Endlich geklärt: “Was wir essen dürfen”

LOGO_Dr-Rainer_Wild_Stiftung“Was wir essen dürfen”, darüber hat sich ein “Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung”, der von der Dr. Rainer Wild-Stiftung unterhalten wird, Gedanken gemacht. Herausgekommen ist dabei u.a. eine interessante Charakterstudie der Mitglieder des Arbeitskreises, auf die ich noch zurückkommen werde. Inhaltlich sind die Mitglieder des Arbeitskreises zu der Erkenntnis gelangt, dass das derzeitige Ausmaß an Fleischkonsum weder aus ethischen noch aus praktischen Gründen aufrecht erhalten werden kann. Da die Fleischerzeugung [was für ein furchtbarer Euphemismus für die Tatsache, dass Lebewesen einzig und allein zum Gefressen-Werden gezüchtet werden und ein Dasein fristen, das man kaum als “Leben” bezeichnen kann] nicht nur Unmengen von Ressourcen verschlinge, sondern zu viel Fleischverzehr auch nicht gesund sei, müsse auf seine Reduzierung hingewirkt werden. Und obwohl der Arbeitskreis die Durchsetzung eines vegetarischen Lebensstils weder für nötig noch für möglich hält, begrüßt er den Vegetarismus als bewusste Ernährungsweise. Auch im weiteren Teil des Textes können sich die Mitglieder des Arbeitskreises nicht entschließen, deutlich zu sagen, was wir nun essen dürfen bzw. deutlich zu machen, was sie eigentlich wollen. Das Bemühen, es nur allen Recht zu machen und nur nichts zu sagen bzw. zu schreiben, was als eine klare Stellungnahme angesehen werden könnte, ist allgegenwärtig und bringt mich zurück zur Charakterstudie, die ich oben angesprochen habe.

“Angesichts der genannten Probleme [mit der Ernährung] sieht der Arbeitskreis die Tagung [seine Tagung] nicht als Höhepunkt eines Prozesses, sondern erst als Auftakt einer sich intensivierenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung.”

Wie beruhigend, dass ein Arbeitskreis, von dessen Existenz die Mehrzahl der Deutschen mit Sicherheit noch nie gehört hat, der Ansicht ist, dass sich seine Mitglieder gerade getroffen haben, sei nicht der Höhepunkt “eines Prozesses” [welches Prozesses eigentlich?].

“Der Arbeitskreis erkennt das Konfliktpotenzial und die großen Unterschiede an, die zwischen gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen bestehen. Er sieht auch die Reibung zwischen Traditionen und kultureller Prägung und der informierten Ernährungsethik. Er akzeptiert, dass VerbraucherInnen diese Konflikte sehen und daraus je eigene Schlüsse ziehen. Zugleich sollten ethische Entscheidungen” stäker Teil des individualisierten Lebensstils sein [Hervorhebung von mir].

illuminatiWie schön, dass ein Arbeitskreis, von dem kaum jemand jemals etwas gehört hat “anerkennt” und “akzeptiert”. Ich meine, die Mitglieder könnten auch nicht “anerkennen” und nicht “akzeptieren” -oder? Und auf den zweiten Blick ist es genau das, was sie tun: nicht anerkennen und nicht akzeptieren. Die hier praktizierte spezielle Form von Mittelschichts-Sprache, die der nette Psychiater von nebenan genauso pflegt, wie der Sozialarbeiter vor Ort, ist weit verbreitet, was sie nicht minder mies und fies macht. Die Technik ist einfach. Man wiegt sein Opfer in Sicherheit, sagt ihm, man verstehe es, erkenne seine Lebensentscheidungen an, wäre an seiner Stelle vermutlich seiner Meinung, und dann kommt das ABER bzw. im vorliegenden Fall das “Zugleich”. Das “Zugleich” im vorliegenden Fall ist das “ich aber sage Euch” [denn ich bin über die richtige Ernährungsethik informiert]: Alles vorher, der ganze Epos von Konflikt und Reibung, von Tradition und kultureller Prägung ist Unsinn, denn ihr habt mehr ethische Entscheidungen [die meiner informierten Ernährungsethik entsprechen] in eurem “individualisierten Lebensstil” zu berücksichtigen. Das wirft die Frage auf, was diese ethischen Entscheidungen umfassen.

Und schon kommt die nächste höchst erstaunliche Einsicht aus den Reihen dieses obskuren Arbeitskreises:

“Ethik ist eine anthropologische Konstante, aber in ihrer Ausprägung historisch und kulturell bedingt.”

Mit anderen Worten, Ethik ist eine Hülle der Art: “Du sollst …”, alles hinter “Du sollst …” steht zur Debatte offen. Diese erstaunliche Erkenntnis scheint mir die Bedeutung von Ethik doch etwas auf den Kopf zu stellen und vor allem zu konstruktivistisch oder wollen die Mitglieder dieses innovativ-obskuren Arbeitskreises wirklich z.B. den Kantschen Imperativ, sie wissen schon, “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde” zur Dispositon stellen? Und wenn Ethik diskutabel ist, dann muss man auch über das “Du sollst nicht töten” neu verhandeln. Haben die Mitglieder dieses obskur-unbewussten Arbeitskreises nicht nachgedacht oder waren sie zu sehr mit dem Zweck ihrer Mitgliedschaft, der offensichtlich darin besteht, anderen Vorschriften zu machen, was sie essen dürfen, beschäftigt?

Persuasion DarkSo wird nämlich ein Schuh aus dem, was der Arbeitskreis predigt. Einerseits erzählt man den “VerbraucherInnen”, dass man sie versteht und weiß, in welcher Situation sie sich befinden, andererseits will man ihnen aber Vorschriften dahingehend machen, was sie essen dürfen. Dabei ist eine “offene Ethik”, die man dann als “Du sollst … essen” füllen kann, recht hilfreich, denn man kann die eigene Ansicht als ethische Vorgabe und somit als mehr als die eigene Ansicht als informierte Ernährungsethik verkaufen und andere unter moralischen Handlungszwang Levin Manipulationsetzen.

Das ihr Freimaurer des richtigen Essens, ist kein Umgang mit Menschen! Und auch wenn ich der Forderung, den Fleischkonsum einzuschränken und sich gegenüber Tieren verantwortlicher zu verhalten (den Lebenssinn von Tieren also nicht auf das von Menschen Gefressen-Werden zu beschränken) zustimme, so ist das doch keine Art mit Menschen umzugehen. Wenn man dafür werben will, dass das unbewusste Verschlingen von Tierischem aufhört und sich die Verbraucher fragen welche Folgen ihr Fleischkonsum für Tiere und Umwelt und sie selbst und andere Menschen hat, dann muss man offen darüber diskutieren, dann darf man nicht versuchen, die entsprechenden Verbraucher zu manipulieren. Aber so ist das halt in der Welt der (akademischen) Mittelschicht, die Angst vor dem anderen Menschen ist so groß, dass die einzige Form des vorstellbaren Umgangs, die fernbediente Manipulation aus dem Versteck obskurer Arbeitskreise ist.

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About Michael Klein

… concerned with and about science

One Response to Endlich geklärt: “Was wir essen dürfen”

  1. Foodwatch ;) says:

    Wenn man den Generationen _ der 4 mal die Woche Eintopf – am Freitag Hering – am Sonnabend Bratkartoffeln und am Sonntag ein wenig Suppenfleisch entsprungen ist , hat man damit kein Problem , lol 😉 !

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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