Antidemokratisches Denken im 21. Jahrhundert: Genderismus

Wir sind über zwei Beiträge auf de.Wikipedia gestolpert, die Androzentrismus und “feministische Wissenschaftstheorie” zum Gegenstand haben. Zumindest die contradiction in terms, die der Begriff “feministische Wissenschaftstheorie” darstellt, wird in einem der nächsten Posts noch einmal Gegenstand auf ScienceFiles sein.

Heute wollen wir jedoch damit beginnen, den zutiefst antidemokratischen und antirationalistischen Kern des Genderismus darzustellen und in den Kontext zu stellen, in den er gehört, den Kontext der Zerstörung von Freiheit und jeder Form freiheitlicher politischer Ordnung.

Dazu reicht es aus, sich die vier Punkte aus dem absurden Unsinn anzutun, die im de.Wikipedia Beitrag zu Androzentrismus in der Wissenschaft stehen:

  • nonsense“Durch den späten Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb sei die weibliche Beteiligung insbesondere an der Grundlagenforschung marginal.
  • Der dadurch automatisch vorherrschende Androzentrismus führe dazu, dass die zu untersuchenden Problemstellungen einseitig ausgewählt und definiert würden. Dadurch sei Wissenschaft nicht universell.
  • Wissenschaftliche Experimente basierten daher auf einseitig gewählten Faktoren.
  • Aufgrund der drei vorhergegangenen Punkte müsse die Objektivität und Rationalität der Wissenschaften infrage gestellt werden, denn auch in den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften seien ausschließlich männliche Sichtweisen und Voreingenommenheiten vertreten.”

Kurz: Wenn ich voraussetze, dass alle so verrückt sind wie ich und überall Geschlecht und seine Wirkung sehen, dann ist überall dort, wo kein Geschlecht und keine Wirkung von Geschlecht diskutiert wird, ein nicht-Verrückter am Werk, und das ist zu bemängeln. Man muss sich diesen Unsinn wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Da wird ernsthaft behauptet, dass Frauen, wenn Sie in Molekularbiologie forschen oder wenn sie Experimente mit radioaktiven Stoffen durchführen, systematisch eine andere Perspektive einnehmen als Männer (deutlicher: das feministische Periodensystem der Elemente begänne nicht bei Wasserstoff und wäre anders angeordnet, hätten Frauen an seiner Entwicklung mitgearbeitet, wenn es überhaupt vorhanden wäre – um Unsinn in seiner ganzen Tragweite zu erkennen, ist es immer hilfreich, sich zu fragen, was der behauptete Unsinn denn nun konkret bedeutet). Und es wird behauptet – und das ist die Kardinalsünde gegen Wissenschaft – dass wissenschaftliche Experimente, wenn sie von Männern durchgeführt werden, nicht objektiv und rational sind, denn bestenfalls sei hier eine “männliche Sichtweise”, eine männliche Rationalität am Werk.

Wir wollen an dieser Stelle nicht den absurden, nicht belegbaren und völlig haltlosen Unsinn diskutieren, dass es männliche und weibliche Rationalitäten geben soll. Es sei an dieser Stelle nur eingefügt, dass die Vielzahl weiblicher Forscher, die am Erkenntnisfortschritt der letzten Jahrhunderte beteiligt war, offensichtlich über die gleiche Rationlität verfügt hat, wie ihre männlichen Kollegen. Der Versuch, zwischen einer männlichen und weiblichen Rationalität zu unterscheiden, ist also offenkudig ein Versuch, die eigenen geistigen Defekte als Normalität auszuweisen.

Es ist kaum möglich, einen größeren Unsinn zu verfassen. Wenn also Männer forschen, dass verfolgen sie ein Forschungsprogramm, wie es z.B. Karl Raimund Popper formuliert hat, und dessen Zeil darin besteht, aus mutigen Antizipationen oder aus vorhandenen Gesetzen Hypothesen abzuleiten und experimentell und an der Realität zu prüfen. Wenn Frauen forschen, dann ist das anders, dann, ja was eigentlich? Dann wird keine Methode benutzt? Dann wird die Welt beschrieben, wie sie dem weiblichen Forscher vorkommt? Dann werden nicht nachprüfbare Beobachtungen, sondern nicht nachprüfbare Empfindungen als Forschungsergebnis festgehalten?

Diese Sichtweise, die man auch als Willkür bezeichnen kann, passt zu Versuchen, die “feministische Wissenschaftstheorie” von der Wissenschaftstheorie abzugrenzen und den Hauptgegensatz darin zu konstruieren, dass Letztere auf das Objekt der Erkenntnis gerichtet ist, während die feministische Travestie auf Wissenschaft auf das Subjekt der Erkenntnis gerichtet sein soll. Anders formuliert: Wissenschaft, die von Menschen betrieben wird, ist an Erkenntnissen über die Welt und die Objekte der Welt interessiert, Pseudo-Wissenschaft, wie sie Feministen betreiben wollen, richtet sich am Forscher aus und behauptet, er und vor allem sein Geschlecht sei relevant. Eine weitere Form, Willkür zum Maßstab zu erheben und Wissenschaft abzuschaffen.

offene gesellschaft bdIIDazu passt auch, was in dem oben bereits genannten Unsinnsbeitrag auf de.Wikipedia über die feministische Wissenschaftstheorie zu lesen steht: Letztere richte sich vornehmlich gegen das Werturteilspostulat und lehne eine Wertfreiheit von Forschung ab. Das macht alles Sinn, denn wenn ich subjektive Willkür als Wissenschaft verkaufen will, wenn ich mich nicht Methoden unterwerfen will, die das, was ich behaupte, nachprüfbar machen, und darüber hinaus nicht Gefahr laufen will, mit meinen Aussagen in Widerspruch zur Realität zu geraten, dann muss ich Wertungen als integralen Bestandteil einer in meinem Sinne richtigen Tätigkeit behaupten, ich muss behaupten, dass etwas schon deshalb richtig ist, weil ich es gesagt habe, ich muss die Subjektivität feiern und Objektivität verdammen, denn Objektivität macht nachprüfbar, gibt anderen die Möglicgkeit, meine subjektiven Erkenntnisse zu hinterfragen. Das beschriebene Vorgehen hat mit Wissenschaft dann allerdings soviel gemeinsam wie staatsfeministe Ideologen mit körperlicher Arbeit, es ist Ideologie, nicht Wissenschaft.

Wir, in der Wissenschaft, wir benutzen übrigens den Begriff der Objektivität seit ca. Mitte der 1960er Jahre, als der Werturteilsstreit die deutsche Wissenschaft nicht zum ersten Mal heimgesucht hat, als Korrektiv. Da Objektivität nicht zu erreichen ist, verpflichten wir Wissenschaftler uns der intersubjektiven Nachprüfbarkeit, d.h. wir beschreiben unsere Forschung und unserer Vorgehensweise, nutzen Methoden, die gewährleisten, dass andere Wissenschaftler nachvollziehen können, was wir getan haben.

Vermeintliche Wissenschaft, die ein derartiges Vorgehen ablehnt, Pseudo- oder feministische Wissenschaft, die sich auf das Subjektive stürzt, werten will und ansonsten die Willkür feiert, ist keine Wissenschaft. Sie erfüllt nicht die Grundanforderungen an Wissenschaft, und entsprechend fragt man sich, was Feministen an Universitäten machen, wozu es Genderlehrstühle, die auf der behaupteten und niemals belegten Relevanz von Geschlecht basieren, überhaupt gibt [Warum wir diese Lehrstühle nicht brauchen, hat Dr. habil. Heike Diefenbach in einem Post umfassend und bislang unbestritten begründet.]

Nun, die Antwort auf die Frage, wozu Genderlehrstühle, wozu Genderismus und die Verankerung solch absurder Dinge wie “feministischer Wissenschaftstheorie” an Universitäten gut sein soll, kann mit Kurt Sontheimer gegeben werden: Derartige antidemokratische Ideologien, denn darum handelt es sich, waren immer dazu da, um demokratische Grundlagen zu zerstören. Wissenschaft basiert auf Freiheit, darauf, dass jede Idee denkbar und prüfbar ist und anhand ihrer empirischen Bewährung bewertet wird, also nach Abschluss der Forschung und für alle anderen Forscher nachvollziehbar. Wer diese Grundlagen von Wissenschaft beseitigt, beseitigt mehr als die Möglichkeit, Wissenschaft zu betreiben, er beseitigt die demokratischen Grundlagen und damit die Freiheit der gesamten Gesellschaft.

Sontheimer“In dieser Unterordnung der Vernunft unter das sogenannte Leben [heute unter Geschlecht, s.o.] lag eine Entscheidung, durch die man sich jeder sinnvollen und geistig verantwortbaren Einwirkung auf die Verhältnisse beraubte. Mit der Aufgabe der Führungsrolle des Geistes, der gewiß nicht als dürre ratio verstanden werden muss, war darum eine entscheidende Bastion gefallen, die ein Überhandnehmen des kurlturellen und politischen Barbarismus hätte aufhalten oder wenigstens diagnostizieren können. So aber wurde der Geist zum Handlanger der Politik, und der politische Denker schuf mit an der Gestaltung eines politischen Klimas, in dem auch nur der Anruf der regulativen Funktion der Vernunft eine Blasphemie zu sein scheint.” (Sontheimer, 1968, S. 55).

Die Gemeinsamkeiten dessen, was Sontheimer hier beschreibt, mit dem Genderismus sind unübersehbar, sie sind so offenkundig, dass es einem friert, wenn man daran denkt, dass Sontheimer hier jenes deutsche Denken beschreibt, das nicht nur die Weimarer Republik erledigt, sondern den Nationalsozialismus ermöglicht und getragen hat.

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10 Responses to Antidemokratisches Denken im 21. Jahrhundert: Genderismus

  1. Marco says:

    “Die Methode der Wissenschaft ist die Methode der kühnen Vermutungen und der erfinderischen und ernsthaften Versuche, sie zu widerlegen.” (Popper)

    Es ist sicher keine unnatürliche Vermutung, dass die Kühnheit und die Art der Vermutungen von den jeweiligen Lebensumständen des Wissenschaftlers geprägt sind. Ob sich daraus allerdings eine “weibliche” Art des Theorienentwurfs und des erfinderischen Testens dieser Theorien herleiten lässt? Immerhin könnte man diese Idee vielleicht operationalisieren und prüfen. Aber das ist sicher nicht das, was die Vertreter der “feministischen Wissenschaft(stheorie)” im Sinn haben.

    • rjb says:

      Wie soll denn die Kühnheit der Vermutungen von den Lebensumständen des Wissenschaftlers abhängen? Etwa so, daß turbulente Lebensumstände (in die der Betreffende sich auch aus eigenem Antrieb begeben haben kann) zu entsprechend kühnen Vermutungen inspirieren? Oder so, daß langweilige äußere Lebensumstände die Ruhe zum Ausbrüten kühner Vermutungen schaffen? Oder mal so, mal so? Dann hat sich aber die Vermutung vom Zusammenhang zwischen Lebensumständen und Kühnheit der Vermutungen in genau die heiße Luft aufgelöst, die sie m.E. ist. Der genderistische Blödsinn, in dem “Frauen” wahlweise alles genauso gut können wie “Männer” oder es eben doch nicht können, aber nur deshalb, weil es “die Männer” verhunzt haben und es irgendwie ganz anders gemacht werden müßte (wobei aber mehr als Geschwätz über irgendwelche traumtänzerischen Wunschvorstellungen nicht herauskommt), ist natürlich noch ein paar Stufen dämlicher.

      • Marco says:

        Der Entwurf einer kühnen Theorie ist nicht durch Fakten und Logik alleine determiniert, die individuellen Vorlieben und Fähigkeiten des Forschers spielen dabei eine wichtige Rolle. Genau darum verwendet Popper ja die subjektiv wertenden Adjektive “kühn” und “erfinderisch”. Ich halte es für durchaus möglich, dass man die Einflüsse, den die individuellen Vorlieben und Fähigkeiten eines Wissenschaftlers auf seine Theorienbildung hat, untersuchen kann. Einig sind wir uns doch hoffentlich darin, dass sich die Lebensumstände einer ganzen Reihe von Forschern an einigen Universitäten so verändert haben, dass der Entwurf von kühnen Theorien sich erschwert hat und es noch schwieriger geworden ist, Theorien erfinderisch und ernsthaft zu widerlegen.

  2. Bill says:

    dazu passt sehr gut dieses Highlight:
    http://www.hastac.org/blogs/ari-schlesinger/2013/11/26/feminism-and-programming-languages
    (über fefe: http://blog.fefe.de/?ts=ac52a89f). Sehr schmerzhaft obwohl es nach Satire aussieht (Poe?).

  3. Meier, Hans (Kempten) says:

    Wie so oft hier eine treffende Analyse, wie so oft hier muss der Leser dankbar sein dafür, dass der genderismus nicht nur für sich selbst allein auseinandergenommen, sondern auch in einen größeren Zusammenhang gestellt wird.

    M.E. ist damit der zentrale ein Teil des Problems getroffen: Es gibt eine bestimmte Art nach Unmündigkeit und Bevormundung sch sehnenden Denkens, das durch solche Richtungen bedient wird. Das eine ist deren aktuelle Erscheinung, der genderismus, das andere ist dieses Bedürfnis nach Unterwerfung und Selbsteinordnung selbst.

    Es reicht wahrlich nicht, den genderismus allein in den Blick zu nehmen.

    Und auch diejenigen, die ihn verbreiten, sollten nicht nur inhaltlich kritisiert werden. Wenn es ihnen um MACHT geht über gehorsame Opportunisten, ist ihnen die Ideologie, mit deren Hilfe sie die Opportunisten (und Masochisten?) unterwerfen können, eher gleichgültig. Dann ist nicht so sehr der Inhalt das Problem als die Form seiner Verbreitung und Durchsetzung. – Aber natürlich muss der Inhalt auch dazu geeignet sein, den Opportunisten mitzuteilen, wie ihr Gehorsam auszusehen hat.

    Aber ob das die christliche Sündenlehre ist oder der genderismus – macht das auch Sicht der MACHT wirklich einen Unterschied?

    • qed says:

      “Es reicht wahrlich nicht, den genderismus allein in den Blick zu nehmen.”

      DAS ist die Wahrheit, nichts als die bittere Wahrheit!
      Der upside- down implementierte Staatsgenderismus fordert nichts Geringeres, als daß sich ihm sämtliche Politikfelder, sämtliche Lebensbereiche unterordnen- trefflich bereits von Bock beschrieben:

      http://www.kellmann-stiftung.de/index.html?/beitrag/Bock_Gender.htm

      Somit sind die Versuche sog. ‘linker Männerrechtler’, isoliert Frauenbevorzugungen und Männerbenachteiligungen zu bekämpfen und ansonsten weiter in sozialistischen Träumereien zu schwelgen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn nichts Geringeres als die sozialistische Totalkollektivierung unter der Führung von elitären Politkommissaren, also linker Urschleim verbirgt sich hinter dem bewußt unverständlich gehaltenen Label ‘Gender Mainstreaming’.
      Es ist die Tragik der Geschichte, wenn die sozialistischen Weltrevolutionäre unter diesem Tarnmäntelchen erfolgreich selbst konservative Parteien mit ihren ‘white knights’ unterwandern und auf ‘links’ bürsten konnten und mit denselben Ingredienzien wird jetzt das Projekt ‘Umvolkung’ vorangetrieben. Das Erwachen wird grausam sein!

  4. caruso says:

    Ich denke, in der Methodik der Forschung ist es egal, ob man Manderl oder Weiberl ist. Was die Fragestellung betrifft, halte ich es für möglich, daß das einen Unterschied ausmacht. Schließlich sind Manderl und Weiberl unterschiedlich (anders wäre es ja schlimm!) und sehen die Welt – beiweitem nicht in allem, doch in einigem – anders. Das kann auch schwerlich anders sein. Der Hirnforscher Antonio Damasio et.al. haben bewiesen, daß man ohne Gefühle nicht richtig denken, sich entscheiden kann. Nachzulesen u.a.in seinem Descarte’s Irrtum. Nachdem die Gefühle eines Menschen u.a. durch Hormone beeinflußt werden, die Verteilung der Hormone aber bei Manderl und Weiberl ein wenig anders ist, könnte ich mir vorstellen, daß die Fragestellung. die Wahrnehmung und einige wenige andere Dinge auch ein wenig unterschiedlich sind. Das sind Gedanken eines alten Weiberls. Den Gender-ismus halte ich, wie alle -ismen, für einen Blödsinn.
    lg
    caruso

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  6. Pingback: (Anti-)Genderismus bald im Duden? | Kritische Wissenschaft - critical science

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