Die CEO-Quote

Rainer Brüderle hat ein Problem erkannt, denn dass Mädchen in Schulen “die Nase vorn” haben und mit 56% die Mehrzahl der Abiturienten und 52% der Studierenden an Universitäten stellen, “spiegeln” die “Zahlen über die Zusammensetzung bei Top-Posten leider nicht wider”. Entsprechend fordert Rainer Brüderle zwar keine Quote, die Unternehmen verpflichtet, entweder je einen männlichen und einen weiblichen CEO zu berufen, oder beide in einem rollierenden System “gender-gerecht” an der Führung des Unternehmens partizipieren zu lasssen. Aber er schlägt einen “Pakt für  mehr Frauen in Führungspositionen vor”.

Es ist erstaunlich, dass die Nachteile, die Jungen bei Schulabschlüssen haben, und die z.B. im Schuljahr 2008/2009 männliche Abiturienten mit 44,3% deutlich hinter weiblichen Abiturienten zurückbleiben lassen, nicht als zu behebendes Problem angesehen werden, sondern als ein “die-Nase-halt-nicht-vorne-Haben”. Dass Jungen öfter als Mädchen ohne einen Hauptschulabschluss bleiben oder einen ebensolchen erwerben, muss man dann vermutlich als “Nase-vorne-Haben” interpretieren. Die Nachteile von Jungen, wenn es um die allgemeine Hochschulreife geht, spiegeln sich in der Entwicklung der Studierenden wider, die in der Abbildung am Ende dieses Artikels dargestellt ist und auf Daten des Statistischen Bundesamts basiert: Seit 1995 ist die Mehrzahl der Studienanfänger an deutschen Universitäten weiblich, seit 2002 ist die Mehrzahl der Studenten an deutschen Universitäten weiblich.

Diese Entwicklung, die Brüderle nicht als eine Entwicklung ansieht, die Jungen zum Nachteil gereicht, schlägt sich, wie er bedauernd anfügt, leider nicht in einem entsprechenden Trend bei der Besetzung von Top-Posten nieder, weshalb ein Pakt für mehr Frauen in Führungspositionen vom Minister vorgeschlagen wird. Vielleicht sollte sich der Herr Minister, bevor er paktiert, bei denen, für die er paktiert, erkundigen, ob sie das auch wollen.

Bereits 1995 hat Catherine Hakim einen Artikel im British Journal of Sociology veröffentlicht, der mit “Five Feminist Myths about Women’s Employment” betitelt war und der u.a. Folgendes zeigt:

  • Die Raten der Erwerbsbeteiligung von Frauen haben sich seit 1851 nicht wesentlich verändert;
  • Frauen unterscheiden sich von Männern deutlich im Hinblick auf traditionelle Rollen, wobei vor allem Frauen die teilzeit oder gar nicht arbeiten, ihre Rolle im Haushalt und in der Erziehung von Kindern sehen: “In effect, the adult female population divides into two fairly equal sectors. The first group of women are committed to careers in the labour market and therefore invest in training and qualifications, and generally achieve higher grade occupations and higher paid jobs, which they persue full-time for the most part. The second group of women give priority to the marriage career, do not invest in what economists term ‘human capital’, transfer quickly and permanently to part-time work as soon as a breadwinner husband permits it, choose undemanding jobs ‘with no worries or responsibilities’ when they do work, and are hence found concentrated in lower grade and lower paid jobs which offer convenient working hours with which they are perfectly happy” (Hakim, 1995, S.434).
  • Kindererziehung ist keine Barriere, die Frauen von der Teilnahme im Arbeitsmarkt abhält, Kindererziehung ist das Ergebnis einer Lebensentscheidung, die Frauen treffen, um nicht mehr vollzeit auf dem Arbeitsmarkt sein zu müssen.

Wie die Ergebnisse von Catherine Hakim zeigen, gibt es eine relevante Anzahl von Frauen, die gar nicht vollzeit auf dem Arbeitsmarkt sein wollen (manche wollen das gar nicht). Und im Gegensatz zu Männern, haben Frauen die Möglichkeit, aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen und sich der Kindererziehung und dem Haushalt zu widmen. Wenn Rainer Brüderl also keine Teilzeit-CEO-Stellen schaffen will und die Leitung von Unternehmen nicht auf die Zeit beschränken will, die Kinder in öffentlichen Betreuungseinrichtungen zubringen, dann wird er sich damit abfinden müssen, dass bei weitem nicht alle Frauen nach einem Vollzeit-Job noch dazu nach einem mit hoher Verantwortung verbundenen Vollzeit-Job streben, so dass es naheliegt zu denken, dass der derzeitige Anteil von Frauen in Führungspositionen die Anzahl der Frauen widerspiegelt, die bereit sind, sich zu 100% auf Arbeit und Beruf einzulassen.

Anteil weiblicher deutscher Studierender an deutschen Universitäten

Literatur

Hakim, Catherine (1995). Five Feminist Myths about Women’s Employment. British Journal of Sociology 46(3): 429-455.

Statistisches Bundesamt (2011). Bildung und Kultur. Studierende an Hochschulen. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

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