DAK macht’s möglich: Wenn 26 Teenager zu 100.000 Süchtigen erklärt werden

Wir haben auf ScienceFiles schon viele schlechte Studien besprochen. Darunter waren etliche, bei denen die Grenze zur Datenfälschung überschritten war. Die Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse, deren Ergebnisse von FORSA forciert wurden, ist in der Spitzengruppe der Trash-Forschung und Junk-Studien. Das Bemühen, auf Grundlage eines Nanopartikel einen Elefanten herbeizureden, um einen (finanziellen) Vorteil daraus ziehen zu können, ist allgegenwärtig, und die Art und Weise, in der dies geschieht, lässt an der Täuschungsabsicht keinen Zweifel.

Fangen wir vorne an:
Es wird von Sucht geredet, aber keine Sucht gemessen.

„Studie: So süchtig machen WhatsApp, Instragramm und Co.“

Obwohl in der Überschrift von „Sucht“ die Rede ist und im Text auf „wissenschaftliche Kriterien aus den Niederlanden (Social Media Disorder Scale)“ verwiesen wird, kann von Sucht keine Rede sein, denn eine Sucht ist nach wie vor wie folgt definiert (von der American Association of Addiction Medicine):

„Addiction is a primary, chronic disease of brain reward, motivation, memory and related circuitry. Dysfunction in these circuits leads to characteristic biological, psychological, social and spiritual manifestations. This is reflected in an individual pathologically pursuing reward and/or relief by substance use and other behaviors”

Damit eine Sucht attestiert werden kann, ist somit eine körperliche Abhängigkeit, die sich medizinisch nachweisen lässt und im Verhalten niederschlägt, und zwar in einer Weise, die das Individuum nicht mehr zu einem normalen Leben fähig sein lässt, notwendig. Aus der Zustimmung von 12 bis 17jährigen zu fünf von neun Aussagen wie, dass sie im vergangenen Jahr heimlich soziale Medien nutzen, dass sie im vergangenen Jahr soziale Medien nutzen, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen, dass sie sich im vergangenen Jahr oft unglücklich gefühlt haben, wenn sie keine sozialen Medien nutzen konnten, dass sie im vergangenen Jahr durch die Nutzung sozialer Medien ernsthafte Probleme mit Eltern, Brüdern oder Schwestern oder Freunden [mit irgendjemandem halt] hatten, zu folgern, dass die entsprechenden Jugendlichen „Soziale-Medien-süchtig“ sind, ist vor dem Hintergrund des Alltagsverstands lächerlich und vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Lauterkeit nicht zu vertreten.

Aber um wissenschaftliche Lauterkeit geht es nicht. Das wird schon anhand der konspirativen Art und Weise deutlich, in der von „wissenschaftlichen Kriterien aus den Niederlanden“ die Rede ist, die Grundlage der Messung von „Social-Media-Abhängigkeit“ sein sollen. Dabei handelt es sich vermutlich um die Social Media-Disorder-Scale (SMD) die van den Eijnden, Lemmens und Valkenburg entwickelt haben. Die SMD ist nur einer von vielen Versuchen, Sucht im Zusammenhang mit neuen Medien zu einem Thema zu stilisieren. Ein anderes Produkt aus der selben Schmiede ist die CIUS [Compulsive-Internet-Use-Scale], die Gert-Jan Meerkerk et al. (2009) entwickelt haben. Daneben gibt es noch den Internet-Addiction Test (IAT) von Young (1998) oder die Internetsuchtskala (ISS) von Hahn & Jerusalem (2003). Sie alle stellen Versuche dar, Internet- oder Soziale-Medien-Sucht zu messen. Sie alle sind bestenfalls windig. Ihnen allen fehlt ein Beleg dafür, dass sie tatsächlich in der Lage sind, Suchtverhalten zu messen. Sie alle haben einen distinktes Bouquet der Willkür, wie man leicht sehen kann, wenn man in der Aussagenliste, die wir unten (Abbildung) wiedergegeben haben, „soziale Medien“ mit „Tageszeitung“ oder „Fernseher“ oder „I-Pod“ oder „Kaffe“ oder „Tee“ oder „Fahrrad“ ersetzt.

Aber wissenschaftliche Lauterkeit interessiert natürlich die Tugend-Krieger nicht, die auf den Kriegspfad gehen, um Jugendliche vor einer Sucht zu retten, die sie gerade erst für diese Jugendlichen erfunden haben. Ihnen geht es um die eigene moralische Grandeur und das damit verbundene Hysteriepotential. Ihnen geht es darum, Präferenzen und Verhalten gleichzuschalten und Jugendliche aus dem unkontrollierbaren Internet in die Fittiche öffentlich-rechtlicher Sender zurückzuholen.

Wenn es darum geht, hysterisch zu sein über etwas, das es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gibt, dann dürfen natürlich auch Politiker nicht fehlen. Und wenn es um Sucht geht, dann scheint nichts so billig zu sein, wie die Feststellungen der Drogenschutzbeauftragten, der noch niemand gesagt zu haben scheint, dass ihre persönlichen Erfahrungen keinerlei Grundlage abgeben, um verallgemeinerbar zu sein:

„Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern, wenn es um die Onlinenutzung ihrer Kinder geht, Orientierung suchen, und zwar von kompetenter Hand. Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. … Klar ist zudem, dass auch der Jugendschutz noch besser auf die Angebote im Netz antworten muss als es bisher gelingt, gerade mit Blick auf die Suchtpotenziale“, sagt Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Klar ist, dass die Sucht von Mortler, in der Presse zu erscheinen, bedenklich ist. Wir stellen immer wieder fest, dass sie bei Themen, die auch nur ansatzweise etwas mit Sucht zu tun haben könnten, die Angewohnheit hat, den Mund aufzumachen und Dinge zu sagen, die in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrem Wissen über diese Themen stehen.

Doch zurück zur Studie der DAK.
Dort wird hochgerechnet, wenig wird hochgerechnet, ganz wenig.

Rechnen wir auch ein wenig, um den Irrsinn, der hier Pressemitteilung geworden ist, darzustellen.

Wie immer, wenn in Pressemeldungen die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt werden soll, werden Prozentzahlen genannt: „2,6% der Befragten sind bereits süchtig nach Social Media … Auf alle 12 – bis 17-Jährigen in Deutschland hochgerechnet entspricht dieser Prozentsatz etwa 100.000 Betroffenen“.

Forsa hat 1001 12 bis 17-Jährige für die DAK befragt. Die Behauptung, dass die Befragung „repräsentativ“ sein soll, geht damit wie gewöhnlich einher. Bis zum Beweis des Gegenteils behaupten wir, dass die Befragung von Forsa nicht repräsentativ ist. Es wäre ein wirkliches Kunststück, ein repräsentative Stichprobe einer selegierten Population zu Wege zu bringen. Irgendwie glauben wir nicht, dass Forsa dieses Kunststück zu Stande bringen kann, an dem schon ganz andere gescheitert sind.

Aber die entsprechende unsägliche Repräsentativitätsdiskussion ist gar nicht notwendig, denn die 2,6%, die hier auf 100.000 hochgerechnet werden, sind genau 26 Hanseln (Wir gehen davon aus, dass Forsa von allen 1001 Befragten gültige Antworten vorliegen hat. Das ist eine Annahme zu Gunsten von Forsa, denn normalerweise hat man in Datensätzen rund 10%-15% fehlende Werte).

26 Hanseln zu 100.000 Süchtigen hochzurechnen, das ist vollkommener Unsinn und außer der Drogenbeauftragten der Bundesregierung fällt auf diesen Unsinn vermutlich kaum jemand herein.

Weiter geht es mit Prozentzahlen: „Wer von sozialen Medien abhängig ist, hat ein um den Faktor 4,6 Prozent höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken …“

Damit sind wir in der Abteilung Manipulation mit Anzeichen von Betrug angekommen. Nach Depressionen wurde nämlich nicht gefragt. Wie auch: Bist Du depressiv? Hat Dich ein Arzt als depressiv diagnostiziert? Einen solchen Blödsinn fragt nicht einmal Forsa. Entsprechend muss man vermuten, dass diejenigen, die von sich sagen, sie hätten sich im vergangenen Jahr „oft unglücklich gefühlt, wenn sie keine sozialen Medien nutzen konnten“, als depressiv gewertet werden. Was davon zu halten ist, muss man wohl kaum aussprechen. Es reicht festzustellen, dass die DAK ihre Glaubwürdigkeit verspielen zu wollen scheint. Dafür spricht auch der „Faktor 4,6 Prozent“. Der Ersteller der Pressemeldung war offensichtlich nicht ganz firm in Rechnen, dafür aber firm in billigen Manipulationstechniken.

Rechnen wir.
Wir haben 26, die angeblich Soziale-Medien-süchtig sind.
Nehmen wir an, 4 von diesen 26 haben gesagt, dass sie sich ohne soziale Medien oft unglücklich gefühlt haben.
4 von 26 ergibt 15,3%
Es bleiben 975 Restbefragte, die nicht süchtig sind.
Wenn die 4 ein um 4,6 Prozent höheres Risiko an Depression haben, dann müssen 15,3 / 4,6 = 3,3 Prozent der restlichen Befragten auch gesagt haben, dass sie sich oft unglücklich fühlen ohne Soziale Medien.
3.3% von 975 ergibt 32 Befragte.
Und so kommt es, dass nunmehr vier Hanseln dafür verantwortlich sind, dass die vermeintlich Süchtigen ein höheres Depressionsrisiko haben als die nicht Süchtigen, bei denen 32 ein entsprechendes Risiko hätten, wenn man die haarige Behauptung von DAK und Forsa für bare Münze nehmen würde.

Fassen wir zusammen:
Es wird behauptet, Sucht gemessen zu haben, aber es wurde keine Sucht gemessen.
Es werden 26 Befragte zu 100.000 hochgerechnet und 4 Hanseln benutzt, um ein 4,6faches Depressionsrisiko zu behaupten.
Depression bzw. das Risiko von Depression wurde in der Befragung überhaupt nicht erhoben.

Das reicht eigentlich schon, um den Junk in den Orkus zu werfen, in den er gehört. Aber es kommt noch besser.

Machen Sie den Selbsttest anhand der folgenden Skala: Wer mehr als viermal „Ja“ sagt, der ist süchtig.

Die Skala erinnert etwas an das Täterprofil, das der Stupendous Yuppi in Clyde Bruckman’s final Repose erstellt, der Täter ist ein white male, age seventeen to thirty-four, with or without a beard, maybe a tattoo… who’s impotent.

Und – man muss ergänzen – er ist vermutlich süchtig nach dem Internet oder nach Sozialen Medien oder nach Ruhm, oder Ruhe, nach Pressemeldungen, Öffentlichkeit, Geld, Hilfsbedürftigen, Beitragszahlern … irgendetwas wird es schon sein!

Eijnden, Regina JJM van den, Lemmens, Jeroen S. & Valkenburg, Patti M. (2016). The Social Media Disorder Scale. Computers in Human Behavior 61: 478-487.

Hahn, André & Jerusalem, Matthias (2003). Reliabilität und Validität der Online-Forschung. In: Theobald, Axel, Dreyer, Marcus & Starsetzki, Thomas (Hrsg.). Online Marktforschung. Theoretische Grundlagen und praktische Erfahrungen. Wiesbaden: Gabler, S.161-186.

Meerkerk, Gert-Jan, van den Eijnden, Regina J. J. M., Vermulst, Ad A. & Garretsen, Henk F. L. (2009). The Compulsive Internet Use Scale (CIUS): Some Psychometric Properties. CyberPsychology & Behavior 12(1): 1-6.

Young, Kimberley S. (1998). Caught in the Net: How to Recognize the Signs of Internet-Addiction – and a Winning Strategy for Recovery. New York: Wiley.

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Holzhammer-Manipulation: Von der Schlafstörung zur Wahrnehmungsstörung mit der ARD

Haben Sie Lust auf eine kleine Reise in die Welt der ideologisch veränderten Wahrnehmung, die Welt, in der alles rosarot oder dunkelbraun ist, die Welt, in der schreckliche neoliberale Menschenschinder ihre Arbeitssklaven um den Schlaf bringen?

Dann los.

Unser Reiseführer ist Christoph Scheld aus dem ARD-Hauptstadtstudio. Natürlich ist die Reise nur figurativ, nicht wirklich. Sagen wir lieber, Scheld hält uns einen Vortrag mit dem Titel:

„Deutschland schläft schlecht“.

study_sleepless_01Ein missglückter Titel, den Scheld hier gewählt hat, denn Deutschland schläft gar nicht, weil es Deutschland in keiner materiellen und schlaffähigen Form gibt. Seien wir nachsichtig, schließlich bemerkt Scheld schon im dritten Satz seines öffentlich-rechtlichen Vortrags, dass er Unsinn gesprochen hat. Natürlich schläft nicht Deutschland schlecht: „Vier von fünf Berufstätigen schlafen schlecht“. Und diese Zahlen, so lesen wir in Satz 2, sie seien „alarmierend“.

Mehr als 3.500 ihrer berufstätigen Versicherten, so versichert Scheld, habe die DAK befragt. Vier von fünf hätten zumindest gelegentlich Störungen beim Einschlafen oder Durchschlafen…“

Gelegentlich. Haken wir hier doch einmal nach, und zwar bei der DAK und dem Gesundheitsreport, den die DAK auf Grundlage der Daten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten und einer Befragung von 5.200 Erwerbstätigen im Alter von 18 bis 66 Jahren durchgeführt hat bzw. hat durchführen lassen, u.a. von Forsa, was das Vertrauen in die Daten nicht unbedingt erhöht.

Aufmerksame Leser werden festgestellt haben: die „mehr als 3.500 Befragten“, von denen Scheld weiß, tauchen bei der DAK nicht wirklich auf oder sollte Scheld mit seinen „mehr als 3.500 Befragten“ die 5.200 von Forsa Befragten oder die 2,6 Millionen Versicherten, deren Daten analysiert wurden, gemeint haben?

Er wird es wissen. So wie wir wissen, dass die 3.500 Befragten von Scheld bei der DAK zu 5.200 von Forsa Befragten bzw. zu 2,6 Millionen Versicherten geworden sind.

Von den 5.200 Befragten geben 80% an, dass sie mindestens gelegentlich Schlafprobleme haben. Was damit genau gemeint ist: Niemand außer Forsa weiß es. Vermutlich haben die Forsierer von Forsa gefragt: Wie oft im vergangenen Monat (oder Woche, oder 14 Tagen) hatten Sie Probleme beim Einschlafen: Oft, selten, gelegentlich, nie. Alle, die nicht nie sagen, haben dann Schlafprobleme. Vielleicht hat Forsa auch gefragt: Wie sehr stimmen sie der folgenden Aussage zu: „Ich habe Schlafproblem“ – voll und ganz, eher, eher nicht, ganz und gar nicht. Alle bis eher nicht haben gelegentlich Schlafprobleme.

Für Schlafprobleme: x files

Was genau gefragt wurde. Was genau „gelegentliche Schlafprobleme“ sind, niemand sagt es uns und deshalb ist Vorsicht geboten: Wenn nicht mitgeteilt wird, was genau sich hinter einer schwammigen Formulierung wie „gelegentlich“ verbirgt, dann haben die, die es verschweigen, in der Regel einen Grund, es zu verschweigen, z.B. Belanglosigkeit von Ergebnissen. Und sind Ergebnisse belanglos, dann kann man nicht die ganze Bevölkerung in Schlafprobleme reden.

Und man kann Journalisten, wie Christoph Scheld nicht dazu veranlassen, Unsinn zu schreiben, wie er das tut.

Denn: Scheld, immer unter Berufung auf die Studie der DAK oder die Autorität von Ingo Fietze (Schlafforscher) und Andreas Storm (Vorsitzender der DAK), behauptet nicht nur, dass 80% der Berufstätigen Schlafprobleme haben, er behauptet auch, dass diese Schlafprobleme, sich aus den folgenden Ursachen speisen:

“Die Gründe hängen bei den meisten Betroffenen mit dem Berufsleben zusammen. Nachtschichten, starker Termin- und Leistungsdruck gelten als Risikofaktoren. Und wer von sich sagt, häufig an der Grenze der Leistungsfähigkeit zu arbeiten, ist prädestiniert für ernsthafte Schlafprobleme.“

Sind sie jetzt erschrocken, weil sie ein Workaholic sind, der derzeit noch keine Schlafprobleme hat? Dann geben wir Entwarnung, denn entweder Scheld schreibt Quatsch, weil er intellektuell überfordert ist, oder er lügt bewusst.

Alles beginnt damit, dass bei der DAK jemand Fracksausen bekommen hat. Es mag ja noch angehen, Journalisten, die es einem auch wirklich leicht machen, aufs Glatteis zu führen und sie schreiben zu lassen, 80% der berufstätigen Bevölkerung hätten Schlafstörungen, für die letztlich die fiesen und miesen Arbeitgeber verantwortlich sind, aber natürlich kann man derartigen Unsinn nicht als DAK schreiben.

Entsprechend haben sich die DAKler auf ihre Daten besonnen. In diesen Daten finden sich 9,4% mit Schlafstörungen, die Arztbekannt sind und den Tatbestand der Insomnie erfüllen. Für diese 9,4 Prozent werden die Gründe angeführt, die Scheld oben nennt, nicht für die 80% derjenigen, die gelegentlich von Problemen beim Einschlafen oder Durchschlafen berichten: „Wer zum Beispiel häufig an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeitet, steigert sein Risiko, die schwere Schlafstörung Insomnie zu entwickeln. Auch starker Termin- und Leistungsdruck, Überstunden sowie Nachschichten und ständige Erreichbarkeit nach Feierabend gelten in diesem Zusammenhang als wichtige Risikofaktoren“.

Ob Scheld seine Leser absichtlich täuschen will, um seinen Impuls auszuleben und die bösen Kapitalisten an den Pranger zu stellen, die ihre armen Arbeitnehmer bis ins Privatleben, ja bis in den Schlaf verfolgen? Nun, die Antwort auf diese Frage lautet nach unserer Ansicht: Ja. Denn Scheld schreibt nicht nur die falschen Ursachen der falschen Gruppe von Berufstätigen zu, er verschweigt auch die Gründe, die von der DAK für gelegentliche Probleme beim Einschlafen oder Durchschlafen genannt werden:

“Viele Arbeitnehmer sorgen aber auch selbst für einen schlechten Schlaf. Nach der Studie der DAK-Gesundheit schauen 83 Prozent der Erwerbstätigen vor dem Einschlafen Filme und Serien, 68 Prozent erledigen abends private Angelegenheiten an Laptop oder Smartphone.“

Ganz zu schweigen von dem Säugling in der Nachbarwohnung, der einem den Schlaf raubt, weil er ständig schreit.

Unser Fazit lautet somit:

  • Deceibe infeigle obfuscateScheld täuscht seine Leser über die Prävalenz von Schlafstörungen.
  • Er täuscht seine Leser über die Ursachen von Schlafstörung.
  • Er unterschlägt Ursachen für Schlafstörungen.
  • Und er verbreitet Alarmismus, so wie dies auch die DAK tut.

“ Die DAK-Analyse zeigt, dass sich dieser Trend auch bei den Krankmeldungen auswirkt. Die Fehltage aufgrund von Schlafstörungen stiegen um rund 70 Prozent auf jetzt 3,86 Tage je 100 Versicherte. „

Alarmierend, alarmierend wie einfach es ist, Journalisten durch Grundrechenarten zu überfordern. Wenn 3,68 Fehltage je 100 Versicherte zu verzeichnen sind, dann heißt das, jeder Versicherte, der von der DAK untersucht wurde (vielleicht 2,9 Millionen, vielleicht 5.200 – wer weiß), fehlt im Durchschnitt 0,04 Tage am Arbeitsplatz und in einem Jahr. Alarmierend. Und die Steigerung, wie alarmierend die Steigerung erst ist: 0,016 Tage pro Versichertem und Jahr.

Alarmierend.
Fast, dass diese alarmierenden Zahlen uns den Schlaf rauben könnten.

Weihnachten geht auf die Gesundheit: Wissenschaftliches zu Risiken und Nebenwirkungen des Weihnachtsfests

“Von wegen besinnliche Weihnachtszeit”, so heißt es in einer Pressemeldung der DAK Zentrale Hamburg, und so geht es weiter:

flatline“Das Fest der Liebe schlägt buchstäblich aufs Herz. Das zeigen aktuelle Krankenhaus-Daten der DAK-Gesundheit. An den Weihnachtstagen werden ein Drittel mehr Menschen wegen eines Herzinfarktes ins Krankenhaus eingeliefert als im Jahresdurchschnitt. Vor allem Männer sind betroffen. Sie erleiden besonders am Heiligabend einen Herzinfarkt”

Wer hätte das gedacht, dass das Öffnen von Weihnachgeschenken und die besinnlichen Tage sich derart negativ auf die Gesundheit von vor allem Männern auswirken? Und wer hätte es gedacht, dass es eine deutsche Krankenkasse gibt, die darauf hinweist?

“Für die Untersuchung wurden bei der DAK-Gesundheit die letzten vier Jahre verglichen: So gab es zwischen 2009 und 2012 im Schnitt jeweils 40 Krankenhauseinweisungen wegen Herzinfarkt an den einzelnen Weihnachtstagen. Sonst verzeichnet die Krankenkasse durchschnittlich 30 Einweisungen pro Tag”.

33% mehr Einweisungen über die Weihnachtsfeiertage, kann man schon als erhöhtes Aufkommen bezeichnen, und es kommt noch schlimmer: “Cardiac Mortality is Higher Around Christmas and New Year Than at Any Other Time”, so überschreiben David D. Philipps, Jason R. Jarvinen, Ian S. Abramson und Rosalie R. Phillips einen Beitrag in Circulation, einer Zeitschrift der American Heart Foundation. Ihren Ergebnissen zufolge werden über die Weihnachtsfeiertage (und an Neujahr) rund 5% mehr Personen mit einem Herzinfarkt in ein Krankenhaus eingeliefert und rund 5% mehr Personen sterben an einem Herzinfarkt als an anderen Tagen des Jahres. Die Zahlen von Jarvinen et al. sind mit denen der DAK nicht vergleichbar, denn die Autoren berechnen Risiken, wie man das normalerweise tut, während für die DAK die Nennung von Häufigkeiten vermutlich genug der Mathematik ist.

In jedem Fall kann man feststellen: Weihnachten geht auf die Gesundheit. Das zeigt auch ein Beitrag von James R. Hillard, Jacquelin M. Holland und Dietlof Ramm. Nach den Weihnachtstagen ist ein Anstieg an Psychopathologien, besonders bei Frauen, zu verzeichnen. Die Weihnachtsgeschenke und die “besinnlichen Tagen”, führen demnach bei Männern vermehrt zu einem Herzinfarkt, während Frauen vermehrt hysterisch oder psychotisch werden.

Macht Weihnachten geisteskrank? Ist Weihnachten ein Killer? Was ist/sind die Ursache/n dieser negativen Wirkung besinnlicher Tage? A. J. Cowley et al. (1986) wissen Genaueres: Die Weihnachtsvöllerei. Personen mit einem Herzproblem und solche, die einen Herzinfarkt erlitten haben, hatten einen erhöhten “cardiac output” [der “cardiac output” misst die Menge von Blut, die durch das Herz befördert wird] nach dem Weihnachtsessen, d.h. Ihnen ist das Essen nicht auf den Magen, sondern aufs Herz geschlagen – Ergebnis: Herzinfarkt. Zu diesen Ergebnissen passen Befunde, die Andersson und Rössner (1992) ermittelt haben. Demnach erhöht sich über die Weihnachtstage das Körpergewicht eines Erwachsenen um durchschnittlich 800 Gramm.

Es scheint so, als wäre Völlerei ein Faktor, der die Weihnachtstage mit der Einlieferung ins Krankenhaus enden lässt. Es scheint so, denn die DAK hat ganz andere Ideen darüber, was Weihnachten zum Herzinfarktrisiko werden lässt, nämlich:

  • Perfektionismus – entsprechend rät die DAK, den Perfektionismus so weit wie möglich ablegen: Also wenn das Geschenkpapier partout nicht will, wickeln Sie ihr Geschenkt in Zeitungspapier oder geben es gleich ohne Verpackung weiter. Ist auch besser für die Umwelt.
  • Die gesamte Familie, so die DAK, müsse in die Weihnachtsvorbereitungen einbezogen werden und konkrete Absprachen müssten getroffen werden, etwa und unter Berücksichtigung des guten Rats von “DAK-Ärztin Elisabeth Thomas”, nach dem “vor allem einseitige Ernährung sowie Bewegungsmangel, Rauchen und hoher Alkoholkonsum” zu vermeiden sind, so:
    1. Wychwood Bah Humbug7.30 Uhr: Aufstehen;
    2. 8.00 – 9.30 Uhr: gemeinsames Frühstück in der Küche – Frühstücksverantwortlich: Mutter und Tochter;
    3. 9.30 bis 11.00 Uhr: Verdauungsspaziergang inkl. 20 Minuten für Gespräche mit den Nachbarn;
    4. 11.00 – 12.00 Uhr: Essensvorbereitung: Die ganze Familie finden sich dazu in der Küche ein. Vorbereitung: Team aus Mutter und Tochter, Ausführung: Team aus Vater und Sohn;
    5. 12.00 bis 13.30 Uhr: gemeinsames Mittagessen;
    6. 13.30 – 14.00: Abwasch – Verantwortlich: Wer noch kann;
    7. 14.00 – 15.00 Uhr: Verdauungsspaziergang inklusive 20 Minuten leichter Trab;
    8. 15.00 – 15.30 Uhr: zur freien Verfügung;
    9. 15.30 – 18.00 Uhr: Besuch der Verwandten und Freunde, gemeinsames Weihnachtsliedersingen;
    10. 18.00 – 19.00 Uhr: Essensvorbereitung;
    11. 19.00 – 21.30: gemeinsames Abendessen;
    12. 21.30 – 22.00: Uhr Verdauungsspaziergang um den Block;
    13. 22.00 bis 24.00 Uhr: Familienspielzeit;
    14. 24.00 – 7.30 Uhr: Nachtruhe;
    15. 7.30 Uhr: Aufstehen und wie oben beschrieben fortfahren.
    16. Und nicht vergessen: Nicht stressen lassen und Perfektionismus vermeiden!
  • Nicht zu viel Aktivitäten an den Weihnachtstagen einplanen, also rund um die Bewegung und das Essen, nicht zu viel machen, empfiehlt die DAK weiter und schließlich:
  • Gezielt Zeit für sich selbst nehmen, um zu entspannen.

Die Ratschläge der DAK sind widersprüchlich und es fragt sich: Wie sehen nicht perfektionistische Weihnachten aus, in deren Ablauf die gesammte Familie einbezogen ist, die mit nur wenigen Aktivitäten angereichert sind und in deren Verlauf man sich gezielt Zeit für sich selbst nimmt? Nun: Am besten man bleibt im Bett und teilt diese Entscheidung der restlichen Familie durch einen Anschlag an schwarzen Familienbrett auf einem Fresszettel mit. Das ist nicht perfektionistisch, bezieht die ganze Familie ein, ist mit wenig Aktivität verbunden und – besonders wichtig: Man nimmt sich gezielt Zeit für sich selbst.

Und Geschenke sollte man auch nicht kaufen, denn, wie Joel Waldvogel herausgefunden hat, sind Weihnachtsgeschenke unökonomisch. Da die meisten Geschenke erhalten, die sie sich sowieso nicht gewünscht haben und dann, wenn sie selbst das Geld, das für Geschenke in den Sand gesetzt wurde, hätten ausgeben können, ganz andere Wahlen getroffen hätten, rangiert der ökonomische Verlust, der mit Geschenken einhergeht, zwischen 10% und 30% des jeweilgen Werts.

merry xmasWem dieses Ergebnis nicht ausreicht, um von Geschenken Abstand zu nehmen, der möge bedenken, was Tim Kasser und Sheldon M. Kennon herausgefunden haben: What Makes A Merry Christimas?, so haben sie sich gefragt. Herausgekommen ist, dass alles, was materialistisch ist, Geschenke und Geldausgeben, schlecht ist, alles, was die Umwelt nicht schädigt, zum “Merry-Sein” beiträgt und am besten ist es, wenn man ganz besonders in Familie und religiöse Praktiken investiert, nein, wenn Familie und religiöse Praktiken im Vordergrund stehen. Also Kirchgang und Beten zum oben abgedruckten Zeitplan ergänzen und ansonsten alles machen, wie beschrieben.

Die “Limitations of the Merry-Study”, wie man schreiben könnte, bestehen allerdings darin, dass die Dinge, die Merry-Machen können, von den beiden Autoren vorgegeben wurden, so dass die Befragten keine Möglichkeiten hatten, etwas anderes zu wählen, als das, was ihnen vorgegeben wurde. Aber, wenn es darum geht, Menschen glücklich und merry zu machen, dann ist eben keine Vorgabe eng genug.

Am besten, wir lassen Weihnachten sein, ziehen uns die Decke über den Kopf und machen etwas Sinnvolles, wobei beim Sinnvollen zu beachten ist:

  1. nicht sinnvoll rauchen;
  2. nicht sinnvoll trinken;
  3. dass Sinnvolle mit der Familie absprechen;
  4. aber nicht zu viel absprechen und gezielt sinnvolle Zeit für sich selbst einplanen;
  5. ausreichend und sinnvoll bewegen;
  6. nur sinnvoll essen;
  7. nur sinnvoll beten;
  8. nur umweltverträgliche und stressfreie, sinnvolle Geschenke;
  9. am besten sinnvoll Geld ausgeben;
  10. Familie soll sinnvoll im Vordergrund stehen;
  11. und besonders sinnvoll: Wenn Sie unbedingt einen Herzinfarkt erleiden wollen, dann warten Sie bitte bis nach Weihnachten, und vermiesen Sie ihren Lieben nicht die Festtage!
  12. haben wir etwas Sinnvolles vergessen?

Literatur

Andersson, I. & Rössner, AS. (1992). The Christmas Factor in Obesity Thearpy. International Journal of Obesity and Related Metabolic Disaorder 16(12): 1013-1015.

Cowley, A. J., Murphy, D. T., Stainer, K., Murphy, J. & Hampton, J. R. (1986). A Non-Invasive Method For Measuring A Cardiac Output: The Effect of Christmas Lunch. The Lancet 328(8521): 1422-1424.

Hillard, James R., Holland, Jacqueline M. & Ramm, Dietlof (1981). Christams and Psychopathology. Data From a Psychiatric Emergency Room Population. Archives of General Psychiatry 38(12): 1377-1381.

Kasser, Tim & Kennon, Sheldon M. (2002). What Makes for a Merry Christmas? Journal of Happiness Studies 3(2): 318-329.

Phillips, David P., Jarvinen, Jason R., Abramson, Ian S. & Phillips, Rosalie R. (2004). Cardiac Mortality is Higher Around Christmas and New Year’s Day Than at Any Other Time. The Holidays as a Risk Factor for Death. Circulation doi: 10.1161/​01.CIR.0000151424.02045.F7
Waldvogel, Joel (1993). The Deadweight Loss of Christmas. American Economic Review 83(5): 1328-1335.

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