Schockbilder auch bald auf Fleischerzeugnissen

Heute tritt die neue EU-Tabakrichtlinie in Kraft: Ab sofort sehen Raucher beim Kauf einer Packung schwarze Zahnstümpfe, zerfressene Lungen und schwarze Raucherbeine. Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken.

smoking cancerNun ist Rauchen eine Angewohnheit, die nicht umsonst unter der Bezeichnung „Sucht“ läuft, was darauf hinweist, dass die Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören, bei vielen Abhängigen nicht unbedingt eine Option ist. Hinzu kommt, dass viele Raucher eine soziale Verpflichtung verspüren, nicht nur den Finanzminister über die Tabaksteuer glücklich zu machen, sondern auch die Raucher-Entwöhnungsindustrie auszuhalten. Was soll aus all den Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Medizinern, aus all den Entwöhnungshelfern werden, wenn einfach alle Raucher vom Rauchen abgeschreckt werden? Zum Glück produzieren Raucher das, was Ökonomen eine nicht elastische Nachfrage nennen, d.h. sie Rauchen unabhängig von Preis und Schockbildern auf der Packung.

Es geht auch nicht um die Raucher, sondern um die vielen Jugendlichen, die mit dem Rauchen gar nicht erst anfangen sollen. Sie abzuschrecken, ist das Ziel der Schockbilder, so hört man von den Schockbildphilen. Nun, verbotene Dinge und vor allem mit Schockbildern abschreckende Dinge, sie üben einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus, die versuchen, ihre eigene Identität in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zu bilden. Insofern wird sich in den nächsten Jahren zeigen, in welche Richtung das Nudgen der noch nicht-Raucher weist. Für die Forscher, die sich mit den unbeabsichtigten Folgen von Entscheidungen befassen, sind die Schockbilder in jedem Fall ein willkommenes quasi experimentelles Setting.

Nun, da die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen als neue Richtlinie in Kraft getreten sind, brechen die Brüsseler Bürokraten, die ja nun eine gewisse Regelungsleere verspüren, zu neuen Ufern auf. Und weil Schockbilder in Brüssel und nicht nur dort so beliebt sind, scheint es erste Bestrebungen zu geben, die Verwendung von Schockbildern auszuweiten.

Die Forschung hat eine Unzahl von Belegen dafür angehäuft, dass Fleischkonsum schädlich ist, vor allem rotes Fleisch erfreut das Wachstum der Krebszellen in Organismen und gilt entsprechend als die Ursache hinter einer Vielzahl von Krebserkrankungen. Fleischkonsum ist somit der Gesundheit schädlich, erhöht die Kosten der Gesundheitsversorgung und muss daher eingedämmt werden. Schockbilder bieten sich an, um die Bevölkerung zu gesünderen Nahrungsmitteln zu nudgen.

Gleichzeitig setzt Fleischkonsum eine mit ethischen Grundsätzen nicht in Einklang zu bringende Massentierhaltung voraus, die letztlich eine Objektivierung von Lebewesen zur Folge hat und die menschliche Fleischeslust auf Basis der Qual anderer Kreaturen befriedigt.

Zudem ist Massentierhaltung einer der größten Verschmutzer der Umwelt, trägt Methan in die Atmosphäre und verstärkt damit die Erderwärmung und verseucht Grundwasser mit Phosphaten und Nitraten.

Der Tatbestand ist eindeutig: Fleischkonsum ist schädlich, Fleischerzeugung ist barbarisch und ethisch nicht vertretbar, Massentierhaltung umweltschädlich.

Um Europäer nicht nur vom schädlichen Tabakkonsum fernzuhalten, sondern auch vom noch viel schädlicheren Fleischkonsum, scheint man bei der EU-Kommission nun Pläne in der Schublade zu haben, die nur darauf warten, dass ein Kommissar seinen Mut zusammennimmt, um sie herauszuholen.

Folgerichtig müssten Verbraucher von Fleisch und Fleischerzeugnissen in Zukunft mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert werden, mit Bildern aus der Massentierhaltung, auf den Verpackungen von Schnitzel und Steaks: Bilder davon, wie Küken gleich nach Geburt geschreddert werden, Bilder von Hähnchen, die mit dem Kopf nach unten in ihren Tot gefahren werden. Live-Aufnahmen aus Schlachthäusern dürften besonders geeignet sein, um europäische Konsumenten vom weiteren massenhaften Verzehr von Fleisch abzuhalten. Zudem sollte der Besuch von Schlachthöfen und von Abdeckereien für Kinder im Grundschulalter verpflichtend sein, um sie über die Lebensgrundlagen ihrer nachhaltigen und grünen Gesellschaft aufzuklären. Und natürlich dürfen auch Bilder von durch Krebs infolge von Fleischkonsum zerfressenen menschlichen Verdauungsträckten nicht fehlen.

Über Michael Klein
... concerned with and about science

22 Responses to Schockbilder auch bald auf Fleischerzeugnissen

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  2. rote_pille says:

    Wie sehen Ihre ethischen Grundsätze konkret aus und wie begründen Sie sie?

    • Ich halte es mit Kant und Singer und Sie?

      • rote_pille says:

        Argumentationsethik. Lässt sich nicht auf Tiere ausdehnen.

        • Wer hat etwas von Argumentationsethik gesagt. Suchen Sie auf ScienceFiles nach Singer und Sie sehen, worin wir unsere Ethik sehen. Vielleicht finden Sie dann auch Zeit, die Ihre auszupacken oder wie Hans Albert gerne gesagt hat: Bringen Sie den positiven Teil.

          • rote_pille says:

            Die ausgepackte Begründung ist hier:
            http://www.misesde.org/?p=5442
            und weil Tiere prinzipiell nicht zur Argumentation in der Lage sind, findet die von mir vertretene Ethik auf sie keine Anwendung. Zum Glück kann ich nur sagen, denn das Verbot Tieren Schmerzen zuzufügen impliziert logischerweise auch das Verbot Tiere umzubringen, womit praktisch jede Industrieproduktion eingestellt werden müsste.

            • Heike Diefenbach says:

              @rote_pille

              Ich kann sagen, dass ich verstünde, worum es hier geht, denn wenn von „Ethik“ die Rede ist, dann ist doch etwas gemeint, in dem einfaches Mitgefühl für das Leiden lebendiger Wesen Platz hat. Wenn Sie mit „Ethik“ etwas anderes meinen, dann ist es m.E. keine. Ich würde sogar sagen, dass eine Vorstellungswelt, in der Mitgefühl mit lebendigen Wesen keinen Platz hat, schlichtweg unmenschlich ist, und deshalb kann sie mir gestohlen bleiben.

              Man ist Mensch und handelt aus Mitgefühl anderen Lebenswesen gegenüber um seiner selbst willen, nicht weil diese Lebewesen argumentieren, oder sprechen oder singen oder tanzen oder dumm labern können oder nicht können. Und das ist m.E. auch gut so, denn würde z.B. Letzteres zum Maßstab genommen, so müsste man alle Tiere weit respektvoller behandeln als sehr viele Menschen!

  3. Joachim Ochmann says:

    Das wäre schon lange angebracht.

  4. Max Gluteus says:

    > Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken. Nun ist Rauchen eine Angewohnheit, die nicht umsonst unter der Bezeichnung „Sucht“ läuft, …

    Wie wär’s mit Schockbildern, die Wähler vom Wählen abschrecken? Leider ist aber auch das Wählen eine Angewohnheit, die mit „Sucht“ zu tun hat, mit der Sucht nach Politik http://www.freiwilligfrei.info/archives/3854

    Und nicht nur das. Wählen ist auch ein Gewaltverbrechen: http://www.freiwilligfrei.info/archives/3768

    • Roeschen says:

      Ich dachte daran, Schockbilder auf Wahlzetteln vorzuschlagen. Wie ich hier nun lese bin ich auf diesem Weg des Denkens nicht allein. Danke dafür! Bei mir konstatiere ich allerdings keine Sucht nach Politik, eher Frust. Die Frage die mich dabei umtreibt: Braucht die Mafia (Elite??) einen Gewerbeschein?

    • Jürgen Stillger says:

      Leider hat unser politisches System Schwächen, auch wird es von Politikern missbraucht. Abhilfe gibt es nur durch überlegtes Wählen. Zwar nur alle 4 Jahre, aber wenigstens das.

      Wer seinen Stimmzettel ungültig macht (z.B. durch Bemerkungen) oder garkeinen abgibt (weil er zu faul oder zu betrunken ist) der unterwirft sich bedingungslos Anderen (die das garnicht verdienen und nur damit Missbrauch treiben) und manifestiert Missstände für Alle.

      Siehe Deutschland heute.

  5. Sven Kuchary says:

    Bitte bringen Sie oben auf Ihrem Blog einen deutlich sichtbaren roten Warnbalken an: „Das Lesen von Sciencefiles am Rechner ist schädlich für die Augen“. Vielleicht noch ein abschreckendes Bild mit rot-entzündeten, viereckigen Augen. Wie soll ich ohne Nudging denn wissen, dass zuviel Bildschirm glotzen schadet? Sie laufen sonst Gefahr, dass ich Sciencefiles verklage, und zwar noch bevor Wales aus der EU austritt.

  6. Shitlord says:

    Hmmm… Sie wissen aber schon, dass, wie empirisch an Australien und fünf Jahren Studienzeitraum zu belegen ist, die „Schockbilder“ absolut nichts bringen? Ich empfehle mal Christopher Snowdon http://velvetgloveironfist.blogspot.de/

    Von daher: Sind Sie hier „für“ blind-aktionistischen Nanny-Stateism, weil Sie das Thema mögen, oder ist das ironisch?

    Ich finde das deswegen interessant, weil die eigentliche spannende Frage ja ist, was Menschen dazu bewegt, zu glauben, dass „Tatsachen brutal aufzeigen“ bei bestimmten Menschentypen etwas helfen würde?!

    Ich bezweifle, dass die EU so widerliche Bilder machen wird wie die Thailänder (wo das auch nichts ändert), sondern eher so die Bildchen, die ich aus der Türkei kenne (ebenfalls kein Effekt), aber so ganz effektiv ist das doch eher irgendein ideologiegetriebener Versuch, anderen Menschen ihr anderes Verhalten vermiesen zu wollen, oder?

    Ich meine, ich kann Ihre moralischen Bedenken bei den Tieren nachvollziehen, aber ich teile sie nicht. Es ist durchaus befremdlich, wenn Sie (in China) Hühnchen bestellen und dann das lebenden Tier gezeigt bekommen, mit der Frage „gut?“ Es ist noch befremdlicher, wenn Sie „Äh… ja?“ antworten, und daraufhin dem Hühnchen live und vor Ihren Augen das Genick gebrochen wird. Aber es schmeckt echt besser als Tiefkühl-Chlorhühnchen.

    Ich denke also, es wäre mal untersuchenswert, ob solcher Aktionismus nicht ausschließlich von Personen befürwortet / für sinnvoll erachtet / vorangetrieben wird, die eh schon der Überzeugung sind, dass X „schlecht“ sei. Und es denen, die anderer Ansicht sind, vollkommen egal ist.

    Bei den ekelhaften Bildern auf den thailändischen Zigarettenschachteln ist es mir übrigens ziemlich peinlich gewesen, die beim Essen auf dem Tisch zu haben, ich verstehe ja durchaus, dass das Menschen den Appetit verderben könnte. Aber aus Rücksicht auf genau die Mitmenschen, die die Bilder für sinnvoll halten, kaufe dann effektiv ich noch ein Zigarettenetui.

    • Heike Diefenbach says:

      „Ich meine, ich kann Ihre moralischen Bedenken bei den Tieren nachvollziehen, aber ich teile sie nicht.“

      Ich kann leider nicht einmal im Ansatz nachvollziehen, wie es für jemanden mit Gehirn und Gewissen möglich sein soll, sie nicht zu teilen.

      Dessen ungeachtet halten wir bei Sciencefiles überhaupt nichts vom so genannten Nudgen, denn es ist einfach ein respektloses Verhalten, das auf der Vorstellung basiert, es gebe eine Elite von Leuten, die weiß, was für andere Leute gut ist.

      Wir halten aber etwas von Aufklärung über Fakten.

      Und da liegt der Unterschied zwischen „Schock“bildern auf Zigarettenschachteln und Originalaufnahmen aus Schlachthäusern oder industriellen Tierquäleinrichtungen:

      Dass Rauchen ungesund ist, weiß jeder. Ob er raucht oder nicht, ist seine eigene Entscheidung, die vor allem auf seine eigene Gesundheit Auswirkungen hat.

      Aber sehr viele Menschen wissen einfach nicht, welche Praktiken und wie viel unsägliche Grausamkeit und wie viel unsägliches Leid mit der Tier(missbrauchs- und quäl-)industrie verbunden ist. Ebenso wenig wissen sie, dass sich sich mit einiger Wahrscheinlich den aufbereiteten Urin schwangerer Stuten auf’s Gesicht schmieren, um eine jüngere Haut zu bekommen etc. Es geht hier einfach darum. Aufklärung zu betreiben, so dass jeder weiß, was er tut, und dafür verantwortlich zeichnet.

      In der Folge zeigt sich, dass einige Leute ihre Verantwortlichkeiten ernster nehmen als andere, und ich kann absolut nichts Falches darin erkennen, dass man Ersteren mit mehr Respekt begegnet als Letzeren.

      Wenn der Grundrespekt vor JEDEM Menschen beinhaltet, dass er gefälligst nicht „genudgt“ wird, sondern lediglich die Möglichkeit haben soll (oder sogar muss), sich über Fakten kundig machen zu können, dann gebietet der Grundrespekt vor JEDEM Lebewesen, dass man es nicht als bloßes Mittel zum eigenen Zweck betrachtet, sondern begreift und akzeptiert, dass es ein Ziel in sich selbst ist – ganz so, wie man das selbstverständlich für sich selbst in Anspruch nimmt, ohne dass man diesen Anspruch für alle Welt überzeugend begründen könnte.

      Totalitarismus und Faschismus zeichnen sich ebenso wie Trittbrettfahrerei durch Anspruch ohne überzeugende Begründung aus.

      Ich will mit all dem nicht zu tun haben,

  7. Roland Winkhart says:

    … und auf jede Weinflasche kommt demnächst eine Säuferleber. Auch auf jeder Tafel Schokolade und Haribo-Konfekt wird demnächst ein übergewichtiges Kind abgelichtet. Nicht zu vergessen: Auf jede Bierflasche kommt künftig ein XXL-Bierbauch. Und auf jede Politiker-Homepage …, nein, ich schreib´ jetzt nicht weiter…

  8. Max Gluteus says:

    > Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken.

    Ach was. Diese Typen wollen die gewaltfreien Entscheidungen anderer Leute kontrollieren. Sie wollen ihre armselige „Persönlichkeit“ mit aller Gewalt jedem aufzwingen, den sie treffen. Sie faseln von ihrer „Liebe zur Menschheit“ und waten am Ende doch immer wieder in einem Meer von Blut. Sie sind auch keinesfalls „grenzdebil“, wie Kowalsky neulich richtig schrieb. „Sie verfügen über sehr starke Geisteskräfte, können Massen manipulieren und ihre Herrschafts- und Unterdrückungssysteme sichern und ausbauen.“ Sie sind gefährliche Feinde von Freiheit, Frieden und Wohlergehen.

    • Heike Diefenbach says:

      „Sie verfügen über sehr starke Geisteskräfte, können Massen manipulieren und ihre Herrschafts- und Unterdrückungssysteme sichern und ausbauen.“

      Wieso das denn??? Was, bitte, soll für diese These sprechen? Was war ’noch mal die Halbwertzeit der „gesicherten“ und „ausgebauten“ Unterdrückungssysteme? Durchschnittlich 30 Jahre, wenn ich mich richtig erinnere!

      • Sven Kuchary says:

        Nun, zweifellos ist es ihnen wiederholt gelunden, Unterdrückungsysteme zu errichten. Auch wenn die im Schnitt „nur“ 30 Jahre gedauert haben, so haben sie doch genug Menschenleben in den Abgrund gerissen. Aufgabe der Soziologie und Politikwissenschaft ist es, die Mechanismen zu erforschen. Und hoffen wir, dass die Gesellschaft aus den Forschungsergebnissen lernt. Sciencefiles versucht, dieses Wissen in die Breite zu tragen, danke dafür.

  9. Jürgen Stillger says:

    Um dem Trend zu folgen, sollten auch Schockbilder und Warnhinweise auf Wahlzetteln aufgeklebt werden. Da das die Parteien kaum machen, muss es halt der Wähler machen…. Ach nein, damit wird der Stimmzettel ja vorsichthalber ungültig!

    😉

  10. DBerljavaz says:

    Dann werden demnächst wohl auch Bilder von Verkehrsunfällen und Unfallopfern auf Autos angebracht.

  11. Tapmedie Ulpanius says:

    Denn wenn grundsätzlich der Mehrheit der Staatsangehörigen das Recht zugestanden wird, einer Minderheit die Art und Weise, wie sie leben soll, vorzuschreiben, dann ist es nicht möglich, bei dem Genüsse von Alkohol, Morphium, Opium, Kokain und ähnlichen Giften Halt zu machen. Warum soll das, was für diese Gifte gut, nicht auch von Nikotin, Coffein und ähnlichen Giften gelten? Warum soll nicht überhaupt der Staat vorschreiben, welche Speisen genossen werden dürfen, und welche, weil schädlich, gemieden werden müssen? Auch beim Sport pflegen viele mehr zu tun als ihre Kraft ihnen erlaubt. Warum soll nicht auch hier der Staat eingreifen? Die wenigsten Menschen wissen in ihrem Liebesleben Maß zu halten, und besonders schwer scheint es Alternden zu fallen, einzusehen, dass sie einmal hier Schluss machen oder zumindest mäßig werden sollten. Soll nicht auch hier der Staat eingreifen? Noch schädlicher als alle diese Genüsse aber, werden viele sagen, ist die Lektüre von schlechten Schriften. Soll man einer auf die niedrigsten Instinkte des Menschen spekulierenden Presse gestatten, die Seele zu verderben? Soll man die Schaustellung unzüchtiger Bilder, die Aufführung schmutziger Theaterstücke, kurz alle die Verlockungen zur Unsittlichkeit nicht hindern? Und ist nicht die Verbreitung falscher Lehren über das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen und Völker ebenso schädlich? Soll man gestatten, dass Menschen zum Bürgerkrieg und zum Krieg gegen das Ausland hetzen? Und soll man es zulassen, dass die Achtung vor Gott und der Kirche durch Schmähschriften und Schmähreden untergraben wird? Wir sehen, sobald wir den Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in alle Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgeben, gelangen wir dazu, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. Die persönliche Freiheit des einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht der Mehrheit. Man braucht sich gar nicht auszumalen, wie solche Befugnisse von böswilligen Machthabern missbraucht werden könnten. Schon die vom besten Willen erfüllte Handhabung derartiger Befugnisse müsste die Welt in einen Friedhof des Geistes verwandeln. Aller Fortschritt der Menschheit vollzog sich stets in der Weise, dass eine kleine Minderheit von den Ideen und Gebräuchen der Mehrheit abzuweichen begann, bis schließlich ihr Beispiel die anderen zur Übernahme der Neuerung bewog. Wenn man der Mehrheit das Recht gibt, der Minderheit vorzuschreiben, was sie denken, lesen und tun soll, dann unterbindet man ein für alle Male allen Fortschritt.

    Man wende ja nicht ein, dass doch die Bekämpfung des Morphinismus und die Bekämpfung „schlechter” Schriften ganz verschiedene Dinge seien. Diese Verschiedenheit besteht nur darin, dass das eine Verbot auch die Zustimmung von Leuten findet, die dem anderen nicht zustimmen wollen. In den Vereinigten Staaten haben die Methodisten und Fundamentalisten gleich nach der Durchführung des Alkoholverbots den Kampf zur Unterdrückung der Entwicklungsgeschichte aufgenommen, und schon ist es gelungen, in einer Anzahl von Staaten der Union den Darwinismus aus der Schule zu verdrängen. Im Russland der Sowjets ist jede freie Meinungsäußerung unterdrückt. Ob ein Buch erlaubt ist oder nicht, hängt von dem freien Ermessen einer Anzahl von ungebildeten und kulturlosen Fanatikern ab, die mit der Leitung der zuständigen Abteilung des Regierungsapparates betraut wurden.

    Die Neigung unserer Zeitgenossen, obrigkeitliche Verbote zu fordern, sobald ihnen etwas nicht gefällt, und die Bereitwilligkeit, sich solchen Verboten selbst dann zu unterwerfen, wenn sie mit ihrem Inhalt durchaus nicht einverstanden sind, zeigt, dass der Knechtsinn ihnen noch tief in den Knochen steckt. Es wird langer Jahre der Selbsterziehung bedürfen, bis aus dem Untertan der Bürger geworden sein wird. Ein freier Mensch muss es ertragen können, dass seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muss es sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.
    Ludwig von Mises Liberalismus S. 46-48

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