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Regelungspsychopaten: Die Angst vor Pluralismus

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass diejenigen, die am lautesten nach Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz rufen, diejenigen sind, die am wenigsten in der Lage sind, Diversität, Pluralismus, Akzeptanz und Toleranz zu ertragen?

Nein, wir wollen heute gar nicht das Neubau-Wohngebiet-Argument machen. Sie wissen schon. Toleranz, Akzeptanz, Pluralismus und Diversität ist vor allem in der Mittelschicht schick, aber wehe, ein Türke, dessen Frau ein Kopftuch trägt, kauft das Nachbarhaus, stört die Monotonie aus Vorgarten und Kinderspielburg durch Abweichung, durch Pluralität.

Nein, wir haben heute am Frühstückstisch über etwas diskutiert, was im Neo-Institutionalismus und mit Bezug auf Erving Goffman als Vorder- und Hinterbühne bekannt ist. Neo-Institutionalisten gehen davon aus, dass Erwartungen und Normen, die in Form von Institutionen an Akteure herangetragen werden, deren Verhalten beeinflussen, wenn nicht determinieren. Da Erwartungen, die von unterschiedlichen Institutionen ausgehen, die dumme Eigenschaft haben, nicht homolog zu sein, führen Akteure eine Trennung zwischen dem ein, was sie auf der Vorderbühne darstellen, den anderen erzählen, und dem, was sie auf der Hinterbühne ausführen.

Man kann das auch Heuchelei nennen, aber irgendwie klingt die neo-institutionalistische Darstellung besser.

Wie dem auch sei: Viele Deutsche geben auf der Vorderbühne den Toleranten, den sich an Diversität Freuenden, den Pluralismus-Enthusiasten, den Akzeptanz-Fetischisten, um dann auf der Hinterbühne zum intoleranten Akteur zu werden, dessen einziges Ziel darin besteht, Pluralismus einzuschränken, Diversität zu unterbinden, Akzeptanz auf die Dinge zu beschränken, die ihm genehm sind, und Toleranz für sich einzufordern, aber nicht anderen entgegen zu bringen.

Hier ein paar Beispiele

Die drei Beispiele zeigen, wie vermeinliche Kämpfer für Toleranz, Akzeptanz, Diversität und Pluralismus, das, wofür sie zu kämpfen vorgeben, in ihrem Kampf beseitigen und Gleichstellung betreiben: Gleichstellung des richtigen Mannes, der richtigen Art, wie ein neuer Mann sich zu gerieren hat. Abweichung ist nicht vorgesehen; Gleichstellung der Geschichte, indem Darstellungen vergangener Jahrhunderte gefälscht werden und eine Auseinandersetzung mit anderem Denken verunmöglicht wird, Gleichstellung der sozialen Welt, indem das Recht, bestimmte Lebensstile nicht zu mögen, beseitigt wird.

Es ist schon seltsam, wie emsig die vermeintlichen Pluralisten an der Beseitung von Pluralismus arbeiten, wie sie die Diversität immer dann, wenn sie ihnen nicht passt, durch Normierung des einzig Richtigen beseitigen und Akzeptanz und Toleranz immer da verweigern, wo im Ergebnis soziale Gleichschaltung vermieden würde.

Und ganz schnell sind die Kämpfer mit dem Ruf nach oder dem Entwurf einer Regelung bei der Hand, sind sie bereit, die Einschränkungen, die sie dem Leben anderer auferlegen wollen, verbindlich zu machen. Regelungen und Gesetze sind kodifizierte Handlungserwartungen. Wenn Rassismus unter Strafe gestellt wird, verbindet sich damit die Erwartung, dass niemand mehr rassistisch ist (was immer das auch konkret bedeuten mag). Regelungen sorgen für Sicherheit im Alltagsleben. Die Erwartungen, die man dem Verhalten Dritter entgegenbringt, haben nun eine hohe Wahrscheinlichkeit, erfüllt zu werden. Und damit sind wir am Kern der ganzen Psychose, die viele Kämpfer für Toleranz und Akzeptanz, für Pluralismus und Diversität anzutreiben scheint: Es ist ihre eigene Angst vor den Konsequenzen von Toleranz und Akzeptanz, ihre Angst für Pluralismus und Diversität.

Man stelle sich den Einbruch afrikanischer Lebensfreude in ein schniekes Wohngebiet in Paderborn vor, oder das Erschrecken des Pluralisten, wenn er mit einem Polizeibeamten konfrontiert ist, dessen Eltern aus Angola nach Deutschland gekommen sind. Stellen Sie sich die Schwierigkeit vor, die es dem selbsterklärten Intellektuellen bereitet, seinem Kind bestimmte Darstellungen in Kinderbüchern in ihren historischen Bezügen zu erklären. Schlimmer noch: Was tun, wenn die Tochter einen Freund mit nach Hause bringt, der nach allem äußeren Anschein aus dem Maghreb stammt?

Nein, zuviel Diversität und Pluralismus, zu viel Akzeptanz und Toleranz ist nicht gut für die Seele und den Geist der Kämpfer für Diversität und Pluralismus und Akzeptanz und Toleranz. Zuviel davon bringt ihr inneres Gleichgewicht durcheinander und ihre Angst davor, dass etwas anders als erwartet sein könne, in Wallung. Deshalb: Verbieten, alles verbieten, vor allem Diversität und Pluralismus.

Eigentlich ist es logisch recht einfach zu argumentieren, warum ein allumfassendes Gut wie „Freiheit“, „Diversität“ oder „Pluralismus“ nicht eingeschränkt werden kann, denn es gibt keine %ige Freiheit, kein richtiges Maß für Diveristät und keine korrekte Menge an Pluralismus. Es gibt alles nur uneingeschränkt. Eingeschränkte Freiheit ist keine Freiheit, reglementierte Diversität ist keine Diversität und normierter Pluralismus kein Pluralismus. Wenn logische Zusammenhänge, die derart offensichtlich sind, dennoch nicht eingesehen werden, dann gibt es in der Regel zwei Erklärungen: Entweder die Nicht-Einsichtigen sind krank oder sie wollen Dritte beherrschen. Bitte wählen Sie!

Nagel, Joane (1998): „Masculinity and Nationalism: Gender and Sexuality in the Making of Nations“. In: Ethnic and Racial Studies, Nr. 21, S. 242-269.

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