Der Mensch als Maßstab-Setzer

eine alte Argumentation zur ebenfalls nicht neuen menschlichen Hubris

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wie der vorangegangene post auf diesem blog berichtet hat, meinen manche Zeitgenossen, behaupten zu müssen und zu können, “[d]er Maßstab bleib[e] der Mensch”, wobei unklar bleibt, warum dies so sein sollte und wofür der Mensch der Maßstab bliebe. Vielmehr stellt der Satz eine Proklamation dar, die offensichtlich vollkommen unreflektiert und unbelastet von Fragen der Begründbarkeit im Taumel völlig übersteigerten Selbstbewusstseins verkündet wurde.

EARTH in contextTatsächlich kann “der Mensch” für nichts und niemanden im Universum Maßstab sein. Bestenfalls kann er sich selbst kraft seiner selbst für sich selbst zum Maßstab machen. Zu dieser Schlussfolgerung muss man kommen, wenn man z.B. Immanuel Kant oder Robert Spaemann gelesen hat. Aber m.E. kann man auch durch eigene, recht einfache Überlegungen zu dieser Schlussfolgerung kommen, was es um so unverständlicher macht, dass einige Mitmenschen hierzu nicht im Stande sind – oder nicht willens oder beides. Dass ausgerechnet diese Mitmenschen als Maßstab-Setzer für andere fungieren wollen, indem sie verkünden, dass “[d]er Maßstab” – anscheinend immer für alles und jeden – “der Mensch” “bl[ei]b[e]”, kann nicht anders denn als Ironie gewertet werden.

Wie ist es möglich, dass sich jemand zu dem Postulat versteigen kann, der Mensch sei oder bleibe Maßstab für irgendetwas (außer sich selbst)? Oder anders gefragt: Mit welchem Recht, welcher Legitimation kann jemand behaupten, ob Menschen – in der Praxis bedeutet das dann wohl: bestimmte Menschen und bestimmte andere Menschen nicht – der Maßstab für alles und jeden sein sollen oder können?

Man könnte meinen, dass diese Frage für diejenigen einfach zu beantworten ist, die an (einen) Gott glauben, denn sie könnten behaupten, dass es Gott gewesen sei, der dem Menschen zum Maßstab aller Dinge auserkoren habe. Nur – mit dieser Argumentation stimmt etwas nicht:

(Selbst) Dann, wenn man an einen Gott glaubt, und wenn man glaubt, dass es das wichtigste oder einzige Ziel dieses Gottes sei, Menschen mit so viel hubris auszustatten, dass sie auf systematische Weise die eigenen Lebensgrundlagen samt derjenigen ihrer Mitgeschöpfe zu zerstören dürfen glauben (z.B. durch die vollkommene Ignoranz gegenüber den Folgen massiver Überbevölkerung des Planeten), dann stellt sich die Frage, warum dieser Gott dies und nichts anderes tun oder wollen oder auch nur zulassen sollte. Oder anders gesagt: Wozu braucht Gott ein Raumschiff, wie Captain Kirk in Star Trek V fragt, bzw. wozu braucht Gott Menschen? Und aufgrund welcher Qualität(en) von Menschen sollte Gott ihnen ihre hubris durchgehen lassen?

Ist Gott vielleicht sozusagen moralisch dazu verpflichtet, Menschen vor allem und jedem im Universum Vorrang zu geben? Sind Denken und Verhalten von Menschen von so großem Wert oder Adel, dass Gott sich diesem grandiosen Wesen “Mensch” unterwirft und damit sozusagen abdankt, also aufhört, Gott zu sein, und beginnt, Gott von Menschen Gnaden zu sein, dem nur solange Existenz zugesprochen wird, wie er spurt und Menschen für das Wichtigste und Großartigste im Universum erklärt, wichtiger und großartiger als er selbst? Gibt es Gott also nur um des Menschen willen, so, wie es für einige Menschen Tiere nur um des Menschen willen gibt? Oder erlaubt Gott den Menschen ihre Hubris und in der Folge ihr umfassendes Zerstörungs- und Ausbeutungswerk, weil das eine effiziente Strategie ist, diese seltsam anmaßende Spezies, die meint, besser zu sein als alle anderen Lebewesen, wieder zum Verschwinden zu bringen?

Wie auch immer – der Verweis auf Gott hilft nicht wirklich weiter, wenn man danach fragt, mit welchem Recht Menschen “der Maßstab” für alles und jeden schlechthin sein könnten oder sollten, und sei es nur, weil es Menschen sind, die Gottes Wort, (sofern jemals mitgeteilt) interpretieren.

god-jokeWoher soll aber dann die Wichtigkeit, Würde oder das sonst wie Grandiose am Menschen kommen, die/das ihn zum Maßstab für alles und jeden im Universum oder auch nur auf dem Planeten Erde machen soll? Offensichtlich handelt es sich hier nur um eine – seltsam infantil anmutende – Selbstzuschreibung mancher Menschen, und zwar derjenigen Menschen, die meinen, sie könnten bestimmen, welche Wichtigkeit, Würde oder Respekt anderen Lebewesen inklusive anderer Menschen zukommen.

Nichts im “Bekennerschreiben” der angeblichen “kritischen Wissenschaftler_Innen” legt nahe zu vermuten, dass sie sich die Frage nach der Rechtfertigbarkeit ihrer Postulate gestellt haben (oder auch nur psychologisch oder kognitiv im Stande sind, diese Frage zu stellen), aber hier soll – ihnen gegenüber wohlwollend – gefragt werden: Lässt sich diese Selbstzuschreibung rechtfertigen? Lässt sie sich überhaupt rechtfertigen?

Vielleicht könnte sie gerechtfertigt werden, wenn diese Menschen sich ihr selbst zugestandenes Recht, über Maßstäbe zu entscheiden, irgendwie verdient hätten. Das würde voraussetzen, dass sie sich die Wertschätzung oder Würdigung durch andere Lebewesen auf irgendeine Weise erarbeitet haben, und dies wiederum würde voraussetzen, dass sie – eben um ein Mensch zu sein, der überhaupt ein Maßstab für andere Lebewesen sein kann – , irgendeine Leistung erbracht haben – vielleicht die Leistung, korrekte Schlussfolgerungen aus Argumentationen gezogen zu haben (aber gerade diese Leistung können sie nicht erbringen, wie dieser Text hinreichend klar machen sollte).

Eine weitere Voraussetzung wäre, dass diese Menschen ihre eigene Hubris aufgegeben haben, denn niemand kann jemanden wertschätzen, der sich dem vermeintlichen “Wertschätzer” gegenüber als überlegene Lebensform geriert; die Wertschätzung wäre in diesem Fall nämlich gar keine, sondern bloß Unterwerfung. Umgekehrt könnte die vermeintlich überlegene Lebensform keine Wertschätzung durch andere erfahren oder Wert auf sie legen, weil andere Lebensformen ja ohnehin niedrigere Lebensformen darstellen und insofern keine Einschätzung vornehmen können, die gleichermaßen relevant sein könnte wie die der Menschen, die in von Selbstüberschätzung getragener Selbstzuschreibung verharren. Schon aus logischen Gründen können diese Menschen ihre Proklamation, “der Maßstab” zu sein und zu bleiben, also nicht begründen. Empirische Tatsache ist, dass ein Mensch auch das Vertrauen eines Tieres erst einmal verdienen muss, wie jeder, der z.B. Streunerkatzen im Winter ein warmes Plätzchen anbietet, weiß, denn unsere nicht-menschlichen Mitgeschöpfe wissen ihrerseits, dass es unter den Menschen solche und solche gibt (,und sie wissen damit mehr als mancher Mensch über die eigene Spezies zu wissen scheint).

Die eigene Hubris aufgeben, um als Mensch überhaupt ein Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden sein zu können, muss man deshalb, weil man einen Maßstab nicht einfach setzen kann. Auch dann, wenn man meint, man habe die Macht oder das Recht, sich zum Maßstab zu erklären, so würde der Anspruch von anderen Lebewesen doch nicht akzeptiert, und er würde sich selbst pervertieren, wenn er angesichts dieser Tatsache zum Manipulationsprogramm oder gar zur Gewaltherrschaft geriete. Vielmehr kann man nur als Maßstab dienen – und das Wort “dienen” ist hier mit Bedacht gewählt. Die Frage, die sich dann stellt, ist: warum kann was oder wer wofür als Maßstab dienen?

Kant praktische VernunftIm Anschluss an Immanuel Kant haben viele Denker, Philosophen (einschließlich Richard Spaemann) und viele andere, sich ihrer selbst bewusste, Menschen erkannt, dass die Mindestanforderung, die an einen Menschen gestellt werden muss, der als ein Maßstab (auch oder gerade: für andere) dienen kann, die Mindestanforderung ist, dass dieser Mensch zunächst eine Mindestanforderung an sich selbst – und nicht an andere – stellt. Diese Anforderung ist diejenige, andere Lebewesen nicht als bloße Zwecke für seine eigenen Ziele zu missbrauchen, sondern sie als Ziele an und für sich selbst zu respektieren, ganz so, wie er sich selbst als Ziel in eigenem Recht ansieht und seine Existenz nicht als bloßes Mittel zum Zweck anderer Lebewesen betrachtet.

Warum ist das so?

Wenn der Mensch ein Maßstab sein oder bleiben soll, kann er das zunächst nur für sich selbst sein! Er allein kann sich das eigene Gewissen und die eigene Integrität als Maßstab setzen. Als Maßstab dienen kann er nicht aus eigener Kraft; dies setzt vielmehr voraus, dass jemand anders ihn zum Maßstab nimmt. Wie vorne argumentiert wurde, wird aber kein Lebewesen jemanden zum Maßstab nehmen oder ihm Vertrauen entgegenbringen, der ihn nur als Mittel zu seinen eigenen Zwecken ansieht statt als Ziel an und für sich selbst, also jemanden, der meint, ihn ungehindert ausbeuten zu können. Und nur, wer an der Ausbeutung anderer Lebewesen interessiert ist, muss sich in Hubris flüchten, so dass die bloße Tatsache, dass jemand diese Hubris an den Tag legt, eine hinreichende Bedingung dafür ist, dass er nicht zum Maßstab für irgendjemanden oder irgendetwas taugt.

Wenn ein Mensch nur durch sich selbst und für sich selbst ein Maßstab sein kann, um anderen möglicherweise (!) als Maßstab zu dienen, dann muss er entsprechende Anforderungen, die ihn in seinen eigenen Augen und (ggf.) in den Augen anderer Lebewesen dazu qualifizieren, ein Maßstab zu sein, also zuallererst an sich selbst stellen. Und das führt unweigerlich dazu, dass er sein Verhalten anderen Lebewesen gegenüber anpasst, ungeachtet der empirischen Frage, wie diese Lebewesen ihn nun tatsächlich, also in der Empirie, betrachten oder ob sie im Stande sind, sich überhaupt ein Bild von ihm zu machen. Seine Anforderung an sich selbst ist nämlich seine Anforderung an sich selbst und eine Selbstverpflichtung.

Nur ein Mensch von besonderer Wertigkeit mag das Recht haben, sich über andere Lebewesen zu erheben und sie auszubeuten, aber kein Mensch, der sich so verhält, kann ein Mensch von besonderer Wertigkeit sein, weil er nicht im Stande ist zu erkennen, dass er seine Hubris durch nichts rechtfertigen kann als eben dieselbe: er schreibt sich selbst besondere Wertigkeit zu und leitet aus ihr besondere Rechte ab, die seine Ausbeutung anderer Lebewesen rechtfertigen sollen, und die Begründung für diesen Akt ist die Behauptung, er sei von besonderer Wertigkeit und habe deshalb das Recht, andere Lebewesen auszubeuten.

Damit setzt er, um begründen zu können, voraus, was begründet werden soll; er begeht den logischen Fehler des Zirkelschlusses. Dieser Argumentationsfehler kann nicht irgendwie durch verbale Haarspaltereien oder noch größere Übertreibung der Hubris weggeredet oder gar aufgelöst werden. Man kann ihn nur vermeiden. Und das gelingt, wenn man sich auf seine Grundqualifikation als Mensch besinnt, nämlich auf die Fähigkeit zur Menschlichkeit, die sich in einem Handeln zeigt, das von Empathie (aber nicht durch plakativ vorgegaukelten Altruismus, was etwas gänzlich anderes ist!) bestimmt ist, denn allein diese Qualität darf – bis auf Weiteres und zumindest mit Bezug auf das mögliche Ausmaß dieser Qualität und seiner Funktion als handlungsleitend – als spezifisch menschliches Potenzial gelten. Ein empathisches Handeln schließt die mitgefühlslose Ausbeutung von Lebewesen aus, von Menschen wie von Tieren, und deshalb kann ein Mensch nur insofern über Tieren stehen als er sich ihrer oder anderer Menschen nicht einfach und ohne Mitgefühl bedient.

So betrachtet ist ein Mensch ohne Empathie eine Kreatur von ungeklärtem Status, die es ebenso zu respektieren gilt wie jedes andere Lebewesen, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem ist aber keinerlei Grund dafür erkennbar, warum ausgerechnet ein solches Lebewesen für irgendjemanden oder irgendetwas als Maßstab dienen kann, oder anders gesagt: niemand hat einen guten Grund, ein solches Lebewesen, das in Hubris verharrt und zur Empathie nur sehr eingeschränkt oder gar nicht fähig oder willig ist, zu wählen, damit es ihm als Maßstab für ein menschliches Leben dienen möge!

Wer die Hubris hinter sich lässt und zur Empathie fähig und willig ist, der wird mit allen Lebewesen Mitgefühl haben, und wer Mitgefühl (auch) mit Tieren hat, kommt nicht umhin, die Massentierhaltung und die systematische Ausbeutung von Tieren und ihre systematische Ermordung als einen unsäglichen, seit Langem totgeschwiegenen Holocaust zu erkennen, einen Holocaust, bei dem sich Leben in Schmerz erschöpft und Tod nicht einmal den Sinn einer Erlösung haben kann, weil Tiere – nach allem, was wir bisher wissen – keine Konzepte haben, die Leiden im Leben einordnen oder ihm ebenso wie dem Tod irgendeine Art von Sinn geben könnten. Sehr wohl haben Tiere aber ein Empfinden für Schmerz, und das, was wir ihr Leben nennen, ist für sie eine einzige Kette von Deprivation und direktem physischen Schmerz.

Die massenhafte Ermordung von Tieren findet teilweise gleich nach ihrer Geburt statt (z.B., wenn sie das falsche Geschlecht haben, das ihrer Ausbeutung zu einem bestimmten Zweck im Weg steht – hier bestimmt das biologische Geschlecht tatsächlich über Leben bzw. Existenz und Tod), oft aber nach einigen Jahren von “Leben”, das für das Tier zumeist kein solches ist, sondern bloß eine dauerhafte Kette aus physischem Leiden wie z.B. auf einer Kaninchen-Farm, auf der Kaninchen bei lebendigem Leib gehäutet werden, damit ihr Fell “geerntet” werden kann, oder im Fall der Hündinnen, die als Gebärmaschinen für Hundezüchter ausgebeutet werden, bis sie nicht mehr fruchtbar sind und “entsorgt” werden können oder während einer der Schwangerschaften oder Geburten von alleine sterben, oder im Fall von Legehennen, die während ihrer gesamten Lebenszeit in engen Käfigen und in Dunkelhaft gehalten werden, ohne dass ihnen ermöglicht würde, ihr natürliches Verhalten wie z.B. Auf-dem-Boden-Scharren, auch nur einmal im Leben zu zeigen. Sie leben länger als die Hähnchen, die gemästet und nach wenigen Monaten als Leichenteile dem Verzehr durch Menschen bereitgestellt werden, die in einem gänzlich direkten Sinn Ihre Körper zu Tierfriedhöfen zu machen bereit sind. Ob das längere Leben der Hennen ein Vorteil oder ein Nachteil gegenüber den Hähnchen darstellt, darüber lässt sich trefflich streiten.

Ein Mensch, der ein Maßstab für sich sein will oder gar für andere Menschen oder sonst ein Lebewesen als Maßstab dienen will, kann, eben weil er dies sein oder tun will, nicht die Augen vor diesem Holocaust an Tieren verschließen, denn dies zu tun, stellt sein Mit- und Verantwortungsgefühl stark in Frage (es steht “nur” stark in Frage, weil es möglich ist, dass jemand einfach noch kein Bewusstsein für das Massenleiden von Tieren entwickelt hat). Auch sein Denk- und Urteilsvermögen steht stark in Frage, wenn ihm das Massenleiden der Tiere bekannt ist, er sich aber weigert oder sich unfähig erweist, durch Reflexion die oben genannten Zusammenhänge mit Bezug auf den eigenen Wert und den anderer Lebewesen zu durchschauen. Aufgrund der an den Tag gelegten Mängel sind solche Menschen nicht im Stande, einen Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden abzugeben; sie können nur als schlechtes Beispiel für Denkfaule oder Zyniker herangezogen werden.

Maßstab für menschliches Handeln kann nur die Menschlichkeit sein, nicht aber der Mensch an sich und als solcher samt seiner kognitiven Ausfälle, moralischer Schwächen oder psychologischen Befindlichkeiten (inklusive massiver Hubris). Damit ist Menschlichkeit klar im Handeln verortet und nicht im Reden (schon gar nicht im bloßen Behaupten), und weil nur einzelne, konkrete Menschen handeln können, ist sie auch im Individuum verortet. Dementsprechend kann Menschlichkeit nicht in Kollektiven, Institution oder Regelungen liegen oder durch sie verordnet werden. Sie ist eine spezifische, im Handeln erkennbare, Leistung eines einzelnen Menschen (was für mich persönlich übrigens das ausschlaggebende Kriterium ist, wenn es darum geht, die Ungleichheit der Menschen zu beschreiben und zu würdigen); es gibt in diesem Sinn keine spezifische Menschlichkeit einer Ansammlung von Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen.

Deshalb ist es auch sinnlos, von Menschenrechten als Rechten zu sprechen, die Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen, sich selbst zuzusprechen belieben. Es ist nicht nur so, dass es keinerlei Legitimation dafür geben kann, wenn Lebewesen andere Lebewesen mit Rechten ausstatten oder ihnen Rechte vorenthalten wollen, gerade, wenn man animmt, dass diese Lebewesen dem eigenen Selbst gleich seien. Darüber hinaus ist es der Realität vollkommen gleichgültig, ob es irgendwo irgendwelche Lebewesen gibt, die meinen, sie hätten irgendwelche Rechte, die sie bloß einzufordern bräuchten oder die sie einfordern könnten, in der irrigen Annahme, dass, weil sie sich selbst Rechte auf etwas zuschreiben oder sich selbst Rechte einräumen oder anderen Lebewesen Rechte vorenthalten, die Umstände in der Realität und das Verhalten ihrer Mitgeschöpfe auf diese Vorstellung irgendeine Rücksicht nehmen müssten und entsprechend differenziert wirken müssten: Die Rede von Menschenrechten ist angesichts des nächsten Mega-Meteors oder Plasma-Sturmes oder auch nur der nächsten Dürre bestenfalls eine müßige und infantile Beschäftigung. Das Pochen auf Menschenrechte ist in der Realität so vergeblich wie das Kinderweinen im Atlantik (eine Allegorie, die ich Algernon Blackwood verdanke).

Dieselbe Argumentation gilt für Tierrechte, so dass die Konklusion diejenige ist, dass der einzig begründbare Maßstab für den Umgang mit sich selbst und mit anderen Lebewesen, also auch mit Tieren, die eigene Menschlichkeit im oben beschriebenen Sinn oder – auf den Punkt gebracht – Empathie sein kann. Sie ist nicht verzichtbar,  und kein Schriftwerk oder Regelsatz kann sie ersetzen. Wenn sie nicht gelebt wird, also von konkreten Menschen in ihrem Handeln vollzogen, gibt es keine Menschlichkeit.

Aber wenn man schon meint, Lebewesen Rechte zugestehen zu können, dann gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, Tieren nicht dieselben Rechte zuzugestehen wie Menschen, denn (auch auf die Gefahr der Redundanz hin; man kann es anscheinend nicht oft genug erklären):

MEat the truthWer sich weigert, anderen Tieren dieselben Rechte einzuräumen wie dem Menschen-Tier, dem mangelt es an Empathie und Selbsterkenntnis – er verharrt in seiner unbegründbaren Hubris. Und wem es an Empathie und Selbsterkenntnis mangelt, dem fehlt eine, wenn nicht die,  den Menschen definierende Qualität, und wer Menschenrechte fordert, aber keine Tierrechte zugestehen will, und gerade deshalb selbst ein Lebewesen von fragwürdigem Status ist, kann logischerweise kein Interesse daran haben, dass Menschen besondere Rechte eingeräumt werden, anderen Lebewesen dagegen nicht oder nur eingeschränkte Rechte, denn sein eigener Status steht ja in Frage oder lässt sich jederzeit in Frage stellen, auch dann, wenn er das in seiner Hubris nicht versteht. Er schadet sich mit seiner Haltung also u.U. selbst und ist (u.a. daher) für alle anderen Lebewesen erkennbar nicht dazu qualifiziert, ihnen Rechte zu- oder abzusprechen.

Darüber hinaus ließe sich argumentieren, dass andere Lebewesen vor dem Menschen, in deren Potenzial eine nicht rechtfertigbare Hubris liegt, geschützt werden müssen, und wie die alltägliche Erfahrung zeigt, ist dieses Argument leider von erheblicher praktischer Relevanz. Insofern könnte man die Notwendigkeit von Tierrechten aus der spezifischen menschlichen Qualität der Hubris ableiten, während die Einräumung von Menschenrechten durch Menschen lediglich als Ausdruck dieser Hubris gelten muss, weil sie – wie vorne gezeigt – ihrerseits nicht begründet werden kann, es sei denn, man hielte es für notwendig, Menschen vor anderen Menschen zu schützen.

Und leider erscheint das tatsächlich notwendig. Wenn das so ist, gälte es, alle Lebewesen gleichermaßen vor der Hubris zumindest mancher Menschen zu schützen, aber wie gesagt würde kein irgendwie kodifizierter Schutz das Handeln aufgrund von Empathie ersetzen können. Insofern gilt: Der Maßstab für das Handeln des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen liegt in der Empathie, und ein Ausdruck von Empathie ist zweifellos die Vermeidung von Übergriffen auf und von Schmerz in anderen Lebewesen. Wer ihm gegenüber gleichgültig bleibt, muss anders begründen, warum er zum Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden taugen sollte; wie er das argumentativ korrekt bewerkstelligen will, ist mir ein Rätsel.

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