Website-Icon SciFi

Ein Experte für Messerstecher: Wir wissen nichts, aber es sind nicht nur Migranten…

Gibt es in Deutschland ein „Messerstecher-Problem“?
Man könnte es denken. Messerattacken aus Mannheim, Wolmirstedt, Saarbrücken fallen einem unmittelbar ein. Es sieht so aus, als seien Messerstecher auf dem Vormarsch.

„Experte“ Dirk Baier, der dem Focus ein Interview gegeben hat, sieht das auch so. Zwar ziert er sich, es deutlich auszusprechen, aber er kann doch nicht anders als einzuräumen, dass es so aussehe, dass man denken könnte, obschon die Datenlage noch nicht eindeutig sei, aber dennoch der Eindruck bestehen bleibe, dass die „Messergewalt“, wie er es nennt, zugenommen habe.

Falls Sie nun einen Beruhigungstee/-kaffee benötigen: Wir haben die beste Tasse dafür:
Tassen und Shirts gibt es im ScienceFiles-Shop

Baier ist Kriminologe.
Ein uns gut bekannter Kriminologe,  nicht persönlich (vielleicht auch persönlich, bin mir nicht so ganz sicher), aber über das, was er schreibt, zuerst im Kontext des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen geschrieben hat und heute von seiner Position als Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Züricher Fachhochschule schreibt. Was Baier schreibt, hat sich wenig verändert. Es gibt drei große Motive in seinem Tun und Werkeln, wenn es um Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik gibt:

Dieses Muster haben wir schon vor einigen Jahren aufgezeigt, und zwar im Zusammenhang mit einem Versuch, an dem auch der Altmeister kriminologischen Dilettantismus‘ Christian Pfeifer beteiligt war, Daten, die eindeutig belegen, dass mit dem Massenzuzug von sogenannten Flüchtlingen die Gewaltkriminalität erheblich gestiegen ist, madig zu machen.
Das war 2018.
Wir schreiben das Jahr 2024 und Baier singt immer dasselbe Lied:

Man wisse nicht, ob es mehr „Messergewalt“ gebe, sagt Baier, bevor er sich entschließt, die Realität zuzulassen und von einem Anstieg zu reden. Indes, der Standardhinweis auf das Dunkelfeld, jenes Feld, in dem die Phantasie mancher, die sich als „Kriminologen“ sehen, keine Grenzen kennt, weil niemand weiß, was sich im Dunkelfeld befindet, eben weil es dunkel ist, er ist wichtig für Baier, denn aus irgendwelchen nur ihm bekannten Gründen, bringt er es nicht über sich, der Tatsache, dass Ausländer häufiger in Kriminalstatistiken auftauchen, als solcher und ohne den Versuch, sie zu zerreden, gegenüber zu treten.

Statt dessen verweist er, wann immer er als „Experte“ angefragt wird, auf die Möglichkeit, dass nur mehr „Messergewalt“ gemeldet wird, was man so verstehen muss, dass vor allem Ausländer als Messerstecher gemeldet werden. Indes: Da wir vom Dunkelfeld nichts wissen, könnte es durchaus sein, dass auch die von Baier imaginierten Messerstechereien, die der Polizei nicht bekannt werden, ausschließlich oder überwiegend von Ausländern begangen werden. Wie gesagt, alles ist möglich, wenn man nichts weiß. Indes, die Wahrscheinlichkeit, dass ein per Messerstich verletztes Opfer, das erhebliche Verluste von Blut hinnehmen muss, ohne ärztliche Behandlung und damit die Verpflichtung der behandelnden Ärzte, ihren Verdacht, das Opfer einer Straftat zu behandeln, an die Polizei zu melden, über die Bühne geht, ist eher ein Beispiel für den Effekt, den Mythologie auf die Gedankenwelt mancher, die sich als „Kriminologe“ bezeichnen, hat.

Der für uns herausragende Höhepunkt eines Interviews, das dem Zweck dient, Ausländer und Messerstecher zu disassoziieren, steht in der folgenden Passage:

„Focus: Das heißt: Der Migrationshintergrund ist häufig das Erste, was auffällt – aber die Ursachen für kriminelles Verhalten liegen tiefer.

„Baier: Genau. Uns Kriminologen wird oft vorgeworfen, wir würden den Zusammenhang zwischen Zuwanderer-Status und Kriminalität wegdiskutieren. Das ist falsch. Natürlich sieht man diesen Bezug in den Statistiken – die Kriminalitätsbelastung von Ausländern ist etwa doppelt so hoch wie von Deutschen. Aber wir dürfen bei der Interpretation der Daten nicht beim Migrationshintergrund stehenbleiben. Eine Differenzierung ist unbedingt notwendig.

Focus: Wie meinen Sie das?

Baier: Die sehr pauschale Aussage, Gewaltkriminalität sei etwas Importiertes, bringt uns nicht weiter. Wie gesagt spielen Faktoren wie Erziehung, Milieu und Geschlecht bei der Entstehung von Kriminalität eine Rolle. Wenn wir differenzieren, sehen wir: Zentral ist nicht der Ausländerstatus. Es sind eigentlich immer Sozialisationserfahrungen, die mit Kriminalität einhergehen.“

Fangen wir hinten an:
Nicht jeder von uns begeht Gewaltkriminalität.
Warum  nicht?
Weil wir bestimmte Werte intus haben, die uns von Gewaltkriminalität zurückschrecken lassen. Und weil die Kosten, die uns durch das Ausüben von Gewaltkriminalität potentiell entstehen können, zu hoch sind, als dass man dem Drang, dem Arschloch gegenüber die Kauleiste zu polieren, nachgeben würde.
Diejenigen, die Gewaltkriminalität ausüben, müssen entsprechend andere Werte verinnerlicht haben und diese Werte in andere Handlungsnormen übersetzen.
Normen, Handlungsmuster, sind etwas kulturelles.
Sie werden von Eltern und Gleichaltrigen und Bezugspersonen vermittelt und fallen nicht vom Himmel, sind vielmehr kulturell geprägte Handlungsmuster, entweder mit gesellschaftsweitem Geltungsanspruch oder mit subkulturellem Geltungsanspruch.
Kurz: Die Bereitschaft, Gewaltkriminalität auszuüben, ist über die Vermittlung von Werten und Normen, das, was Baier Sozialisation nennt, vermittelt.
Und diese Werte und Normen sind von Kultur zu Kultur verschieden. Wären Sie es nicht, wir würden alle den Kopf nach Osten neigen und Allah preisen … oder so.
Generationen von Sozialwissenschaftlern, vom Anthropologen bis zum Betriebswirtschaftler, haben sich mit Werten und Normen und den kulturellen Unterschieden, die sich auftun, wenn man Werte und Normen von Asiaten oder Afrikanern oder Muslimen oder Deutschen oder Franzosen oder Ungarn und deren Übertragung in Handlungsmuster miteinander vergleicht, herumgeschlagen.
Kultur, so hat Geert Hofstede einst geschrieben, sei wie eine Programmierung des Geistes.
Die meisten Ausländer, die nach Deutschland kommen, stammen aus einer anderen Kultur.
Sie haben andere Normen und Werte.
Sie haben eine andere Programmierung des Geistes.
Sie handeln anders, haben z.B. andere Vorstellungen darüber, wie man sich durchsetzen kann, akzeptieren Gewalt eher als Mittel, sich durchzusetzen oder zumindest es zu versuchen als dies unter Deutschen üblich ist, legitimieren die Nutzung von Gewalt. Und wenn Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen gilt, dann gelten auch die Mittel, mit denen man seine Interessen per Gewalt durchsetzen kann, als legitime Mittel.
Das bringt uns zum handelsüblichen Messer. Eine leicht zu beschaffende Waffe, die vor allem bei denen Verbreitung findet wird, die Gewalt und die Mittel zur Gewalt als legitime Form der Interessendurchsetzung ansehen, Leute, denen in einer anderen Kultur andere Werte und Normen vermittelt wurden, Ausländer, Migranten, Personen mit Migrationshintergrund, die in einer anderen Kultur sozialisiert wurden, aufgewachsen sind, in der Gewalt alltäglich war und ist!

Die Differenzierung, von der Baier sagt, sie sei notwendig, besteht also darin, Ausländer zu operationalisieren, ihn als anders sozialisiert, als Subjekt mit anderen „Sozialisationserfahrungen“ zu beschreiben, Sozialisationserfahrungen, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen legitim machen, schon weil man aus einer Kultur vermeintlich geflüchtet ist, in der die Gewalt alltäglich ist.

Ob sich Baier mit solchen Kapriolen um den eigenen Verstand redet oder denkt, diejenigen, die ihm zuhören, würden nicht bemerken, dass er versucht, Ausländer und deren überproportionale Vertretung in der Polizeilichen Kriminalstatistik dadurch zu exkulpieren, dass er sie zu Menschen mit anderer Sozialisationserfahrung macht?

Er ist halt ein Experte.


 

Die mobile Version verlassen