Gesetz ohne Notwendigkeit: Maas-Ministerium räumt ein, Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat keine Grundlage

Einer der wichtigsten wissenschaftlichen Artikel, die in den letzten 40 Jahren verfasst wurden, stammt von Paul diMaggio und Walter Powell und trägt den Titel „The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields“. Darin stellen DiMaggio und Powell u.a. die These auf, dass moderne Organisationen, Bürokratien, Verwaltungen, Ministerien, nicht mehr, wie dies zu Max Webers Zeiten der Fall war, ihre Legitimation daraus nehmen, dass sie effizient und effektiv Dienstleistungen für Bürger erbringen, sondern daraus, dass sie tätig sind. Je mehr Tätigkeit eine moderne Verwaltung nach außen vorweisen (oder vorgeben) kann, desto legitimer erscheint sie.

DiMaggio PowellMit dieser These ist es möglich, eine Vielzahl von Phänomenen zu erklären, die man ansonsten nur mit Kopfschütteln goutieren könnte. Etwa das 100 Millionen Euro Programm “Demokratie leben!”, bei dem 100 Millionen Euro in zahllosen Projekten versenkt werden, von denen sich niemand fragt, ob der Nutzen dieser Projekte die Kosten übersteigt bzw. bei denen sich niemand darum kümmert, ob die Mittel effektiv und effizient verwendet wurden. Für das BMFSFJ sind die 100 Millionen Euro ein Tätigkeitsnachweis, der Legitimation und den warm glow, etwas zu tun, was auch immer, verbreitet. Für die Projektnehmer bietet der Geldsegen die Möglichkeit, sich im warm glow aus dem Ministerium zu sonnen und sich ansonsten ein Auskommen ohne Ergebniskontrolle und auf Kosten der Steuerzahler zu verschaffen.

Die These von diMaggio und Powell erlaubt es auch, den Aktivismus aus dem Hause von Heiko Maas zu erklären, der sich zum Beispiel im „Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken (Netzwerkdurchsetzungsgesetz)“ niedergeschlagen hat. Das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz enthält außer prozeduralen Regelungen nichts, was nicht längst im Strafgesetzbuch stünde, ist entsprechend überflüssig, wird aber dennoch von Heiko Maas, dem Mann für den Überfluss, mit Verve vertreten, um u.a. FakeNews zu bekämpfen. So heißt es bereits im ersten Absatz des Gesetzes und unter der Überschrift „A Problem und Ziel“:

“Gegenwärtig ist eine massive Veränderung des gesellschaftlichen Diskurses im Netz und insbesondere in den sozialen Netzwerken festzustellen. Die Debattenkultur im Netz ist oft aggressiv, verletzend und nicht selten hasserfüllt. Durch Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte kann jede und jeder aufgrund der Meinung, Hautfarbe oder Herkunft, der Religion, des Geschlechts oder der Sexualität diffamiert werden. Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte, die nicht effektiv bekämpft und verfolgt werden können, birgt eine große Gefahr für das friedliche Zusammenleben einer freien, offenen und demokratischen Gesellschaft. Nach den Erfahrungen im US-Wahlkampf hat überdies auch in der Bundesrepublik Deutschland die Bekämpfung von strafbaren Falschnachrichten („Fake News“) in sozialen Netzwerken hohe Priorität gewonnen. Es bedarf daher einer Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken, um objektiv strafbare Inhalte wie etwa Volksverhetzung, Beleidigung, Verleumdung oder Störung des öffentlichen Friedens durch Vortäuschen von Straftaten unverzüglich zu entfernen.“

Ein Gesetzentwurf, bei dem es darum ginge, die Wirklichkeit zu verbessern, würde nicht ausschließlich behaupten, dass A schlimm und B verbreitet und für C gefährlich wäre. Ein Gesetzentwurf, bei dem es darum ginge, die Wirklichkeit zu verbessern, er würde auf dieser Wirklichkeit basieren, gäbe Daten und Zahlen an, die zeigen, wie relevant eine Regelung in einem Bereich ist, Daten, die zeigen, wie sich die Verurteilungen wegen der Delikte, die neuerdings als Hasskriminalität zählen, entwickelt haben, zeigen, dass die entsprechende Kriminalität in sozialen Netzwerken tatsächlich verbreiteter ist als z.B. im Bundesministerium für Justiz und die vor allem zeigen, dass von der in sozialen Netzwerken verbreiteten Hasskriminalität ein bezifferbarer Schaden für die Gesellschaft ausgeht, diesen Schaden also belegt.

Maas‘ Gesetzentwurf enthält nichts dergleichen. Er ist, was empirische Relevanz betrifft, eine Luftnummer, denn weder wird die Notwendigkeit, einer gesetzlichen Regelung mit belastbaren und nachvollziehbaren Daten belegt noch wird gezeigt, dass Hasskriminalität in sozialen Netzwerken verantwortlich für negative Entwicklungen in der Gesellschaft ist.

Es finden sich keinerlei Belege für die Notwendigkeit des Gesetzes. Die einzigen Daten, die sich auf den 31 Seiten des Gesetzentwurfes finden, beziehen sich auf die 3,75 Millionen Euro Mehraufwand an Personal, die durch das Gesetz verursacht werden.

Mit anderen Worten, das Gesetz dient nicht dazu, in der Realität eine Verbesserung in welcher Form auch immer für die Bürger herbeizuführen. Es dient dazu nachzuweisen, dass Maas ein, wie man wohl sagen muss, politischer Aktivist ist, der ohne Sinn und Zweck Steuergelder verprasst um Gesetze durchzusetzen, die einzig dazu dienen, die Verwaltung des Bundesministeriums für Justiz noch mehr aufzublasen und die Tätigkeit von Minister und Behörde mit Legitimation zu versorgen: “Seht her, wir tun etwas. Wenngleich wir weder wissen, warum wir es tun, noch, ob es notwendig ist.”

Tatsächlich hat das Ministerium gegenüber der Seite golem.de zugegegeben, dass nicht ein Fall von FakeNews im Ministerium bekannt ist, in dem Ministerium, das mit einem Gesetzentwurf gegen eben diese FakeNews, von denen man im Bundesministerium für Justiz nicht einmal weiß, ob es sie gibt, vorgehen will. Deutlicher kann man nicht mehr machen, dass es nicht darum geht, das konkrete und tägliche Leben der Bevölkerung positiv zu beeinflussen. Deutlicher kann man nicht mehr machen, dass der Zweck eines Gesetzes einzig darin besteht, ein Ministerium mit weiteren Mitteln und mit weiterem Personal zu versorgen. Deutlicher kann man nicht mehr machen, dass ein Gesetz aus politischem Aktivismus, also aus Populismus erstellt wurde, dessen Ziel darin besteht, Bürgern vorzugaukeln, Minister und Verwaltung wären Macher, die das Wohl der Bevölkerung im Blick haben.

Dilbert sycophantWie die Dinge nun einmal liegen, führt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Maas, das nicht das Wohl der Bevölkerung im Auge hat, sondern das des Ministeriums und des Ministers, der gerne als mehr erscheinen will als er ist, zu einer massiven Einschränkung des Wohls der Bevölkerung, da die prozeduralen Regeln, die im Gesetzentwurf festgeschrieben werden sollen, dafür sorgen, dass die Meinungsfreiheit auf der Strecke bleiben wird. Ob dies beabsichtigt ist, also neben der Legitimation durch Aktivismus auch noch ein finsteres Ziel hinter dem Gesetzentwurf steht, ist das Kriterium, das Maas von farblosen Politiker, wie es sie im 21. Jahrhundert zuhauf gibt, zu einem jener Politiker macht, die aus Geltungssucht Freiheiten anderer opfern und damit verantwortlich sind für all das, was am Ende dieser neuen Welle deutschen Totalitarismus stehen wird.

Golem.de belegt mit seiner Nachfrage im Ministerium, dass es möglich ist, Journalismus jenseits dessen zu machen, was in öffentlich-rechtlichen Medien so verbreitet ist: das Buckeln von Sykophanten.

Auch Lichtgestalten ertrinken im Einheits-Zeitgeist

Erinnern Sie sich noch an den Hype, der um Barack Obama veranstaltet wurde, wie er zur Lichtgestalt, zum Jesus der Minderheiten und Diskriminierten stilisiert wurde, um dann vom Nobelpreiskommittee, das wie ein Surfer immer die Wellen des Zeitgeistes reitet und dabei regelmäßig auf Ufersand aufläuft, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet zu werden?

Die Liste der Friedensnobelpreisträger, vor allem in neuerer Zeit, ist wirklich interessant und sei Interessierten als Lektüre empfohlen. Auf ihr finden sich so illustre Organisationen wie die UN oder die Europäische Union, Sie reicht von Muhammad Yunus bis zu Mutter Theresa und sieht Barack H. Obama in den Fussstapfen von Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson.

ObamaDoch zurück zu Barack H. Obama. Wie fast jeder Politiker (und mit ziemlicher Sicherheit jeder Politiker der letzten 20 Jahre), so hat auch die Lichtgestalt Barack Obama viel Helligkeit verloren und ist über die letzten Jahre im Schatten versunken, im Schatten der Alltagspolitik, der kleinen Ränkespiele, des politischen Nepo- und Opportunismus und vor allem: im Gehege der Isomorphie.

Isomorphie ist eines, wenn nicht das Konzept, das moderne Gesellschaften am besten beschreibt. Es geht zurück auf einen Beitrag von Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell, der im Jahre 1983 in der American Sociological Review veröffentlicht wurde. Verkürzt und überspitzt formuliert könnte man die Fragestellung, die DiMaggio und Powell faszniert hat, wie folgt beschreiben: Warum werden sich moderne Gesellschaften und ihre Organisationen immer ähnlicher, warum verschwindet die Vielfalt, wird sie ersetzt durch einen Einheitsbrei, der an Uniformität kaum mehr zu überbieten ist?

Während spätere Arbeiten, die im Rahmen des Neo-Institutionalismus erstellt wurden (z.B. Boli & Thomas, 1997), vor allem auf die Rolle von Internationalen Organisationen abstellen, governmental und non-governmental (WWF, Greenpeace, Amnesty International, UN, UNESCO), wenn es darum geht, die internationale Gleichschaltung in Langeweile zu erklären, haben DiMaggio und Powell sich für die grundlegenden Prozesse interessiert und darauf ihr Konzept der Isomorphie begründet.

Isomorphie gibt es in drei Formen:

  • als mimetische Isomorphie oder schlicht Nachahmung; internationale Organisationen kopieren sich gegenseitig, um auf diese Weise Risiken auszuschließen. Als Nebeneffekt des Ausschlusses von Risiken schließen sie Innovationen und Neues aus.
  • als normative Isomorphie, die vornehmlich über die Personalebene wirkt, die Ebene, auf der sich die selben austauschbaren Gestalten einfinden, bei denen man Schwierigkeiten hat, zu entscheiden ob sie nun in einem Gremium der UN, von Greenpeace oder der European Casino Association sitzen bzw. dafür sprechen. Mit dem uniformen Personal, das in immer größerem Ausmaß internationale Organisationen bevölkert, kommen uniforme Ideen, verschwinden neue und witzige Ideen, hält die Routine der Langeweile Einzug. Deshalb kann man vorhersagen, was Greenpeace, UN, Attac oder der Naturschutzbund zur vermeintlichen Finanzkrise zu sagen haben.
  • als Zwang, der sich aus Regulationen ergibt, die international verbindlich gemacht werden: eine EUweite Frauenquote für Unternehmen, Nachhaltigkeit als Unternehmensziel von der UN verordnet, das Verbot von Zigarettenwerbung, die Koppelung von Kampf gegen Diskriminierung mit allem Möglichen von der sexuellen Orientierung bis zur Bewerbung als Zahnarzthelfer… auch hier stellt sich ein uniformes Ergebnis ein: eine regulative Monokultur.

DiMaggio und Powells Konzept ist ein Wurf, wie er nur selten gelingt. Dafür gebührt beiden Autoren Hochachtung.

Das schöne an Konzepten wie dem von DiMaggio und Powell ist ihre breite Anwendbarkeit. Zum Beispiel kann man damit das Verblassen von Lichtgestalten Marke Obama erklären, ihre Entwicklung vom assignierten Propheten zum Paria. Dazu benötigt man nur eine Pressemeldung wie diese: “Science not only for men, says Obama”.

Auch Obama ist nun von der internationalen Hysterie eingeholt worden, deren Ausgangspunkt die unsinnige Annahme darstellt, die Tatsache, dass Naturwissenschaften in weiten Teilen (übrigens ausgerechnet in der angeblich so maskulinen arabischen Welt nicht) männlich dominiert sind und dass diese Dominanz weibliche Aspiranten davon abhält, sich einzubringen.

absolutely_nothing_road_signDas kommt einem doch bekannt vor – oder? Es ist derselbe Unsinn, der in Deutschland als “MINT” durch die Welt geistert und als Grundlage für eine Reihe von Programmen dient, die Mädchen oder Frauen fördern sollen und doch nur den Effekt haben, dass sie Jungen oder Männer abschrecken und wenn dies nicht gelingt, diskriminieren und daher Qualifikationen verschwenden. Der selbe Unsinn findet sich bei EU und UN in entsprechenden Maßnahmen, die darauf abzielen, die Diskriminierung von Frauen zu beseitigen, die extra erfunden werden musste, damit man sie beseitigen kann. Erkennen kann man den gleichen Ursprung dieses Unsinns an seinen Prämissen, seiner Ideologie der Gleichstellung und seinem Anti-Individualismus, oder wie Obama sagt:

“Right now, fewer than one in five bachelor’s degrees in engineering or computer science are earned by women. … That means we’ve got half the field – or half our team we’re not putting on the field”.

Dass es individuelle Präferenzen gibt, dass es gar von vermeintlich wohlmeinenden Egalitaristen und Anti-Individualisten ersonnene Anreizstrukturen gibt, wie sie Catherine Hakim (2002) beschrieben hat,  die dafür sorgen, dass nach Geschlecht differenzierte Anreize zur Aufnahme einer Arbeit und zum Verfolgen einer Karriere geschaffen werden, kommt den modernen Egalitaristen nicht in den Sinn. Sie schwelgen in einem einzigartigen Gleichstellungsrausch, der Gruppen im Aggregat dieselben Wünsche und Fähigkeiten zuschreibt, eine Idee, auf die sie überraschender Weise gar nicht kommen, wenn es um die Wünsche und Fähigkeiten geht, die Politiker und Kriminelle unterscheiden (angeblich). Gesellschaft existiert für die Würdenträger des modernen Anti-Indiviudalismus nur in Form von Gruppen und die Mittelwerte und die Standardabweichung zwischen diesen Gruppen haben im Hinblick auf alle erdenklichen Dinge dem zu entsprechend, was politisch opportun ist. So will es er internationale Einheitsbrei.

Obama CartoonDie Frage, was dazu geführt hat, dass auch Lichtgestalten wie Obama im Einheitsbrei versinken, und dafür sorgen, dass die Erde immer mehr zur Monokultur der Langeweile und der Hirngespinste wird, ist mit DiMaggio und Powell leicht zu beantworten: Pressure Groups, internationale Vereinigungen, Frauenrechtler und NGOs campen vor den Türen der Exekutive und der Legislative, sie infiltrieren jede internationale Organisation mit ihren Interessen und ihrem Personal, schaffen es, z.B. die Millennium-Ziele zu bestimmen und sorgen auf diese Weise dafür, dass die Welt ein Einheitsbrei wird, gebaut auf der dystopischen Illusion allgemeiner Gleichstellung und getrieben von einem menschenverachtenden Anti-Individualismus, der in zukünftigen Generationen, sofern der derzeitige Angriff auf die Integrität der Menschheit überlebbar ist, nur mit Kopfschütteln, ob dieses dunklen Zeitalters goutiert werden wird.

Warum, so bleibt abschließend zu fragen, ist ausgerechnet eine Frauenförderung basierend auf einer erfundenen Diskrimierung von Frauen so erfolgreich, wenn es darum geht, Gruppen, Organisationen, Exekutiven und Legislativen in westlichen Staaten zu inkubieren. Eine Antwort auf diese Frage ist nicht einfach und nach unserem Wissen bislang noch nicht einmal versucht worden. Also versuchen wir es einmal:

Frauenförderung vermengt auf ungute Art Opferstatus, Trägheit und Gutmenschentum. Eine ganze Reihe von Frauen fühlt sich so wohl in einem selbst zugeschriebenen Opferstatus, dass sie auch nichts dagegen einzuwenden haben, von Gutmenschen paternalisiert zu werden, vor allem dann nicht, wenn diese Paternalisierung mit handfesten materiellen Vorteilen einhergeht. Und die Gutmenschen stürzen sich auf Frauenthemen ob der damit verbundenen mythologischen Reinheit, die sich aus dem Neuen Testament ableiten lässt und weil man mit der Frauenbewegung ein williges Opfer bereit hat, dessen Mitglieder sich nur zu gerne an die Hand nehmen und fördern lassen, die geradezu nach dem pater familias, der sie durchfüttert, hungern, nur um nicht in die kalte Welt des Wettbewerbs, dem sie sich nicht gewachsen fühlen, eintauchen zu müssen.

Von hier kann man die Erklärung verallgemeinern und die Attraktivität von Egalitarismus als Ergebnis einer Angst vor Konkurrenz, eines Strebens nach Festschreibung von Nutznießer-Strukturen, von denen man profitiert oder profitieren will, erklären. Über internationale Nutznießer-Allianzen wird die Förderung der eigenen Interessen und somit die Sicherung des eigenen Auskommens verbindlich gemacht, die gesellschaftlichen Strukturen werden festgeschrieben, und es wird verhindert, dass Neues und am Ende für den eigenen Status Gefährliches auftaucht und am Ende noch Einfluss gewinnt. Hier treffen sich die Egalitaristen, die von ihrer Konkurrenz-Angst getrieben, Wettbewerb unterbinden wollen, mit Berufspolitikern, für die neue Ideen von jeher die Gefahr waren, die ihrer Machterhaltung im Wege standen und die die Angst vor Konkurrenz teilen, denn außer Politik haben Berufspolitiker ja nichts gelernt.

©ScienceFiles, 2014

 

Boli, John & Thomas, George M. (1997). World Culture in the World Polity: A Century of International Non-Governmental Organizations. American Sociological Review 62(2): 171-190.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Hakim, Catherine (2002) Work-Lifestyle Choices in the 21st Century. Preference Theory. Oxford: Oxford University Press

Das Ende von Vielfalt und Pluralismus – leider keine Dystopie

DGBBVFallen Sie auch einer unsäglichen Öde und Hoffnungslosigkeit zum Opfer, wenn Sie einen Blick auf Politiker werfen? Haben Sie auch dieses Gefühl von, deja vue, wenn Sie einen Funktionär vor sich sehen? Und das Fernsehprogramm: immer dieselben Unsympathen in immer denselben Rollen-Stereotypen mit immer demselben Aussehen von der Stange, so als wären sie handverlesen, um die neue Uniformität deutlich zu machen. Die Formulare von Bank X, bei der Sie ein Konto eröffnen wollen, stimmen mit denen von Bank Y überein, nur Kopf und Logo sind unterschiedlich. Anwalt R verwendet die selben Textbausteine wie Anwalt W – die Anwaltskammer macht’s möglich. Die Aufschriften auf Packungen sind normiert: Bei Plastik droht Kindern Erstickungsgefahr und bei Karton ist alles recycled. Die Birne in ihrer Lampe macht zwar nicht hell, aber sie entspricht der Regulation, und wenn Sie denken, Sie können eben einmal nach Tschechien fahren und eine normale Glühbirne erwerben, die auch Licht gibt, dann haben Sie sich geirrt: Harmonisierung!

cdu_bvBauern in Bayern erhalten dieselbe Subvention pro Liter Milch wie Bauern in Wales. Die Sicherheitsbestimmungen auf dem Flughafen in Heathrow entsprechen den Sicherheitsbestimmungen in Frankfurt. Der Vertreter einer beliebigen europäischen Gewerkschaft muss überhaupt nicht den Mund aufmachen, man weiß auch so, was er sagen will. Bei Funktionären von FIFA, UEFA oder DFB muss man nicht hinsehen, um zu wissen, die meisten sind übergewichtig und die, die es nicht sind, sind zumeist bestechlich oder zumindest einer kleinen Gabe nicht abgeneigt.

Mitglieder von Attac sehen weltweit gleich aus. Bei Greenpeace und anderen NGOs, die gutes zu tun, vorgeben, weiß man genau, welche ideologische Ausrichtung sie haben, dass die Spendenbitte auf dem Fuß folgt und dass sie natürlich eine Frauenquote in Aufsichtsräten von Vorständen befürworten. Und immer und immer wieder weiß man ohne genau hinzusehen, dass die große Mehrzahl derjenigen, die in der Öffentlichkeit große Worte schwingen, anderen ins Gewissen reden, sie von dem, was (für sie) gut ist, überzeugen wollen, in ihrem Leben noch nie etwas mit ihren Händen gearbeitet haben. All die beschriebene Gleichförmigkeit, die Soziologen dazu veranlassen kann, zu verzweifeln, insbesondere, wenn sie einen individualistischen Ansatz pflegen, muss erklärt werden: Warum sind Funktionäre, Politiker, Bürokraten, Verwaltungsangestellte oder Lehrer einfach untereinander austauschbar, ohne dass man einen Unterschied bemerkt?

uniformitIch könnte es mir nun einfach machen und sagen, weil ihre Leistung nicht an einem objektivierbaren Ergebnis gemessen wird, man daher keine Möglichkeit der Unterscheidung zwischen ihnen hat (außer vielleicht, dass Gewerkschaftsfunktionäre Champagner bevorzugen, während Parteifunktionäre eher auf Prosecco stehen…). Aber das ist zu einfach und erklärt nicht, warum man den Chef von “verdi” in den Bundestag stellen und als Gesundheitsminister verkaufen könnte, und niemand würde einen Unterschied bemerken. Nein. Diese Antwort ist nicht befriedigend. Deshalb habe ich auf einen legendären Artikel zurückgegriffen, den Paul DiMaggio und Walter Powell im Jahre 1983 veröffentlicht haben, und auf dessen Grundlage man erklären kann, warum nan den Chef von Greenpeace mit dem Chef von Human Rights Watch austauschen kann, ohne dass jemand den Austausch bemerkt.

DiMaggio und Powell starten bei Max Weber und seiner These, nach der Bürokratien geschaffen werden, um Effizienz und Wettbewerb zu ermöglichen. Die Standardisierung in Bürokratien, so hat Max Weber geglaubt, erleichtere nämlich den Tausch von Gütern, u.a. dadurch, dass die Tauschregeln und der Ablauf eines Tausches festgelegt sind. Bürokratie war für Max Weber durch ihre Effizient legitimiert und nur durch ihre Effizienz. Wenn Bürokratie nicht zu Effizienz im Wettbewerb und in Märkten führt, dann hat sie für Max Weber keinen Sinn und keine Daseinsberechtigung (Max Weber hat bis 1920 geschrieben und somit die EU nicht gekannt…).

Weber WirtGesDiMaggio und Powell setzen hier an und machen aus dem Idealtypus von Bürokratie, wie ihn Max Weber beschrieben hat, einen Realtypus, der beschreibt, was wirklich ist. Bürokratie, so sagen DiMaggio und Powell ist nicht über Effizienz legitimiert, vielmehr ist es so, dass Bürokratien ein sich selbsterhaltendes System geworden sind, das sich nicht über seine Effizienz legitimiert, sondern über seine Existenz, und je mehr Bürokratie vorhanden ist, desto legitimer erscheint Bürokratie. Das passt schon eher zur Europäischen Union und ihrer Bananen-Krümmunsgwinkel-Richtlinie, und man könnte es als die normative Kraft des Faktischen beschreiben. Gibt es erst einmal Bürokratie, dann folgt die Ansicht, dass die viele Bürokratie legitim sein müsse, weil wäre sie es  nicht, dann gäbe es sie nicht, als astreine Tautologie auf dem Fuß. Wir leben eben nicht in einem rationalen, sondern in einem irrationalen Zeitalter, in dem der Wahnsinn nicht mehr auffällt, weil er zur bürokratischen Methode geworden ist (Wenn Sie nicht wissen, was ich meine: Sind Sie auch schon der Geldwäsche verdächtigt worden, weil sie eine Lebensversicherung abgeschlossen haben?).

Bürokratie, so DiMaggio und Powell, schafft sich selbst und legitimiert sich, durch den Akt der Ausbreitung. Das erklärt, warum man heutzutage nichts mehr tun kann, ohne auf Bürokratie und Normierung zu stoßen. Aber es erklärt noch nicht, warum die Vertreter der Bürokratie, die Funktionäre, Nicht-Regierungs-Aktivisten, die Politiker und alle anderen, die mit Worten ihren Lebensunterhalt verdienen, alle so uniform, so austauschbar, so gleichförmig sind. Zurück zu DiMaggio und Powell: Die Abkehr von der Effizienz hin zu Existenz als Legitimationsgrund und die immer größer werdender Übereinstimmung zwischen verschiedenen Organisationen führen DiMaggio und Powell auf Isomorphie zurück: „Isomorphism is a constraining process that forces one unit in a population to resemble other units that face the same set of environmental conditions“ (DiMaggio & Powell, 1983, S.149). Mit anderen Worten: Gleiche Randbedingungen (z.B. durch Harmonisierung) üben einen Druck auf „units“, also zum Beispiel Institutionen, Organisationen und Unternehmen aus, sich einander anzugleichen. Es gibt für die Autoren drei Arten von Isomorphie:

  • coercive isomorphism = Zwang
  • mimetic isomorphism = Nachahmung
  • normative isomorphism = normativer Druck

Zwang zur Einförmigkeit wird von gesellschaftlichen Randbedingungen, von immer mehr Regulationen, von immer mehr Vorgaben und Ansprüchen sich an einer vorgegebenen Norm auszurichten, ausgeübt. Entsprechend hat die Europäische Union ihr Ziel der Harmonisierung dann erreicht, wenn nicht nur Funktionäre und Politiker, sondern auch Unternehmensführer, Manager und Arbeiter uniform sind, wenn Sie und ich uns nur noch durch die Nasenlänge unterscheiden, weil unsere normierte Einrichtung in unseren normierten Häusern, die von normierten Gärten, in denen normierte Spielgeräte stehen und zwei normierte Kinder auf Zuruf schreien, identisch sind.

Die Notwendigkeit zur Nachahmung ergibt sich aus der Unsicherheit, die u.a. dadurch hergestellt wird, dass immer neue Regulationen Dinge regulieren, an die man bislang gar nicht gedacht hat. Entsprechend schaut man, was andere machen, um dann, wenn es schief geht, zumindest nicht alleine dazustehen. Der vorauseilende Gehorsam, mit dem manche Unternehmen, wie die Telekom, eine Frauenquote eingeführt haben, schafft entsprechend einen Präzedensfall und führt eine Harmonisierung zwischen Unternehmen herbei, bei anderen, die die Telekom zum Vorbild nehmen. Ähnliches kann man bei der Corporate Social Responsibility beobachten: Nicht mehr unternehmerische Ziele bestimmen das Unternehmensmanagement, sondern Compliance mit Umweltnormen, die wiederum von Umweltorganisationen, die sich zum verlängerten Arm der EU gemacht haben, überwacht werden.

zombiesDer normative Druck nimmt die Ergebnisse von Genderstudies und Bologna Prozess vorweg: Studenten, die keine eigenen Gedanken mehr haben und außer Kurs-Credits und Leistungsanforderungen nichts von bestimmten Seminaren erinnern, gleichgeschaltete Absolventen, die z.B. die Litanei des Staatsfeminismus herunterbeten können, wie einst Marxismus-Leninismus(ML)-Kader in der DDR die Gebete des ML auswendig kannten. Diese Zombies, die ihr Leben verbringen können, ohne auch nur eine einzige unabhängige Idee zu entwickeln, sind der Stock, aus dem sich wiederum die oben beschriebenen Funktionäre rekrutieren, die Politiker, die Gewerkschaftler, die Nicht-Regierungs-Aktivisten usw. Diese Dystopie, die derzeit von Harmonisierungs-Fanatikern, Staatsfeministen und geistlosen und ideenlosen Funktionären und Bürokraten in die Tat umgesetz wird, ist der Grund dafür, dass ich oben beklagt habe, dass die vielen institutionellen Zombies noch nie eine Arbeit mit ihren Händen ausgeführt haben. Hätten sie z.B. ihr Studium auf dem Bau verdient, dann hätte es passieren können, dass sie mit den Folgen von Regulationen konfrontiert worden wären, damit, dass praktisch nicht umsetzbar ist, was in bürokratischen Gehirnen ausgebrütet wurde oder auch nur damit, dass Menschen die Lust an Engagement und Einsatz verlieren, wenn sie ständig bürokratischer Gängelung ausgesetzt wird. Aber all diese Eindrücke aus dem wirklichen Leben fehlen den institutionellen Zombies, und entsprechend gibt es nichts, was ihrer Regulierungswut, was der Beseitigung von Vielfalt und Pluralismus durch Zombies, die gar nicht wissen, von was da eigentlich die Rede ist, Einhalt gebieten könnte.

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W. (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

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