Jungen werden im deutschen Schulsystem benachteiligt

Neuerdings häufen sich die Absolutionserklärungen für Lehrerinnen. Marcel Helbig erklärt vollmundig, dass Lehrerinnen keine Schuld treffe an der Schulmisere der Jungen. Die GEW hat eine ganze Studie in Auftrag gegeben, um die Unschuld von Lehrerinnen unter Beweis zu stellen, und auch das Bundesjugendkuratorium hat versucht, sich am allgemeinen Feilbieten vermeintlich wissenschaftlicher Ergebnisse zu beteiligen. All die hektische Betriebsamkeit dient nicht nur dem Zweck, Lehrerinnen von aller Verantwortung für die Nachteile von Jungen freizusprechen, sie dient auch dazu, den Befund, mit dem die ganze Diskussion eigentlich Ihren Anfang nahm, in den Hintergrund der öffentlichen Diskussion zu drängen. Dieser Befund, im Jahre 2002 von Dr. Heike Diefenbach und mir unter dem Titel „Bringing Boys Back In“ veröffentlicht, besteht in nicht weniger und nicht mehr als der Feststellung, dass Jungen bei allgemeinen Schulabschlüssen deutlich hinter Mädchen zurückbleiben: Sie erreichen seltener ein Abitur, beenden aber häufiger mit einem Hauptschulabschluss oder gar keinem Abschluss ihre schulische Laufbahn. Bei der Suche nach einer Erklärung für diesen Befund fielen zwei Korrelationen auf, die bedeutendste davon war der Anteil weiblicher Grundschullehrer: Je höher der Anteil weiblicher Grundschullehrer, desto schlechter schneiden Jungen bei Schulabschlüssen ab.

Es war von Anfang an diese Korrelation, die die meisten Wellen geschlagen hat. Nicht etwa die Nachteile von Jungen, nein, die Schuldfrage hat die Gemüter erhitzt. Die festgestellten Nachteile von Jungen und deren Korrelation mit dem Anteil weiblicher Grundschullehrer wurden insbesondere von feministischer Seite dahingehend verstanden, dass weibliche Grundschullehrer männliche Schüler aktiv in ihrem schulischen Fortkommen behindern bzw. im Vergleich zu Mädchen benachteiligen. Diese Wendung ist interessant, da in „Bringing Boys Back In“ an keiner Stelle von einer Benachteiligung die Rede ist, vielmehr wird von Nachteilen gesprochen. Der Unterschied liegt auf der Hand, Nachteile hat man, benachteiligt wird man.

Warum Genderisten mit und ohne Lehrstühle von Anfang an „Benachteiligung“ gelesen haben, darüber kann man nur spekulieren. Ein schlechtes Gewissen Jungen gegenüber kann aber ausgeschlossen werden, wie der weitere Verlauf des Diskurses zu den schulischen Nacheilen von Jungen zeigt, in dem diese Nachteile nicht mehr vorkommen. Niemand von offizieller Seite (z.B. aus Ministerien oder von öffentlichen Forschungseinrichtungen) und kein Genderist fühlte und fühlt sich genötigt, eine Bestandsaufnahme der Ursachen der Nachteile zu machen oder gar etwas gegen die Nachteile zu unternehmen. Die ganze Aufmerksamkeit gilt der Schuldfrage und der notwendigen Absolution für Lehrerinnen. Dieses Versteifen auf eben diese Schuldfrage macht deutlich, dass den Genderisten von Anfang an bewusst war, dass eine erhebliche Benachteiligung von Jungen in deutschen Schulen Alltag ist. Das Problem der Genderisten war, dass diese Benachteiligung nunmehr öffentlich war. Entsprechend war nichts wichtiger als Lehrerinnen im öffentlichen Bewusstsein rein zu waschen und die Benachteiligung von Jungen von der Agenda öffentlicher Berichterstattung zu bekommen.

Um Grundschullehrerinnen Absolution zu erteilen, wurden vornehmlich junge, männliche Nachwuchswissenschaftlern eingesetzt, die sich im wissenschaftlichen Dunstkreis einer Lehrstuhlinhaberin für Frauenpolitik und Geschlechterfragen oder einen ähnlich benannten Lehrstuhl für Frauen-Ideologie aufhalten. Diese Nachwuchswissenschaftler erteilen unbeschwert Absolution. Von „die Lehrerinnen sind nicht schuld“ über „es gibt gar keine Benachteiligung von Jungen im Schulsystem“ bis zu „Jungen sind selbst schuld“, reicht die Palette der Aussagen, jede einzelne davon gemacht, um vom eigentlichen Problem abzulenken, jede einzelne davon falsch.

Daran, dass Jungen im Schulsystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, gibt es nichts zu rütteln. Dieser Befund steht felsenfest. Dass Jungen im Schulsystem benachteiligt werden, dafür gibt es eine Reihe von Belegen:

  • Bereits 1997 wurde im Rahmen der Hamburger Lau-Studie festgestellt, dass Jungen weit seltener als Mädchen eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium erhielten. Wie die Autoren der Lau-Studie feststellen, gibt es keine Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, die diese differenzierte Behandlung rechtfertigen würden. Das nennt man Benachteiligung.
  • Die Berliner Element-Studie hat das genannte Ergebnis der Lau-Studie für Berlin repliziert. In den deutlichen Worten der Autoren der Element-Studie heißt das: „Die Untersuchung zu den erreichten Lernständen am Ende der Klassenstufe 4 hatte ergeben, dass Mädchen zu diesem Zeitpunkt höhere Leistungsstände im Bereich Leseverständnis aufweisen, während Jungen einen Vorsprung im Fach Mathematik zeigen. Gleichzeitig waren die Mädchen beim Übergang in die grundständigen Gymnasien bevorzugt worden“(28).
  • Oder: „Eine vielleicht verständliche, aber gewiss nicht unproblematische Erscheinung ist die in dieser Phase der Übergangsentscheidungen nochmals verstärkte nicht durch reale Leistungsüberlegenheiten gedeckte Bevorzugung von Mädchen“ (72).

Angesichts dieser Ergebnisse steht fest, dass Jungen in der Schule aktiv benachteiligt werden. Da der Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule im deutschen Schulsystem von besonderer Bedeutung ist, kann man die Bedeutung der festgestellten Benachteiligung nicht überschätzen. Und da die Mehrzahl der Grundschullehrer nun einmal weiblich ist, kann man auch Lehrerinnen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: Da Jungen beim für die Schulkarriere entscheidenden Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule benachteiligt werden und weibliche Grundschullehrer an den Grundschulempfehlungen, die Ausdruck dieser Benachteiligung von Jungen sind, in größerer Zahl beteiligt sind als männliche Grundschullehrer kann man weiblichen Grundschullehrern eben keine Absolution erteilen. Sie tragen ihren und einen maßgeblichen Teil zur Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulsystem bei.

Literatur

Lehmann, Rainer & Lenkeit, Jenny (2008). ELEMENT. Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis. Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin.
unter: http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulqualitaet/schulleistungsuntersuchungen/element5_ber.pdf?start&ts=1229526638&file=element5_ber.pdf

Lehrmann, Rainer & Nikolova, Roumiana (2005). Lese- und Mathematikverständnis von Grundschülerinnen und Grundschülern am Ende der Klassenstufe 5.
unter: http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/schulqualitaet/schulleistungsuntersuchungen/element5_ber.pdf

Lehmann, Rainer, Peek & Gänsefuß, Rüdiger (1997). Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern, die imi Schuljahr 1996/1997 eine fünfte Klasse an Hamburger Schulen besuchten. Bericht über die Erhebung im September 1996 (LAU 5)
unter: http://bildungsserver.hamburg.de/lau/

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