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War Jack the Ripper ein Blei-Junkie? Zusammenhang zwischen Bleikonzentration im Körper und Gewalt entdeckt

Auf den ersten Blick hört sich die neue Theorie darüber, welche Ursachen Gewaltkriminalität hat, zumindest seltsam an und man ist versucht, reflexhaft zu sagen, oh, hier verwechselt jemand Kausalität mit Korrelation. Und einmal ehrlich, wenn man liest, dass Forscher einen Zusammenhang zwischen der Bleikonzentration im Körper eines Menschen und Gewaltkriminalität festgestellt haben, dann liegt dieser Gedanke auch wirklich nahe. Wieso, so fragt man sich, sollte Bleikonzentration und nicht etwa die Konzentration von Cholesterol einen Effekt auf Kriminalität, auf Gewaltkriminalität im Besonderen haben?

Ostdeutsche gewalttätiger als Westdeutsche?

Nun, die erste Antwort auf diese Frage lautet, wie so oft, dass bislang noch niemand den Zusammenhang zwischen Cholesterol und Kriminalität untersucht hat. Warum auch? Es gibt keine bekannte Theorie, aus der man einen Einfluss von Cholesterol auf Kriminalität ableiten könnte. Und das gilt auch für Blei. Wie kommt man also dazu, die Bleikonzentration mit Gewaltkriminalität in Verbindung zu bringen? Wir wissen die Antwort nicht, aber vermutlich ist die schlichte Verfügbarkeit von Daten eine Ursache, bei der die zunächst wirre Idee ihren Anfang nimmt.

Zwischenzeitlich hat sich diese Idee richtig entwickelt. Eine Vielzahl induktiver Studien hat sich mit dem Zusammenhang von Gewaltkriminalität und der Bleikonzentration im Körper beschäftigt:

Die dargestellten Untersuchungen belegen einen robusten Zusammenhang zwischen der Bleikonzentration im Körper und einer Gewalttätigkeit. Leider belegen sie sonst nichts. Vor allem sagen sie nichts darüber aus, warum eine steigende Bleikonzentration mit zunehmender Gewaltbereitschaft einhergehen sollte.

Entsprechend gilt es zunächst den missing link zu finden, der von der Bleikonzentration zur Gewalttätigkeit führt. Das versuchen eine Reihe von Forschern darüber, dass sie auf die Wirkung verweisen, die Blei im Gehirn von Menschen entfaltet:

Die Aussage, die hinter diesen dargestellten Forschungen steht, ist recht simpel: Hohe Bleikonzentrationen in früher Kindheit behindern die Gehirnentwicklung, wirken sich auf Impulskontrolle und andere Zentren der Verhaltenssteuerung aus und resultieren in höherer Gewalttätigkeit.

Nur: Wie weit trägt diese Erklärung?

Zunächst steht die Bleierklärung vor dem selben Problem, vor dem alle letztlich auf biologische Faktoren verweisenden Erklärungen stehen: Warum äußert sich ein eine bestimmte Gruppe homogen betreffender Faktor, wie die Bleikonzentration, in differenzierter Weise? Eine erhöhte Bleikonzentration trifft Individuen, die in einem entsprechend mit hoher Bleikonzentration belasteten Gebiet leben, in gleicher Weise. Warum werden dennoch nur manche von Ihnen gewalttätig?

Darüber hinaus hat die berichtete Forschung mit derselben sozialen Konfundierung zu kämpfen, mit der auch andere Untersuchungen zu kämpfen haben: Wie kann man ausschließen, dass eine hohe Bleibelastung vor allem in sozialen Gruppen zu beobachten ist, die sich sowieso durch eine erhöhte Gewaltbereitschaft auszeichnen?

„Overall“, so sagt Kim N. Dietrich, „the evidence is sufficient that early exposure to lead triggers a higher risk for engaging in aggressive behavior“.

Doch ist dem wirklich so?

Blei ist ein Metall, das eine weite Verwendung findet, vom Strahlenschutz, über Legierungen im Fahrzeugbau bis hin zu Schmuck und Kirchenorgeln. Bis in die 1970er Jahre hatten die meisten Wasserrohre Bleibestandteile. Müsste man angesichts der weiten Verbreitung von Blei nicht viel mehr Gewalt feststellen, als es der Fall ist? Jedoch warnt das Umweltbundesamt vor Bleigießen zu Weihnachten, da Blei, wie das Umweltbundesamt weiß, die Intelligenzentwicklung bei Kindern beeinträchtigt (ein Zusammenhang, der in anderen Ländern noch bestritten wird).

Schließlich hat das Rheinland-Pfälzische Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz in einer Untersuchung aus dem Jahre 2010 für die Bergbau-Region Braubach festgestellt, dass die Bleibelastung von Frauen höher ist als die Bleibelastung von Männern.

Und damit kommen wir zurück zur Bleierklärung, die vornehmlich auf Daten für Jungen oder Männern basiert (eine der wenigen Ausnahmen ist eine Untersuchung von Dietrich et al., , die nicht nur männliche Probanden untersucht und den Zusammenhang zwischen der Bleikonzentration und Gewalttätigkeit dennoch findet). Bislang gibt es noch keine Studien, die eine lokale Konzentration wie die in Braubach gefundene, zum Anlass nehmen, um die Prävalenz von Gewalt zu untersuchen. Bislang gibt es auch, obwohl wir doch in einem Gender-Zeitalter leben, keine Studien, die untersuchen, ob die höhere Bleikonzentration, die Frauen gegenüber Männern aufweisen, zu einer höheren Gewalttätigkeit von Frauen führt.

Kurz und bündig: Es gibt noch viel zu forschen, ehe gesichert feststeht, dass die Bleikonzentration im Körper eines Menschen ein Faktor ist, der Gewalttätigkeit zu erklären vermag.

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