Das deutsche Bildungssystem ist für Jungen nachteilig. Verglichen mit Mädchen machen sie häufiger geringerwertige Abschlüsse oder bleiben häufiger ganz ohne Abschluss. Seit 2002 „Bringing Boys Back In“ veröffentlicht wurde, ist diese Tatsache nicht mehr zu bestreiten. Seither geht es, wie ich an anderer Stelle in diesem blog schon geschrieben habe, um die Suche nach dem Schuldigen. Ein interessanter neuer Beitrag zum Thema „Der Schul(miss)erfolg der Jungen“ ist mir die Tage auf den Schreibtisch gekommen. Verfasst haben ihn Andreas Hadjar und Judith Lupatsch und als Crux kann man dem Artikel entnehmen, dass Jungen in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen, weil sie eine „stärker ausgeprägte Schulentfremdung“ aufweisen.
Im Englischen gibt es einen schönen Begriff für diese Art der Erklärung: „Begging the Question“ oder in Deutsch: Die Erklärung von Hadjar und Lupatsch hilft nicht viel weiter, denn sie provoziert einzig und allein die Frage: Und warum sind Jungen der Schule entfremdeter als Mädchen? Diese Frage adressieren die Autoren leider nicht, und deshalb habe ich mich in ihrem Beitrag auf die Suche nach Zusammenhängen gemacht, die einen Hinweis darauf geben können, warum Jungen der Schule entfremdeter sein sollen (sind) als Mädchen. Und man wird fündig, im Beitrag der Autoren.
Jungen haben schlechtere Noten, weil (nicht etwa wenn, nein weil) sie traditionellen patriarchalischen Geschlechterrollen anhängen. Diese „Weisheit“ verdanken wir Cornelißen et al. (2002).
Demselben Autorenkollektiv ist die folgende Erkenntnis gekommen: „manche der Männlichkeitsbilder, die Kindern und Jugendlichen in den Medien präsentiert werden, etwa die des Draufgängers, des Abenteurers, des Kämpfers, des Aufrührers, des Kriminellen, [stellen] Leitbilder [dar], die die Bereitschaft zur Konzentration auf komplexe Denk- und Sprachleistungen sowie die notwendige Disziplin nicht eben anspornen (Cornelißen et al., 2002, S.229 – Ich will nur am Rande bemerken – weil der Text von Cornelißen et al. ja eigentlich wissenschaftliche Ergebnisse präsentieren soll – dass es keinerlei theoretische Fundierung für den gerade zitierten Zusammenhang gibt. Warum die präsentierten Männlichkeitsbilder zu schlechten Noten führen sollen, darüber schweigen sich Cornelißen et al. aus. Entsprechend ist der von ihnen beschriebene Zusammenhang (bislang) das, was Algernon Blackwood „collective halluzination“ nennt, eine wissenschaftliche Aussage ist es nicht.
Budde (2008) steuert die Erkenntnis bei, dass Jungen Männlichkeitsnormen haben, die schulischen Erfolg als unmännlich erscheinen lassen, weniger verquast formuliert: Jungen finden in der Schule nichts, was ihren Vorstellungen entspricht.
Zum letzten Punkt passt die Reihe von Forschungsbefunden, die Hadjar und Lupatsch berichten und die ausnahmslos zeigen, dass Jungen sich von der Schule „abwenden“ oder entfremden, weil ihre Bedürfnisse in der Schule vernachlässigt werden.
Vor dem Hintergrund dieser Sammlung kann nunmehr die Frage beantwortet werden, die Hadjar und Lupatsch in ihrem Beitrag nicht einmal ansprechen: Warum weisen Jungen eine stärkere Schulentfremdung auf als Mädchen? Nun, Jungen passen nicht in die an nicht männlichen Rollenbildern ausgerichtete Schule. Jungen sind entfremdet, weil sie Jungen sind und als solche in der Schule nicht gewünscht sind. Dass dem so ist, macht z.B. das Insistieren auf als „patriarchalisch“ diskreditierten Geschlechterrollen deutlich, denn, warum sollte die Geschlechtsrollenvorstellung eines Jungen seine schulische Leistung beeinflussen; doch nur, weil er dafür negativ sanktioniert wird! Anders formuliert, wenn sich ein Junge als Abenteurer sieht, warum sollte er dann schlechter Rechnen können, als ein Junge, der seine Zukunft als Haupternährer im 600 Quadratmeter bankfinanzierten Eigenheim mit Frau und zwei Kindern sieht?
Das Problem, das Jungen in Schulen zu lösen haben, scheint darin zu bestehen, dass die feministische „Mittelklassenkultur der Schule“ (Willis, 1979) auf einer bestimmten (Wert-)Vorstellung davon, wie ein „richtiger“ oder „neuer“ Junge zu sein hat, basiert. Wer (sich) nicht (an)passt, verliert.
Hadjar, Andreas & Lupatsch, Judith (2010). Der Schul(miss)erfolg von Jungen. Die Bedeutung von sozialen Ressourcen, Schulentfremdung und Geschlechterrollen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 62(4): 599-622
Willis, Paul (1979). Spaß am Widerstand. Frankfurt: Syndikat.
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Hat dies auf psychosputnik rebloggt.