Von wegen Säkularisierung: Muslimische Verbände bestimmen Studienangebot in Berlin

Angeblich ist Deutschland ein säkulares Land. Tatsächlich gibt es in Deutschland und im Gegensatz zum Beispiel zum Vereinigten Königreich, religiöse Feiertage, ein staatliches Eintreiben von Kirchensteuern, die staatliche Finanzierung des Klerus und etliches mehr.

Angeblich gilt an Universitäten, dass sie nur Forschung und Lehre verpflichtet sind und ihre Ziele und Prioritäten selbst und ohne Rücksicht auf die herrschende Ideologie oder staatliche Vorgaben bestimmen können.

Und damit verlassen wir die Märchenstunde.

Wir wenden uns der Humboldt-Universität Berlin zu. Dort wird mit der Einrichtung des Instituts für Islamische Theologie begonnen. Ein solches Institut ist nichts Besonderes. Professuren oder Institute für Islamische Theologie gibt es bereits in Tübingen, Münster, Osnabrück, Gießen und Frankfurt. Daran kann man Anstoß nehmen. Man kann wie wir der Ansicht sein, dass Theologie an einer Universität nichts zu suchen hat, aber man wird nicht umhinkommen, die weitere Ent-Säkularisierung Deutschlands zur Kenntnis zu nehmen.

Was jedoch neu ist und eine Travestie aus den oben berichteten hehren Werten der wissenschaftlichen Unabhängigkeit und Freiheit von Forschung und Lehre macht, sind die Umstände, unter denen das Institut für Islamische Theologie in Berlin gegründet wird. Die Initiative dazu geht von der Senatskanzlei „Wissenschaft und Forschung“ aus. Dort wurde 2016 ein Eckpunktepapier geschrieben und verabschiedet, das den entsprechenden Willen zum Ausdruck bringt und es in sich hat, denn: Was am Institut gelehrt werden kann oder darf, bedarf der Einwilligung eines Beirats, ist also genehmigungspflichtig. Das ist dann wohl die deutsche Variante der Freiheit von Forschung und Lehre: Die Lehrenden sind frei, aus dem Kanon dessen, was ihnen erlaubt ist, etwas auszusuchen.

Der Einfluss der Verbänden wie DITIB, Islamische Förderation von Berlin, Verband der Islamischen Kulturzentren, Zentralrat der Muslime in Deutschland und Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands in Berlin auf die Forschung und Lehre am neuen Institut eingeräumt wird, ist beträchtlich. Sie sind bei der Einrichtung der Studiengänge zu beteiligen, „bestätigen“, also genehmigen die Studien- und Prüfungsordnung, haben Einfluss auf „bekenntnisrelevante Organisationsentscheidungen, die das Institut für islamische Theologie betreffen“ und haben das letzte Wort bei Berufungen von Professoren an das Institut für Islamische Theologie.

Die muslimischen Verbänden sind somit die graue Eminenz im Hintergrund, die die Fäden am Institut für Islamische Theologie zieht. Das, so müssten wir eigentlich schreiben, konstituiert einen Präzedenzfall für den vollständigen Zu- bzw. Durchgriff religiöser, ideologischer und politischer Akteure, die an Universitäten nichts zu sagen haben dürfen, jedenfalls dann nicht, wenn man es mit der Freiheit von Forschung und Lehre Ernst meint. Aber das schreiben wir nicht. Die Normalität, mit der in Berlin in Eckpunkte-Programmen geschrieben wird, dass außeruniversitäre Akteure über das, was an Berliner Universitäten gelehrt und geforscht wird, bestimmen, kann man nur dahingehend deuten, dass entsprechende Ein- und Durchgriffe längst normal geworden sind, dass an Berliner Universitäten längst mehrheitlich Marionetten extra-universitärer, politischer, religiöser und ideologischer Interessen installiert sind.

Kein Wunder, dass aus Berlin keine Studenten kommen, die durch großes Wissen auffallen.

Hier der Text aus dem Eckpunktepapier im Original:

4.1. Theologischer Beirat

Dem Vorschlag des Wissenschaftsrates folgend, wird ein theologisch kompetenter Beirat eingerichtet werden.

4.1.1. Mitwirkung des Beirates

Die Einbeziehung des Beirates bei Entscheidungen der Hochschule, die das muslimische Bekenntnis betreffen, ist im verfassungsrechtlich gebotenen Umfang vorzusehen. Sie erstreckt sich auf eine Beteiligung bei

– der Einrichtung von Studiengängen in den Bereichen Islamische Theologie und Islamische Religionslehre,
– der Bestätigung von Studien- und Prüfungsordnungen in den Bereichen Islamische Theologie und Islamische Religionslehre durch die Hochschulleitung,
– bekenntnisrelevanten Organisationsentscheidungen, die das Institut für Islamische Theologie betreffen,
– der Berufung von Professorinnen bzw. Professoren sowie Juniorprofessorinnen bzw. Juniorprofessoren nach Abschluss des Auswahlverfahrens der Hochschule. Erforderliche Zustimmungen dürfen nur aus religiösen Gründen verweigert werden. Die Gründe sind der Hochschule schriftlich mitzuteilen.

4.1.2. Zusammensetzung des Beirates

Dem Beirat sollen fünf theologisch sachverständige Vertreterinnen und Vertreter muslimischer Verbände und vier externe Hochschullehrerinnen oder Hochschullehrer der Islamischen Theologie oder einer fachnahen Wissenschaft stimmberechtigt angehören, darüber hinaus mit beratender Stimme zwei Vertreterinnen oder Vertreter der Trägerhochschule (= 11 Personen).

Je ein Sitz entfällt auf die DITIB, die Islamische Föderation Berlin, den Verband der Islamischen Kulturzentren, den Zentralrat der Muslime in Deutschland und die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands. Der Beirat kann aufgrund einstimmigen Beschlusses die Aufnahme einer Vertreterin bzw. eines Vertreters eines noch nicht im Beirat vertretenen Verbandes vorschlagen.

Die Mitglieder des Beirates wählen aus ihrer Mitte eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden. Die Trägerhochschule und die im Beirat vertretenen Verbände einigen sich einvernehmlich auf die in den Beirat zu berufenden Hochschullehrerinnen bzw. Hochschullehrer. Die Bestellung eines Beiratsmitgliedes erfolgt durch das für die Hochschulen zuständige Mitglied des Senates.


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Sinn und Unsinn in den Sozialwissenschaften

In seiner berühmten Definition des Begriffs der “Soziologie” schreibt Max Weber: “Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses  sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will” (Weber, 1988, S.542). Verallgemeinernd könnte man den Sinn der Sozialwissenschaften darin sehen, dass sie einerseits versuchen, einen Gegenstand, ein Problem, ein soziales Faktum zu verstehen, um von diesem Verständnis ausgehend, Zustandekommen und Wirkungen des entsprechenden sozialen Faktums zu erklären.

Diese allgemeine Aufgabenstellung für die Sozialwissenschaften lässt sich zudem noch in einen Entdeckungs- und einen Begründungszusammenhang unterscheiden, wie dies Hans Albert (1984) getan hat und, so will ich an dieser Stelle hinzufügen, in einen Verwertungszusammenhang. Mit dieser Unterscheidung verbinden sich die Forderungen, dass ein Forschungsgegenstand in seinem Entdeckungs- und Begründungszusammenhang weitgehend wertfrei (oder “objektiv”) beschrieben, oder um mit Max Weber zu reden, verstanden und erklärt werden soll, während mit dem Verwertungszusammenhang die Forderungen einhergehen, dass die Anwendung von Forschung bzw. Forschungsergebnissen in ihren Wirkungen und Konsequenzen bzw. in ihrer Nutzung zur Lösung von Problemen, wertneutral erfolgen soll, was zur Voraussetzung hat, dass Forschung überhaupt ein Ergebnis produziert, das angewendet werden kann.

Es ist eine Frage der Moral, dass Forschung mit dem Blick auf einen Verwendungszusammenhang betrieben wird, denn die Mehrzahl der Forschenden werden aus öffentlichen Mitteln, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und somit letztlich von Steuerzahlern finanziert, die wiederum arbeiten müssen, um den Mehrwert zu erwirtschaften, der dann bereit steht, um Forschende und ihre Forschungstätigkeiten zu finanzieren. Entsprechend stehen Wissenschaftler im Allgemeinen und Sozialwissenschaftler im Besonderen in einem Verantwortungsverhältnis gegenüber den Steuerzahlern:  Ihnen gegenüber müssen sie den Nachweis erbringen, dass ihre Forschung nicht der Erbauung der eigenen Person dient, sondern einen Nutzen für die Allgemeinheit stiftet.

Wie eine ganze Reihe von Beiträgen in diesem blog zeigen, ist es mit der Verantwortung von Sozialwissenschaftlern gegenüber denen, die ihre “Studien” finanzieren, nicht allzu weit her. Ich habe hier “Arbeiten” besprochen, in denen Sozialwissenschaftler ihre utopischen Hirngespinste ausbreiten, um auf der Basis ihrer romantischen Vorstellungen gegen den Kapitalismus zu Felde zu ziehen; “Arbeiten”, in denen Sozialwissenschaftler erst einen Popanz errichten, um dann gegen den Popanz zu Felde ziehen zu können, weil ihnen dieser Feldzug vermutlich eine Befriedigung verschafft. Ich habe über “Arbeiten” berichtet, die einen Kniefall vor der herrschenden Ideologie machen und Dicke auf die Anklagebank setzen oder in das endlose und unglaublich langweilige Lamento einfallen, dass Frauen in … [Passendes bitte einfügen] Nachteile haben, wobei das neueste Beispiel beklagt, dass es immer noch männer- bzw. frauentypische Berufswahlen gibt, wobei die Autoren freilich nicht die Konsequenz ihrer Forschung bedacht haben, die man mit der Forderung: “Frauen zur Müllabfuhr” zusammenfassen könnte. Vielmehr geht das Beklagen der Nachteile von Frauen bei der Berufswahl nur in die Richtung von Männerberufen mit relativ hohem Status und hohem Verdienst, nicht jedoch in die Richtung von Männerberufen mit niedrigem Status und entsprechend geringem Verdienst.

Diese Beispiele machen deutlich, dass es mit der Forderung von Max Weber, nach der Sozialwissenschafter ihren Forschungsgegenstand verstehen und erklären sollen, ebenso nicht weit her ist, wie mit der Forderung nach einer möglichst “objektiven” Beschreibung des Forschungsgegenstands. Auch die Forderung einer zumindest dem Anspruch nach “objektiven” Ableitung der Konsequenzen einer  an “objektiv nachvollziehbaren” Kriterien ausgerichteten Erklärung eines sozialen Faktums ist weitgehend vergessen.

Statt dessen wird munter Ideologie, werden munter eigene Bewertungen in die Diskussion geworfen. Es wird behauptet, in Deutschland herrsche Armut, obwohl die Daten “relative Armut” abbilden, es wird behauptet, “Dicke seien unglücklich und fänden keinen Partner” obwohl nichts davon in den Daten zu finden ist, es wird behauptet, Frauen wollten unbedingt Männerberufe ergreifen, obwohl die Realität ganz anderes zeigt, und es wird beklagt, dass sich die kapitalistische Welt von den pardisischen Vorstellungen, wie sie dem Neanderthal angedichtet werden, entfernt habe. Man kann diese Durchsetzung der Sozialwissenschaften mit politisch korrekter Ideologie und das damit verbundene “crowding out” kritischer Sozialwissenschaftler als Indiz dafür nehmen, dass die in Deutschland und an deutschen Universitäten herrschende Atmosphäre nur noch Gehorsam mit der herrschenden Ideologie toleriert, dass mit anderen Worten, die wissenschaftliche Landschaft in Deutschland einer Brache gleicht, auf der außer dem politisch korrekten Unkraut nichts mehr gedeiht.

Ein weiteres Indiz, neben der ideologischen Überfrachtung sozialwissenschaftlicher Studien und dem völligen Fehlen auch nur des geringsten Willens, einen Forschungsgegenstand in seinen realen Bezügen verstehen und erklären zu wollen, findet sich in der Zunahme völlig belangloser “Studien”, die Ergebnisse produzieren, deren Effekt auf den Erkenntnisfortschritt schlicht nicht vorhanden ist. Eine solche Studie haben Mario Mechtel, Tobias Brändle, Agnes Stribeck und Karin Vetter von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen gerade veröffentlicht. Die Studie entstammt einem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde und hat zudem die Teilnehmer der Jahreskonferenz des Vereins für Socialpolitik in Kiel, die Teilnehmer des Treffens der “European Public Choice Theory” in Izmir sowie die Teilnehmer des “Economics Workshop” in Tübingen unterhalten. Man darf davon ausgehen, dass die Kosten für Anreise, Unterkunft und (im letzten Fall) die Ausrichtung des Workshops ebenfalls vom Steuerzahler getragen wurden und muss die im Folgenden berichteten Ergebnisse, vor diesem Hintergrund verdauen.

Mario Mechtel, Tobias Brändle, Agnes Stribeck und Karin Vetter berichten uns die folgenden Ergebnisse ihrer Forschung:

  • Wird ein Spieler der Heimmannschaft in einem Bundesligaspiel vom Platz gestellt, dann verschlechtert sich dadurch das Endergebnis für die Heimmannschaft.
  • Wird ein Spieler der Auswärtsmannschaft vom Platz gestellt, dann wirkt sich dies negativ auf das Ergebnis aus, wenn der Spieler vor der 70 Spielminute vom Platz gestellt wird, danach nicht mehr.
  • Im Hinblick auf das Endergebnis bzw. die Anzahl der Tore, die in einem Spiel erzielt werden, hat ein Platzverweis für Spieler der Auswärtsmannschaft negativere Folgen als ein Platzverweis für Spieler der Heimmannschaft.
  • Diese Ergebnisse haben zur Konsequenz, dass – aus theoretischer Sicht (!sic) – ein Platzverweis dazu führen kann, dass, da nunmehr weniger Personen zur Erfüllung einer gemeinsamen Aufgabe zur Verfügung stehen, die Team-Performanz schlechter wird, aber ein Platzverweis kann auch dazu führen, dass die verbleibenden Spieler ein Motivationshoch erleben und so tun, als wären sie noch 11, was bedeutet, dass man aus den Ergebnissen folgern muss, dass ein Platzverweis sich negativ auswirken kann oder auch nicht.

Ich weiß nicht, Steuergelder in welcher Höhe diese herausragenden Forschungsergebnisse, von denen ich mich frage, in welchem Verwendungszusammenhang sie je von Interesse sein könnten, verschlungen haben, ich weiß nur, dass sie es haben und dass ich die vier Sozialwissenschaftler aus Tübingen gerne fragen würde, mit welchem Nutzen für die Steuerzahler sie die Finanzierung ihrer “Forschungsergebnisse” gegenüber den Steuerzahlern rechtfertigen wollen. Das ist genau dieselbe Frage, die man Christoph Butterwegge, Marcel Helbig und Kathrin Leuze, Thomas Klein sowie Anna Klein und Wilhelm Heitmeyer stellen muss, von denen die oben berichteten ideologisch überfrachteten “Ergebnisse” stammen. Und dass man diese Fragen stellen muss, führt zurück zum Anfang dieses post. Sozialwissenschaften sind kein Selbstzweck. Sie dienen nicht dem Ausleben eigener Hobbies, nicht der Führung ideologischer Kreuzzüge, und ihr Zweck besteht auch nicht darin, vor der herrschenen Ideologie auf den Knien zu rutschen. Sozialwissenschaften sind dem Verständnis und der Erklärung sozialer Fakten gewidmet, und entsprechend muss am Ende einer sozialwissenschaftlichen Forschung ein Nutzen für diejenigen stehen bzw. erkennbar sein, die die Forschung finanziert haben, eine Erkenntnis, die uns im Leben weiterhilft, die Verbesserungen anstößt und die auf nachvollziehbarer und methodisch nicht zu beanstandender Forschung basiert. Von dieser Forderung scheinen die deutschen Sozialwissenschaften jedoch ungefähr so weit entfernt zu sein, wie der 1. FC Kaiserslautern davon, die Champions League zu gewinnen. Vielleicht kann ja einmal jemand untersuchen, wie sich die Höhenlage des Betzenberges auf die Chancen des 1. FcK, die Champions League zu gewinnen, auswirkt, aber bitte die Forschung aus eigenen Mitteln finanzieren!

Literatur

Albert, Hans (1984). Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften. In: Topitzsch, Ernst (Hrsg.). Logik der Sozialwissenschaften. Königstein/Taunus: Athenäum, S.126-144.
Mechtel, Mario, Brändle, Tobias, Stribeck, Agnes & Vetter, Karin (2010). Red Cards: Not Such Bad News For Penalized Guest Teams.
Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J.C.B. Mohr.

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