Zuweilen gibt es Pressemeldungen, bei denen bereits die Überschrift ausreicht, um das Ärgerlevel zu heben. So die folgende Pressemeldung der Universität Jena:
Wieder einer dieser Beiträge, in denen das neue Leitbild des sozialen Menschen, der so sozial ist, dass er alle anderen Formen des Menschseins nicht mehr zulässt, verbreitet und gegen vermeintlichen Egoismus ausgespielt werden soll, so denkt man, und die ersten Zeilen der Pressemeldung bestätigen die Befürchtung:
„Does he really exist, the type of the entrepreneurial ‚homo oeconomicus‘ who first of all is interested in his own benefit and profit and who abandons ethical and social principles?“.
„It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker, that we expect our dinner, but from their regard of their own interest. We address ourselves not to their humanity, but to their self-love, and never talk to them of our own necessities but of their advantages … (Smith,[1759] 1999, p.14).
The natural effort of every individual to better his own condition, when suffered to exert itself with freedom and security, is so powerful a principle, that it is alone, and without any assistance, … capable of carrying on the society of wealth and prosperity … (614).Every individual is continually exerting himself to find out the most advantageous employment for whatever capital he can command. It is his own advantage, indeed, and not that of the society, which he has in view. But the study of his own advantage naturally, or rather necessarily leads him to prefer that employment which is most advantageous for the society …“ (513).
Aus diesem Grund, weil das, was im letzten Absatz steht, feststehendes Wissen in der Ökonomie ist und nicht nur da, ist es ärgerlich, derartigen Unsinn wie den zitierten in einer Pressemitteilung einer Universität, selbst wenn es die in Jena ist, zu lesen. Noch ärgerlicher ist es, weil der wissenschaftliche Beitrag, für den die Pressemeldung erstellt wurde, überhaupt nichts einer Schattenseite (dark side) des Unternehmertums zu tun hat.
Obschonka, Andersson, Silbereisen und Sverke (2013) haben vielmehr auf Grundlage eines Schwedischen Datensatzes, der Kinder ab ihrem 10. Lebensjahr über 37 Jahre ihres Lebens verfolgt, untersucht, ob sich Unternehmer in ihrer Jugend von anderen Jugendlichen unterscheiden, und wenn ja, worin. Dass die Untersuchung dabei Variablen wie „Kriminalität“, „Regelverstoß“, „Einstellungen zum Regelverstoß“, aber auch Kreativität, Intelligenz und sozialer Status im Elternhaus berücksichtigt, ist wohl dem Zeitgeist geschuldet, der Egoismus oder Selbstinteresse zum devianten Verhalten macht, weil der Mythos des sozialen Altruisten für einige so glaubwürdig ist, dass Bestohlene nicht mehr merken, dass sie nicht altruistisch sind, wenn sie dem Dieb noch die fünf Euros geben, die er übersehen hat, sondern dumm.
Mit anderen Worten, die Untersuchung macht viel Lärm um so gut wie nichts, und wenn man sich noch ansieht, wie die Regelverstöße gemessen wurden, dann bleibt von der „Schattenseite des Unternehmertums“, die angeblich untersucht wurde, herzlich wenig übrig. Regelbrüchig sind im Datensatz von Obschonka et al. (2013) Jugendliche, die die Anweisungen ihrer Eltern ignorieren oder länger ausbleiben als erlaubt oder bei Schularbeiten schummeln oder die Schule schwänzen oder Haschisch rauchen oder einmal oder mehrmals betrunken waren oder einen Ladendiebstahl begangen haben oder sich in der Stadt nach Dunkelheit herumgetrieben haben. Die gemessenen Handlungen reichen kaum hin, um irgendeine Aussage über soziale oder nicht soziale Tendenzen von Unternehmern oder nicht-Unternehmern zu machen, aber das macht nichts, denn Sprachmagie tritt wie gewöhnlich an die Stelle der Realität:
„What matters more as a precursor of entrepreneurship, latent or manifest antisocial tendencies? Regarding men the clear message from the present analysis is that the actual modest but not severe rule-breaking behavior, as a manifest form, matters more than the latent form (early anti-social attitudes)“ (393).
Wenn also ein Jugendlicher im Alter von 15 Jahren (Befragungszeitpunkt, auf den sich die Autoren beziehen), Haschisch geraucht hat oder seinen Eltern nicht gehorcht hat oder länger ausgeblieben ist als erlaubt oder die Schule geschwänzt hat, dann hat er damit antisoziale Tendenzen gezeigt. Ich überlege gerade, was Wissenschaftler, die derartiges Verhalten als „antisozial“ einstufen und darüber hinaus der Ansicht sind, über dieses Verhalten lasse sich Unternehmertum vorhersagen (bei einem Nagelkerke R2 von .05) für Tendenzen zeigen, ich fürchte das, was mir einfällt, ist nicht druckreif. Aber ich habe doch eine Idee für ein Forschungsprojekt, das sich mit „overcompliance“ oder einer neuen Form des vorauseilenden Gehorsams unter Akademikern befasst und untersucht, welche frühkindliche Gehorsams-Neurose dafür verantwortlich ist, dass Sozialforschung mehr und mehr zur Legitimationsforschung der Vorgaben wird, die Politiker, die häufig nicht einmal ein Studium bis zum Ende durchgehalten haben und der Tross der Ideologen, der mit ihnen zieht, in die Welt setzen.
Obschonka, Martin, Andersson, Hakan, Silbereisen, Rainer K. & Sverke, Magnus (2013). Rule-breaking, Crime, and Entrepreneurship: A Replication and Extension Study with 37-year Longitudinal Data. Journal of Vocational Behavior 83: 386-396.
Smith, Adam ([1759] 1999). The Wealth of Nations. An Inquiry Into the Nature and Causes of Wealth of Nations. Washington: Regney.
