Kann man so dumm sein? Teil II: Generisches Maskulinum und Wikipedia

Seit einiger Zeit läuft bei Wikipedia eine Abstimmung darüber, ob Beiträge der Online-Enzyklopädie weiterhin in dem geschrieben werden sollen, was von manchen als generisches Maskulinum bezeichnet wird oder ob die entsprechenden Beiträge gendergerecht, wie es andere wollen, verfasst werden sollen.

Kurz zur Einführung und damit wir alle vom selben sprechen, eine wirklich verdienstvolle Bestimmung von Okamura Saburo [Man muss heutzutage schon nach Japan gehen, um Sprachwissenschaftler zu finden, die noch des Deutschen und vor allem seiner Grammatik mächtig sind]:

“Dabei sind noch zwei Begriffe zu klären, nämlich Genus und Sexus. Genus ist eine grammatische Kategorie. Übersetzt heißt es auf Deutsch das grammatische Geschlecht. In der deutschen Sprache hat man bekanntlich drei Unterklassen, nämlich: maskulin, feminin und neutral. Sexus ist das natürliche Geschlecht. Es gibt beim Menschen zwei Unterklassen: männlich und weiblich. Bei Personenbezeichnungen kommt es oft vor dass sich Genus und Sexus decken,  z.B. sind Vater, Bruder, Sohn, maskulin und zugleich männlich. Mutter, Schwester, Tochter sind feminin und zugleich weiblich. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Fräulein und Mädchen sind neutral, obwohl sie offensichtlich weiblich sind. Dasselbe gilt auch für das Wort Weib.Eine Tunte kann auch eine männliche Person bezeichnen hat aber das Genus feminin. Um Missverstandnisse zu vermeiden werde ich im folgenden von feminin, maskulin und neutral sprechen, wenn es um Genus gehen soll.Und wenn es um Sexus gehen soll, spreche ich dann von weiblich und männlich (48).”

Was hier ziemlich ausführlich beschrieben ist, ist nichts anderes als die Unterscheidung zwischen biologischem und grammatikalischen Geschlecht.

Kommen wir nunmehr zum generischen Maskulinum:

“Generisch“ heißt also die “Gattung betreffend“. Das Maskulinum Lehrer kann demnach bedeuten: – die Gattung betreffend. Es kann also sowohl männlich als auch weiblich interpretiert werden, also sowohl Lehrer als auch Lehrerin umfassend – nur männlich also ausschließlich Lehrer bedeutend (48).”

DudenDieses generische Maskulinum, das sich immer bei Kollektivbegriffen findet, wie z.B. Lehrer, Schüler, Student, Hundehalter, Katzenbesitzer und das im Deutschen und im Plural ausschließlich mit dem bestimmten Artikel “die” angeschlossen wird, was dazu führt, dass alle Kollektivbegriffe im Deutschen weiblichen grammatikalischen Geschlechts sind, ist seit langem zum Brennpunkt sprachfeministischer Intervention geworden, was uns zurückbringt, zur Abstimmung, die derzeit auf Wikipedia läuft und die dem Ziel dient, das generische Maskulinum als Standard für de.Wikipedia festzuschreiben und die gegenderte Sprache, die von Lehrer_innen oder LehrerInnnen oder Lehrerinnen und Lehrern schreibt, auszuschließen.

Diese Abstimmung hat nun wiederum Anatol Stefanowitsch auf den Plan gerufen. Stefanowitsch ist, Universitätsprofessor an der FU-Berlin und in der Sprachwissenschaft für die Struktur des heutigen Englisch zuständig. Zudem ist Stefanowitsch Blogger und Verantwortlicher des Sprachlog, und es ist eben hier, dass er einen bemerkenswerten Beitrag geschrieben hat, der uns Alte unter den Bloggern bereits im Titel an eine Kindersendung erinnern soll: “Wikipedia und die starken Männer”.

Sefanowitsch“Wikipedia und die starken Männer” ist der Versuch einer Satire auf die Abstimmung und vor allem die Initiatoren der Abstimmung, mit der auf Wikipedia derzeit darüber entschieden werden soll, ob Wikipedia nachdem die Online-Enzyklopädie bereits PR-Mitarbeitern und ideologischen Agitatoren übergeben wurde, nun auch der Lächerlichkeit überantwortet werden soll. Dass wir uns nunmehr auch in diese Abstimmung einmischen hat seine Ursache in diesem Post eines an der sprachwissenschaftlichen Fakultät einer deutschen Universität tätigen Professoren, der in seiner Unsinnigkeit kaum mehr zu überbieten ist.

Es beginnt bereits im ersten Satz:

“Dass die Wikipedia ein Frauenproblem hat (nämlich dass sie hauptsächlich, nämlich zu etwa neunzig Prozent von Männern editiert wird) ist seit Jahren Thema in den Medien.”

Ein Frauenproblem ist in der deutschen Sprache ein Problem der Frauen, das entsprechend nicht die Wikipedia haben kann. Vielmehr wäre dieser Satz in korrektes Deutsch als: “Frauen (und anscheinenden mindestens ein Mann) haben ein Problem mit der Wikipedia” umzuformen. [Der Genitiv ist offensichtlich in den Sprachwissenschaften der FU-Berlin ausgestorben, so dass man sagen könnte: Manche Berliner Sprachwissenschaftler haben ein Problem mit dem Genitiv, aber wohlgemerkt kein Genitivproblem!] Das meint Anatol Stefanowitsch, Universitätsprofessor an der FU Berlin aber nicht. Und irgendwie scheint er eine Idee davon zu haben, dass die Nominalverbindung “Frauenproblem” die Aussage, die er eigentlich machen will, nicht trägt. Entsprechend erläutert er seine falsche Verwendung in der Klammer und definiert Frauenproblem nunmehr als etwas, das darin besteht, dass überwiegend Männer bei de.Wikipedia editieren.

Es mag Stefanowitsch als Problem erscheinen, wenn 90% Männer bei Wikipedia editieren, in der Welt der Wissenschaft gelten Probleme jedoch erst dann als Problem, wenn sie außerhalb von Gehirnen gemessen werden können, wenn sie einen Niederschlag in der Realität finden. Es wäre also zu zeigen, worin das von Stefanowitsch vorgestellte Frauenproblem seinen empirischen Niederschlag findet. Und dann wäre zu zeigen, dass der entsprechende Niederschlag negative Externalitäten für Wikipedia, Deutschland, Europa, die Welt, das Universum oder alles hat.

Offensichtlich hat Stefanowitsch hier eine andere Meinung, sieht Probleme immer da, wo ihm etwas als ein Problem erscheint. Und offensichtlich hat er ein Problem mit 90% editierenden Männern bei Wikipedia, wenn wir auch nicht wissen, warum. Vielleicht ist er einfach nur Männerfeindlich, ein Männer-Hasser so zu sagen.

Es geht weiter in dem Blogpost von Stefanowitsch mit dem Versuch, die beiden Initiatoren der Abstimmung auf Wikipedia vorzuführen und sich über sie lustig zu machen. Und es ist hier, dass er einen alten Trick benutzt und Behauptungen als Stand der Forschung und völlig unbelegt ins Feld führt, um in diesem Fall die Initiatoren der Abstimmung zu diskreditieren, und zwar so:

“Das klingt doch erstmal gut. Vermutlich haben die beiden sich mit der umfassenden Forschungslage zur geschlechtergerechten Sprache auseinandergesetzt, die relativ einhellig zeigt, dass das generische Maskulinum in der Sprachverarbeitung nicht generisch, sondern eben als Maskulinum interpretiert wird.”

SprachlogOb Stefanowitsch mit seiner Behauptung Recht hat, nach der die Forschungslage zeigt, dass das generische Maskulinum “Lehrer”, bei denen, die es hören oder verwenden, vornehmlich einen männlichen Lehrer in die Vorstellung hebt, soll uns an dieser Stelle gar nicht interessieren, denn es ist aus dreierlei Gründen völlig unerheblich: Erstens sind die Gedanken frei, und wenn jemand bei Lehrer an seinen ehemaligen Mathematiklehrer denken will und nicht an seine Kunstlehrerin, dann ist das seine Sache. Zweitens leben wir in einer Demokratie und wenn die Mehrheit nun einmal in einer Demokratie mit mehrheitlich männlich vorgestellten Lehrern leben will, dann ist das zu akzeptieren, und drittens gibt es, wie Polenz schreibt, die seit dem römischen Reich die gültige Regel, nach der maskuline Personenbezeichnungen, die nicht durch den Kontext eindeutig als männlich ausgezeichnet sind, als “generische” und somit geschlechtsneutrale “Benennungen zu verstehen” sind. (Polenz, 1991, S.75).

Um etwas zu ändern, was seit langem funktioniert, braucht man einen Grund, der in diesem Fall nur darin bestehen kann, dass die Effizienz der deutschen Sprache verbessert wird. Angesichts der weitgehend unlesbaren Satzungetüme, die eine vermeintlich gendergerechte Sprache produziert, haben wir erhebliche Zweifel daran, dass die Abschaffung des generischen Maskulinums auch nur ansatzweise eine positive Auswirkung auf die Effizienz der Sprache hat.

Damit kommen wir zu dem Absatz, den Stefanowitsch besser nicht geschrieben hätte. Denn wenn man versucht, sich über Dritte lustig zu machen, muss man aufpassen, dass man nicht selbst zum Gespött wird, etwa so:

“Die beiden wollen also Personen durch Maskulina geschlechtsneutral benennen. Wenn man das tausend Mal hintereinander sagt, fängt das bestimmt an, plausibel zu klingen. Bis dahin ist es aber ungefähr so sinnvoll, wie die Idee, Hunde und Katzen speziesneutral unter dem Oberbegriff Hunde zusammenzufassen.”

AnalogieSchon Schopenhauer hat auf die Fallstricke hingewiesen, die sich mit Analogieschlüssen verbinden. Stefanowitsch behauptet hier mit seiner Analogie eben einmal, dass Männer und Frauen unterschiedlichen Spezies angehören, denn nur so, macht seine Unterscheidung Sinn. Als wäre dieser Hammer nicht ausreichend, zeigt der Universitätsprofessor in der Fakultät für Sprachwissenschaften an der FU-Berlin, dass er den Konzepten des Oberbegriffs und dem des Kollektivbegriffs vollständig hilflos gegenüber steht. Zunächst einmal sind Hunde und Katzen, ebenso wie Menschen Säugetiere, entsprechend wäre der gemeinsame Oberbegriff  “Säugetier”. Hunde kann der Gruppe der Hunde kein Oberbegriff sein. Hunde bezeichnet das Kollektiv der Hunde und ist somit kein Oberbegriff, jedenfalls nicht in einer Typologie. Und weil das alles noch nicht reicht, macht er sich mit seiner Behauptung, dass man, wenn man etwas tausend Mal hintereinander sagt, anfängt, dasselbe für plausibel zu halten, restlos lächerlich und provoziert schlicht unsere abschließende Frage: Wie oft, Herr Stefanowitsch, haben sie sich denn vorgesagt, dass im generischen Maskulinum generell das grammatische und das biologische Geschlecht zusammenfallen – tausend Mal?

Bleibt festzustellen, dass an deutschen Universitäten etwas hochgradig nicht mehr in Ordnung ist, wenn bei Professoren an sprachwissenschaftlichen Fakultäten die Unkenntnis des Genitiv von der Selbstsuggestion des tausendmaligen Vorsagens ersetzt wird.

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