Übertragbarkeit ist, wie so viele deutsche Begriffe, ein interessantes Konzept, das sowohl eine direkte (z.B. Viren) als auch eine indirekte (als Transferleistung) und eine schwammige (sinngemäß) Dimension umfasst.
Aber das nur am Rande.
Bei Tierversuchen geht es vor allem um Übertragbarkeit, denn die Ergebnisse, die in Tierversuchen gewonnen werden, sollen auf Menschen übertragen werden. Für Tiere toxische Stoffe Menschen (im Gegensatz zu den Tieren) nicht zugemutet, Therapien, die in Tierversuchen erfolgreich waren auf Menschen übertragen werden – zwei von mehreren Bereichen, in denen Tierversuche durchgeführt werden.
Die Frage, wie sinnvoll Tierversuche sind, die kann man auf zwei Arten beantworten. Da wir als Menschen nach wie vor von den meisten Philosophen als Wesen mit Moral und Verantwortung, manche reden sogar von Gewissen angesehen werden, ist die Ethik von Tierversuchen das erste Kriterium, das man normalerweise berücksichtigt.
Würden Sie einen Menschen befreunden, von dem sie wissen, dass er im Beruf Hasen und Affen quält, bis in deren Tod?
Tierversuche sind Tierquälerei, darüber müssen wir nicht diskutieren. Sie sind rechtlich legitimierte Tierquälerei, mit vermeintlicher Notwendigkeit legitimierte Tierquälerei, “um Menschen zu schützen”. Diese Floskel gehört zu denen, die mir am meisten verhasst sind. Sie kommt in unterschiedlichen Varianten, vom “Schutz der Kinder” über den “Schutz nachwachsender Generationen” bis zum “Schutz des Planeten und “der Menschen”, gemeinhin verbirgt sich hinter der Floskel eine monumentale Heuchelei, die inszeniert wird, um eine noch monumentalere Industrie zu verschleieren, die an dem, was mit der Floskel kaschiert werden soll, verdient.
Bei Tierversuchen geht es um rund 25 Milliarden US-Dollar jährlich. Die meisten von uns denken, wenn sie an Tierversuche denken, an universitäre Labore, in denen Affen und andere Lebewesen systematisch gequält werden. Aber das ist nur ein Teilmarkt. Hinzu kommen die CROs, die Contract Research Organisations, das sind Unternehmen, die auf Tierversuche spezialisiert sind und im Auftrag von Pharmafia für Pharmafia die schmutzige Arbeit übernehmen. Ihr Anteil am Markt ist mindestens so groß, wie der Anteil universitärer Tierquäler, bewegt sich bei rund 10 Milliarden US-Dollar weltweit. Hinzu kommen die Züchter, diejenigen, die an Hochschulen arbeiten und deren Kosten Steuerzahler oder Hochschulen tragen. Die 25 Milliarden USD sind konservativ geschätzt.
Ob man Geld mit dem Leid von Lebewesen machen kann und will, ist eine ethische Frage, die wir bei ScienceFiles in der Weise beantworten, die Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrem Beitrag über Wissenschaftsfreiheit wie folgt zusammengefasst hat:
“Mein erstes Ausschlusskriterium [für legitime wissenschaftliche Forschung] ist ein auf jedes zum jeweils aktuellen Zeitpunkt (!) lebendige Wesen bezogenes Instrumentalisierungsverbot (in Anlehnung an Kant 1906[1785]). Gemäß dieses Kriteriums darf kein zum jeweils aktuellen Zeitpunkt lebendiges Wesen bloß als Mittel zu Zwecken Anderer betrachtet und behandelt werden, sondern muss als Zweck an und für sich selbst respektiert werden. Das bedeutet, dass die absichtliche oder fahrlässige physische Beschädigung lebendiger Wesen im Rahmen wissenschaftlichen Arbeitens keinen Platz hat. Dementsprechend sind routinemäßige Tierversuche zur Prüfung bestimmter Sachverhalte oder Zusammenhänge im Rahmen der wissenschaftlichen Methode m.E. nicht durch Wissenschaftsfreiheit gedeckt: sie sind m.E. immer unmoralisch, und sie sind keine Notwendigkeit im Rahmen der Anwendung der wissenschaftlichen Methode. Vielmehr sind sie (zumindest heutzutage) unnötig …”
Der ethischen Ablehnung von Tierversuchen wird gemeinhin damit zu begegnen versucht, dass auf die Notwendigkeit von Tierversuchen, zum “Schutz der Menschen” [da ist sie wieder, die Floskel] verwiesen wird, ein Verweis der zurückführt zur Übertragbarkeit und zur Frage, ob die Ergebnisse aus Tierversuchen überhaupt auf Menschen übertragbar sind
Im Rest dieses Beitrags stellen wir einige der vielen Belege zusammen, die zeigen, dass Tierversuche in aller Regel vollkommen nutzlos und somit in jeder Hinsicht unnötig, daher simple Tierquälerei sind.
Das erste vernichtende Ergebnis, das bis zum heutigen Tag unwiderlegt steht, aber zwischenzeitlich mehrfach belegt wurde, stammt aus dem Jahre 2007:
Perel, Pablo, Ian Roberts, Emily Sena, Philipa Wheble, Catherine Briscoe, Peter Sandercock, Malcolm Macleod, Luciano E. Mignini, Pradeep Jayaram, and Khalid S. Khan (2007). Comparison of treatment effects between animal experiments and clinical trials: systematic review.“ British Medical Journal 334(7586): 197.
Die Ergebniss von Perel et al. (2007) waren und sind für sich genommen katastrophal für die Effektivität und Notwendigkeit von Tierversuchen. Und vielleicht ist das der Grund dafür, dass Perel et al. (2007) nur wenig Interesse daran ausgelöst haben, ihre Ergebnisse zu replizieren oder gar zu erweitern. Im Einzelnen haben Perel et al. (2007) untersucht, wie sich die Ergebnisse aus Tierversuchen zu Ergebnissen für dieselben klinischen Interventionen bei Menschen verhalten:
Kortikosteroide haben sich in Tierversuchen als Mittel gegen Kopfverletzungen erwiesen, in klinischen Studien am Menschen waren sie weitgehend nutzlos.
Fibrinolytika reduzierten in klinischen Studien Blutungen, in Tierversuchen ließ sich kein entsprechendes Ergebnis finden.
Tirilazad reduzierte die Gefahr eines ischämischen Schlaganfalls im Tierversuch, versagte am Menschen.
Pränatale Kortikosteroide reduzierten Atemnot und Mortalität bei Neugeborenen, dagegen waren die Ergebnisse im Tierversuch widersprüchlich.
Im Wesentlichen zeigen Perel et al. (2007), dass man aus Tierversuchen so gut wie nichts, wenn überhaupt etwas, darüber lernen kann, was dieselben Medikamente, dieselbe medizinische Intervention bei Menschen an Effekt erzielt. Die Nicht-Unübertragbarkeit geht dabei in beide Richtungen, gute Ergebnisse im Tierversuch, schlechte am Menschen, schlechte Ergebnisse im Tierversuch, gute am Menschen.
Der Vollständigkeit halber: Hackham und Redelmeier haben 2006 nahezu identische Ergebnisse zu den von Perel et al. (2007) veröffentlichten auf kleinerer Basis publiziert:
28 (37%) der Tierversuche, die sie berücksichtigt haben, wurden in klinischen Studien repliziert, für 14 (18%) waren die Ergebnisse in klinischen Trials widersprüchlich und 34 (45%) konnten in keiner Weise repliziert werden. 63% der Tierversuche waren in dieser Zählung umsonst, 37% wurden in klinischen Trials bestätigt. In weniger als 5% der Fälle wurde daraus ein zugelassenes Medikament.
Pound und Nichol haben die Ergebnisse von Perel et al. (2007) zum Ausgangspunkt genommen, um ihrerseits in die Studien zu gehen und zu analysieren, welche der Studien, die in der Meta-Analyse von Perel et al. (2007) verarbeitet wurden, anhand gültiger ethischer Kriterien hätten genehmigt werden dürfen. Ihr Ergebnis: 7%.
“A third of studies reported that some animals died prior to endpoints. All the studies were of poor quality. Having weighed the actual harms to animals against the actual clinical benefits accruing from these studies, and taking into account the quality of the research and its impact, less than 7% of the studies were permissible…”
Wie Sie am Datum der Veröffentlichung sehen, hat es 11 Jahre gedauert, bis die Ergebnisse von Perel et al. (2007) überhaupt produktiv aufgenommen wurden:
Der Schluss, den Pound und Nicol aus ihren Ergebnissen ziehen, ist entsprechend niederschmetternd für diejenigen, die in Ethikkommissionen ihren Hintern plattsitzen und Studien, wie die von Pound und Nicol analysierten durchwinken:
“The regulatory systems in place when these studies were conducted failed to safeguard animals from severe suffering or to ensure that only beneficial, scientifically rigorous research was conducted.”
Das “Wohl der Tiere”, auch eine dieser Floskeln, das angeblich gegen den erwarteten Erkenntnisgewinn der Studien gewichtet wurde (wie a-human kann man eigentlich sein?), wurde in keiner der untersuchten Studien in irgendeiner Form gewahrt. Keine davon hätte auf Basis auch bei Genehmigung bereits vorhandener Standards genehmigt werden dürfen.
Ein Befund, an dem sich auch heute nicht viel geändert haben dürfte, denn die obligatorischen Ethikkommissionen dienen nicht dazu, ethische Erwägungen zu treffen. Sie sind ein Sham, eine Mimickry auf Ethik, die dazu dient, Studien, die gegen jede Form von Ethik verstoßen, vor Kritik zu schützen.
Eine andere Funktion haben Ethikkommissionen nicht.
Ineichen et al. (2024) haben auf Basis von 122 Beiträgen, in denen die Ergebnisse aus Tier- und Menschenversuchen für 54 Krankheiten und 367 therapeutische Interventionen veröffentlicht wurden, errechnet, dass nur rund 5% der Tierversuche letztlich durch eine Marktzulassung des Medikaments für dessen Erfolg sie leiden mussten, eine pseudo-Rechtfertigung erfahren. In 95% der Fälle waren die Tierversuche vergeblich:
Offenkundig erschreckt von ihren Ergebnissen, haben Ineichen et al. (2024) ein Maß für die Korrespondenz der Ergebnisse in Tierversuchen mit den Ergebnissen von klinischen Trials entwickelt und kommen zu dem Ergebnis, dass in rund 86% der von ihnen untersuchten Fälle eine Konkordanz zwischen beiden besteht. Ein Ergebnis, das ihnen heftige Kritik, ob seiner methodischen Unzulänglichkeit eingebracht hat:
Sueur zeigt in seiner Re-analyse der Daten und Vorgehensweise von Ineichen et al. (2024) erhebliche methodsche Lapsii in der Arbeit von Ineichen et al. auf, Mängel, die von Auslassungen, Nichtberücksichtigung bis zu schlichter Fehlzuordnung reichen.
In unserer Übersetzung:
„Um einen aussagekräftigen Vergleich vornehmen zu können, muss jede “Tierstudie” der entsprechenden klinischen Studie zugeordnet und deren Ergebnisse direkt miteinander verglichen werden [was bei Ineichen nicht der Fall ist].
Auch aus negativen Tierstudien könnten positive klinische Studien hervorgehen oder umgekehrt – eine Möglichkeit, die in dieser Analyse nicht berücksichtigt wurde. Selbst wenn man das Verhältnis um diese Wahrscheinlichkeit bereinigt (0,268 × 0,86 = 0,23), würde die Übereinstimmung auf etwa 23 % sinken und damit weit von den behaupteten 86 % entfernt liegen.
Zudem ist die analysierte Stichprobe verzerrt, da Studien mit weniger als fünf Versuchstieren ausgeschlossen wurden. Dieser selektive Ansatz verzerrt die Schlussfolgerungen – es ist, als wollte wenn man die Verkehrssicherheit nur anhand von SUVs bewerten oder würde behaupten, dass alles Gemüse grün ist, indem man ausschließlich Salate untersucht. Bezieht man alle verfügbaren Studien ein (4.443 Tierversuche und 1.516 klinische Studien), so zeigen die neu berechneten Erfolgsraten […], dass das relative Risiko (Wahrscheinlichkeit eines klinischen Erfolgs bei Erfolg im Tierversuch) von 0,86 auf einen Bereich von 0,71–0,75 sinkt. Die bereinigte Übereinstimmung sinkt auf 19 % – 21 %, was bestätigt, dass der Ansatz der Autoren verzerrt und ungenau ist.
Mit anderen Worten, von den 86% der Übereinstimmung im Ergebnis, sind nur noch 19% bis 21% geblieben. Ein unterirdischer Wert: In mindestens 80% der Fälle können Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf Ergebnisse klinischer Trials übertragen werden, besteht zwischen beiden keine Beziehung.
In einer Serie von Beiträgen haben Bailey et al. die Ergebnisse von Tierversuchen und klinische Studien im Hinblick auf die “Toxicity”, die Schädlichkeit von medizinischen Interventionen für den sie aufnehmenden Organismus untersucht, und dabei Tierversuche an Hunden, Mäusen Raten und Hasen, sowie Affen unterschieden. Die Ergebnisse waren in allen Fällen dieselben:
„Das Fehlen von Toxizität bei Tieren liefert kaum bzw. praktisch gar keine Anhaltspunkte dafür, dass auch bei Menschen keine unerwünschten Arzneimittelwirkungen auftreten werden“, und ein negatives Ergebnis bei einer Tierart „liefert keine Anhaltspunkte hinsichtlich der Toxizität bei anderen Tierarten, selbst wenn Daten von nichtmenschlichen Primaten und Menschen verglichen werden“ (Bailey et al. 2015; unsere Übersetzung)
Vernichtende Ergebnisse für eine lukrative Industrie.
Die Forschungslage zur Übertragberkeit von Tierversuchen ist eindeutig:
Die überwiegende Zahl der Tierversuche ist nutz- und sinnlos, bleibt singuläre Quälerei ohne irgend einen Niederschlag in der Welt der Medikamente und Therapien.
Tierversuche, die durchgeführt werden, um die eventuell vorhandene Toxizität medizinischer Anwendungen auf Menschen zu untersuchen, sind in aller Regel ebenfalls nutz- und sinnlos weil sie sich am Menschen nicht replizieren lassen.
Die Frage, warum Tierversuche so miserable Prediktoren für die Wirkung von Medikamenten und Therapien auf Menschen sind, die sich für manche stellt, hat, je nach Interessenlage zwei Antworten:
Die Versuchsanlagen und Experimente sind lausig, die Übertragbarkeit grundsätzlich vorhanden. Das ist die Kommunismus-Ausflucht: Die Tatsache, dass kommunistische Systeme Millionen Tote produziert haben und produzieren, ist der falschen Anwendung des Kommunismus geschuldet.
Zwischen Mensch und Tier, zwischen beider Organismus bestehen unüberbrückbare Unterschiede, die jede Form von Tierversuch per se zum Scheitern verurteilen.
Was die Ursache für das unnütze Quälen von Tieren ist, kann dahingestellt bleiben, denn ein halbwegs ethischen Erwägungen verpflichteter Mensch wird darauf verzichten, ihm unterlegene Wesen zu quälen. Und selbst wenn er sich davon überzeugen sollte, dass es Gründe geben könnte, die ein Quälen anderer Lebewesen gestatten, nähme er angesichts der berichteten Belege dafür, dass daraus keinerlei nützliche Erkenntnis wird, Abstand davon, andere Lebewesen zu quälen.
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