Das wäre die heutige Erklärung für eine Sturmflut, die das Wattenmeer unwiederbringlich verändert hat.
Nur: Die Sturmflut ereignete sich am 11. Oktober 1634, ist als Buchardiflut in die Geschichte eingegangen und hat an der Stelle einer großen Insel, zwei Restflecken ,Pellworm und Nordstrand, ergänzt um ein paar Steinbrocken im Meer zurückgelassen, zwei Drittel der Insel „Strand“ waren am 12. Oktober 1634 nicht mehr vorhanden:
Die Katastrophe, der zwischen 8.000 und 15.000 Menschen und mehr als 100.000 Tiere zum Opfer gefallen sind, die Ernten vernichtet hat, allein auf der einstigen Insel Strand tausende Häuser, 30 Mühlen und viele Kirchen zerstört hat, gehört zu den schlimmsten Sturmfluten, die die Nordseeküste heimgesucht haben (vergleichbar der Sturmflut von 1976).
Damals wie heute gab es diejenigen, die die Ereignisse im Rahmen einer Religion erklären wollten. Heute ist es die Klimawandel-Religion, damals war die Flut eine göttliche Strafe oder – wie heute – ein Zeichen der nahenden Apokalypse.
Nach Wochen ruhigen Wetters war es am 11. Oktober 1634 mit der Ruhe vorbei.
Wind aus dem Osten dreht sich relativ schnell auf Südwest und entwickelt sich zum Orkan. Peter Sax, vor dem Sturm Bauer, danach „Chronist“, beschreibt die Ereignisse der Nacht wie folgt;
„[…] um sechs Uhr am abend fing Gott der Herr aus dem Osten mit Wind und Regen zu wettern, um sieben wendete er den Wind nach dem Südwesten und ließ ihn so stark wehen, daß fast kein Menschen gehen oder stehen konnte, um acht und neun waren alle Deiche schon zerschlagen […] Gott der Herr ließ donnern, regnen, hageln, blitzen und den Wind so kräftig wehen, daß die Grundfeste der Erde sich bewegten […] um zehn Uhr war alles geschehen.“
Der erste Deichbruch ereignete sich wohl gegen 22 Uhr auf der Insel Strand, es folgten Hunderte weitere auf Strand und entlang der Küste , das Land, das in weiten Teilen durch Entwässerung und Salztorfabbau abgesenkt wurde, so sehr, dass es nun unter dem Meeresspiegel lag, wurde vom Meer zurückgefordert. Die Überschwemmungen sollten wochenlang auf dem Boden bleiben und ihn weitgehend unbrauchbar machen. Gegen 2 Uhr Nachts erreicht die Sturmflut ihren Höchststand, 4 Meter über dem Durchschnitt des „normalen“ Tiedehochwassers“, eine – in heutigen Worten: Anomalie, deren wissenschaftliche Erklärung ein Sturmtief Marke „Jütland“ war, Stürme, die über Neufundland enstehen, über Mittelengland wandern und sich an der Küste von Jütland austoben. Ein klassisches extratropisches Sturmtief, das die damaligen Leidtragenden ebenso in ihr Glaubenssystem eingeordnet haben, wie es die heutigen Klimawandelgläubigen tun.
Wer eine eher wissenschaftliche Orientierung pflegt, der beschreibt die Ereignisse, wie es der Wasserbauingenieur Jan Andriaanszoon Leegwater, der an einem Deich in der Dagebüller Bucht baute, in seinem Haarlemmermeer-boek (1641), tut:
„Der Wind drehte sich ein wenig nach Nordwesten und wehte platt gegen das Herrenhaus, so hart und steif, wie ich’s in meinem Leben nicht gesehen habe. An einer starken Tür, die an der Westseite stand, sprangen die Riegel aus dem Pfosten von den Meereswogen, so daß das Wasser das Feuer auslöschte und so hoch auf den Flur kam, daß es über meine Kniestiefel hinweglief, ungefähr 13 Fuß höher als das Maifeld des alten Landes […]. Am Nordende des Herrenhauses, welches dicht am Seetief stand, spülte die Erde unter dem Haus weg […]. Infolgedessen barst das Haus, die Diele und der Boden auseinander […]. Es schien nicht anders als solle das Herrenhaus mit allen, die darin waren, vom Deich abspülen.
Die Angaben zu den Opfern schwanken. Verbürgt über Kirchenbücher und Chroniken sind mindestens 6.123 Tote auf der Insel Strand, 2.107 auf Eiderstedt, Hunderte in Dithmarschen. Die Schäden zogen sich von Südwestjütland bis Hamburg. Nach der Sturmflut war die Insel „Strand“ zum größten Teil im Meer versunken, nur noch in Resten vorhanden. Ein europäisches Atlantis, das indes nie auf einen Plato getroffen ist, der es zur Erzählung gemacht hat.
Zeitgenössischer Kupferstich der Buchardiflut
Die Ursachen dafür, dass die Deiche brachen, das Land den Meeresfluten so schutzlos ausgeliefert war, sind vielfältig, wie so vieles, wenn nicht alles im Leben. 1634 liegt mitten im 30. Jährigen Krieg, Kämpfe auf Strand fanden in den Jahren 1628 und 1629 statt. Wer nicht vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurde, wurde von Yersinia pestis, dem Erreger von Pest verfolgt. Beides, Krieg und Pest hatten Lücken in die Bevölkerung geschlagen, die Ressourcen maximal gestreckt und dazu geführt, dass die Deichpflege in den Hintergrund geraten war. Für Strand, die Insel lag ohnehin exponiert in der Nordsee, war flach und nur wenig vor Sturmfluten geschützt, war die Nachlässigkeit das Todesurteil.
Was Menschen an Zivilisation gebaut haben, wurde in weiten Teilen der Natur abgerungen. Diejenigen, die „die Natur“ romantisieren, haben in der Regel keine Ahnung, welche Anstrengungen in die Ernte von Kartoffeln oder den Rotwein, den sie so kenntnisreich zu schlürfen gewohnt sind, geflossen sind. Ereignisse wie die Buchardiflut, auch als Zweite Grote Mandränke oder Mandrenke bekannt, erinnern daran, wer auf der Erde tatsächlich derjenige ist, „who calls the shots“.
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