Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

Über den Beitrag, den Michael A. Woodley, Jan te Nijenhuis und Raegan Murphy gerade in “Intelligence” veröffentlicht haben, kann bereits jetzt gesagt werden, dass sich die Geister an ihm scheiden werden. Der Beitrag ist mutig, er ist politisch unkorrekt, er greift ein heiles Thema auf, und er stellt einen Mythos, nach dem alles immer besser, größer und schöner wird, und natürlich intelligenter, in Frage. Doch der Reihe nach:

Der Beitrag ist mutig und greift ein heikles Thema auf.

Kein Zeitalter hat dermassen viele, große Veränderungen gesehen wie das Viktorianische Zeitalter von 1837 bis 1901.

“The Victorian era was a period of immense industrial, cultural, political, and military change in Western Europe marked by an explosion of creative genius that strongly influenced all other countries in the world.” (1)

Queen_VictoriaViele Grundlagen, von denen wir heute zehren, wurden im Viktorianischen Zeitalter gelegt, die Anzahl der Innovationen per capita, die im Viktorianischen Zeitalter zu verzeichnen sind, ebenso wie die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind bis heute unerreicht. Explodierende Bevölkerungszahlen in den westlichen Ländern haben im Viktorianischen Zeitalter nicht zu Hungersnöten geführt, und die Errungenschaften in Medizin und Hygiene die Lebenserwartung der Menschen massiv erhöht. Um diese Errungenschaften zu erreichen, ist – so die Autoren und ich vermute, niemand wird ihnen widersprechen – Intelligenz notwendig. Je intelligenter Menschen sind, desto produktiver, desto zielstrebiger und effizienter sind sie.

Vor dem Viktorianischen Zeitalter, so die Autoren weiter, war “Überleben” eine Frage von Intelligenz und sozialem Status. In evolutionistischem Klartext: Die Dummen und Armen haben seltener überlebt als die Reichen und Intelligenten. Diese Annahme muss man nicht teilen, aber man sollte sie einfach einmal hinnehmen, um die Reise, auf die die Autoren ihre Leser mitnehmen, auch genießen zu können.

Der Boom im Viktorianischen Zeitalter ist nach Ansicht der Autoren somit ein Ergebnis der soeben beschriebenen Eugenischen Fertilität. Mit der Zunahme der Bevölkerung, der Steigerung der Lebenserwartung und der Chancen, auch als nicht-Intelligenter zu überleben, stellt sich ein “dysgenic trend” ein:

“Dysgenic trends result from socially valued and heritable traits, such as intelligence, declining within populations over time due to the effects of selection operating against those traits” (2).

Mit anderen Worten, wenn sich die Lebensbedingungen in der Weise verbessern, dass auch nicht-Intelligente eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, dann reduziert sich, auf Ebene der Gesellschaft die durchschnittliche Intelligenz, die Intelligenz “der Gesellschaft als Ganzer” wird geringer.

Der Beitrag gibt eine politisch unkorrekte Erklärung.

iq-test-megaUntersuchungen, die sich mit Intelligenz beschäftigt haben, sind über die letzten Jahrzehnte immer mit einem Paradoxon konfrontiert gewesen: Einerseits ergab sich auf der Ebene von Gesellschaften/Nationen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der so genannte Flynn Effekt, d.h. gesamtgesellschaftlich betrachtet, war eine Zunahme der Intelligenz zu verzeichnen, andererseits fanden Untersuchungen, die auf der Individualebene angesiedelt waren, aber den “dysgenic trend” in der Form, dass mit der Anzahl der Kinder und der Größe der Familien die Intelligenz, der IQ gesunken ist. Zudem konnten in einer Reihe von Analysen Indizien dafür gefunden werden konnte, dass Intelligenz zu 50% bis 60% vererbt wird. Folglich hätte die zu beobachtende Zunahme der Fertilität auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft zu einem Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führen müssen. Wo also liegt der Fehler?

Woodley, te Nijenhuis und Murphy geben eine politisch unkorrekte Antwort, die zu Kontroversen führen wird, aber vielleicht auch dazu, dass die demographischen Prozesse der letzten Jahrzehnte mit anderen Augen gesehen werden. Die Autoren gehen zum einen davon aus, dass bisherige Studien, Intelligenz nicht adäquat gemessen haben und zum anderen davon, dass der Zeitraum, der betrachtet wurde, z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, zu kurz ist, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

Entsprechend schlagen sie vor, Reaktionszeit als Maß für generelle Intelligenz zu werten:

“Reaction Time (RT) is in fact a biological marker of mechanisms fundamental to the operation of general intelligence, such as neurophysiological efficiency” (2).

IQ trainerDies ergebe sich aus einer Reihe von Studien, die die Autoren berücksichtigt haben und die große Gemeinsamkeiten zwischen Reaktionszeit und genereller Intelligenz aufgezeigt hätten. Die Operationalisierung von Intelligenz über die Reaktionszeit ermöglicht es den Autoren, auf einen Datensatz zurückzugreifen, in dem insgesamt 14 Untersuchungen zur Reaktionszeit enthalten sind, die den Zeitraum von 1884 bis 2004 überspannen. Über alle Untersuchungen rechnen die Autoren sodann eine “Meta-Regression” (gegen Zeit), die zu einem signifikanten Ergebnis gelangt, d.h. zeigt, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in westlichen Gesellschaften von 1884 bis 2004 insgesamt von 194,06 Millisekunden auf 275,47 Millisekunden angestiegen ist und definitionsgemäß die durchschnittliche Intelligenz gefallen sein muss. Analysen getrennt nach Geschlecht ergeben für Männer eine Verlangsamung der Reaktionszeit von 183 Millisekunden (1884) auf 253 Millisekunden (2004) und für Frauen von 188 Millisekunden (1884) auf 261 Millisekunden (2004). Die Autoren fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

“In the present study we used the data on the secular increase of simple RT described in a meta-analysis of 14 age-matched studies from Western countries conducted between 1884 and 2004 to generate estimates of the rate of IQ decline. The decline estimate of – 1.23 IQ points per decade from the present study falls within the range of those produced in previous studies employing the magnitude of the dysgenic effect on IQ as the basis for estimating declines.” (6)

Seit 1884 ist die durchschnittliche Intelligenz in westlichen Gesellschaften entsprechend den Berechnungen der Autoren um 14,8 IQ Punkte gesunken. Damit gibt das Ergebnis der Vorstellung, dass moderne Gesellschaften ihren Vorgängern in nahezu allen Belangen überlegen seien, einen heftigen Knick, und es verweist auf die Folgen sozialpolitischer Praktiken, die Fertilität zu einem Unterfangen machen, das jeder betreiben kann, ohne sich um die Folgen und vor allem die Kosten seiner Fertilität zu kümmern. Die Untersuchung von Woodley, te Nijenhuis und Murphy reiht sich somit in eine Diskussion ein, die vor allem in den USA unter dem Stichwort des Downbreading geführt wird und deren verschämte Ausläufer in Deutschland im Versuch, Akademikerinnen zur Fortpflanzung zu bewegen, zu finden sind.

PalusiMan kann eine Reihe von methodischen Fragen an die Untersuchung von Woodley, te Niejenhuis und Murphy stellen, z.B.: Wie wurden in den 14 Studien die Befragten ausgewählt? Wie akkurat und verlässlich ist eine Messung von Intelligenz über die Reaktionszeit? Aber man muss den Autoren in jedem Fall zu Gute halten, dass sie mutig genug waren, das heilige Kalb der Fertilität aufzugreifen und in seinen (unbeabsichtigten) Folgen zu beschreiben, man muss ihnen zu Gute halten, dass ihre Ergebnisse im Einklang stehen, mit den Ergebnissen, die regelmäßig eine mit der Kinderzahl abnehmende Intelligenz (auf welcher Meßebene auch immer) feststellen, und man muss ihnen zu Gute halten, dass sie im häufig tristen Alltag wissenschaftlicher Beiträge für einen bunten Schimmer gesorgt haben, einen Schimmer, den man zum Ausgangspunkt der Untersuchung einer Reihe von Fragestellungen nehmen kann, z.B. der folgenden

Der Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz geht mit dem Aufkommen moderner Staaten und vor allem der Einführung einer Schulpflicht einher. In welchem Zusammenhang stehen beide und welche Rolle spielt die Tatsache, dass die liberale Gesellschaftverfassung der Viktorianischen Zeit durch wenig liberale und als abwechselnd demokratisch bzw. totalitär bezeichnete Systeme ersetzt wurde?

Viel Food for Thought. Das zeichnet einen guten wissenschaftlichen Beitrag aus.

Woodley, Michael A., te Nijenhuis, Jan & Murphy, Raegen (2013). Were the Victorians Cleverer than Us? The Decline in General Intelligence Estimated from a Meta-Analysis of the Slowing of Simple Reaction Time. Intelligence (online fist). http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006

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14 Responses to Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

  1. Eike Scholz says:

    Naja,

    Simple Reaction Time als Marker für generelle Intelligenz … dann noch kombiniert mit 50% Vererbbarkeit. Die Simple Reaction Time wird signifikant beeinflusst durch Müdigkeit, Krankheit, Erschöpfung, mentaler Fokus auf andere Probleme, psychische Verfassung, Allgemeiner Körperliche Belastung etc …
    Ich würde wetten, dass dieser Marker niemals 50% Vererbbarkeit hat, hört sich stark nach Junk-Science an wie Piraten und Klimaerwärmung …

  2. Joerg says:

    Der Mensch ist intelligent ?????

    Die Geschichte lehrt die Menschen,
    dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt

    Was geschieht gerade alles auf der Erde ? Hallllloooo – Aufwaaaaaachennnn !!!

    Ok, immerhin haben die Menschen manipulierte Gene. Unser REPTILIENHIRN, der Kaudalfortsatz, ein geteiltes Gehirn und zu 95% brachliegende Gene sollten dem aufgeklärten, noch einigermaßen zu selbstständigem Denken möglichen Menschen zu denken geben !!!

  3. Micha says:

    Also so ein Schwachsinn … als wenn Intelligenz mit Geburtenraten zu tun hätte, hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Hier wird gesagt das die Durchschnittsintelligenz mit Zunahme der Besserung der sozialen und gesundheitlichen Lage sinkt, weil die dümmeren damals gestorben sind (soweit kann man ja noch mitgehen). Aber es wird suggeriert das es damals mehr Kluge gab und das heute auch so sein könnte und mehr erfunden würde, wenn die Dümmeren nicht da wären. Nur mal so am Rande, dadurch das ich die Äpfel reduziere, werden es trotzdem genausoviele Birnen wie vorher sein, nur die Relation wäre anders. Also ist das Fazit ja wohl sehr Fraglich, das behauptet, damals wären so viele Erfindungen gemacht worden etc. aufgrund von so vielen schlauen Menschen die es gegeben habe, weil die Dummen gestorben sind.
    Einzig 1 Sache könnte dafür sprechen, das Intelligenz vererbt wird … aber woher kommt der Beweis dazu, kann sowas verebt werden? Herrenmenschen usw.?
    Das glaube ich nicht, ich denke auch das ganz andere Vorgänge wie Eike schon geschrieben hat, soziale Komponenten usw. dafür verantwortlich sind, das die Leute einfach zu überlastet sind um sich intelligenten Dingen zu widmen.

    • Du liegst etwas neben dem Punkt: Hier wird gesagt, dass sich das Verhältnis Dumme zu Intelligente verändert hat, nicht dass es mehr Kluge gegeben hat. Anders formuliert: Das Bevölkerungswachstum der Klugen hält nicht mit dem der Dummen mit. Wanna proof? Look at your political parties.

      • Micha says:

        Sage nur das es suggeriert wird.

      • terminatus30 says:

        Lieber Michael,
        mir scheint es ein Faktum zu sein, dass die dysgenischen Effekte nicht mehr durch die Verbesserung der Umweltbedingungen kompensiert werden können. Die Frage ist, ob hierfür auch der von einigen Forschern seit gut einer Dekade festegestellte, negative Flynn-Effekt für Industriestaaten wie beispielsweise Norwegen und Dänemark als Beispiel herangezogen werden kann.

        Liebe Grüße
        termi

      • Rudolf Weissmueller says:

        Genau so verhält sich daß . Die große Anzahl derer die ihren Verstand nicht ordentlich benutzen (können ) stellen vieles in Frage . Die Demokratie ganz besonders .
        Die Lösung dieses Dillemas würde der Menschheit mit Sicherheit weiterhelfen .

    • Ewa Rahn says:

      Wahrheit ist das , das früher die Armen bis zum Erschöpfung für die Reichen gearbeitet haben damit die das Geld und die Zeit für Studien hätten bis heute gült das gleiche Gesetz ,

  4. Ich frage mich, wie kann man die Reaktionszeit von Menschen für das Jahr 1884 in Millisekunden feststellen? Gab es denn damals überhaupt derart feine mechanische Uhren und Messgeräte? Gibt es zudem auf uns gekommene Aufzeichnungen solcher Messungen?
    M.M.

    • Galton, F. (1869). Hereditary genius. London, UK: Macmillan Everyman’s Library.
      Galton, F. (1883). Inquiries into human faculty and its development. London, UK: Macmillan Everyman’s Library.
      Galton, F. (1889). An instrument for measuring reaction time. Report of the British Association for the Advancement of Science, 59, 784–785.

  5. der Pragmatiker says:

    Da gibt es doch diesen herrlich blöden science fiction (Idiocracy – Irrsinn stirbt nie), in dem genau diese These auf satirische Weise verarbeitet wird. Die Menschen sind durch selektive Vermehrung inzwischen so dumm, daß sie nur noch an poppen denken können und ihre Pflanzen mit Limo gießen, die dann natürlich nicht mehr wachsen, und ein Durchschnittsproll, der versehentlich eingefroren wurde und viel später wieder auftaut, wird als Intelligentester zur Berühmtheit und zum Schluß sogar Präsident…
    Die Volksweisheit kennt das Phänomen der allmälichen Verdummung schon lange, “Dumm f*ckt gut”, und wenn man sich in Deutschland ansieht, wer wieviele Kinder bekommt, der könnte schon ins Grübeln kommen..

  6. Marco says:

    Auch eine hübsche Korrelationsstudie findet sich hier: Upper-Body Strength Regulates Men’s Assertion of Self-Interest Over Economic Redistribution. Also je mehr pectoralis major, desto egoistischer.

  7. martin says:

    @ der pragmatiker: is das sozialdarwinismus, was du da beschreibst?
    also ich würde den spruch “dumm fickt gut” nicht als weisheit bezeichnen…

  8. M.Jack says:

    Mich machen solche Schlagzeilen betroffen wie glaub ich in der Zeit mal war:

    Menschen mit höherem IQ. Zu den Artikeln: Minderleister – Leider hochbegabt, Neue Studie: hoher Iq ist nicht gleich hohe Leistung.

    oder dann solches ebenso:

    Jungfrauen – Sex-Ratgeber Men’s Health – Hoher IQ killt Liebesleben
    13. Aug. 2007 … Hoher IQ killt Liebesleben – Sexualforschung. Informationen zum Thema Jungfrauen bei MensHealth.de. Kluge Menschen haben weniger Sex, …
    http://www.mysearch.com/search/redirect.jhtml?

    Selbst gute wissenschaftliche Studien sind doch oft nutzlos, wenn die Volksverdummung nur der Gegenstand mehr ist oder der Sinn und Zweck. Die Klatschspalte gabs ja schon, als ich noch Jugendlich war: um 1970 ff Jahre. Nur sind Feststellune wie heute doch zu wenig geworden: sexualiierte Gesellschaft, Macht der Feminisenwelt bis ihn zum Rassismus im neuen Gewand.

    Dagegen etwas tun ist doch zum Problem geworden. Ich kann durchaus auch einen höheren IQ schon längst vorweisen, aber mehr war das Dilemma der auftauchenden Verunglimpfungen, Diffamierungen und ich beklagte schon um 1986 die Zunahme eines Autokratenverhaltens mit Basta-manier, mangelhafte Kommunikationsbereitschaft (nebst evtl.-fähigkeit), Bollwerke, Verweigerungshaltungen, Drohungen und Bedrohungen, vorwiegend parallel mit Sexualisierungsvorwürfen, Schmolleckeverhalten, Umweltideologie, die mit dem Schutz von Uwelt usw. nichts mehr zu tun hatte, die heute ja offenbar allgegenwärtige Böse-Männermaschen, Herrenverhalten bei Frauenwelten privat und beruflich und könnte mancher Liste nur weitere Un-Charaktere dranhängen, die ja aufgelistet werden; das Ich und du wurde zum wir oder alle haben gesagt, das müsse man heute doch.

    Aus man wurde Mann und aus Frau die FrauIn und ich habe ein Bekanntschaftsinserat mal gelesen: Mann sucht Männin und war bereits um 1990. Irre Geister wollen wohl den Menschen heute regieren? Schizothyme Welten, die der Geldwelt frönen wollen?

    MasterJack, Diplompädagoge auch für Psycho/pädagog.Diagnostik

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