Einmal benachteiligt, immer benachteiligt

Das deutsche Schulsystem schafft soziale Ungleichheit. Dies habe ich an anderer Stelle in diesem blog bereits beschrieben. Soziale Ungleichheit wird vornehmlich dadurch hergestellt, dass Kinder von Eltern mit geringwertigen Schulabschlüssen (Kinder aus bildungsfernen Schichten heißt das in politisch korrekt), frühzeitig aussortiert werden. Sie haben eine geringere Wahrscheinlichkeit eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium zu erhalten, sie gehen tatsächlich deutlich seltener auf weiterführende Schulen als Kinder von Eltern mit mittleren oder hohen Bildungsabschlüssen und kommen nur in Ausnahmefällen auf einer Hochschule an. Diese Form der sozialen Stratifizierung ist seit Jahrzehnten fest im Bildungssystem verankert. Hinzu kommt seit einiger Zeit eine ungleiche Verteilung von Schülern auf weiterführende Schulen entlang des Geschlechts. Jungen werden gegenüber Mädchen benachteiligt, wie auch bereits in diesem blog belegt .

Nun gibt es in letzter Zeit eine Reihe von „Gutachten“ und „Stellungnahmen“, die behaupten, das mit der Stratifizierung nach Geschlecht sei nicht so schlimm und die soziale Ungleichheit, die durch das deutsche Bildungssystem geschaffen werde, halte sich auch in Grenzen, denn die betroffenen Schüler würden nach dem Ende ihrer schulischen Karriere aufholen, z.B. am Abend den Hauptschulabschluss nachmachen oder sich in Unternehmen weiterbilden und weiterqualifizieren. Anders formuliert, die entsprechenden Autoren, wie z.B. das “Bundesjugendkuratorium” oder Thomas Viola Rielke sind der Meinung, die Nachteile, die Jungen oder Jugendliche aus der Arbeiterschicht am Ende ihrer schulischen Laufbahn angesammelt haben, seien nicht so schlimm, denn die ehemaligen Schüler könnten und würden verlorenen Bildungsboden nach der Schule wieder gutmachen.

Diese Behauptung ist eine Mär, wie eine Studie aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, deren wichtigstes Ergebnis darin besteht, dass sich Bildungsungleichheiten, die am Ende der Schulpflicht bestehen, im Verlauf des folgenden Erwerbslebens nicht verringern, sondern im Gegenteil noch verstärken. Wer also am Ende seiner Schulzeit keinen oder einen geringwertigen Schulabschluss erreicht hat, der verliert im Laufe seines Erwerbslebens weiter an Boden. Dies trifft besonders auf Jugendliche zu, deren Eltern bereits nur geringwertige Schulabschlüsse erreicht haben. In den Worten von Manfred Antoni, dem Autor der benannten Studie: „… a lack of intergenerational mobility in education is persistent over the life course“ (Antoni, 2011, S.25). Nun sind in der Studie von Antoni nur Personen berücksichtigt, die nach der Schule auch eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Arbeitslose Jugendliche sind nicht in der Studie. Entsprechend kann man davon ausgehen, dass die entsprechenden Nachteile für diese Jugendlichen noch dramatischer ausfallen.

Die Studie von Antoni zeigt auf deutliche Weise wie der Schulerfolg über die Lebenschancen von Menschen entscheidet. Umso fataler ist es, dass das deutsche Bildungssystem nicht nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft und nach Geschlecht selegiert, denn der nicht erreichte oder geringwertige Schulabschluss stellt ein Manko dar, das im Verlauf des Erwerbslebens nicht mehr ausgeglichen werden kann. Die Lebenschancen sind in dieser Hinsicht pfadabhängig und wer in der Schule auf den falschen Pfad gesetzt wird, kann nicht mehr auf den richtigen Pfad wechseln. Damit haben sich sämtliche Versuche, Bevorzugungen oder Benachteiligungen nach Geschlecht oder sozialer Schicht, die im deutschen Schulsystem an der Tagesordnung sind, damit zu verharmlosen, dass behauptet wird, die im Schulsystem erlittenen Nachteile könnten nach der Schule ausgeglichen werden, als falsch erwiesen.

Literatur
Antoni, Manfred (2011). Lifelong Learning Inequality? The Relevance of Family Background for on-the-Job-Training. Nürnberg: Institute for Employment Research (IAB), IAB-Discussion Paper 9/2011.

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