Familienverband fordert Wahlrecht ab Geburt und Wahlrecht für alle Säugetiere

Diese Namen sollten Sie sich merken:

  • Renate Schmidt, Bundesfamilienministerin a.D. (SPD) und Schirmherrin der Kampagne
  • Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D. (SPD)
  • Dr. Hermann Otto Solms, Bundestagsvizepräsident a.D. (FDP)
  • Dr. Klaus Zeh, Minister a.D. (DFV-Präsident)
  • Ingrid Arndt-Brauer, MdB (SPD)
  • Swen Schulz, MdB (SPD)
  • Thomas Silberhorn, MdB (CSU)
  • Peter Patt, MdL (CDU)
  • Alexander Schoch, MdL (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Paul Ziemiak, JU-Vorsitzender (CDU)
  • Arne Gericke, MdEP (Familienpartei)
  • Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit, Justizsenatorin a.D. (SPD)
  • Markus Löning, MdB a.D. (FDP)
  • Steffen Reiche, MdB a.D. (SPD)
  • Hellmut Königshaus, MdB a.D. (FDP)
  • Cornelia Pieper, MdB a.D. (FDP)
  • Angelika Brunkhorst, MdB a.D. (FDP)
  • Dr. Albin Nees, Staatssekretär a.D. (CDU)
  • Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (Hertie School of Governance)
  • Prof. Dr. Kurt-Peter Merk (Hochschule Koblenz)
  • Prof. Dr. Hermann Heußner (Fachhochschule Osnabrück)
  • Prof. Dr. Herwig Birg (Universität Bielefeld)
  • Dr. Axel Adrian (Jurist)
  • Wolfgang Gründinger (Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen)

Wahlrecht ab geburtDie Namen gehören zu Personen, die ein Wahlrecht ab Geburt fordern. Begründet wird der neueste Nagel im Sarg der Demokratie damit, dass „nur wer wählt, zählt“. Als wäre diese Zuweisung von Wert an Bürger auf Grundlage ihrer Fähigkeit, ein Kreuz in einen vorgegebenen Kreis zu machen, nicht schon peinlich genug, argumentieren die Genannten, die im Deutschen Familienverband dafür sorgen wollen, dass Wahlgeschenke an Eltern sich gleich mehrfach lohnen, ausgerechnet damit, dass „immer weniger junge Menschen … immer mehr älteren Menschen“ gegenüberstehen.

Ältere Menschen und jüngere Menschen wären somit diametral zueinander, die Interessen beider inkompatibel. Irgendwie glauben die namentlich oben Genannten wohl, dass man die Mengenverhältnisse dadurch ändern könne, dass man den wenigen jüngeren Menschen ein Stimmrecht ab Geburt gibt, damit sie den vielen älteren Menschen Paroli bieten können. Dies zeigt, wer vom Wahnsinn befallen ist, hat auch keine Bewusstseinsinseln mehr, er fabuliert in jeder Hinsicht oder es zeigt, dass es nicht darum geht, jüngeren Menschen eine Stimme zu geben, wie es pathetisch heißt, sondern darum, opportunistisches Verhalten von Parteien und Wählern zu belohnen, denn: wenn Eltern die Stimme ihrer Neugeborenen bei Wahlen vertreten, dann lohnen sich Wahlgeschenke an Eltern doppelt – wie oben bereits angemerkt wurde.

Dass es darum geht, Eltern zu opportunistischen Wählern und zur einfachen Beute für opportunistische Politiker zu machen, steht ganz offen in der Pressemeldung des Deutschen Familienverbands: „Bisher können allein ihre Eltern mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel versuchen, die Politik in Richtung Nachhaltigkeit und Familiengerechtigkeit zu lenken.“ [Scheinbar haben Eltern nur die Eigenschaft, Nachwuchsbetreuer zu sein. Als solche besteht Interessengleichheit zwischen ihnen und ihrem Nachwuchs, jedenfalls für die Vertreter dieses frei flottierenden Wahns, die oben genannt wurden.]

Deshalb müssen Kinder ab Geburt ein Stimmrecht erhalten und Eltern es in Treuhänderschaft wahrnehmen. Natürlich, so müssen wir ergänzen, haben Eltern immer dieselbe Meinung darüber, welcher Partei ihr Kind die Stimme geben würde, wäre es dazu im Stande, und natürlich gibt es keinerlei Streit darüber, wer das Wahlrecht des Kindes ausüben darf. Dergleichen Nebensächlichkeiten können ignoriert werden. Schließlich geht es darum, Demokratie zu zerstören und dafür zu sorgen, dass es für Politiker leichter wird, Stimmen von Bevölkerungsgruppen zu kaufen.

Da sich in den letzten Jahren zunehmend die Erkenntnis durchsetzt, dass es ethisch nicht mehr vertretbar ist, Säugetiere (außer Menschen) zu töten, um ihre Leichen in Teilen Exemplaren, wie den oben namentlich genannten, zum Fraß vorzuwerfen, fordern wir nun endgültig ein Wahlrecht für Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und alle sonstigen Säugetiere, die von Menschen ermordet, gefressen oder anderweitig ausgenutzt werden.

Singer Praktische EthikBislang haben diese Säugetiere kein Wahlrecht, obwohl ihre geistige Kapazität fast durchgängig über der des menschlicher Nachwuchses liegt, wie sich schon daran zeigt, dass z.B. Lämmer bereits nach kurzer Zeit des Laufens und selbständigen Essens fähig sind, eine Fähigkeit, die zu meistern menschlichem Nachwuchs erst nach Jahren gelingt. Entsprechend können wir im Einklang mit der Forschung und den Arbeiten zur praktischen Ethik, wie sie Peter Singer veröffentlicht hat, feststellen: Andere Säugetiere sind menschlichem Nachwuchs überlegen. Wenn nun menschlicher Nachwuchs ab Geburt eine Stimme haben soll, dann ist es kaum möglich, die entsprechende Stimme für andere Säugetiere zu verweigern. Da andere Säugetiere insbesondere ein Interesse an nachhaltiger Entwicklung haben und vor allem daran, nicht zum Fleischlieferanten degradiert zu werden, da andere Säugetiere darüber hinaus und als Folge der Bevölkerungsexplosion weltweit einer wachsenden Zahl von Menschen gegenüberstehen, deren intellektuelle Reife bislang nicht dazu ausreicht, vom Fleischkonsum abzusehen, ist es notwendig, nicht-menschlichen Säugetieren eine Stimme zu geben. Diese Stimme muss, wie bei menschlichem Nachwuchs, treuhänderisch von erwachsenen Menschen ausgeübt werden. Vegetarier und Veganer sind dafür am besten geeignet. Von ihnen kann erwartet werden, dass sie dem Hauptinteresse jedes Lebewesens, nicht von anderen gefressen zu werden, Rechnung tragen.

Die Argumentation, die ein Wahlrecht für nicht-menschliche Säugetiere fordert, steht im Einklang und leitet sich logisch aus der Argumentation des Deutschen Familienverbands ab, so dass der Deutsche Familienverband letztlich keine Einwände dagegen haben kann, wenn seine Forderung danach, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, deren Reife mit der anderer Säugetieren vergleichbar ist und zeitweise hinter der Reife und geistigen Entwicklung anderer Säugetiere zurückbleibt, eine Stimme zu geben, durch die logisch folgende Forderung eines Wahlrechts für alle anderen Säugetiere ergänzt wird. Denn: nur wer wählt, zählt, und schließlich gilt es zu verhindern, dass Lämmer, Rinder oder Schweine, die eine große Zukunft vor sich hätten, von Menschen wie den oben genannten, gefressen und um ihre nachhaltige Zukunft gebracht werden.

Schockbilder auch bald auf Fleischerzeugnissen

Heute tritt die neue EU-Tabakrichtlinie in Kraft: Ab sofort sehen Raucher beim Kauf einer Packung schwarze Zahnstümpfe, zerfressene Lungen und schwarze Raucherbeine. Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken.

smoking cancerNun ist Rauchen eine Angewohnheit, die nicht umsonst unter der Bezeichnung „Sucht“ läuft, was darauf hinweist, dass die Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören, bei vielen Abhängigen nicht unbedingt eine Option ist. Hinzu kommt, dass viele Raucher eine soziale Verpflichtung verspüren, nicht nur den Finanzminister über die Tabaksteuer glücklich zu machen, sondern auch die Raucher-Entwöhnungsindustrie auszuhalten. Was soll aus all den Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Medizinern, aus all den Entwöhnungshelfern werden, wenn einfach alle Raucher vom Rauchen abgeschreckt werden? Zum Glück produzieren Raucher das, was Ökonomen eine nicht elastische Nachfrage nennen, d.h. sie Rauchen unabhängig von Preis und Schockbildern auf der Packung.

Es geht auch nicht um die Raucher, sondern um die vielen Jugendlichen, die mit dem Rauchen gar nicht erst anfangen sollen. Sie abzuschrecken, ist das Ziel der Schockbilder, so hört man von den Schockbildphilen. Nun, verbotene Dinge und vor allem mit Schockbildern abschreckende Dinge, sie üben einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus, die versuchen, ihre eigene Identität in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zu bilden. Insofern wird sich in den nächsten Jahren zeigen, in welche Richtung das Nudgen der noch nicht-Raucher weist. Für die Forscher, die sich mit den unbeabsichtigten Folgen von Entscheidungen befassen, sind die Schockbilder in jedem Fall ein willkommenes quasi experimentelles Setting.

Nun, da die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen als neue Richtlinie in Kraft getreten sind, brechen die Brüsseler Bürokraten, die ja nun eine gewisse Regelungsleere verspüren, zu neuen Ufern auf. Und weil Schockbilder in Brüssel und nicht nur dort so beliebt sind, scheint es erste Bestrebungen zu geben, die Verwendung von Schockbildern auszuweiten.

Die Forschung hat eine Unzahl von Belegen dafür angehäuft, dass Fleischkonsum schädlich ist, vor allem rotes Fleisch erfreut das Wachstum der Krebszellen in Organismen und gilt entsprechend als die Ursache hinter einer Vielzahl von Krebserkrankungen. Fleischkonsum ist somit der Gesundheit schädlich, erhöht die Kosten der Gesundheitsversorgung und muss daher eingedämmt werden. Schockbilder bieten sich an, um die Bevölkerung zu gesünderen Nahrungsmitteln zu nudgen.

Gleichzeitig setzt Fleischkonsum eine mit ethischen Grundsätzen nicht in Einklang zu bringende Massentierhaltung voraus, die letztlich eine Objektivierung von Lebewesen zur Folge hat und die menschliche Fleischeslust auf Basis der Qual anderer Kreaturen befriedigt.

Zudem ist Massentierhaltung einer der größten Verschmutzer der Umwelt, trägt Methan in die Atmosphäre und verstärkt damit die Erderwärmung und verseucht Grundwasser mit Phosphaten und Nitraten.

Der Tatbestand ist eindeutig: Fleischkonsum ist schädlich, Fleischerzeugung ist barbarisch und ethisch nicht vertretbar, Massentierhaltung umweltschädlich.

Um Europäer nicht nur vom schädlichen Tabakkonsum fernzuhalten, sondern auch vom noch viel schädlicheren Fleischkonsum, scheint man bei der EU-Kommission nun Pläne in der Schublade zu haben, die nur darauf warten, dass ein Kommissar seinen Mut zusammennimmt, um sie herauszuholen.

Folgerichtig müssten Verbraucher von Fleisch und Fleischerzeugnissen in Zukunft mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert werden, mit Bildern aus der Massentierhaltung, auf den Verpackungen von Schnitzel und Steaks: Bilder davon, wie Küken gleich nach Geburt geschreddert werden, Bilder von Hähnchen, die mit dem Kopf nach unten in ihren Tot gefahren werden. Live-Aufnahmen aus Schlachthäusern dürften besonders geeignet sein, um europäische Konsumenten vom weiteren massenhaften Verzehr von Fleisch abzuhalten. Zudem sollte der Besuch von Schlachthöfen und von Abdeckereien für Kinder im Grundschulalter verpflichtend sein, um sie über die Lebensgrundlagen ihrer nachhaltigen und grünen Gesellschaft aufzuklären. Und natürlich dürfen auch Bilder von durch Krebs infolge von Fleischkonsum zerfressenen menschlichen Verdauungsträckten nicht fehlen.

Times, they are changing …

Zum Wochenende haben wir wieder einmal einen Anschlag auf die kulturellen Dopes vor, das ist nicht von uns, das ist von Harold Garfinkel, die sich ein Leben ohne Fleischkonsum nicht vorstellen können.

Holy cowLetzterer ist eine Frage der Ethik und einmal ehrlich, wenn man manche satten Gesichter sieht, in die ein Hamburger geschoben wird, dann kann man nicht anders als ärgerlich zu werden, ärgerlich angesichts des Wertes des Tieres, das sein Leben gelassen hat und der in keinem Verhältnis zu dem des Inhabers des Gesichtes zu stehen scheint, der es gerade in Teilen, unbewusst und ohne jegliche Wertschätzung verschlingt.

Fleischkonsum ist eine ethische Frage, die jeder für sich beantworten muss, und zwar mit Blick auf das, was Peter Singer die „capacity to suffer“ nennt und mit der Verantwortung ergänzt, sich darüber bewusst zu sein, wo das Fleisch, das man isst, herkommt, welches Leid notwendig war, um das Steak in die Pfanne zu bekommen.

Ethisch leben zu wollen, erfordert es, sich in die Position anderer Tiere zu versetzen und sich danach zu fragen, wie diese anderen durch das eigene Verhalten beeinträchtigt werden und dann eine Entscheidung über das eigene Verhalten zu treffen.

In Supermärkten werden vegetarische und veganische Angebote immer häufiger.

Die Entscheidung, sich nicht am Leid von Tieren, die in Massentierhaltung gequält werden, beteiligen zu wollen, sie ist immer einfacher zu leben. Wir sehen derzeit einen kulturellen Wandel, der der Abschaffung der Sklaverei entspricht: So wie der Sklavenhandel, ohne den viele nicht leben zu können glaubten, verschwunden ist, so wird auch das Fleischfressen verschwinden.

Warum?

Weil Menschen in der Mehrzahl vernünftige und in Konsequenz davon ethische Tiere sind:

 

Der Mensch als Maßstab-Setzer

eine alte Argumentation zur ebenfalls nicht neuen menschlichen Hubris

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wie der vorangegangene post auf diesem blog berichtet hat, meinen manche Zeitgenossen, behaupten zu müssen und zu können, „[d]er Maßstab bleib[e] der Mensch“, wobei unklar bleibt, warum dies so sein sollte und wofür der Mensch der Maßstab bliebe. Vielmehr stellt der Satz eine Proklamation dar, die offensichtlich vollkommen unreflektiert und unbelastet von Fragen der Begründbarkeit im Taumel völlig übersteigerten Selbstbewusstseins verkündet wurde.

EARTH in contextTatsächlich kann „der Mensch“ für nichts und niemanden im Universum Maßstab sein. Bestenfalls kann er sich selbst kraft seiner selbst für sich selbst zum Maßstab machen. Zu dieser Schlussfolgerung muss man kommen, wenn man z.B. Immanuel Kant oder Robert Spaemann gelesen hat. Aber m.E. kann man auch durch eigene, recht einfache Überlegungen zu dieser Schlussfolgerung kommen, was es um so unverständlicher macht, dass einige Mitmenschen hierzu nicht im Stande sind – oder nicht willens oder beides. Dass ausgerechnet diese Mitmenschen als Maßstab-Setzer für andere fungieren wollen, indem sie verkünden, dass „[d]er Maßstab“ – anscheinend immer für alles und jeden – „der Mensch“ „bl[ei]b[e]“, kann nicht anders denn als Ironie gewertet werden.

Wie ist es möglich, dass sich jemand zu dem Postulat versteigen kann, der Mensch sei oder bleibe Maßstab für irgendetwas (außer sich selbst)? Oder anders gefragt: Mit welchem Recht, welcher Legitimation kann jemand behaupten, ob Menschen – in der Praxis bedeutet das dann wohl: bestimmte Menschen und bestimmte andere Menschen nicht – der Maßstab für alles und jeden sein sollen oder können?

Man könnte meinen, dass diese Frage für diejenigen einfach zu beantworten ist, die an (einen) Gott glauben, denn sie könnten behaupten, dass es Gott gewesen sei, der dem Menschen zum Maßstab aller Dinge auserkoren habe. Nur – mit dieser Argumentation stimmt etwas nicht:

(Selbst) Dann, wenn man an einen Gott glaubt, und wenn man glaubt, dass es das wichtigste oder einzige Ziel dieses Gottes sei, Menschen mit so viel hubris auszustatten, dass sie auf systematische Weise die eigenen Lebensgrundlagen samt derjenigen ihrer Mitgeschöpfe zu zerstören dürfen glauben (z.B. durch die vollkommene Ignoranz gegenüber den Folgen massiver Überbevölkerung des Planeten), dann stellt sich die Frage, warum dieser Gott dies und nichts anderes tun oder wollen oder auch nur zulassen sollte. Oder anders gesagt: Wozu braucht Gott ein Raumschiff, wie Captain Kirk in Star Trek V fragt, bzw. wozu braucht Gott Menschen? Und aufgrund welcher Qualität(en) von Menschen sollte Gott ihnen ihre hubris durchgehen lassen?

Ist Gott vielleicht sozusagen moralisch dazu verpflichtet, Menschen vor allem und jedem im Universum Vorrang zu geben? Sind Denken und Verhalten von Menschen von so großem Wert oder Adel, dass Gott sich diesem grandiosen Wesen „Mensch“ unterwirft und damit sozusagen abdankt, also aufhört, Gott zu sein, und beginnt, Gott von Menschen Gnaden zu sein, dem nur solange Existenz zugesprochen wird, wie er spurt und Menschen für das Wichtigste und Großartigste im Universum erklärt, wichtiger und großartiger als er selbst? Gibt es Gott also nur um des Menschen willen, so, wie es für einige Menschen Tiere nur um des Menschen willen gibt? Oder erlaubt Gott den Menschen ihre Hubris und in der Folge ihr umfassendes Zerstörungs- und Ausbeutungswerk, weil das eine effiziente Strategie ist, diese seltsam anmaßende Spezies, die meint, besser zu sein als alle anderen Lebewesen, wieder zum Verschwinden zu bringen?

Wie auch immer – der Verweis auf Gott hilft nicht wirklich weiter, wenn man danach fragt, mit welchem Recht Menschen „der Maßstab“ für alles und jeden schlechthin sein könnten oder sollten, und sei es nur, weil es Menschen sind, die Gottes Wort, (sofern jemals mitgeteilt) interpretieren.

god-jokeWoher soll aber dann die Wichtigkeit, Würde oder das sonst wie Grandiose am Menschen kommen, die/das ihn zum Maßstab für alles und jeden im Universum oder auch nur auf dem Planeten Erde machen soll? Offensichtlich handelt es sich hier nur um eine – seltsam infantil anmutende – Selbstzuschreibung mancher Menschen, und zwar derjenigen Menschen, die meinen, sie könnten bestimmen, welche Wichtigkeit, Würde oder Respekt anderen Lebewesen inklusive anderer Menschen zukommen.

Nichts im „Bekennerschreiben“ der angeblichen „kritischen Wissenschaftler_Innen“ legt nahe zu vermuten, dass sie sich die Frage nach der Rechtfertigbarkeit ihrer Postulate gestellt haben (oder auch nur psychologisch oder kognitiv im Stande sind, diese Frage zu stellen), aber hier soll – ihnen gegenüber wohlwollend – gefragt werden: Lässt sich diese Selbstzuschreibung rechtfertigen? Lässt sie sich überhaupt rechtfertigen?

Vielleicht könnte sie gerechtfertigt werden, wenn diese Menschen sich ihr selbst zugestandenes Recht, über Maßstäbe zu entscheiden, irgendwie verdient hätten. Das würde voraussetzen, dass sie sich die Wertschätzung oder Würdigung durch andere Lebewesen auf irgendeine Weise erarbeitet haben, und dies wiederum würde voraussetzen, dass sie – eben um ein Mensch zu sein, der überhaupt ein Maßstab für andere Lebewesen sein kann – , irgendeine Leistung erbracht haben – vielleicht die Leistung, korrekte Schlussfolgerungen aus Argumentationen gezogen zu haben (aber gerade diese Leistung können sie nicht erbringen, wie dieser Text hinreichend klar machen sollte).

Eine weitere Voraussetzung wäre, dass diese Menschen ihre eigene Hubris aufgegeben haben, denn niemand kann jemanden wertschätzen, der sich dem vermeintlichen „Wertschätzer“ gegenüber als überlegene Lebensform geriert; die Wertschätzung wäre in diesem Fall nämlich gar keine, sondern bloß Unterwerfung. Umgekehrt könnte die vermeintlich überlegene Lebensform keine Wertschätzung durch andere erfahren oder Wert auf sie legen, weil andere Lebensformen ja ohnehin niedrigere Lebensformen darstellen und insofern keine Einschätzung vornehmen können, die gleichermaßen relevant sein könnte wie die der Menschen, die in von Selbstüberschätzung getragener Selbstzuschreibung verharren. Schon aus logischen Gründen können diese Menschen ihre Proklamation, „der Maßstab“ zu sein und zu bleiben, also nicht begründen. Empirische Tatsache ist, dass ein Mensch auch das Vertrauen eines Tieres erst einmal verdienen muss, wie jeder, der z.B. Streunerkatzen im Winter ein warmes Plätzchen anbietet, weiß, denn unsere nicht-menschlichen Mitgeschöpfe wissen ihrerseits, dass es unter den Menschen solche und solche gibt (,und sie wissen damit mehr als mancher Mensch über die eigene Spezies zu wissen scheint).

Die eigene Hubris aufgeben, um als Mensch überhaupt ein Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden sein zu können, muss man deshalb, weil man einen Maßstab nicht einfach setzen kann. Auch dann, wenn man meint, man habe die Macht oder das Recht, sich zum Maßstab zu erklären, so würde der Anspruch von anderen Lebewesen doch nicht akzeptiert, und er würde sich selbst pervertieren, wenn er angesichts dieser Tatsache zum Manipulationsprogramm oder gar zur Gewaltherrschaft geriete. Vielmehr kann man nur als Maßstab dienen – und das Wort „dienen“ ist hier mit Bedacht gewählt. Die Frage, die sich dann stellt, ist: warum kann was oder wer wofür als Maßstab dienen?

Kant praktische VernunftIm Anschluss an Immanuel Kant haben viele Denker, Philosophen (einschließlich Richard Spaemann) und viele andere, sich ihrer selbst bewusste, Menschen erkannt, dass die Mindestanforderung, die an einen Menschen gestellt werden muss, der als ein Maßstab (auch oder gerade: für andere) dienen kann, die Mindestanforderung ist, dass dieser Mensch zunächst eine Mindestanforderung an sich selbst – und nicht an andere – stellt. Diese Anforderung ist diejenige, andere Lebewesen nicht als bloße Zwecke für seine eigenen Ziele zu missbrauchen, sondern sie als Ziele an und für sich selbst zu respektieren, ganz so, wie er sich selbst als Ziel in eigenem Recht ansieht und seine Existenz nicht als bloßes Mittel zum Zweck anderer Lebewesen betrachtet.

Warum ist das so?

Wenn der Mensch ein Maßstab sein oder bleiben soll, kann er das zunächst nur für sich selbst sein! Er allein kann sich das eigene Gewissen und die eigene Integrität als Maßstab setzen. Als Maßstab dienen kann er nicht aus eigener Kraft; dies setzt vielmehr voraus, dass jemand anders ihn zum Maßstab nimmt. Wie vorne argumentiert wurde, wird aber kein Lebewesen jemanden zum Maßstab nehmen oder ihm Vertrauen entgegenbringen, der ihn nur als Mittel zu seinen eigenen Zwecken ansieht statt als Ziel an und für sich selbst, also jemanden, der meint, ihn ungehindert ausbeuten zu können. Und nur, wer an der Ausbeutung anderer Lebewesen interessiert ist, muss sich in Hubris flüchten, so dass die bloße Tatsache, dass jemand diese Hubris an den Tag legt, eine hinreichende Bedingung dafür ist, dass er nicht zum Maßstab für irgendjemanden oder irgendetwas taugt.

Wenn ein Mensch nur durch sich selbst und für sich selbst ein Maßstab sein kann, um anderen möglicherweise (!) als Maßstab zu dienen, dann muss er entsprechende Anforderungen, die ihn in seinen eigenen Augen und (ggf.) in den Augen anderer Lebewesen dazu qualifizieren, ein Maßstab zu sein, also zuallererst an sich selbst stellen. Und das führt unweigerlich dazu, dass er sein Verhalten anderen Lebewesen gegenüber anpasst, ungeachtet der empirischen Frage, wie diese Lebewesen ihn nun tatsächlich, also in der Empirie, betrachten oder ob sie im Stande sind, sich überhaupt ein Bild von ihm zu machen. Seine Anforderung an sich selbst ist nämlich seine Anforderung an sich selbst und eine Selbstverpflichtung.

Nur ein Mensch von besonderer Wertigkeit mag das Recht haben, sich über andere Lebewesen zu erheben und sie auszubeuten, aber kein Mensch, der sich so verhält, kann ein Mensch von besonderer Wertigkeit sein, weil er nicht im Stande ist zu erkennen, dass er seine Hubris durch nichts rechtfertigen kann als eben dieselbe: er schreibt sich selbst besondere Wertigkeit zu und leitet aus ihr besondere Rechte ab, die seine Ausbeutung anderer Lebewesen rechtfertigen sollen, und die Begründung für diesen Akt ist die Behauptung, er sei von besonderer Wertigkeit und habe deshalb das Recht, andere Lebewesen auszubeuten.

Damit setzt er, um begründen zu können, voraus, was begründet werden soll; er begeht den logischen Fehler des Zirkelschlusses. Dieser Argumentationsfehler kann nicht irgendwie durch verbale Haarspaltereien oder noch größere Übertreibung der Hubris weggeredet oder gar aufgelöst werden. Man kann ihn nur vermeiden. Und das gelingt, wenn man sich auf seine Grundqualifikation als Mensch besinnt, nämlich auf die Fähigkeit zur Menschlichkeit, die sich in einem Handeln zeigt, das von Empathie (aber nicht durch plakativ vorgegaukelten Altruismus, was etwas gänzlich anderes ist!) bestimmt ist, denn allein diese Qualität darf – bis auf Weiteres und zumindest mit Bezug auf das mögliche Ausmaß dieser Qualität und seiner Funktion als handlungsleitend – als spezifisch menschliches Potenzial gelten. Ein empathisches Handeln schließt die mitgefühlslose Ausbeutung von Lebewesen aus, von Menschen wie von Tieren, und deshalb kann ein Mensch nur insofern über Tieren stehen als er sich ihrer oder anderer Menschen nicht einfach und ohne Mitgefühl bedient.

So betrachtet ist ein Mensch ohne Empathie eine Kreatur von ungeklärtem Status, die es ebenso zu respektieren gilt wie jedes andere Lebewesen, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem ist aber keinerlei Grund dafür erkennbar, warum ausgerechnet ein solches Lebewesen für irgendjemanden oder irgendetwas als Maßstab dienen kann, oder anders gesagt: niemand hat einen guten Grund, ein solches Lebewesen, das in Hubris verharrt und zur Empathie nur sehr eingeschränkt oder gar nicht fähig oder willig ist, zu wählen, damit es ihm als Maßstab für ein menschliches Leben dienen möge!

Wer die Hubris hinter sich lässt und zur Empathie fähig und willig ist, der wird mit allen Lebewesen Mitgefühl haben, und wer Mitgefühl (auch) mit Tieren hat, kommt nicht umhin, die Massentierhaltung und die systematische Ausbeutung von Tieren und ihre systematische Ermordung als einen unsäglichen, seit Langem totgeschwiegenen Holocaust zu erkennen, einen Holocaust, bei dem sich Leben in Schmerz erschöpft und Tod nicht einmal den Sinn einer Erlösung haben kann, weil Tiere – nach allem, was wir bisher wissen – keine Konzepte haben, die Leiden im Leben einordnen oder ihm ebenso wie dem Tod irgendeine Art von Sinn geben könnten. Sehr wohl haben Tiere aber ein Empfinden für Schmerz, und das, was wir ihr Leben nennen, ist für sie eine einzige Kette von Deprivation und direktem physischen Schmerz.

Die massenhafte Ermordung von Tieren findet teilweise gleich nach ihrer Geburt statt (z.B., wenn sie das falsche Geschlecht haben, das ihrer Ausbeutung zu einem bestimmten Zweck im Weg steht – hier bestimmt das biologische Geschlecht tatsächlich über Leben bzw. Existenz und Tod), oft aber nach einigen Jahren von „Leben“, das für das Tier zumeist kein solches ist, sondern bloß eine dauerhafte Kette aus physischem Leiden wie z.B. auf einer Kaninchen-Farm, auf der Kaninchen bei lebendigem Leib gehäutet werden, damit ihr Fell „geerntet“ werden kann, oder im Fall der Hündinnen, die als Gebärmaschinen für Hundezüchter ausgebeutet werden, bis sie nicht mehr fruchtbar sind und „entsorgt“ werden können oder während einer der Schwangerschaften oder Geburten von alleine sterben, oder im Fall von Legehennen, die während ihrer gesamten Lebenszeit in engen Käfigen und in Dunkelhaft gehalten werden, ohne dass ihnen ermöglicht würde, ihr natürliches Verhalten wie z.B. Auf-dem-Boden-Scharren, auch nur einmal im Leben zu zeigen. Sie leben länger als die Hähnchen, die gemästet und nach wenigen Monaten als Leichenteile dem Verzehr durch Menschen bereitgestellt werden, die in einem gänzlich direkten Sinn Ihre Körper zu Tierfriedhöfen zu machen bereit sind. Ob das längere Leben der Hennen ein Vorteil oder ein Nachteil gegenüber den Hähnchen darstellt, darüber lässt sich trefflich streiten.

Ein Mensch, der ein Maßstab für sich sein will oder gar für andere Menschen oder sonst ein Lebewesen als Maßstab dienen will, kann, eben weil er dies sein oder tun will, nicht die Augen vor diesem Holocaust an Tieren verschließen, denn dies zu tun, stellt sein Mit- und Verantwortungsgefühl stark in Frage (es steht „nur“ stark in Frage, weil es möglich ist, dass jemand einfach noch kein Bewusstsein für das Massenleiden von Tieren entwickelt hat). Auch sein Denk- und Urteilsvermögen steht stark in Frage, wenn ihm das Massenleiden der Tiere bekannt ist, er sich aber weigert oder sich unfähig erweist, durch Reflexion die oben genannten Zusammenhänge mit Bezug auf den eigenen Wert und den anderer Lebewesen zu durchschauen. Aufgrund der an den Tag gelegten Mängel sind solche Menschen nicht im Stande, einen Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden abzugeben; sie können nur als schlechtes Beispiel für Denkfaule oder Zyniker herangezogen werden.

Maßstab für menschliches Handeln kann nur die Menschlichkeit sein, nicht aber der Mensch an sich und als solcher samt seiner kognitiven Ausfälle, moralischer Schwächen oder psychologischen Befindlichkeiten (inklusive massiver Hubris). Damit ist Menschlichkeit klar im Handeln verortet und nicht im Reden (schon gar nicht im bloßen Behaupten), und weil nur einzelne, konkrete Menschen handeln können, ist sie auch im Individuum verortet. Dementsprechend kann Menschlichkeit nicht in Kollektiven, Institution oder Regelungen liegen oder durch sie verordnet werden. Sie ist eine spezifische, im Handeln erkennbare, Leistung eines einzelnen Menschen (was für mich persönlich übrigens das ausschlaggebende Kriterium ist, wenn es darum geht, die Ungleichheit der Menschen zu beschreiben und zu würdigen); es gibt in diesem Sinn keine spezifische Menschlichkeit einer Ansammlung von Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen.

Deshalb ist es auch sinnlos, von Menschenrechten als Rechten zu sprechen, die Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen, sich selbst zuzusprechen belieben. Es ist nicht nur so, dass es keinerlei Legitimation dafür geben kann, wenn Lebewesen andere Lebewesen mit Rechten ausstatten oder ihnen Rechte vorenthalten wollen, gerade, wenn man animmt, dass diese Lebewesen dem eigenen Selbst gleich seien. Darüber hinaus ist es der Realität vollkommen gleichgültig, ob es irgendwo irgendwelche Lebewesen gibt, die meinen, sie hätten irgendwelche Rechte, die sie bloß einzufordern bräuchten oder die sie einfordern könnten, in der irrigen Annahme, dass, weil sie sich selbst Rechte auf etwas zuschreiben oder sich selbst Rechte einräumen oder anderen Lebewesen Rechte vorenthalten, die Umstände in der Realität und das Verhalten ihrer Mitgeschöpfe auf diese Vorstellung irgendeine Rücksicht nehmen müssten und entsprechend differenziert wirken müssten: Die Rede von Menschenrechten ist angesichts des nächsten Mega-Meteors oder Plasma-Sturmes oder auch nur der nächsten Dürre bestenfalls eine müßige und infantile Beschäftigung. Das Pochen auf Menschenrechte ist in der Realität so vergeblich wie das Kinderweinen im Atlantik (eine Allegorie, die ich Algernon Blackwood verdanke).

Dieselbe Argumentation gilt für Tierrechte, so dass die Konklusion diejenige ist, dass der einzig begründbare Maßstab für den Umgang mit sich selbst und mit anderen Lebewesen, also auch mit Tieren, die eigene Menschlichkeit im oben beschriebenen Sinn oder – auf den Punkt gebracht – Empathie sein kann. Sie ist nicht verzichtbar,  und kein Schriftwerk oder Regelsatz kann sie ersetzen. Wenn sie nicht gelebt wird, also von konkreten Menschen in ihrem Handeln vollzogen, gibt es keine Menschlichkeit.

Aber wenn man schon meint, Lebewesen Rechte zugestehen zu können, dann gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, Tieren nicht dieselben Rechte zuzugestehen wie Menschen, denn (auch auf die Gefahr der Redundanz hin; man kann es anscheinend nicht oft genug erklären):

MEat the truthWer sich weigert, anderen Tieren dieselben Rechte einzuräumen wie dem Menschen-Tier, dem mangelt es an Empathie und Selbsterkenntnis – er verharrt in seiner unbegründbaren Hubris. Und wem es an Empathie und Selbsterkenntnis mangelt, dem fehlt eine, wenn nicht die,  den Menschen definierende Qualität, und wer Menschenrechte fordert, aber keine Tierrechte zugestehen will, und gerade deshalb selbst ein Lebewesen von fragwürdigem Status ist, kann logischerweise kein Interesse daran haben, dass Menschen besondere Rechte eingeräumt werden, anderen Lebewesen dagegen nicht oder nur eingeschränkte Rechte, denn sein eigener Status steht ja in Frage oder lässt sich jederzeit in Frage stellen, auch dann, wenn er das in seiner Hubris nicht versteht. Er schadet sich mit seiner Haltung also u.U. selbst und ist (u.a. daher) für alle anderen Lebewesen erkennbar nicht dazu qualifiziert, ihnen Rechte zu- oder abzusprechen.

Darüber hinaus ließe sich argumentieren, dass andere Lebewesen vor dem Menschen, in deren Potenzial eine nicht rechtfertigbare Hubris liegt, geschützt werden müssen, und wie die alltägliche Erfahrung zeigt, ist dieses Argument leider von erheblicher praktischer Relevanz. Insofern könnte man die Notwendigkeit von Tierrechten aus der spezifischen menschlichen Qualität der Hubris ableiten, während die Einräumung von Menschenrechten durch Menschen lediglich als Ausdruck dieser Hubris gelten muss, weil sie – wie vorne gezeigt – ihrerseits nicht begründet werden kann, es sei denn, man hielte es für notwendig, Menschen vor anderen Menschen zu schützen.

Und leider erscheint das tatsächlich notwendig. Wenn das so ist, gälte es, alle Lebewesen gleichermaßen vor der Hubris zumindest mancher Menschen zu schützen, aber wie gesagt würde kein irgendwie kodifizierter Schutz das Handeln aufgrund von Empathie ersetzen können. Insofern gilt: Der Maßstab für das Handeln des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen liegt in der Empathie, und ein Ausdruck von Empathie ist zweifellos die Vermeidung von Übergriffen auf und von Schmerz in anderen Lebewesen. Wer ihm gegenüber gleichgültig bleibt, muss anders begründen, warum er zum Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden taugen sollte; wie er das argumentativ korrekt bewerkstelligen will, ist mir ein Rätsel.

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Guten Appetit: von Antibiotika und Moral

In den Schriften von Immanuel Kant findet sich das bekannte Instrumentalisierungsverbot. Genauer steht es in der Metaphysik der Sitten „§38: […] denn der Mensch kann von keinem Menschen […] bloß als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden, und darin besteht seine Würde“. Kein Mensch darf nach Ansicht von Kant einen anderen Menschen als Mittel zu einem Zweck instrumentalisieren. Was Kant zu Genderisten zu sagen gehabt hätte, die versuchen Jungen nach ihren Vorstellungen umzuerziehen, kann man sich vor diesem Hintergrund leicht vorstellen.

Animal LiberationPeter Singer hat in der Entwicklung seiner praktischen Ethik und vor allem in seinem bereits 1975 erschienenen Buch „Animal Liberation“, wenn man so will, das Instrumentalisierungsverbot von Kant, das Kant auf Menschen beschränkt hat, auf Tiere übertragen. Dabei gilt ihm die Leidensfähigkeit als entscheidendes Kriterium, und er argumentiert, dass es keinen Grund gibt, die Rechte, die Menschen für sich als Menschenrechte zusammengestellt haben, nicht auf Tiere, die in gleicher Weise leidensfähig sind, zu übertragen. Tierhaltung einzig zum Zwecke der Nahrungsherstellung und die damit einhergehende Objektivierung von Lebewesen, wie sie sich darin ausdrückt, dass z.B. von „Nutztierhaltung“ die Rede ist, lehnt Singer strickt ab und empfiehlt eine vegetarische Lebensweise, da insbesondere die Massentierhaltung gegen ethische und moralische Vorstellungen und vor allem sein Prinzip, nach dem man anderen Lebewesen kein Leid zufügen soll, verstößt.

Das ist ein Auszug aus der Welt praktischer Ethiker, die sich Gedanken darüber machen, ob die Art und Weise, in der Menschen andere Lebewesen „nutzen“, damit vereinbar ist, dass dieselbe Spezies von sich behauptet, sie sei moralisch und ethisch entwickelt und anderen Lebewesen moralisch, ethisch und im Hinblick auf Intelligenz überlegen. Und nun zu den Fakten, Fakten, die ich niederschreibe, während ich auf einen Hügel mir gegenüber blicke, an dem eine Rinderherde grast. Massentierhaltung, bei der Tiere im Verlauf ihres Lebens einen Stall und dessen Wände sehen, wie sie auf dem Kontinent üblich ist, ist im Vereinigten Königreich zum Glück weitgehend unbekannt. Entsprechende Vorhaben scheitern in der Regel daran, dass die Gemeinderäte (parish councils) ihre Zustimmung zum Bau von Tiergefängnissen verweigern.

Nun zu den Fakten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat eine Analyse in Auftrag gegeben. Ziel der Analyse ist es, den Einsatz von Antibiotika in der „Nutztierhaltung“ zu quantifizieren. Diese Idee, ist keine Idee, die dem BfR gekommen ist, auch wenn es diesen Eindruck gerne erwecken möchte. Die Notwendigkeit, die Menge von Antibiotika zu bestimmen, die in der „Nutztierhaltung“ eingesetzt werden, entweder als so genannte Prophylaxe, um den Tieren ihr Dahinvegetieren erträglicher zu machen oder als Therapie, weil sie an Euter, Kopf oder Körper Entzündungen entwickelt haben, die ihre Nutzung beeinträchtigen, ergibt sich aus einer Richtlinie 2003/99/EG der Europäischen Union.

MassentierhaltungDie Richtlinie wiederum basiert nicht auf Tierliebe, sondern auf der Sorge, dass der Einsatz von Antibiotika in der „Nutztierhaltung“ Menschen schädigen könnte, da es bereits seit den etlichen Jahrzehnten und in den letzten Jahren immer häufiger der Fall ist, dass Bakterien, die Menschen gefährlich werden können, also z.B. e-Coli-Bakterien, eine Antibiotikaresistenz aufweisen (Domig). Um also zu verhindern, dass der Einsatz von Antibiotika, der notwendig ist, um Nutztiere mit dem größtmöglichen Gewinn zu mästen, sich dahingehend negativ auswirkt, dass Bakterien und auch Menschen, die z.B. antibiotikahaltiges Fleisch essen, Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, soll nun erst einmal Bestand aufgenommen werden. Wie viel Antibiotika kommen in der Nutztierhaltung eigentlich zum Einsatz?

Hier das Ergebnis der VetCAb“-Pilotstudie, die von der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Universität Leipzig durchgeführt wurde.

  • Massentierhaltung_huehnerInsgesamt basieren die Ergebnisse auf den Angaben von rund 2000 landwirtschaftlichen Betrieben, deren Eigentümer sich freiwillig bereit erklärt haben, an der Studie teilzunehmen. Wie viele Betriebe genau an der Studie teilgenommen haben, war leider nicht zu klären.
  • Im Jahr 2011 haben die rund 2000 Betriebe insgesamt 25.641 kg antibiotische Wirkstoffe an Rinder, Hühner oder Schweine verabreicht.
  • Davon entfielen auf Schweine 20.375 kg, auf Hühner 3.645 kg und auf Rinder 1.620 kg.
  • Ein durchschnittliches Hühner- oder Schweinemastleben dauert 39 bzw. 115 Tage.
  • In der kurzen Dauer ihres Lebens, dessen Zweck einzig dem Gefressenwerden dient, erhalten Hühner an durchschnittlich 10 Tagen also jeden dritten Tag, Antibiotika.
  • Schweine erhalten in den rund dreieinhalb Monaten ihres Lebens durchschnittlich an 4,2 Tagen Antibiotika.
  • Z.B. Entzündungen bei Milchkühen oder Kälbern werden durchschnittlich an 3,5 bzw. 1,2 Tagen behandelt.

Ich erinnere mich an eine Gerichtsverhandlung in Leipzig vor dem dortigen Landgericht, bei der darum gestritten wurde, wer die Folgen davon zu tragen hat, dass mehrere tausend Liter Milch über den Grenzwert für die zulässige Antibiotikabelastung geraten sind, der Bauer oder die Molkerei. Letztlich zeigt diese Gerichtsverhandlung, dass Antibiotika in der menschlichen Nahrungskette längst eine Normalität geworden sind.

rindermast_270Und die Frage, ob die Lebensverhältnisse von Mastschweinen oder Masthühnern oder Milchkühen, die man sich, mit ein wenig Empathie (immer vorausgesetzt Empathie ist vorhanden) leicht vorstellen kann, wenn man weiß, sie müssen regelmäßig mit Antibiotika erträglich gemacht werden, vereinbar sind mit den Überzeugungen einer Spezies, die von sich denkt, sie sei in Intelligenz und Moral anderen Spezies überlegen, will ich an dieser Stelle unbeantwortet lassen. Ich denke, die Daten sprechen hier für sich.

Endlich geklärt: „Was wir essen dürfen“

LOGO_Dr-Rainer_Wild_Stiftung„Was wir essen dürfen“, darüber hat sich ein „Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung“, der von der Dr. Rainer Wild-Stiftung unterhalten wird, Gedanken gemacht. Herausgekommen ist dabei u.a. eine interessante Charakterstudie der Mitglieder des Arbeitskreises, auf die ich noch zurückkommen werde. Inhaltlich sind die Mitglieder des Arbeitskreises zu der Erkenntnis gelangt, dass das derzeitige Ausmaß an Fleischkonsum weder aus ethischen noch aus praktischen Gründen aufrecht erhalten werden kann. Da die Fleischerzeugung [was für ein furchtbarer Euphemismus für die Tatsache, dass Lebewesen einzig und allein zum Gefressen-Werden gezüchtet werden und ein Dasein fristen, das man kaum als „Leben“ bezeichnen kann] nicht nur Unmengen von Ressourcen verschlinge, sondern zu viel Fleischverzehr auch nicht gesund sei, müsse auf seine Reduzierung hingewirkt werden. Und obwohl der Arbeitskreis die Durchsetzung eines vegetarischen Lebensstils weder für nötig noch für möglich hält, begrüßt er den Vegetarismus als bewusste Ernährungsweise. Auch im weiteren Teil des Textes können sich die Mitglieder des Arbeitskreises nicht entschließen, deutlich zu sagen, was wir nun essen dürfen bzw. deutlich zu machen, was sie eigentlich wollen. Das Bemühen, es nur allen Recht zu machen und nur nichts zu sagen bzw. zu schreiben, was als eine klare Stellungnahme angesehen werden könnte, ist allgegenwärtig und bringt mich zurück zur Charakterstudie, die ich oben angesprochen habe.

„Angesichts der genannten Probleme [mit der Ernährung] sieht der Arbeitskreis die Tagung [seine Tagung] nicht als Höhepunkt eines Prozesses, sondern erst als Auftakt einer sich intensivierenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung.“

Wie beruhigend, dass ein Arbeitskreis, von dessen Existenz die Mehrzahl der Deutschen mit Sicherheit noch nie gehört hat, der Ansicht ist, dass sich seine Mitglieder gerade getroffen haben, sei nicht der Höhepunkt „eines Prozesses“ [welches Prozesses eigentlich?].

„Der Arbeitskreis erkennt das Konfliktpotenzial und die großen Unterschiede an, die zwischen gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen bestehen. Er sieht auch die Reibung zwischen Traditionen und kultureller Prägung und der informierten Ernährungsethik. Er akzeptiert, dass VerbraucherInnen diese Konflikte sehen und daraus je eigene Schlüsse ziehen. Zugleich sollten ethische Entscheidungen“ stäker Teil des individualisierten Lebensstils sein [Hervorhebung von mir].

illuminatiWie schön, dass ein Arbeitskreis, von dem kaum jemand jemals etwas gehört hat „anerkennt“ und „akzeptiert“. Ich meine, die Mitglieder könnten auch nicht „anerkennen“ und nicht „akzeptieren“ -oder? Und auf den zweiten Blick ist es genau das, was sie tun: nicht anerkennen und nicht akzeptieren. Die hier praktizierte spezielle Form von Mittelschichts-Sprache, die der nette Psychiater von nebenan genauso pflegt, wie der Sozialarbeiter vor Ort, ist weit verbreitet, was sie nicht minder mies und fies macht. Die Technik ist einfach. Man wiegt sein Opfer in Sicherheit, sagt ihm, man verstehe es, erkenne seine Lebensentscheidungen an, wäre an seiner Stelle vermutlich seiner Meinung, und dann kommt das ABER bzw. im vorliegenden Fall das „Zugleich“. Das „Zugleich“ im vorliegenden Fall ist das „ich aber sage Euch“ [denn ich bin über die richtige Ernährungsethik informiert]: Alles vorher, der ganze Epos von Konflikt und Reibung, von Tradition und kultureller Prägung ist Unsinn, denn ihr habt mehr ethische Entscheidungen [die meiner informierten Ernährungsethik entsprechen] in eurem „individualisierten Lebensstil“ zu berücksichtigen. Das wirft die Frage auf, was diese ethischen Entscheidungen umfassen.

Und schon kommt die nächste höchst erstaunliche Einsicht aus den Reihen dieses obskuren Arbeitskreises:

„Ethik ist eine anthropologische Konstante, aber in ihrer Ausprägung historisch und kulturell bedingt.“

Mit anderen Worten, Ethik ist eine Hülle der Art: „Du sollst …“, alles hinter „Du sollst …“ steht zur Debatte offen. Diese erstaunliche Erkenntnis scheint mir die Bedeutung von Ethik doch etwas auf den Kopf zu stellen und vor allem zu konstruktivistisch oder wollen die Mitglieder dieses innovativ-obskuren Arbeitskreises wirklich z.B. den Kantschen Imperativ, sie wissen schon, „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ zur Dispositon stellen? Und wenn Ethik diskutabel ist, dann muss man auch über das „Du sollst nicht töten“ neu verhandeln. Haben die Mitglieder dieses obskur-unbewussten Arbeitskreises nicht nachgedacht oder waren sie zu sehr mit dem Zweck ihrer Mitgliedschaft, der offensichtlich darin besteht, anderen Vorschriften zu machen, was sie essen dürfen, beschäftigt?

Persuasion DarkSo wird nämlich ein Schuh aus dem, was der Arbeitskreis predigt. Einerseits erzählt man den „VerbraucherInnen“, dass man sie versteht und weiß, in welcher Situation sie sich befinden, andererseits will man ihnen aber Vorschriften dahingehend machen, was sie essen dürfen. Dabei ist eine „offene Ethik“, die man dann als „Du sollst … essen“ füllen kann, recht hilfreich, denn man kann die eigene Ansicht als ethische Vorgabe und somit als mehr als die eigene Ansicht als informierte Ernährungsethik verkaufen und andere unter moralischen Handlungszwang Levin Manipulationsetzen.

Das ihr Freimaurer des richtigen Essens, ist kein Umgang mit Menschen! Und auch wenn ich der Forderung, den Fleischkonsum einzuschränken und sich gegenüber Tieren verantwortlicher zu verhalten (den Lebenssinn von Tieren also nicht auf das von Menschen Gefressen-Werden zu beschränken) zustimme, so ist das doch keine Art mit Menschen umzugehen. Wenn man dafür werben will, dass das unbewusste Verschlingen von Tierischem aufhört und sich die Verbraucher fragen welche Folgen ihr Fleischkonsum für Tiere und Umwelt und sie selbst und andere Menschen hat, dann muss man offen darüber diskutieren, dann darf man nicht versuchen, die entsprechenden Verbraucher zu manipulieren. Aber so ist das halt in der Welt der (akademischen) Mittelschicht, die Angst vor dem anderen Menschen ist so groß, dass die einzige Form des vorstellbaren Umgangs, die fernbediente Manipulation aus dem Versteck obskurer Arbeitskreise ist.