– Consulting Social Scientist, Researcher, Author and Educator –

Mehr haben wir zu diesem Thema nicht zu sagen.

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Der gute linke Mensch und das rechte Nazi-Monster: Debattieren in Stereotypen

Linke sind keine Kriminellen. Linke begehen keine Ausschreitungen. Gewalt ist eine Angelegenheit der Rechten. Linke sind friedliebend. Rechte wollen ihren Führer wieder haben. Rechte wollen Ruhe und Ordnung und keine Veränderung. Linke sind offen für Neues. Rechte sind intolerant. Linke sind flexibel.

Die Post-G20-Debatte ist eine Debatte der Stereotype, der liebgewonnenen Stereotype, denn die Linke in Deutschland sonnt sich seit Jahrzehnten in ihrem nach dem Dritten Reich aufgebauten Status als friedliebende Ideologen, die für Gleichheit, gegen Armut, für Homosexualität, gegen Globalisierung, für Reichtum für alle und gegen Kapitalismus eintreten.

Rote Flora, “Kultur” auf links

Der sakrosankte Status, der Linken zugestanden wird, zeigt sich z.B. in Hamburg. Dort hat der Senat über die Johann Daniel Lawaetz-Stiftung, die vom Hamburger Senat gegründet und vermutlich auch weitgehend ausgehalten wird, 820.000 Euro für das „Kulturzentrum Rote Flora“ ausgegeben, um Letzteres zu kaufen und weiterhin den Linken, die es seit Jahrzehnten besetzt halten, unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Welche Kultur aus dem Zentrum verbreitet wird, konnte man während der Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel gut beobachten.

Doch nicht nur in Hamburg, lassen es linke Politiker Linken durchgehen, dass diese gegen Gesetze verstoßen. Nicht nur in Hamburg zeigt sich das zwiespältige Verhältnis das Linke zum Eigentum anderer haben. Auch in Berlin, in der Rigaer Straße, gibt es Häuser, die mit dem Wohlwollen des Berliner Senats besetzt gehalten werden.

Gesetze gelten, wenn es um linke Straftaten geht, nicht in gleicher Weise, wie sie für herkömmliche Straftäter und schon gar nicht für rechte Straftäter zu gelten scheinen.

Der sakrosankte Status Linker, von Linksextremismus findet einen weiteren Ausdruck im weitgehenden Fehlen wissenschaftlicher Studien zum Thema „Linksextremismus“. Während man mit den Blättern, die zum Thema „Rechtsextremismus“ bedruckt wurden, Mülldeponien zu einem beachtlichen Teil füllen könnte, bliebe das Häuflein bedruckter Blätter, die sich dem Thema „Linksextremismus“ gewidmet haben, eher unbemerkt.

Das weitegehende Fehlen wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema „Linksextremismus“ hat seine Entsprechung in den staatlichen Umerziehungsprogrammen, die vornehmlich Rechtsextremismus gelten, während Linksextremismus bislang kein Gegenstand staatlicher Umerziehungsbemühungen ist.

Vor diesem vollkommen uninformierten Hintergrund wird derzeit eine der in Deutschland so häufigen Emotionsdebatten geführt, in der sich vor allem Überzeugungstäter von Links durch allerlei idealistisches Gerede hervortun, das leider jeglicher empirischer Basis entbehrt. Der Glaube an den Linken, das gute Wesen, ist ein Glaube, für den es keinerlei Belege gibt – statt dessen gibt es eine Vielzahl von Belegen, die dafür sprechen, dass Linke, wenn sie die Gelegenheit finden, Macht auszuüben, schlimmer sind als Rechte, eher dazu neigen, z.B. die Gelegenheiten für Korruption, die mit entsprechenden Positionen einhergehen, auch auszunutzen.

Um die Diskussion über den guten Linken auf eine fundierte Basis zu stellen, haben wir auf ScienceFiles bereits vor einiger Zeit eine Reihe gestartet, deren Ziel darin besteht, die wissenschaftlichen Studien, die sich mit Linken und Rechten, mit Links- und Rechtsextremismus beschäftigen, zusammenzutragen. Die Ergebnisse der in diesem Zusammenhang von Dr. habil. Heike Diefenbach besprochenen Untersuchungen kann man wie folgt zusammenfassen.

Es gibt Linksextremismus (was von manchen Zeitgenossen durchaus bestritten wurde).
Linksextreme weisen im Hinblick auf Charaktereigenschaften Gemeinsamkeiten mit Rechtsextremen auf.
Beide zeichnen sich durch eine Rigidität im Denken und eine kognitive Geschlossenheit aus, d.h. Links- wie Rechtsextremisten sind Gläubige, die ihren Glauben durch keinerlei empirische Fakten stören lassen. Mehr dazu gibt es hier.

Weiter Ähnlichkeiten finden sich im Hinblick auf die Art und Weise, in der beide ihren Glauben verteidigen bzw. bereit sind, sich dem Wort von Autoritäten unterzuordnen. Aggressivität und Unterwürfigkeit als geteilte Eigenschaft von Linken und Rechten wurde hier ausführlich dargelegt.

Schließlich hat sich gezeigt, dass Versuche zwischen Linken und Rechten auf Grundlage von Persönlichkeitsmerkmalen oder Einstellungen zu trennen, z.B. im Hinblick auf die Offenheit gegenüber Neuem oder dem Bedürfnis nach Sicherheit, scheitern, denn die entsprechenden Merkmale und Eigenschaften variieren mit dem Kontext. So sind Linke in Osteuropa weniger offen als Rechte, während in Westeuropa keinerlei Unterschied zwischen beiden im Hinblick auf die Offenheit besteht. Mehr zu diesem Thema gibt es hier.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Erzählung vom guten Linken ein linkes Märchen ist. Erzählt wird es von Personen, die sich gerne als gut inszenieren, die gerne für sich in Anspruch nehmen, sie seien die besseren Menschen und diesen Anspruch mit einem dogmatischen Bild von sich und denen verbinden, die sie zu ihren Gegnern stilisieren. Und dass sie das tun, zeigt, wie sehr sie linksextrem und wie wenig gut sie sind.

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Rechte und Linke in Ost- und Westeuropa

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 3 der Serie: “Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet “Rechte” von “Linken?

In Teil 2 unserer Serie hatten wir die Studie von Van Hiel, Duriez und Kossowska (2006) vorgestellt, die anhand flämischer Stichproben von Wahlberechtigten und von politischen Aktivisten die Existenz von Linksextremismus und Rechtsextremismus belegt haben: „It has been shown that LWA [left-wing authoritarianism] does exist and should not be considered a myth, …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 789). Darüber hinaus haben die Autoren mit Bezug auf die Stichprobe der flämischen Wahlberechtigten festgestellt: „One of the most disturbing findings in the present voter samples … is the positive correlation between LWA and RWA“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 790; Hervorhebung d.d.A.). LWA [left-wing authoritarianism] und RWA [right-wing authoritarianism] zeigten Ähnlichkeiten nicht nur mit Bezug auf Autoritarismus, sondern auch mit Bezug auf Dogmatismus und allgemeiner Feindseligkeit.

Die Studie, die wir in Teil 3 unserer Serie vorstellen, stammt von Thorisdottir et al. (2007) und erbringt anhand der Daten des European Social Survey (ESS) aus dem Jahr 2002 weitere Belege dafür, dass Merkmale, die üblicherweise Personen mit linker Orientierung zugeschrieben werden, und Merkmale, die üblicherweise Personen mit rechter Orientierung zugeschrieben werden, Personen aus den beiden Gruppen tatsächlich nicht stabil und zuverlässig voneinander unterscheiden. Im Vergleich von 14 westeuropäischen und vier osteuropäischen Staaten und auf der Basis von Angaben von insgesamt 36.385 Personen hat die Studie von Thorisdottir et al. (2007: 176) nämlich „ … evidence of both universal and context-specific effects in our analysis of the cognitive and motivational antecedents or left-right political orientation” erbracht.

Die Bedeutung dieses Befundes kann man auf der Basis dieser verklausulierten Formulierung kaum würdigen. Vor allem läßt sie nicht die Überraschung (oder gar Verstörung?) erahnen, die die Autoren angesichts der von ihnen erzielten Befunde gefühlt haben müssen, haben sie doch beabsichtigt, verschiedene Zusammenhänge, die traditionell zwischen einer rechten politischen Orientierung und einigen „key components“ (Thorisdottir et al. 2007: 182) hergestellt werden, auf einer stabilen Basis von Daten aus neunzehn europäischen Staaten zu überprüfen oder in diesem Fall vielleicht zutreffender: zu belegen: „… there are two sets of hypotheses under consideration. First, we predict that a positive relationship will emerge between right-wing political orientation and two key components: traditionalism (Hypothesis 1) and acceptance of inequality (Hypothesis 2). Second, we predict that right-wing orientation will be positively associated with needs for order/rule-following (Hypothesis 3) and security (Hypothesis 4) and negatively associated with openness (Hypothesis 5), even after adjusting for quadratic effects associated with ideological extremity and sophistication … It was expected that the hypotheses would receive more consistent support in Western than in Eastern European countries, which are still in transition between “old” and “new” regimes” (Thorisdottir et al. 2007: 182-183).

Angesichts dieser Hypothesen ist deutlich erkennbar, dass das Forschungsinteresse von Thorisdottir et al. bei dem liegt, was sie als typisch rechte Persönlichkeitsstruktur und als typisch rechte Auffassungen betrachten, eben deshalb, weil sie von „key components“ sprechen, die Personen mit rechter politischer Orientierung auszeichnen sollen, während es für Personen mit linker politischer Orientierung keine „key components“ zu geben scheint, die sie auszeichnen; diese Personen bleiben unspezifiziert, sie erscheinen Thorisdottir et al. offensichtlich von vornherein als „Normalvariante“ des Mensch-Seins.

Für die Prüfung der Hypothesen ist es zunächst notwendig, Personen mit politisch rechter Orientierung und solche ohne eine politisch rechte Orientierung zu identifizieren. Zu diesem Zweck verwenden die Autoren eine Links-Rechts-Skala mit zehn Skalenpunkten, wobei „0“ die extreme Linke und „10“ die extreme Rechte definiert. Die Einstufung von Befragten auf dieser Skala erfolgt durch Selbsteinschätzung (Thorisdottir 2007: 185).

Als „Core Aspects of Right-Wing Ideology“ wurden erhoben:

• Traditionalismus:
Er wurde anhand eines einzigen Items gemessen: „Tradition is important to him. He tries to follow the customs handed down by his religion or his family”. Ein Befragter sollte dann auf einer 6-Punkte-Skala, also einer Skala ohne Mittelpunkt, die eine Identifikation als links oder rechts erzwingt, angeben, ob die so beschriebene Person “not like me at all“ (0) oder „very much like me“ (5) sei.

• Akezptanz von Ungleichheit:
Sie wurde ebenfalls anhand eines einzigen (und umgekehrt formulierten) Items gemessen: „He thinks it is important that every person in the world should be treated equally. He believes everyone should have equal opportunities in life”. Wieder sollte ein Befragter auf der 6-Punkte-Skala angeben, ob diese Person so sei wie er oder nicht, wobei er vor einem erheblichen Problem gestanden haben könnte, weil das Item zwei Stimuli enthält, der Befragte in seiner Antwort aber nicht entsprechend differenzieren kann, was einen groben, aber leider ziemlich verbreiteten methodischen Fehler darstellt. Es ist nämlich durchaus möglich, dass man für oder gegen die Gleichbehandlung von Personen, z.B. vor dem Gesetz, ist, aber nicht unbedingt auch für oder gegen Chancengleichheit.

Als „Psychological Predictors of Ideology“ galten den Autoren:

• Das Bedürfnis nach Ordnung/Regelbefolgung:
Es wurde gemessen anhand von zwei Items, die leider wieder mehrere Stimuli umfassen: „It is important to him to behave properly. He wants to avoid doing anything people would say is wrong” und “He believes that people should do what they’re told. He thinks people should follow rules at all times, even when no one is watching”.

• Das Bedürfnis nach Sicherheit:
Es wurde ebenfalls anhand von zwei, mehrere Stimuli umfassenden, Items gemessen: “It is important to him to live in secure surroundings. He avoids anything that might endanger his safety” und “It is important to him that the government ensures safety against all threats. He wants the state to be strong so it can defend its citizens”.

• Offenheit für neue Erfahrungen:
Zu ihrer Messung wurden die Antworten von Befragten auf zwei Items kombiniert: „Thinking up new ideas and being creative is important to him. He likes to do things in his own original way” und “He likes surprises and is always looking for new things to do. He thinks it is important to do lots of different things in life”.

Neben Korrelationsanalysen zwischen der politischen Orientierung von Befragten und den genannten unabhängigen Variablen wurde von den Autoren ein Strukturgleichungsmodell berechnet, das getrennt für westeuropäische und für osteuropäische Länder die folgenden Pfadkoeffizienten ergab:

Quelle: Thorisdottir et al. 2007: 195 (Tabelle 6)

Die Koeffizienten für den Zusammenhang zwischen Traditionalismus und politischer Orientierung (zu finden in der ersten Zeile der oben stehenden Tabelle) entsprachen den Erwartungen: „… traditionalism is a positive predictor of right-wing orientation in both Western and Eastern Europe. Acceptance of inequality, however, is a predictor of right-wing orientation only in Western Europe [wie die Koeffizienten in Zeile 2 der Tabelle zeigen). Rule-following exerted both direct and indirect effects on political orientation in both contexts. The indirect effect was much larger through traditionalism than through acceptance of inequality in both the West (.61 versus .05) and the East (1.07 versus -.06) [s. Zeilen 4 und 5 in der Tabelle]; the direct effect of rule-following on left-right orientation was also positive and significant in both contexts [s. Zeile 3]. The relationship between need for security and acceptance of inequality was … contrary to expectations, insofar as the need for security was negatively associated with the acceptance of inequality [s. Zeile 7] … we find that although the direct path from need for security to right-wing orientation is significant and positive in Western Europe as originally predicted, this path is robustly negative in Eastern Europe [s. Zeile 6], where the socialist/communist legacy is especially strong. With regard to openness, a relatively complicated picture again emerged. Its indirect path via acceptance of inequality was negative and significant in both Eastern (b = -.18) and Western (b = -.33) contexts [s. Zeile 10], but its direct effect on right-wing orientation was positive in Eastern Europe (b = .27) and non-significant in Western Europe (its path leading to traditionalism was not significant in either case) [s. Zeilen 9 und 11]. Thus, there was some evidence that openness to experience led people to prefer egalitarianism, and this factor led them away from right-wing conservatism. At the same time, however, openness appears to have led people to be attracted to other aspects of conservatism … and to turn away from the socialist tradition in Eastern Europe“ (Thorisdottir et al. 2007: 196-197).

Zusammengenommen zeigen diese Befunde also, dass es keine allgemein gültige Entsprechung von Persönlichkeitsmerkmalen oder Einstellungen von Personen mit rechter (oder linker) politischer Orientierung gibt: Zum einen bestehen erwartete Zusammenhänge zwar in westeuropäischen Ländern, aber nicht in osteuropäischen, oder es stellten sich unerwartete Ergebnisse ein wie der Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und einer linken politischen Orientierung (Thorisdottir et al. 2007: 198). Zum anderen hängen Traditionalismus und Akzeptanz von Ungleichheit, die von den Autoren gleichermaßen als mit einer rechten politischen Orientierung verbunden betrachtet werden, untereinander nicht oder nicht in der erwarteten Richtung zusammen. Nach eigener Aussage der Autoren waren die Befunde zur Variable „Offenheit für neue Erfahrungen“ die größte Überraschung für sie: In den osteuropäischen Ländern bestand ein positiver Zusammenhang von Offenheit mit einer rechten politischen Orientierung, und für die Befragten in den westeuropäischen Ländern ließ sich kein (statistisch signifikanter) direkter Effekt von Offenheit auf die politische Orientierung beobachten (Thorisdottir et al. 2007: 198). Die Hypothesen, die Thorisdottir prüfen oder vermutlich eher: belegen wollten, konnten also weitgehend nicht bestätigt werden.

Man hätte im Schlusskapitel dieses Textes einige Überlegungen dazu erwartet, wie genau west- und osteuropäische Länder bzw. die gesellschaftspolitische Situation in ihnen und ihre diesbezügliche Geschichte als Kontextfaktoren auf die diversen Zusammenhänge zwischen den berücksichtigten Variablen und der politischen Orientierung der Befragten aus diesen Ländern wirken könnten. Solche Überlegungen stellen die Autoren im Schlussteil ihres Textes aber nicht an (und an anderen Stellen im Text auch nicht in nennenswerter Weise). Statt dessen findet man – neben einer Zusammenfassung der Befunde und Hinweisen auf mögliche Beschränkungen der Studie – die folgende Passage, anhand derer deutlich wird, wie die Autoren ihre durch die Daten nicht bestätigten Vorurteile über die Persönlichkeitsunterschiede zwischen „Rechten“ und „Linken“ zu verarbeiten versuchten:

„Virtually no evidence was obtained for the commonly held hypothesis that an authoritarian personality style characterizes left-wing extremists just as well as right-wing extremists … With regard to traditionalism and rule-following, we found that a linear pattern characterizes most nations, indicating that these needs are consistently stronger among right-wing than left-wing adherents, even in formerly communist countries” (Thorisdottir et al. 2007: 199).

Dieser Absatz mutet einigermaßen seltsam an, und zwar deshalb, weil in der Studie überhaupt keine Skala zur Feststellung der sogenannten autoritären Persönlichkeit zur Verfügung steht, die hätte ausgewertet werden können. Man muss den Absatz deshalb wohl so interpretieren, dass die Autoren meinen, dass ein Item, das „Traditionalismus“ messen soll, und zwei Items, die „Regelbefolgung“ messen sollen, hinreichen, um eine autoritäre Persönlichkeit zu identifizieren. Selbst dann, wenn man dies guten Gewissens akzeptieren könnte, würde der Befund, dass „Traditionalismus“ und „Regelbefolgung“ in den „meisten“ Ländern „stärker“ mit rechten politischen Einstellungen zusammenhängen als mit linken, die starke Aussage, mit der der Absatz beginnt, in keiner Weise überzeugend stützen, besonders nicht angesichts der vielen unerwarteten Zusammenhänge bzw. Nicht-Zusammenhänge, die die Studie ergeben hat: Man erinnere sich z.B. daran, dass das Bedürfnis nach Sicherheit als ein wichtiges Merkmal einer autoritären Persönlichkeit(sstruktur) gilt (s. z.B. Milburn 1991: 43). In der Studie von Thorisdottir et al. konnte aber nur für Befragte in westeuropäischen Ländern ein direkter positiver Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und rechter politischer Orientierung festgestellt werden, während der Zusammenhang für Befragte in den osteuropäischen Ländern „robustly negative“ (Thorisdottir et al. 2007: 196) war. D.h. Befragte, die keine rechte politische Orientierung haben, haben dort ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit, und wenn man als Indikator für eine autoritäre Persönlichkeit nicht z.B. die Variable „Traditionalismus“ heranzieht, sondern „Bedürfnis nach Sicherheit“ und eine allgemeine Aussage treffen will, die nicht nach west- und osteuropäischen Ländern differenziert, muss man hieraus schließen, dass Personen, die keine rechte politische Orientierung haben, in dieser Studie definitionsgemäß also eine linke politische Orientierung haben, eher autoritäre Persönlichkeiten haben als Personen, die eine rechte politische Orientierung haben.

Stellt man – korrekterweise – sowohl die Befunde für Traditionalismus und Regelbefolgung als auch für das Bedürfnis nach Sicherheit (und die Akzeptanz von Ungleichheit) in Rechnung, muss man auf der Basis dieser Befunde mindestens festhalten: Some evidence was obtained for the commonly held hypothesis that an authoritarian personality style characterizes left-wing extremists just as well as right-wing extremists – und damit das Gegenteil von dem aus den Befunden schließen, was die Autoren geschlossen haben!

Dass die Autoren den oben zitierten, fragwürdigen Absatz dennoch meinten, in den Text aufnehmen zu müssen – einen Text, der sich ansonsten um Wissenschaftlichkeit bemüht – , läßt ahnen, wie stark die Enttäuschung der Autoren darüber gewesen sein muss, dass die Daten nicht mit ihren vorgefassten Meinungen über „Rechte“ und „Linke“ konform gegangen sind. Die Enttäuschung muss hinreichend stark gewesen sein, dass die Autoren mit ihrer trotzig anmutenden allgemeinen Aussage über das Nicht-Vorhandensein autoritärer Persönlichkeitsstrukturen unter Personen mit linker politischer Orientierung den eigenen in Koeffizienten und in Worten berichteten Befunden widersprechen.

Einmal mehr wird erkennbar, wie wichtig es ist, dass man sich bei der Lektüre von Texten, die Studienergebnisse berichten, nicht mit der Lektüre von Einleitung und Schluss begnügt, sondern die Richtigkeit der dort formulierten Schlussfolgerungen möglichst anhand der berichteten statistischen Befunde selbst überprüft. Nur dann kann der Konsum eines wissenschaftlichen Textes als eine kritische Lektüre, eine Lektüre im Sinn und im Interesse kritischer Wissenschaft, gelten. Unterbleibt eine solche kritische Lektüre, ist die Rezeption von Studienergebnissen keine wissenschaftliche Betätigung, sondern lediglich eine Übung im Dienst eines ideologisch motivierten oder vielleicht nur eines sehr naiven Multiplikatoren-Daseins.

Literatur:

Milburn, Michael A., 1991: Persuasion and Politics: The Social Psychology of Public Opinion. Pacific-Grove: Brooks-Cole.

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.

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Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien – Teil 1

Sowohl in den Medien als auch bei vielen Sozialwissenschaftlern ist es derzeit üblich, zwischen „Rechten“ und „Linken“ zu unterscheiden und ihnen jeweils unterschiedliche Einstellungen u.a. zur Zuwanderung, zur Demokratie und zur Gewalt zu unterstellen. Es gibt aber auch Menschen, die meinen, dass dann, wenn „Linke“ und „Rechte“ dieselbe Verhaltensweise zeigen, sie bei „Linken“ anders zu bewerten wäre als bei „Rechten“.

Blockupy1So hat sich beispielsweise Jan Rübel, der sich als Journalist geriert, im Juli 2016 auf dem HUFFPOST, dem blog der (deutschen Ausgabe der) Huffington Post, bei der denkenden Leserschaft mit der folgenden Aussage diskreditiert: „Natürlich müssen die Medien der rechten Gewalt mehr Raum einräumen – denn sie ist gefährlicher. Straf- und Gewalttaten von rechts haben für Deutschland eine größere Bedeutung als jene von links. Mit Relativierung und Verharmlosung hat das nichts zu tun”[1] – und dafür im Kommentarbereich beruhigenderweise verbale Prügel bezogen, wobei es allerdings der Erwähnung wert ist, dass bei einer Kommentatorin die Sinnentleerung der Begriffe „Linke“ und „Rechte“ soweit ging, dass sie „Linke“ mit „Guten“ gleichgesetzt hat (und anscheinend „Rechte“ mit „Schlechten“), denn sie meinte bemerken zu müssen, dass Stalin kein Linker gewesen sei, und dass dies „… schon lange als bewiesen [gelte]“, so dass der Betrieb der Gulags nicht als Beispiel stark ausgeprägter linker Gewalt gelten könne.

Während die Anti- bzw. Sympathien für „Rechte“ oder „Linke“ also je nach der eigenen Weltanschauung oder institutionellen Anbindung klar verteilt sind, ist die Frage, was „Rechte“ und „Linke“ denn nun tatsächlich voneinander unterscheidet, weitgehend ungeklärt, jedenfalls dann, wenn man diese Frage nicht als Frage nach den eigenen stereotypen Vorstellungen, den eigenen Assoziationen oder dem persönlichen Geschmack auffasst und sich nicht mit dementsprechenden Antworten begnügt, die lauten mögen: “Rechte“ haben Glatzen, tragen Springerstiefel und Bomberjacken und zünden Asylbewerberheime an“ oder „Linke tragen schwarz, hoodies und Turnschuhe, studieren irgendein Laberfach, schwätzen pseudointellektuell daher und zünden anderer Leute Autos an“.

Will man herausfinden, ob und inwieweit und wie sich „Rechte“ und „Linke“ tatsächlich voneinander unterscheiden, muss man die Frage als eine sozialwissenschaftliche Frage stellen, also danach fragen, ob und inwieweit und wie sich Personen, die aufgrund abgebbarer Kriterien als „Linke“ oder „Rechte“ bezeichnet werden, mit Bezug auf ihre Einstellungen, ihre Handlungsbereitschaften und ihre Persönlichkeiten voneinander unterscheiden, und diese Frage unter Verwendung eines methodisch „sauberen“ Forschungsdesigns empirisch untersuchen.

Entsprechende Forschung, die man meist im englischsprachigen Ausland und im Feld der Sozialpsychologie oder der Politikwissenschaft und unter dem Stichwort „political psychology“ bzw. politische Psychologie findet, gibt es, obwohl sie (noch) ziemlich selten ist. Zwar gibt es Legionen von Texten, in denen sich die Autoren zu Einstellungen, Handlungsbereitschaften und Persönlichkeiten von „Rechten“ äußern, aber diese zeichnen sich gewöhnlich durch grundlegende methodologische Fehler aus, allen voran der Abwesenheit einer Vergleichsgruppe von „Linken“ im Forschungsdesign, so dass über die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen „Rechten“ und „Linken“ keinerlei Aussagen gemacht werden können. (Wir ersparen uns an dieser Stelle ellenlange Zitationen; von der Richtigkeit der Aussagen kann sich jeder selbst überzeugen, wenn er eine entsprechende Recherche in Google oder in Google Scholar durchführt.)

Nationalsozialistischer_Untergrund_-_Explosion_in_Zwickau_2011_3_(aka)Studien, die tatsächlich „Linke“ und „Rechte“ in ihrem Forschungsdesign berücksichtigen und auf diese Weise einen Vergleich zwischen ihnen ermöglichen, kommen zu dem Ergebnis, dass sie sich durchaus nicht so stark oder in der Weise voneinander unterscheiden, wie viele Menschen – und Medien! – es gerne hätten oder darstellen würden.

Wir stellen heute die erste einer Reihe dieser Studien vor, und zwar die Studie von Arlin James Benjamin, Jr. Aus dem Jahr 2014. In dieser Studie wurde 220 Studenten im Alter zwischen 18 und 59 Jahren ein Fragebogen vorgelegt, der verschiedene Mess-Skalen enthielt. Diese Skalen waren entwickelt worden, um

  1. Einstellungen zu Gewalt zu messen,
  2. das Ausmaß, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen,
  3. das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken, und
  4. das Ausmaß des Autoritarismus in der Persönlichkeit der  Befragten,

wobei diese Skala aus zwei Subskalen bestand, eine zur Messung von Rechtsautoritarismus und eine zur Messung von Linksautoritarismus. Die erste enthielt u.a. die Items „Gehorsam und Respekt vor Autoritäten sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten“ und „Gesetze müssen strikt befolgt werden, wenn wir unseren Lebensstil erhalten wollen“, die zweite u.a. die Items „Eine linke revolutionäre Bewegung darf das Establishment angreifen und Gehorsam und Konformität von ihren Mitgliedern einfordern“ und „Die Angehörigen des Establishments verdienen eine harte Behandlung ohne Gnade, nachdem das Establishment beseitigt ist“.

Die Befragten wurden anhand der Testscores, die sie auf den Autoritarismus-Subskalen erzielt hatten, in vier Gruppen unterteilt:

(A) Nicht-Autoritäre („non-authoritarians“), die auf beiden Subskalen niedrige Punktwerte erzielt hatten,

(B) „Linke“ („Left-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Linksautoritarismus erzielt hatten,

(C) „Rechte“ („Right-wingers“), die niedrige Werte auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus, aber hohe Werte zur Messung von Rechtsautoritarismus erzielt hatten, und

(D) Platzhalter-Autoritäre („wild-card authoritarians“), die auf beiden Subskalen zur Messung von Autoritarismus hohe Werte erzielt hatten.

Die Zugehörigkeit der Befragten zu einer dieser vier Gruppen wurde als unabhängige Variable zur Vorhersage/Erklärung der folgenden abhängigen Variablen benutzt:

(i)  Einstellungen zu Krieg,
(ii) Einstellungen zu durch das Strafgesetz legitimierter Gewalt,
(iii)Einstellungen zur körperlichen Züchtigung,
(iv) Gewalt in intimen Beziehungen und
(v) das Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken sowie das Ausmaß, in dem Befragte zukünftige Folgen des Handelns in Rechnung stellen.

Die Zusammenhänge zwischen der unabhängigen und den abhängigen Variablen wurden mittels Varianzanalysen geklärt. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Analysen waren mit Bezug auf den Vergleich zwischen „Rechten“ und „Linken“:

(I) Die Personen, die den „Rechten“ zugeordnet wurden, hatten auf der Skala zur Messung von Rechtsautoritarismus durchschnittlich höhere Punktzahlen erreicht als die Personen, die den „Linken“ zugeordnet wurden, auf der Skala zur Messung von Linksautoritarismus erreicht hatten.

(II) “Linke” hatten signifikant negativere Einstellungen zu Krieg als “Rechte.

(III) Platzhalter-Autoritäre und „Rechte“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu körperlicher Züchtigung als Nicht-Autoritäre und „Linke“.

(IV) „Linke“ hatten signifikant positivere Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen als „Rechte“.

Wie der Autor selbst bemerkt stehen diese Ergebnisse – außer dem zuletzt genannten – im Einklang mit älterer Forschung, und der Autor schließt hieraus, dass „[i]n general, right-wingers and left-wingers may very well operate from different sets of cognitive schemas or frames … when it comes to their acceptance toward violence” (Benjamin 2014: 11). Er ist also der Auffassung, dass die Ergebnisse dafür sprächen, dass „linker“ und „rechter“ Autoritarismus unterschiedlichen „kognitiven Schemata oder Rahmen“ entstammen.

Wenn man bedenkt, dass der Autor diese Schlussfolgerung auf der Grundlage von nur wenigen Variablen trifft, von denen eine, die Einstellungen zu Gewalt in intimen Beziehungen, „Linke“ und „Rechte“ statistisch signifikant voneinander unterscheidet, scheint seine Schlussfolgerung eher zweifelhaft.

Benjamin TableZweifelhaft erscheint sie auch insofern als statistisch signifikante negative Zusammenhänge sowohl bei „Rechten“ als auch bei „Linken“ mit dem Ausmaß bestanden, in dem Befragte die zukünftigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen, und mit dem Ausmaß, in dem Befragte über Dinge nachdenken und es ihnen Freude macht, über Dinge nachzudenken (s. Table 1 in Benjamin 2014: 13). „Rechte“ und „Linke“ teilten in dieser Studie also Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit. Am Beginn seines Textes hatte Benjamin dieselbe allein mit „Rechten“ in Verbindung gebracht:

„Right-wing authoritarians are not known for their cognitive complexity. Rightwing
authoritarians, according to Altemeyer (1981, 1988, 1996) tend to see the world in black and white, in terms of absolutes. They are not generally interested in looking for the nuances in an argument, or for handling the ambiguities that characterize life in a diverse democratic republic” (Benjamin 2014: 8).

Darauf, dass seine Daten auch für „Linke“ kognitive Geschlossenheit gezeigt haben, und man aus dieser Gemeinsamkeit die Schlussfolgerung hätte ziehen können, dass trotz einiger Unterschiede bezüglich einzelner Felder oder Kontexte der Gewaltanwendung „rechter“ und „linker“ Autoritarismus durchaus dieselben Grundlagen hat, nämlich Rigidität im Denken oder kognitive Geschlossenheit, geht der Autor nicht ein.

Er geht auch nicht darauf ein, dass man über die Qualität der von ihm verwendeten Skalen zur Messung von Links- und Rechtsautoritarismus bzw. der in ihnen enthaltenen Items trefflich streiten könnte. So fällt auf, dass die Items zur Messung von Linksautoritarismus „härter“ sind als diejenigen zur Messung von Rechtsautoritarismus. Erstere stellen u.a. auf harte Bestrafung ganzer Bevölkerungsgruppen ab, während Letztere u.a. auf die Erziehung von Kindern zur Gehorsam und Respekt vor Autoritäten abstellen. Zweifellos ist es für einen Menschen mit Gewissen einfacher, den letzteren Items zuzustimmen als den ersteren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die befragten Personen, die überhaupt als „Linke“ identifiziert wurden, auf der Skala zu Linksautoritarismus niedrigere Punktwerte erzielten als die Personen, die als „Rechte“ identizifiert wurden, auf der Skala zu Rechtsautoritarismus erzielten.

Die in mancher Hinsicht tendenziöse (Interpretation der) Studie verwundert denjenigen nicht, der die Veröffentlichungen von Benjamin kennt: Sie handeln fast alle von Gewalt, die mehr oder weniger deutlich mit „right-wing authoritarianism“ in Verbindung gebracht wird.[2] Es ist Benjamin gegenüber wohl keine Ungerechtigkeit, wenn man vermutet, dass er sich Links-Autoritarismus nur ausnahmsweise mit der Absicht oder Erwartung gewidmet hat, dass sich Links-Autoritarismus als nicht existent oder zumindest als gänzlich anderes Phänomen als Rechts-Autoritarismus erweisen würde. Aufgrund der Ergebnisse der Studie von Benjamin, die er wie gesagt nur teilweise in Worten berichtet, während andere nur als statistische Zusammenhangsmaße in Tabellen berichtet werden, muss man festhalten, dass diese Erwartung enttäuscht wurde.

Unabhängig von der inhaltlichen Fragestellung, die uns hier beschäftigt, kann auch das Folgende als Merksatz festgehalten werden:

Bei der Lektüre von Texten, die über empirische Forschungsergebnisse berichten, genügt es nicht die Darstellung in Worten zu lesen. Oft stehen die wichtigsten oder interessantesten Ergebnisse in den dem Text beigegebenen Tabellen!

Literatur:

Benjamin, Arlin James, Jr., 2014: Chasing the Elusive Left-wing Authoritarianism: An Examination of Altemeyer’s Right-Wing Authoritarianism and Left-Wing Authoritarianism Scales. National Social Science Journal 43(1): 7-13.

Endnotes:

[1] http://www.huffingtonpost.de/jan-ruebel/linke-gewalt-extremismus-_b_10988732.html

[2] Wer sich hiervon selbst überzeugen will, sei auf die folgende Liste der Publikationen von Benjamin verwiesen: https://scholar.google.com/citations?user=bNJlMYsAAAAJ


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