Der nächste Re-Import: Wieder Todesfälle respirativer Diphtherie in Deutschland

Unsere heutige Geschichte beginnt in Afrika.

Die WHO schlägt Alarm, denn in Afrika gibt es seit 2023 mehr oder minder ununterbrochen eine Epidemie von Diphtherie, nicht in gesamt Afrika, vornehmlich in Algerien, dem Chad, Guinea, Mali, Mauretanien, Niger, Nigeria und Südafrika. Seit dem 1. Janaur 2025 und bis zum 2. November 2025 sind in den genannten Ländern 20.142 Fälle von Diphtherie registriert worden, 9.864 Fälle wurden zwischenzeitlich in einem Labor als „Diphtherie“ bestätigt, 1.252 Todesfälle sorgen für eine hohe Case Fatality Rate von rund 6%.

Wie immer, wenn ein Mittelwert gebildet wird, spielt die eigentliche Musik in der Standardabweichung und die ist erheblich, reicht von 5% Mortalität in Nigeria bis rund 27% Mortalität ausgerechnet in Südafrika. Ein erstaunliches Ergebnis, hätte man doch gedacht, dass im vergleichsweise hoch entwickelten Südafrika mehr Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen als z.B. im Chad und auf dieser Basis eine geringere Sterblichkeit erwartet.

By Centers for Disease Control and PreventionPublic Health Image Library (PHIL), identification number #7323, Public Domain, Link

Das Gegenteil ist der Fall und verantwortlich dafür ist zum einen HIV/AIDS, das seine Wirtsorganismen in einem immungeschwächten Zustand zurücklässt und aggressiven Bakterien oder Viren leichteres Spiel verursacht, verantwortlich sind zudem miserable hygienische Verhältnisse in Gefängnisen und Shanty-Towns – und abgesehen davon steht zu vermuten, dass die Fallzahlen aus den ländlichen Gebieten von Nigeria, Mauretanien, dem Chad usw. schlicht unterberichtet sind.

Eine weitere Besonderheit am Ausbruch in Südafrika: Er umfasst nicht im Wesentlichen Kinder, wie das gewöhnlich der Fall ist, sondern Erwachsene, mehrheitlich zwischen 30 und 60 Jahren alt…

Wie auch immer: Diphtherie ist in etlichen Fällen tödlich.

Ein genauerer Blick auf die Diphtherie scheint gerechtfertigt zu sein.

Quelle: RKI (2025). Epidemiologisches Bulletin 32

Diphtherie wird durch ein Bakterium, durch Corynbacterium Diphtheriae verursacht, ein Bakterium, das in aller Regel zu Hauterkrankungen führt und sich mit der Infektion von Haut zufrieden gibt. Allerdings gibt es Toxin produzierende Stämme oder Klone von Corynbacterium Diphtheriae, die mit Hautinfektionen nicht zufrieden sind. Sie setzen sich im Rachen fest, bilden meist grau-weiße Beläge im Nasen-Rachen-Raum oder am Kehlkopf, Pseudomembranen, die mit einem süßlichen Mundgeruch einhergehen. In manchen Fällen bleibt es bei Mundgeruch oder Halsschmerzen, in manchen Fällen verschafft sich das Toxin von C. Diphtheriae Zugang zur Blutbahn, etwa über kleine Risse im Endothel und greift Organe an. Markenzeichen einer respiratorischen Diphtherie, die zu einer systemischen Vergiftung geführt hat, sind Myokarditis, Schäden am zentralen Nervensystem und Nierenversagen, Komplikationen, die in etlichen Fällen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden, zum Tod des Erkrankten führen.

Die Behandlung von schweren Fällen der Diphtherie erfolgt, wie so viele, mit Antibiotika oder mit einem spezifischen Antitoxin DAT, Diptheria Antitoxin, eine Art Impfstoff, auf den wir noch zurückkommen. Bleiben wir zunächst bei der eigentlichen Erkrankung, die sich nach einer Inkubationszeit von 2 bis 5 Tagen einstellt und drei Formen annehmen kann, neben Leuten, die nicht bemerken, dass sie von C. Diphtheriae inkubiert wurden, gibt es die im Bild zu sehende Diphtherie, die mit Hautausschlägen einhergeht und eben die gefährliche Form der respiratorischen Diphtherie, die besonders problematisch wird, wenn sie von einem Diphtherie-Stamm verursacht wird, der ein Gen beinhaltet, das die Produktion von Toxin zur Folge hat, jenem Toxin, das der Stoff ist, aus dem Myokarditis, Nervenerkrankungen und Nierenversagen sind.

Diphtherie wird mit Impfstoffen vorgebeugt, DTP, Diphtherie, Tetanus und Pertussis Impfstoffe sollen vor schweren Verläufen schützen und sind wohl auch dazu in der Lage, vor schweren Verläufen, was letztlich die Toxin-Produktion und eine systemische Verbreitung desselben beschreibt, zu schützen, im Rahmen der üblichen Werte von irgendwo um die 80%. Diphtherie-Impfstoffe bieten keinen vollständigen, aber einen recht guten Schutz [von uns noch nicht geprüft], verhindern indes weder Infektion mit C. Diphtheriae noch deren Verbreitung über Hautsekret oder ausgehustete Tröpfchen. Soweit die Beschreibung der Wirkung der Impfstoffe die man gebetsmühlenartig zum Beginn der meisten wissenschaftlichen Texte, die sich mit Diphtherie befassen, findet.

Entsprechend werden im Hinblick auf den Ausbruch von Diphtherie in Afrika derzeit Impflücken beklagt, ergänzt um den Hinweis, dass vor allem Konfliktgebiete oder Gegenden betroffen sind, in denen viele Menschen unterwegs und gezwungen sind, in engen Verhältnissen unter miserablen hygienischen Zuständen zu leben. Indes, ein Grund dafür, dass sich Diphtherie in Afriak schnell und erfolgreich ausbreiten kann, besteht im Fehlen von Diphtheria Antitoxin, DAT, einem Impfstoff, der das Diphtheria Toxin erfolgreich zu bekämpfen und seine Verbreitung über Hautläsionen und Atemluft hemmen kann.

Dieser für erfolgte Infektionen mit C. Diphtheriae, die bereits zu Komplikationen geführt haben, so wichtige Impfstoff, ist derzeit in Afrika vergriffen oder nur in viel zu geringem Maße verfügbar. Und unter anderem die Europäische Union ist schuld daran. DAT wird in einem zeitraubenden und kostenintensiven Prozess von Pferden gewonnen. Die Gewinnmarge ist entsprechend gering. Große Pharmaunternehmen wollen Geld verdienen, weshalb DAT vornehmlich vom Serum Institute in Indien (rund 80% der globalen Produktion) und einigen russischen Unternehmen hergestellt wird. Letztere können DAT nicht liefern, weil die EU Sanktionen gegen Russland verhängt hat, erstere liefern nur ein bestimmtes Kontingent und behalten den Rest für eigene Zwecke.

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All das wäre ein Problem von Afrika, wenn nicht zwei Entwicklungen dafür sorgen würden, dass der afrikanische Diphtherie-Ausbruch zu einem globalen Problem, besonders zu einem westeuropäischen Problem wird:

  • Zuwanderung;
  • ST-574

ST-574 ist ein besonders aggressiver Stamm von C. Diphtheriae, der 2022 erstmals in einem Asylbewerberheim in Basel nachgewiesen wurde. Seither hat sich ST-574 in vielen europäischen Ländern eingefunden, darunter Deutschland. ST-574 ist insofern gefährlich, als er mit dem oben beschriebenen Gen zur Toxin-Produktion ausgestattet ist, schwere Fälle und Komplikationen somit im Schlepptau hat. Europaweit gibt es bis heute rund 500 sequenzierte C. Diphtheriae, die ST-574 zugeordnet werden,  126 davon in Deutschland. 115 der 126 Träger von C. Diphtheriae (ST-574) sind zugewandert, die meisten davon aus Syrien und Afghanistan, 11 der Träger sind obdachlos und in der Regel drogensüchtig. Die Milieus aus denen ST-574 zur deutschlandweiten Gefahr werden kann, sind damit umfassend beschrieben.

Im Epidemiologischen Bulletin 18 vom 30. April 2025 schlägt das RKI entsprechend Alarm:

„Im Vergleich zu den Diphtherie-Fällen in den vergangenen Jahren ist auffällig, dass:

(i) mittlerweile auch weitere vulnerable Bevölkerungsgruppen und nicht mehr ausschließlich
geflüchtete Menschen betroffen sind;

(ii) es vermehrt Fälle von respiratorischer Diphtherie gibt, die zum Teil auch schwer oder tödlich verlaufen;

(iii) die Übertragungen innerhalb Deutschlands, also autochthon erfolgt sind.

Nicht nur ist mit ST-574 eine Variante von C. Diphtheriae in Deutschland heimisch geworden, die von Asylbewerbern importiert wurde, die Variante führt zu respiratorischer Diphtherie, die in den Jahren vor 2022 weitgehend unbekannt in Deutschland war und, weil das alles noch nicht reicht, gibt es erster Fälle autochthoner Übertragung, d.h. C. Diphtheriae ist wieder in Deutschland heimisch, hat ein Reservoir in Deutschland, das unabhängig von importierten Fällen besteht.

Zurück in die Vergangenheit durch Zuwanderung….

Die Balkanroute ist der Weg, den auch ST-574 mit hoher Wahrscheinlichkeit genommen hat


Erste Todesfälle gibt es auch schon. Im Jahre 2025 verstarben ein Kind in Brandenburg, ein Insasse eines Pflegeheims in Sachsen und ein polnischer Pfleger in Niedersachsen an Diphtherie. Roewer de Porto et al. (2025) fassen die aktuelle Situation wie folgt zusammen:

„The rise in ST-574 respiratory diphtheria, associated fatalities, and emergence of two separate clusters in Germany with mostly autochthonous cases, indicate that the situation may have shifted from sporadic importations of diphtheria to increased circulation of the pathogen with ongoing autochthonous transmission. Our findings suggest that countries that observed imported diphtheria cases since 2022 may be susceptible to secondary outbreaks.“

In Deutsch:
„Der Anstieg der durch ST-574 verursachten respiratorischen Diphtherie, die damit verbundenen Todesfälle und das Auftreten von zwei separaten Clustern in Deutschland mit überwiegend autochthonen Fällen deuten darauf hin, dass sich die Situation möglicherweise von sporadischen Diphtherie-Importen zu einer verstärkten Verbreitung des Erregers mit anhaltender autochthoner Übertragung gewandelt hat. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Länder, in denen seit 2022 importierte Diphtherie-Fälle beobachtet wurden, anfällig für sekundäre Ausbrüche sein könnten.“

de Porto, Imme Friederike Roewer, Alexandra Dangel, Lena Schneider, Aleksandra A. Zasada, Jonas Haller, Inas Abdelgawad, Claudia Siffczyk et al. (2025). Two diphtheria sub-clusters with autochthonous cases in Germany and Poland within a Corynebacterium diphtheriae ST-574 outbreak, 2022 to July 2025. Eurosurveillance 30(33): 2500539.

Deutschland wird diverser.
Selbst Krankheiten, die in Deutschland weitgehend verschwunden waren, kehren zurück, um die Diversität der Krankheiten zu erhöhen.
Merkel sei Dank!


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3Comments

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  1. 2
    ERINNERUNG

    Richtig dumm sein und dem eigenen Volk permanent Schaden zufügen ist heutzutage nicht leicht – BEI DER KONKURRENZ !

    „Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
    und schrieen sich zu ihre Erfahrungen
    wie man schneller sägen konnte,
    und fuhren mit Krachen in die Tiefe,
    und die ihnen zusahen, schüttelten die Köpfe beim Sägen
    und sägten weiter.“ — Bertolt Brecht

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