
Diese allgemeine Aufgabenstellung für die Sozialwissenschaften lässt sich zudem noch in einen Entdeckungs- und einen Begründungszusammenhang unterscheiden, wie dies Hans Albert (1984) getan hat und, so will ich an dieser Stelle hinzufügen, in einen Verwertungszusammenhang. Mit dieser Unterscheidung verbinden sich die Forderungen, dass ein Forschungsgegenstand in seinem Entdeckungs- und Begründungszusammenhang weitgehend wertfrei (oder „objektiv“) beschrieben, oder um mit Max Weber zu reden, verstanden und erklärt werden soll, während mit dem Verwertungszusammenhang die Forderungen einhergehen, dass die Anwendung von Forschung bzw. Forschungsergebnissen in ihren Wirkungen und Konsequenzen bzw. in ihrer Nutzung zur Lösung von Problemen, wertneutral erfolgen soll, was zur Voraussetzung hat, dass Forschung überhaupt ein Ergebnis produziert, das angewendet werden kann.
Es ist eine Frage der Moral, dass Forschung mit dem Blick auf einen Verwendungszusammenhang betrieben wird, denn die Mehrzahl der Forschenden werden aus öffentlichen Mitteln, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und somit letztlich von Steuerzahlern finanziert, die wiederum arbeiten müssen, um den Mehrwert zu erwirtschaften, der dann bereit steht, um Forschende und ihre Forschungstätigkeiten zu finanzieren. Entsprechend stehen Wissenschaftler im Allgemeinen und Sozialwissenschaftler im Besonderen in einem Verantwortungsverhältnis gegenüber den Steuerzahlern: Ihnen gegenüber müssen sie den Nachweis erbringen, dass ihre Forschung nicht der Erbauung der eigenen Person dient, sondern einen Nutzen für die Allgemeinheit stiftet.
Wie eine ganze Reihe von Beiträgen in diesem blog zeigen, ist es mit der Verantwortung von Sozialwissenschaftlern gegenüber denen, die ihre „Studien“ finanzieren, nicht allzu weit her. Ich habe hier „Arbeiten“ besprochen, in denen Sozialwissenschaftler ihre utopischen Hirngespinste ausbreiten, um auf der Basis ihrer romantischen Vorstellungen gegen den Kapitalismus zu Felde zu ziehen; „Arbeiten“, in denen Sozialwissenschaftler erst einen Popanz errichten, um dann gegen den Popanz zu Felde ziehen zu können, weil ihnen dieser Feldzug vermutlich eine Befriedigung verschafft. Ich habe über „Arbeiten“ berichtet, die einen Kniefall vor der herrschenden Ideologie machen und Dicke auf die Anklagebank setzen oder in das endlose und unglaublich langweilige Lamento einfallen, dass Frauen in … [Passendes bitte einfügen] Nachteile haben, wobei das neueste Beispiel beklagt, dass es immer noch männer- bzw. frauentypische Berufswahlen gibt, wobei die Autoren freilich nicht die Konsequenz ihrer Forschung bedacht haben, die man mit der Forderung: „Frauen zur Müllabfuhr“ zusammenfassen könnte. Vielmehr geht das Beklagen der Nachteile von Frauen bei der Berufswahl nur in die Richtung von Männerberufen mit relativ hohem Status und hohem Verdienst, nicht jedoch in die Richtung von Männerberufen mit niedrigem Status und entsprechend geringem Verdienst.
Diese Beispiele machen deutlich, dass es mit der Forderung von Max Weber, nach der Sozialwissenschafter ihren Forschungsgegenstand verstehen und erklären sollen, ebenso nicht weit her ist, wie mit der Forderung nach einer möglichst „objektiven“ Beschreibung des Forschungsgegenstands. Auch die Forderung einer zumindest dem Anspruch nach „objektiven“ Ableitung der Konsequenzen einer an „objektiv nachvollziehbaren“ Kriterien ausgerichteten Erklärung eines sozialen Faktums ist weitgehend vergessen.
Statt dessen wird munter Ideologie, werden munter eigene Bewertungen in die Diskussion geworfen. Es wird behauptet, in Deutschland herrsche Armut, obwohl die Daten „relative Armut“ abbilden, es wird behauptet, „Dicke seien unglücklich und fänden keinen Partner“ obwohl nichts davon in den Daten zu finden ist, es wird behauptet, Frauen wollten unbedingt Männerberufe ergreifen, obwohl die Realität ganz anderes zeigt, und es wird beklagt, dass sich die kapitalistische Welt von den pardisischen Vorstellungen, wie sie dem Neanderthal angedichtet werden, entfernt habe. Man kann diese Durchsetzung der Sozialwissenschaften mit politisch korrekter Ideologie und das damit verbundene „crowding out“ kritischer Sozialwissenschaftler als Indiz dafür nehmen, dass die in Deutschland und an deutschen Universitäten herrschende Atmosphäre nur noch Gehorsam mit der herrschenden Ideologie toleriert, dass mit anderen Worten, die wissenschaftliche Landschaft in Deutschland einer Brache gleicht, auf der außer dem politisch korrekten Unkraut nichts mehr gedeiht.
Mario Mechtel, Tobias Brändle, Agnes Stribeck und Karin Vetter berichten uns die folgenden Ergebnisse ihrer Forschung:
- Wird ein Spieler der Heimmannschaft in einem Bundesligaspiel vom Platz gestellt, dann verschlechtert sich dadurch das Endergebnis für die Heimmannschaft.
- Wird ein Spieler der Auswärtsmannschaft vom Platz gestellt, dann wirkt sich dies negativ auf das Ergebnis aus, wenn der Spieler vor der 70 Spielminute vom Platz gestellt wird, danach nicht mehr.
- Im Hinblick auf das Endergebnis bzw. die Anzahl der Tore, die in einem Spiel erzielt werden, hat ein Platzverweis für Spieler der Auswärtsmannschaft negativere Folgen als ein Platzverweis für Spieler der Heimmannschaft.
- Diese Ergebnisse haben zur Konsequenz, dass – aus theoretischer Sicht (!sic) – ein Platzverweis dazu führen kann, dass, da nunmehr weniger Personen zur Erfüllung einer gemeinsamen Aufgabe zur Verfügung stehen, die Team-Performanz schlechter wird, aber ein Platzverweis kann auch dazu führen, dass die verbleibenden Spieler ein Motivationshoch erleben und so tun, als wären sie noch 11, was bedeutet, dass man aus den Ergebnissen folgern muss, dass ein Platzverweis sich negativ auswirken kann oder auch nicht.
Literatur
Albert, Hans (1984). Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaften. In: Topitzsch, Ernst (Hrsg.). Logik der Sozialwissenschaften. Königstein/Taunus: Athenäum, S.126-144.
Mechtel, Mario, Brändle, Tobias, Stribeck, Agnes & Vetter, Karin (2010). Red Cards: Not Such Bad News For Penalized Guest Teams.
Weber, Max (1988). Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: J.C.B. Mohr.
