Die deutsche Atombombe

Es geht ein Riss durch das nachhaltige Deutschland, ein nachhaltiger Sicherheitsriss. Wer erinnert sich noch an den Nato Doppelbeschluss von 1979, der die Nachrüstung des Atomwaffenarsenals mit Pershing II und BGM-109 Tomahawk vorgesehen und gleichzeitig Verhandlungen mit der damaligen Sowjetunion über die Abrüstung des Arsenals an Atomwaffen verlangt hat?

Das ist Geschichte, u.a. die Geschichte von Abschreckung, deren Ziel darin bestand, die Gefahr eines Krieges zu minimieren, weil derjenige, der einen Krieg beginnt, damit rechnen musste, mit Atomwaffen bekämpft zu werden und entsprechend verwüstet zu werden. Deutschland hat bekanntlich keine Atomwaffen und musste sich deshalb darauf verlassen, dass die USA für Deutschland die Drohung bereitstellen, von der man in der Rückschau sagen kann, dass sie für eine lange Friedensperiode verantwortlich war, eine sehr lange.

pershing-iiNun ist seit Donald Trump in Deutschland der Anti-Amerikanismus nicht mehr latent, sondern manifest. Und mit dem manifesten Anti-Amerikanismus kommt das Problem, dass die Abschreckung und damit die Gewährleistung von deutscher Sicherheit immer noch auf den Schultern der USA ruht, denn Deutschland hat nach wie vor keine Atomwaffen.

Und die Angst geht um. Sicherheit, Abschreckung, Schutz, kann man diese wichtigen Aufgaben noch den USA überlassen, deren Präsident es gewagt hat, die NATO in Frage zustellen, also jene OTAN auf französisch, die über Jahrzehnte von Frankreich so sehr in Frage gestellt wurde, dass das Gründungsmitglied von 1966 bis 2009 kein Mitglied der NATO war? Dennoch keine Anzeichen von Hysterie auf deutscher Seite, von 1966 bis 2009 nicht, obwohl Frankreich Atomwaffen besitzt. Erst mit Trump, ist die Hysterie in Full Bloom, wie man in den USA sagt, und sie ist nicht nur Hysterie, sie ist auch Phobie, Angst vor dem schutzlosen Zustand, wenn der große Beschützer USA keine Lust mehr hat, diejenigen zu beschützen, deren Medien den gewählten Präsidenten beschimpfen.

Aber für den Ernstfall, dass die Abschreckung auf deutschen Schultern lastet, hat der NDR schon einen Plan B in der Schublade:

„Die offene Debatte scheut die Politik bisher weitgehend – auch über eine deutsche Atombombe. Die ist wohl technisch möglich, aber aufgrund vieler Verträge wie dem Atomwaffensperrvertrag momentan nicht erlaubt. Die Idee sei nicht komplett absurd, sagt Sicherheitsforscher Kühn. “Sollte sich in den nächsten Jahren die Sicherheitslage in Deutschland und Europa deutlich weiter negativ verändern, sprich Russland weiter den Frieden in Europa bedrohen und die Amerikaner sich gleichzeitig zurückziehen, dann möchte ich nicht ausschließen, dass man auch in Deutschland damit anfängt, darüber nachzudenken, wie man sich wirklich verteidigen muss.” Es ist ein sensibles Thema – unpopulär und heikel – das angesichts des neuen Mannes im Weißen Haus leider schneller als gedacht aktuell werden könnte.“

Eine deutsche Atombombe! Besser: deutsche Atomsprengköpfe, denn Bomben sind eigentlich schon seit Jahrzehnten out, wie Sicherheitsforscher Kühn eigentlich wissen sollte. Abschreckung funktioniert über Raketen und Marschflugkörper, nicht über Bomben.

Aber ist es ein Wunder, dass man im Land der Deutschen, in dem es nie notwendig war, die Abschreckung aus eigener Kraft zu üben, keine Ahnung von der Art und Weise der Abschreckung hat?

Nein.

Doch damit ist jetzt Schluss.

Die deutsche Atombombe, also der entsprechende Sprengsatz, diese weiterentwickelten Hiroshima-Dinger müssen her. Der NDR hat es beschlossen, und Sicherheitsforscher Kühn hat es kühn ausgesprochen.

Wissenschaftler: Macht mal!

Welche Wissenschaftler?

Ein Problem, das sich mit Humankapital besonders dann verbindet, wenn es sich um hochspezialisiertes Humankapital handelt, und um solches handelt es sich im Fall von Atomsprengköpfen, ist: diejenigen, die es haben, sind gesuchte Leute. Nicht nur das, sie sind mobile Leute. Sie gehen dahin, wo sie am meisten Geld dafür bekommen, dass sie ihr Humankapital zur Anwendung bringen. Und sie gehen dahin, wo ihnen das Umfeld am besten gefällt.

In Deutschland herrscht ein feindliches Umfeld. Die nachhaltigen Politiker haben beschlossen, aus der friedlichen Nutzung der Atomkraft auszusteigen, was sich zwangsläufig auch auf deren militärische Nutzung auswirkt, denn: Forschung und Wissen im Hinblick auf die Nutzung von Kernkraft wird in Deutschland nicht mehr angehäuft, diejenigen, die sich mit friedlicher und militärischer Nutzung von nuklearer Energie befassen, sie wandern ab, denn einen besseren Forschungsort als Deutschland finden sie überall.

epr-third-generationWelche Folgen ein der Nutzung nuklearer Energie feindliches Klima, wie es in Deutschland herrscht, hat, kann man am Beispiel von Frankreich studieren, das nuklearer Energie nicht feindlich gegenübersteht, wohl aber den Kosten, die mit Forschung und Entwicklung verbunden sind, schon weil die Regierung (noch) eine sozialistische ist. Folglich hat man bei EDF [Electricité de France], dem Betreiber der 58 französischen Kernkraftwerke, der fast vollständig im Besitz des französischen Staates ist, die Forschung und Entwicklung etwas schleifen lassen. Das hat dazu geführt, dass die Reaktoren, die auf der EPR-Technologie, also der dritten Generation von Wasserreaktoren (Reaktoren, die Wasser unter hohem Druck zur Kühlung in den Reaktor pumpen) basiert und die derzeit in China (Taishan 1 und 2) gebaut werden (und 2017 ans Netz gehen sollen), dort bislang verlässlicher funktionieren als der entsprechende Reaktor in Frankreich (Flamanville 3).

Vor allem EDF hat große Probleme mit EPR, was wohl ein Grund dafür ist, dass CGN (China General Nuclear) einen 33% Anteil im Reaktor Hinkley Point C, der im britischen Sommerset von EDF gebaut werden soll, hat. Offenkundig verfügt man in China mittlerweile über besseres Humankapital, mehr Erfahrung und mehr praktische Kenntnissen, was den Bau von Kernkraftwerken angeht, als in Europa.

Angesichts dieser Episode kann man sich vorstellen, wie es in Deutschland um das Humankapital, das zur friedlichen oder zur militärischen Nutzung von nuklearer Energie notwendig ist, bestellt ist. Zu sagen, dass entsprechende Experten in Deutschland selten zu finden sind, ist vermutlich eine Untertreibung. Aber: nichts ist unmöglich für den NDR und seine Sicherheitsexperten: Bauen wir also eine Atombombe.

Damit das Ergebnis des neuen technologischen Abenteuers nicht ganz so beschämend ausfällt, wie der Versuch, Berlin mit einem neuen Flughafen zu versehen und nicht aller Welt vor Augen geführt wird, wie schlecht es um deutsche Technologie und deutsches Humankapital bestellt ist, schlagen wir vor, die entsprechende deutsche Aufrüstung zu Zwecken der US-unabhängigen Abschreckung mit den Mitteln zu betreiben, für die Deutschland noch auf nachhaltiges Humankapital zurückgreifen kann.

Nachdem unser erster Entwurf eines deutschen Flugzeugträgers, Modell Maria-Göppert, sich als Dauerbrenner in der Zugriffsstatistik herausgestellt hat, haben wir keine Kosten und Mühen gescheut, um die erste nachhaltige und vollständig abbaubare Bombe zu entwickeln, die Deutschland unabhängig von US-amerikanischem Schutz macht und Trump zeigt, dass wir wieder wer sind.

Hier ist sie.

Nur noch Vorsprung durch Betrug? Verliert Deutschland den Anschluss?

Der Volkswagen-Konzern ist nicht in der Lage, die Werte bei Diesel-Abgasen zu erreichen, die in den USA vorgeschrieben sind. Also wird bei Volkswagen manipuliert, um vorzuspiegeln, man habe die entsprechenden Standards erreicht.

VWUmsonst, wie sich herausstellt, denn die Manipulation ist zwischenzeitlich aufgeflogen, der Markt in den USA für Dieselfahrzeuge von Volkswagen in absehbarer Zukunft schlicht zerstört, die Aktie des Unternehmens im freien Fall an der Börse und der Werbespruch, “Vorsprung durch Technik” mittlerweile zur Lachnummer geworden, ist Volkswagen doch nicht einmal in der Lage, Abgaswerte einzuhalten, die von anderen Autobauern eingehalten werden können.

Es gibt einige Risse in der Fassade des Standorts Deutschland, des Exportweltmeisters, dessen Autobauer den Weltmarkt noch vor den Japanern beherrschen oder besser: beherrschten und dessen Erfindungen und Innovationen die treibende Kraft hinter der Ökonomie des Landes sind (oder sein sollen).

Verliert Deutschland den Anschluss?

Am 17. September wurde in London der diesjährige “Global Innovation Index 2015” (GII) veröffentlicht. Der Index ist ein Gemeinschaftswerk der Cornell University, von INSEAD, World Intellectual Property und AT Kearney und erscheint jährlich. Untersucht werden 7 Bereiche, die für die Innovationen, die die Wirtschaft eines Landes treiben, wichtig sind: (1) die Institutionen eines Landes, (u.a. das Ausmaß der staatlichen Eingriffe in den Markt), (2) das vorhandene Humankapital des Landes (u.a.: Anzahl der Tertiär-Gebildeten, Ausgaben für Bildung, für Forschung und Technik usw.), (3) die Infrastruktur für Innovationen (u.a. Verbreitung von neuen Technologien), (4) die Effizienz des Marktes (u.a. Investorenschutz), (5) die Effizienz der Wirtschaft (u.a. das Humankapital von Arbeitern), (6) der “Output” aus Forschung und Technik bzw. aus der Anwendung von Wissen (z.B. die Anmeldung von Patenten, der Anteil neuer Technologien an den Exporten oder die von Wissenschaftlern veröffentlichten Fachbeiträge), und (7) die Neuheit der Produkte (u.a. gemessen in Trademarks).

Insgesamt gehen eine Vielzahl von Indikatoren in die Erstellung des Rankings des Global Innovation Index (GII) ein, und die Top-10 der Nationen, gemessen an ihrer Innovationskraft, sind die folgenden:

  1. Schweiz
  2. Vereinigtes Königreich
  3. Schweden
  4. Niederlande
  5. Vereinigte Staaten von Amerika
  6. Finnland
  7. Singapur
  8. Irland
  9. Luxemburg
  10. Dänemark

Sie lesen richtig. Unter den Top-10 findet sich kein Deutschland. Deutschland findet sich auf Platz 12 und betrachtet man die 7 Einzelindikatoren, die oben dargestellt wurden, dann schneidet Deutschland besonders schlecht in den folgenden Bereichen ab:GII_2015

  • Institutionen: zu intensive Eingriffe/Regulation in den/des Markt/es behindern die Innovationsfähigkeit Deutschlands (Platz 20 von 114);
  • Infrastruktur: u.a.: die Schaffung und Bereitstellung von Kapital ist in Deutschland besonders schlecht (Platz 112);
  • Markteffizienz: u.a.: der Investorenschutz ist unterentwickelt (Platz 49);
  • Effizienz der Wirtschaft: u.a.: Deutschland ist für ausländische Investoren nicht interessant (Platz 115);

Die vier Mangelbereiche weisen alle in die selbe Richtung, nämlich in eine Gängelung von Akteuren auf Märkten durch die Regierung und nachgeordnete Regulationsbehörden und als Ergebnis die Schaffung von Bedingungen, die einerseits für Investoren nicht attraktiv sind, es andererseits verhindern, dass Kapitalbildung in nennenswertem Ausmaß betrieben werden kann, Kapitalbildung, die wiederum für Investitionen in Forschung und Technik von besonderer Wichtigkeit ist.

Angesichts der Feindlichkeit, die aus Deutschland internationalen Freihandelsabkommen entgegenschlägt, angesichts der Feindlichkeit und der Verbote, mit der/denen Forschung in Bereichen von Biotechnologie oder Nuklearenergie begegnet wird, angesichts der vielfältigen Eingriffe deutscher Regierungen in die Unternehmensfreiheit und den Markt, bis zur Vorschrift, wie hoch der Anteil weiblicher Vorstandsmitglieder zu sein hat, ist es kaum verwunderlich, dass Deutschland langsam den Anschluss an die Weltspitze verliert, wenn es um Innovationen geht.

Betrachtet man die Anzahl der wissenschaftlichen Beiträge in Fachzeitschriften, die aus Deutschland kommen, dann fällt Deutschland noch weiter zurück, auf Platz 31 unter 141 Nationen. Im Vergleich zum GII von 2010 ist dies eine Verschlechterung um 14 Plätze, im Vergleich zum GII von 2012 eine Verschlechterung um 12 Plätze. Ob hier die staatlichen Interventionen in Hochschulen, die Programme zur Entprofessionalisierung der Hochschulen bereits abgebildet sind, ist eine spnanende derzeit nicht einmal beforschte Frage. In jedem Fall ist sicher, dass Programme, die darauf zielen, Geschlecht und nicht Leistung zur Grundlage der Stellenvergabe zu machen, zum einen dazu geeignet sind, bestenfalls mittelmäßige Bewerber auf Positionen zu befördern, zum anderen dazu geeignet sind, Bewerber mit hohem Humankapital von einer Bewerbung in Deutschland abzuschrecken und den Weg ins Ausland antreten zu lassen.

Insofern wäre das neue Motto “Vorsprung durch Betrug” wegweisend, da es das Ergebnis eines Brain Drains zusammenfasst, einer Abwanderung von Fachkräften, die es deutschen Unternehmen unmöglich macht, international mitzuhalten. Volkswagen wäre entsprechend ein Indikator dafür, dass es bereits 5 nach 12 ist und kaum mehr Zeit bleibt, um deutsche Hochschulen wieder nach Meritokratie zu organisieren und u.a. mit absurden staatlichen Eingriffen in die Geschlechtskomposition von Unternehmen aufzuhören.

Koblenzer Forscher bringen das Wort “Mann” nicht über sich

Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit, wie es heute heißt, ist ein Problem, das diejenigen, die es betrifft, vermutlich nicht lustig finden werden. Wer gezwungen ist im Obdachlosenasyl oder in sonstigen Anlaufstellen, die Schlafraum, aber eben keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, Unterschlupf zu suchen, dem fehlt – trotz aller Clochard-Romantik, die vornehmlich von Leuten versprüht wird, die in Hotels und nicht im Obdachlosenasyl oder unter der so oft beschworenen Brücke absteigen, ein wesentlicher Bestandteil eines vollwertigen Lebens.

Obdachlosigkeit ist in Deutschland ein Thema, von dem Wissenschaftler nichts wissen wollen, obwohl die Erforschung sozialer Probleme, doch angeblich so viele bewegt. Nun ist Obdachlosigkeit eine Angelegenheit, bei deren Beschäftigung man genötigt sein könnte, den Schutzraum des eigenen Büros zu verlassen und am Ende noch Kontakt mit Obdachlosen aufzunehmen. Das mag einiges erklären.

Wir haben in der Vergangenheit bereits darüber berichtet, wie sehr, das Thema “Obdachlosigkeit” von denen, die sich als Ungleichheitsforscher sehen, links liegen gelassen wird.

ObdachlosenasylNur wenige Ausnahmen gibt es zu berichten und die Ausnahmen, die es zu berichten gibt, zeigen eines: Obdachlosigkeit ist vornehmlich für Männer ein Problem: zwei Drittel der Obdachlosen sind männlich. Angesichts der miserablen Datenlage des sozialen Problems “Obdachlosigkeit”, für das sich nicht einmal die Wissenschaftler interessieren, die durch Kreuzzüge gegen Armut und Hartz IV auffallen, ist es erfreulich, dass an der Hochschule Koblenz ein Forschungsprojekt zum Thema Obdachlosigkeit durchgeführt wurde.

Es ist auch erfreulich, dass sich die Projektverantwortlichen Prof. Dr. Robert Frietsch, Dirk Holbach und Sabine Link getraut haben, mit 161 obdachlosen Menschen “sehr ausführliche persönliche Gespräche” zu führen, die durch Interviews mit “58 Experten…, die in Hilfseinrichtungen und Jobcentern tätig sind”, ergänzt wurden.

Nicht erfreulich ist jedoch die Darstellung eines Problems, dessen männliche Dominanz man kaum leugnen kann, oder doch?

Hochschule Koblenz“Die Ergebnisse”, so berichtet Dirk Holbach, “zeichnen vielschichtige Bilder der Lebensumstände wohnungsloser Menschen”. In Deutsch heißt dies, es ist nicht gelungen, ein oder doch wenige einheitliche Themen zu finden, die den Weg in die Obdachlosigkeit determinieren. Wann immer die Ergebnisse zu diffus sind, als dass man sie zusammenfassen könnte, reden überforderte Wissenschaftler entsprechend von “vielschichtigen Bildern”, Ergebnissen oder Entwicklungen. Weiter im Text: “Auch” in Rheinland-Pfalz, so erfahren wir, liegt das Durchschnittsalter inzwischen bei 35 Jahren, gar jeder vierte ist jünger als 25 Jahre”. Gemeint ist das Durchschnittsalter obdachloser Personen. Worauf sich das “auch” bezieht, ist unklar. Aber: “Besorgnis erregend”, so findet Sabine Link, “ist auch [wieder so ein bezugsloses auch] der kontinuierlich steigende Anteil der Frauen, der jetzt schon 25 Prozent beträgt”.

Anmerkung unsererseits: Die drei Koblenzer Wohnungslosenforscher haben 161 Wohnungslose und 58 Experten bis Ende Mai 2014 befragt. Wie man auf Grundlage dieser Daten einen Trend, einen kontinuierlich steigenden Anteil ermittelt haben will, ist uns ein Rätsel, aber vermutlich hat ein Experte gesagt, dass der Anteil von Frauen ansteigt, fast so gut wie empirische Daten – oder?

Geeigneter Wohnraum ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit, so erfahren wir weiter und fangen langsam an uns zu fragen, ob dieses Forschungsprojekt ein schlechter Witz ist, denn dass Reichtum das beste Mittel gegen Armut ist, kann man auch herausfinden, ohne ein Forschungsprojekt durchzuführen. Aber es kommt noch besser:

“Vielfältig und verwoben [ oder vielschichtig; !sic] sind die Problemlagen, in denen die Wohnungslosen stecken: Alkoholsucht, langjährige Arbeitslosigkeit, niedriger Schulabschluss, Überschuldung, Tod enger Bezugspersonen, traumatisierende Gewalterfahrungen – vor allem bei Frauen. Gerade bei den Jüngeren liegt häufig nur ein niedriger Schulabschluss vor. Dazu kommen oft Hafterfahrungen, auch wegen Bagatelldelikten wie zum Beispiel „Schwarzfahren“.

Und weiter:

„Angesichts der vielschichtigen [!sic] Problemlagen der Betroffenen ist es nötig, dass Fachleute der verschiedenen sozialen, medizinischen Bereiche und vor allem auch der Jobcenter kooperieren und sich gemeinsam um die Lösung der einzelnen Probleme kümmern“, weiß Frietsch, „nur so ist eine Rückkehr der Betroffenen in die Gesellschaft mit gesichertem Wohnraum möglich.“

In Punkto Floskeln ist den Koblenzer Forschern der einfache Kleindiek sicher. Die zwischenzeitlich vielschichten Problemlagen erfordern entsprechend ganz viele Fachleute, die sich gemeinsam oder getrennt den Kopf über die Obdachlosen zerbrechen, die besorgniserregender Weise und steigend zu 25% weiblich sind, und alkoholsüchtig und arbeitslos und traumatisiert durch Gewalterfahrungen, “vor allem bei Frauen”, und wegen Schwarzfahren ins Haft kommen, aber doch nur mit einem Mittel in die Gesellschaft re-integriert werden können: mit gesichertem Wohnraum.

Es ist natürlich Unfug zu behaupten, dass Schwarzfahren zu einer Haftstrafe führt. Erst wenn Vorstrafen dazu kommen, die bereits bei der letzten Verhandlung nur mit erheblicher richterlicher Nachsicht in eine Strafaussetzung zur Bewährung gemündet sind, kann ein Schwarzfahren das berühmte Fass zum Überlaufen bringen.

MannUnd hier reicht es, hier ist endgültig der Punkt, an dem wir von diesen angeblichen Forschern genug haben. Sie bringen es im Verlauf ihrer Pressemeldung, die 460 Worte umfasst, nicht über sich, den Begriff “Männer” oder “Mann” auch nur einmal zu verwenden, dagegen wird nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass besorgniserregender Weise 25% der Obdachlosen weiblich sind und traumatisiert wegen Gewalterfahrungen und ansonsten sind die Ergebnisse zu vielschichtig, um im Detail berichtet zu werden.

Wozu finanziert man solche Forschung? Wozu lässt man Forscher wie Frietsch, Holbach und Link auf die Welt los? Wozu gibt man ihnen die Mittel, um ein wichtiges Thema zu erforschen, wenn alles, was dabei herauskommt, zu vielschichtig ist, um berichtet werden zu können und zu vielschichtig, um konkrete Hilfe zu ermöglichen, aber gleichzeitig und angeblich dennoch durch eine einzige Lösung beseitigt werden kann, wenn man als Leser damit verulkt wird, dass das beste Mittel gegen Obdachlosigkeit die Bereitstellung von Wohnraum ist und ansonsten dabei zusehen muss, wie Forscher derat gehemmt, feige und politisch korrekt sind, dass ihnen an keiner Stelle über die Lippen oder die Tastatur kommt, dass Obdachlosigkeit ein männliches Phänomen ist.

Deshalb zum Üben:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Gewalttrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Bei diesen vier Punkten wollen wir es belassen, sonst wird die Aufgabe zu vielschichtig für die Koblenzer, und wir wollen ja, dass sie etwas lernen. Man darf die Wahrheit aussprechen, nein, als Forscher MUSS man die Wahrheit aussprechen, sonst ist man die Zahl nicht wert, die auf dem monatlichen Lohnstreifen steht und sich der Verachtung der ScienceFiles-Betreiber sicher.

Und am besten die Koblenzer Forscher wiederholen die Ergebnisse:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Kindheitstrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

Über den Beitrag, den Michael A. Woodley, Jan te Nijenhuis und Raegan Murphy gerade in “Intelligence” veröffentlicht haben, kann bereits jetzt gesagt werden, dass sich die Geister an ihm scheiden werden. Der Beitrag ist mutig, er ist politisch unkorrekt, er greift ein heiles Thema auf, und er stellt einen Mythos, nach dem alles immer besser, größer und schöner wird, und natürlich intelligenter, in Frage. Doch der Reihe nach:

Der Beitrag ist mutig und greift ein heikles Thema auf.

Kein Zeitalter hat dermassen viele, große Veränderungen gesehen wie das Viktorianische Zeitalter von 1837 bis 1901.

“The Victorian era was a period of immense industrial, cultural, political, and military change in Western Europe marked by an explosion of creative genius that strongly influenced all other countries in the world.” (1)

Queen_VictoriaViele Grundlagen, von denen wir heute zehren, wurden im Viktorianischen Zeitalter gelegt, die Anzahl der Innovationen per capita, die im Viktorianischen Zeitalter zu verzeichnen sind, ebenso wie die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind bis heute unerreicht. Explodierende Bevölkerungszahlen in den westlichen Ländern haben im Viktorianischen Zeitalter nicht zu Hungersnöten geführt, und die Errungenschaften in Medizin und Hygiene die Lebenserwartung der Menschen massiv erhöht. Um diese Errungenschaften zu erreichen, ist – so die Autoren und ich vermute, niemand wird ihnen widersprechen – Intelligenz notwendig. Je intelligenter Menschen sind, desto produktiver, desto zielstrebiger und effizienter sind sie.

Vor dem Viktorianischen Zeitalter, so die Autoren weiter, war “Überleben” eine Frage von Intelligenz und sozialem Status. In evolutionistischem Klartext: Die Dummen und Armen haben seltener überlebt als die Reichen und Intelligenten. Diese Annahme muss man nicht teilen, aber man sollte sie einfach einmal hinnehmen, um die Reise, auf die die Autoren ihre Leser mitnehmen, auch genießen zu können.

Der Boom im Viktorianischen Zeitalter ist nach Ansicht der Autoren somit ein Ergebnis der soeben beschriebenen Eugenischen Fertilität. Mit der Zunahme der Bevölkerung, der Steigerung der Lebenserwartung und der Chancen, auch als nicht-Intelligenter zu überleben, stellt sich ein “dysgenic trend” ein:

“Dysgenic trends result from socially valued and heritable traits, such as intelligence, declining within populations over time due to the effects of selection operating against those traits” (2).

Mit anderen Worten, wenn sich die Lebensbedingungen in der Weise verbessern, dass auch nicht-Intelligente eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, dann reduziert sich, auf Ebene der Gesellschaft die durchschnittliche Intelligenz, die Intelligenz “der Gesellschaft als Ganzer” wird geringer.

Der Beitrag gibt eine politisch unkorrekte Erklärung.

iq-test-megaUntersuchungen, die sich mit Intelligenz beschäftigt haben, sind über die letzten Jahrzehnte immer mit einem Paradoxon konfrontiert gewesen: Einerseits ergab sich auf der Ebene von Gesellschaften/Nationen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der so genannte Flynn Effekt, d.h. gesamtgesellschaftlich betrachtet, war eine Zunahme der Intelligenz zu verzeichnen, andererseits fanden Untersuchungen, die auf der Individualebene angesiedelt waren, aber den “dysgenic trend” in der Form, dass mit der Anzahl der Kinder und der Größe der Familien die Intelligenz, der IQ gesunken ist. Zudem konnten in einer Reihe von Analysen Indizien dafür gefunden werden konnte, dass Intelligenz zu 50% bis 60% vererbt wird. Folglich hätte die zu beobachtende Zunahme der Fertilität auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft zu einem Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führen müssen. Wo also liegt der Fehler?

Woodley, te Nijenhuis und Murphy geben eine politisch unkorrekte Antwort, die zu Kontroversen führen wird, aber vielleicht auch dazu, dass die demographischen Prozesse der letzten Jahrzehnte mit anderen Augen gesehen werden. Die Autoren gehen zum einen davon aus, dass bisherige Studien, Intelligenz nicht adäquat gemessen haben und zum anderen davon, dass der Zeitraum, der betrachtet wurde, z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, zu kurz ist, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

Entsprechend schlagen sie vor, Reaktionszeit als Maß für generelle Intelligenz zu werten:

“Reaction Time (RT) is in fact a biological marker of mechanisms fundamental to the operation of general intelligence, such as neurophysiological efficiency” (2).

IQ trainerDies ergebe sich aus einer Reihe von Studien, die die Autoren berücksichtigt haben und die große Gemeinsamkeiten zwischen Reaktionszeit und genereller Intelligenz aufgezeigt hätten. Die Operationalisierung von Intelligenz über die Reaktionszeit ermöglicht es den Autoren, auf einen Datensatz zurückzugreifen, in dem insgesamt 14 Untersuchungen zur Reaktionszeit enthalten sind, die den Zeitraum von 1884 bis 2004 überspannen. Über alle Untersuchungen rechnen die Autoren sodann eine “Meta-Regression” (gegen Zeit), die zu einem signifikanten Ergebnis gelangt, d.h. zeigt, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in westlichen Gesellschaften von 1884 bis 2004 insgesamt von 194,06 Millisekunden auf 275,47 Millisekunden angestiegen ist und definitionsgemäß die durchschnittliche Intelligenz gefallen sein muss. Analysen getrennt nach Geschlecht ergeben für Männer eine Verlangsamung der Reaktionszeit von 183 Millisekunden (1884) auf 253 Millisekunden (2004) und für Frauen von 188 Millisekunden (1884) auf 261 Millisekunden (2004). Die Autoren fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

“In the present study we used the data on the secular increase of simple RT described in a meta-analysis of 14 age-matched studies from Western countries conducted between 1884 and 2004 to generate estimates of the rate of IQ decline. The decline estimate of – 1.23 IQ points per decade from the present study falls within the range of those produced in previous studies employing the magnitude of the dysgenic effect on IQ as the basis for estimating declines.” (6)

Seit 1884 ist die durchschnittliche Intelligenz in westlichen Gesellschaften entsprechend den Berechnungen der Autoren um 14,8 IQ Punkte gesunken. Damit gibt das Ergebnis der Vorstellung, dass moderne Gesellschaften ihren Vorgängern in nahezu allen Belangen überlegen seien, einen heftigen Knick, und es verweist auf die Folgen sozialpolitischer Praktiken, die Fertilität zu einem Unterfangen machen, das jeder betreiben kann, ohne sich um die Folgen und vor allem die Kosten seiner Fertilität zu kümmern. Die Untersuchung von Woodley, te Nijenhuis und Murphy reiht sich somit in eine Diskussion ein, die vor allem in den USA unter dem Stichwort des Downbreading geführt wird und deren verschämte Ausläufer in Deutschland im Versuch, Akademikerinnen zur Fortpflanzung zu bewegen, zu finden sind.

PalusiMan kann eine Reihe von methodischen Fragen an die Untersuchung von Woodley, te Niejenhuis und Murphy stellen, z.B.: Wie wurden in den 14 Studien die Befragten ausgewählt? Wie akkurat und verlässlich ist eine Messung von Intelligenz über die Reaktionszeit? Aber man muss den Autoren in jedem Fall zu Gute halten, dass sie mutig genug waren, das heilige Kalb der Fertilität aufzugreifen und in seinen (unbeabsichtigten) Folgen zu beschreiben, man muss ihnen zu Gute halten, dass ihre Ergebnisse im Einklang stehen, mit den Ergebnissen, die regelmäßig eine mit der Kinderzahl abnehmende Intelligenz (auf welcher Meßebene auch immer) feststellen, und man muss ihnen zu Gute halten, dass sie im häufig tristen Alltag wissenschaftlicher Beiträge für einen bunten Schimmer gesorgt haben, einen Schimmer, den man zum Ausgangspunkt der Untersuchung einer Reihe von Fragestellungen nehmen kann, z.B. der folgenden

Der Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz geht mit dem Aufkommen moderner Staaten und vor allem der Einführung einer Schulpflicht einher. In welchem Zusammenhang stehen beide und welche Rolle spielt die Tatsache, dass die liberale Gesellschaftverfassung der Viktorianischen Zeit durch wenig liberale und als abwechselnd demokratisch bzw. totalitär bezeichnete Systeme ersetzt wurde?

Viel Food for Thought. Das zeichnet einen guten wissenschaftlichen Beitrag aus.

Woodley, Michael A., te Nijenhuis, Jan & Murphy, Raegen (2013). Were the Victorians Cleverer than Us? The Decline in General Intelligence Estimated from a Meta-Analysis of the Slowing of Simple Reaction Time. Intelligence (online fist). http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006

Schulen sind jungenfeindliche Anstalten

In einem Beitrag für den von Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann herausgegebenen Sammelband Bildungsverlierer“Bildungsverlierer” hat Dr. habil. Heike Diefenbach eine Erklärung für die schulischen Nachteile von Jungen vorgeschlagen, die man wie folgt zusammenfassen kann:

In deutschen Schulen herrscht ein Schulklima, das von der gesellschaftlichen Atmosphäre, wie sie in öffentlichen Medien und von politischen Akteuren geschaffen wird, und regulativen Vorgaben bestimmt wird. Unter dieser Atmosphäre entwickeln Lehrer eine Vorstellung vom “guten Schüler” und den Verhaltensweisen, die ein “guter Schüler” zeigt. Die Bewertung von Schülern orientiert sich nicht an den Leistungen des entsprechenden Schülers, sondern an der Passung seiner Verhaltensweisen mit den Erwartungen der Lehrer (Diefenbach, 2010, S.265-266).

Da sich sowohl die gesellschaftliche Atmosphäre als auch die regulativen Vorgaben aus dem Staatsfeminismus ableiten, herrscht in Schulen ein Bild vom “guten Schüler”, das an weiblichen Verhaltensweisen ausgerichtet ist und vor dessen Hintergrund als männlich empfundene Verhaltensweisen negativ sanktioniert werden. Lehrer tragen an Schüler bestimmte Rollenerwartungen, wie sie ihnen durch den regulativen Kontext vorgegeben werden bzw. die sie sich aus dem entsprechenden Kontext angeeignet haben (z.B. im Unterricht über sexuellen Missbrauch), auf ihre Schüler und bewerten das Verhalten, nicht die Leistung der Schüler entsprechend der Vorgaben. Als Ergebnis entsteht eine differentielle Bewertung, die Jungen aufgrund ihres nicht den als weiblich attribuierten Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler” entsprechenden Verhaltens schlechtere Noten bei gleichen oder besseren Leistungen erzielen sieht, die Jungen diskrimiert sieht.

Ein erstes Indiz, das bestätigt, was sich als Hypothese aus dem von Heike Diefenbach vorgeschlagenen Erklärungsmodell ableiten lässt, stellen Ergebnisse dar, die Heike Diefenbach im Jahre 2007 veröffentlicht hat, und die zeigen, dass Jungen, trotz besserer Testergebnisse in PISA schlechtere Schulnoten als Mädchen hatten:

Soziale Arbeit mit Jungen und Maennern“Berechnet man weiter die Anteile von Jungen und Mädchen, die gemessen an den erreichten Punktezahlen im Mathematiktest über- oder unterbewertet sind [bei ihren Schulnoten], so zeigt sich, dass der Anteil derer, die bei der Benotung unterbewertet wurden, unter Jungen deutlich größer ist als unter Mädchen (26,9% vs. 19,7%), während die Anteile derer, die der erreichten Punktezahl entsprechend benotet (19,8% vs. 22,5%) oder überbewertet (55,3% vs. 57,8%) wurden, unter Mädchen größer ist als unter Jungen (eigene Berechnungen auf Basis der Daten der PISA-2003 Studie)” (Diefenbach, 2007, S.104).

Während Jungen im Vergleich zu ihren Leistung zu schlechte Noten erhalten, erhalten Mädchen im Vergleich zu ihren Leistungen zu gute Noten.

Ein weiteres Indiz dafür, dass in deutschen Schulen nicht die Leistung den Ausschlag bei der Benotung gibt, sondern das Verhalten, findet sich in einer von Detlef Berg et al. durchgeführten Untersuchung, auf die Heike Diefenbach im Rahmen ihrer Erklärung Bezug nimmt. Berg et al. haben Schüler gebeten, ihre Verhaltensstile im Unterricht zu beschreiben und Lehrer gebeten, die Verhaltensstile zu beschreiben, die sie von erfolgreichen (also “guten”) Schülern erwarten. Dabei kamen Berg et al. zu dem folgenden Ergebnis:

“…, wenn Jungen ihre Verhaltenstile so beschreiben wie sie von Lehrern bei Mädchen erwartet werden, haben sie bessere Zensuren, die Lehrer stellen weniger Verhaltensauffälligkeiten bei ihnen fest, und es besteht auch weniger Beratungsbedarf” (Berg et al., 2006, S.36)

Passen sich Jungen in ihrem schulischen Verhalten der weiblichen Verhaltensnorm an, die die Vorstellung vom “guten Schüler” beschreibt, dann sind sie erfolgreicher, nicht, weil sie bessere Leistungen erbrächten, sondern weil ihre Leistungen nicht aufgrund nicht erwartungskonformer männlicher Verhaltensweisen schlechter benotet werden.

Die Indizienkette dafür, dass deutsche Schulen zu Umerziehungsanstalten des Staatsfeminismus degeneriert sind, ist bereits an dieser Stelle sehr dicht und man kann kaum umhin festzustellen, dass es für den Schulerfolg von Jungen wichtig zu sein scheint, Verhaltensweisen zu zeigen, die als weiblich gelten – eine Feststellung, die nicht nur ethische, sondern auch moralische Fragen aufwirft, denn Schulen sind mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt, d.h. mit Menschen, die ihre Persönlichkeit erst noch entwickeln. Männliche Kinder und Jugendliche in dieser Phase ihrer Entwicklung zu brechen und in ein Prokrustesbett einzupassen, das der Staatsfeminismus für sie gezimmert hat, ist schlicht menschenverachtend und despektierlich.

Cornwell-2011Eine amerikanische Studie, durchgeführt von Christopher M. Cornwell, David B. Mustard und Jessica Van Parys, webt weiter an der Indizienkette und hat zum Ergebnis, dass die Indizienkette dafür, dass Schulen jungenfeindlich sind, nunmehr so lang geworden ist, dass sie für eine Verurteilung vor jedem ordentlichen Gericht ausreichen würde. Cornwell, Mustard und Van Parys genießen den Vorzug in den USA Bildungsforscher zu sein, was bedeutet: Bei ihnen sitzt keine Kultusministerkonferenz auf den Daten und hindert Wissenschaftler daran zu forschen bzw. bei ihnen sind Daten, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden und anders als in Deutschland allen  Wissenschaftlern zugänglich und nicht nur einer kleinen Gruppe handverlesener Forscher, von denen kaum zu erwarten ist, dass sie kontroverse Ergebnisse finden und falls doch (z.B. duch Zufall), publizieren. Nein, in den USA gibt es Daten im Überfluss, Längsschnittdaten noch dazu und jeder, der forschen will, kann mit den entsprechenden Daten forschen.

Entsprechend können die Autoren aus einem Pool von mehr als 17.000 Schülern schöpfen und auf einen Datensatz zurückgreifen, der die entsprechenden Schüler ab dem amerikanischen “Kindergarden” bis in die fünfte Klasse verfolgt. Letztlich basieren die Analysen der Autoren auf insgesamt 5.841 Schülern, für die sie nicht nur Noten und Testleistungen haben, sondern auch Bewertungen der Schüler durch ihre Lehrer und im Hinblick auf leistungsfremde Variablen wie “gutes Verhalten im Klassenraum” und “Mitarbeit im Unterricht”. Beide Bewertungen werden von den Autoren der Untersuchung als “nicht-kognitive Kompetenzen”, also als leistungsfremde Kompetenzen, die sich auf die Herangehensweise an den Unterricht des Schülers und eben nicht auf seine Leistung beziehen, in ihre Analyse aufgenommen.

Die Analyse erfolgt in drei Schritten:

  1. Zunächst untersuchen die Autoren Testleistungen der Schüler;
  2. Dann vergleichen die Autoren die Testleistungen mit den Schulnoten der Schüler;
  3. Schließlich erklären die Autoren die Differenz zwischen Testleistung und Schulnoten der Schüler in einem statistischen Modell;

Die Ergebnisse der Analyse sind vielsagend: Mädchen erreichen bessere Testergebnisse als Jungen in Lesen und schlechtere Testergebnisse als Jungen in Mathematik. Die Testleistungen schlagen sich nicht adäquat in den Schulnoten nieder. Mädchen, so stellen die Autoren fest, werden generell besser benotet als Jungen und besser als es ihren Leistungen enstpricht. Ursache dafür, sind die oben benannten leistungsfremden Erwartungen von Lehrern an ihre Schüler, die sich an weiblichen Stereotypen des “guten Schülerverhaltens” ausrichten:

Boys who perform equally to girls on reading, math and science tests are nevertheless graded less favorably by their teachers. However, this less favorable treatment essentially vanishes when non-cognitive skills are taken into account (23).

Zeigen Jungen ein Verhalten, das den Erwartungen ihrer Lehrer an den weiblichen stereotypisierten guten Schüler entspricht, dann erhalten sie einen Notenbonus, werden also dafür belohnt, dass sie sich den Verhaltenserwartungen ihrer Lehrer angepasst haben, nicht dafür, dass sie ihren Lernstoff beherrschen. Diesen Verhaltensbonus erklären die Autoren wie folgt:

One potential explanation is that teachers – who, in primary school, are overwhelmingly female – develop assumptions about typical boy and girl classroom behavior. Girls may be expected to possess a better ‘attitude towards learning’ [ATL]. The gender differences in ATL scores … provide support for such expectations. Then, boys who act ‘out of character’ by displaying the same non-cognitive skills as girls with similar ability may receive special recognition. They may be, in essence, compensated for exceeding expectations” (21-22).

Damit schließt sich der Kreis zu den oben berichteten deutschen Ergebnissen, die von den amerikanischen Ergebnissen erweitert werden. Letztere ergänzen die prozessuale Dynamik, die deutsche Studien mangels Daten nicht erforschen können, denn in der Studie von Cornwell, Mustard und Van Parys wird deutlich, dass die Erwartungen, die an Schüler herangetragen werden und letztlich den Gender Grade [Noten] Gap zu ungunsten von Jungen hervorbringen, bereits mit der Einschulung beginnen und im Verlauf der Schulkarriere der Kinder immer stärker zum Tragen kommen. In dieser Situation haben Jungen die Möglichkeit, sich entweder im Einklang mit den stereotypisierten weiblich Verhaltenserwartungen an den “guten Schüler”, die Lehrer als Richtschnur aufhängen, anzupassen, oder aber ihre schulische Karriere mit Frustration, ob der nicht der Leistung adäquaten Benotung, anzufüllen und unter Wert zu beenden.

Dies also sind die Früchte, die Wohltaten, die wir dem Staatsfeminismus verdanken. Ökonomisch betrachtet ist dies eine Katastrophe, da männliches Humankapital absichtlich behindert, wenn nicht zerstört wird. Ethisch betrachtet ist dies ein Unding, da nur ein von Staatsfeministen als gut befundener Menschentyp unabhängig von schulischer Leistung mit Bildungszertifikaten ausgestattet wird. Und moralisch tun sich Abgründe auf, denn Staatsfeministen schrecken nicht davor zurück, individuelle Lebensläufe und Karrieren der eigenen Wahnvorstellung, die im Staatsfeminsmus auch gerne als Utopie bezeichnet wird, zu opfern.

Literatur

Berg, Detlef, Scherer, Lucas, Oakland, Thomas & Tisdale, Timothy (2006). Verhaltensauffälligkeiten und schwache Leistungen von Jungen in der Schule – die Bedeutung des Temperaments. Otto-Friedrich Univeristät Bamberg: Professur für Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt.

Cornwell, Christopher M., Mustard, David B. & Van Parys, Jessica (2011). Non-Cognitive Skills and the Gender Disparities in Test Scores and Teacher Assessments: Evidence from Primary School. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA DP No. 5973.

Diefenbach, Heike (2010). Jungen – die ‘neuen’ Bildungsverlierer. In: Quenzel, Gudrun & Hurrelmann, Klaus (Hrsg.). Bildungsverlierer. Neue Ungleichheiten. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.245-272.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

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