Samenspender: vertrauenswürdig, jung – und naiv?

Die Erlanger Samenbank der ivf-Gesellschaft zur Förderung der Reproduktionsmedizin mbH hat unter “Begleitung der Universität Erlangen-Nürnberg” eine Studie durchgeführt, die u.a. den Fragen nachgeht: Wer, warum seinen Samen spendet (das “wie” der Onanie, lassen wir außen vor).

BogofWir haben diese Studie zum Anlass genommen, um uns ein wenig mit diesem Thema zu befassen – zunächst mit dem, was der als PR-Studie bezeichneten Studie vorgelagert ist – das Angebot:

“Die Erlanger Samenbank such vertrauenswürdige junge Männer als Samenspender, die mit ihrer Samenspende Paare unterstützen, die den eigenen Kinderwunsch auf anderen Wegen nicht erfüllen können”.

SeifenspenderMan sieht hier die Macht der Kultur, denn ein Kinderwunsch als solcher ist biologisch nicht vorhanden, sondern kulturell vorgegeben und die kulturelle Vorgabe ist für manche so stark, dass sie sich einreden, sie hätten einen Kinderwunsch. Dass wir es hier mit einer kulturellen Determinante zu tun haben, zeigt sich schon daran, dass Kinder als Produkt betrachtet werden, dessen Herstellung dann, wenn die eigene Leistungsfähigkeit nicht ausreicht, mit Hilfe anderer, mit Hilfe von Ärzten und Samenspendern in Angriff genommen wird. Dies zerstört auch die Idee eines egoistischen Gens, denn ein egositisches Gen will sich fortpflanzen und ist entsprechend auf die Fortpflanzung und nicht das Produkt der Fortpflanzung fixiert.

Doch weiter im Text: Wer ist ein vertrauenswürdiger Spender?

Ein vertrauenswürdiger Spender ist

  • gesund,
  • hat also keine Allergien, keine Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, keine Epilepsie, kein Rheuma, keine Schuppenflechte, kein Asthma, keinen Herzfehler, keine psychischen Erkrankungen und keinen hohen Blutdruck.
  • Er pflegt eine gesunde Lebensweise hat keine häufig wechselnden Sexualpartner, nimmt keine Drogen, trinkt nicht zu viel Alkohol, raucht nicht.
  • Das Aussehen des Samenspenders ist zunächst [!sic] kein Kriterium, was heißt, später schon.
  • Er ist zwischen 20 und 50 Jahren alt.

Für die Samenspende in Erlangen gibt es eine kleine Vergütung:

“Die Samenspende ist eine soziale, freiwillige Leistung, die nicht bezahlt wird. Sie erhalten ein wenig Geld für ihre Samenspende, eine Aufwandsentschädigung als finanzielle Gegenleistung für ihre Zeit, die Sie auf Anfahrtswegen und bei der Samenspende für uns aufbringen”.

Die Entschädigung beträgt insgesamt 630 Euro. Durch Samenspenden wird man also nicht reicht, als Spender jedenfalls nicht. Was die Frage aufwirft, warum jemand Samen spendet. Dazu gleich mehr. Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, hier noch die rechtlichen Probleme, die sich mit dem Samenspenden verbinden:

Die Antworten auf die rechtlichen Fragen sind bei der Erlanger Samenbank vom Satz eingeleitet: “Eine anwaltliche Beratung können wir als juristische Laien allerdings nicht leisten und nicht ersetzen”. Das heißt im Klartext: Welche rechtlichen Probleme dem Samenspender durch seine Spende auch immer entstehen mögen, die Erlanger Samenbank fühlt sich dafür nicht zuständig und nicht verantwortlich.

Generell gehen alle Gefahren für den Spender vom Kind aus, das er ermöglicht hat:

  • Das Kind kann die Identität des Samenspenders lüften.
  • Unterhalts- und Erbansprüche des Kindes richten sich, so die laienhafte Meinung der Samenbanker, “primär an die gesetzlichen Eltern”. An wen sie sich sekundär richten, wird leider nicht gesagt.
  • Und weiter: “Allerdings können der Spender und seine Erben nach der heutigen Rechtslage nicht vollständig vor möglichen … Ansprüchen eines von seiner Samenspende abstammenden Kindes … geschützt werden”.

Sein Samen ihr KindWir fassen zusammen: Wer seinen Samen spendet muss gesund und ansonsten nicht weiter auffällig sein (also z.B. nicht rauchen), er muss zunächst nicht gut aussehen, später dann schon, er bekommt eine kleine Aufwandsentschädigung für seine Spender-Mühen und wird ansonsten von den Erlanger juristischen Laien mit den rechtlichen Konsequenzen, die ihm blühen können alleine gelassen und an den eigenen Anwalt verwiesen. Kurz: Der Spender hat auf seiner Seite alle Nachteile, diejenigen, die von seiner Samenspende profitieren als Eltern oder als Samenbank, haben alle Vorteile, und da sich der Samenspender damit abspeisen lässt, dass Samenspende eine “soziale, freiwillige Leistung” ist, bleibt der gesamte Profit wohl bei der Erlanger Samenbank und der ivf-Gesellschaft zur Förderung der Reproduktionsmedizin mit beschränkter Haftung, denn in-vitro-Fertilisation ist offensichtlich weder sozial noch freiwillig, sondern folgt allein den Motiven der Gewinnmaximierung (sonst würde man Spender ordentlich bezahlen und rechtlich vor Ansprüchen der Kinder schützen).

Die Frage, wer sich auf einen solchen Deal einlässt, bei dem ihm alle Risiken aufgebürdet werden, stellt sich umso dringlicher.

Hier die Antworten aus der oben angesprochenen Studie. Die Antworten beruhen auf den Aussagen von 80 Spendern im Großraum Nürnberg-Erlangen. Die Ergebnisse sind entsprechend in keiner Weise repräsentativ, vermitteln aber dennoch einen Eindruck davon, wo man die vertrauenswürdigen und jungen und vor allem naiven Spender findet und was sie motiviert:

  • 57,5% der Samenspender sind 20 bis 29 Jahre alt, 11,3% 40 bis 49 Jahre.
  • 15% der Samenspender sind verheiratet, 47,5% leben unverheiratet in einer Partnerschaft, 37,5% sind ledig;
  • 40% der Samenspender haben ein Studium absolviert, 18,8% ein Abitur und 23,8% eine mittlere Reife erreicht.

Erlanger-SamenbankNaivität und Unbedarftheit gegenüber rechtlichen Problemen, die mit der eigenen Spende einhergehen können, finden sich demnach am ehesten bei vermeintlich Höhergebildeten. Offensichtlich haben Akademiker zudem einen höheren Druck, ihren Samen zu verteilen, um z.B. einen empfundenen Deprivationsdruck abzubauen (schon weil sie keine häufig wechselnden Sexualpartner haben dürfen). Wie auch immer, was bewegt die durchschnittlich zumindest formal Höhergebildeten dazu, ihren Samen zu Dumpingpreisen zu verschleudern?

  • 32,1% geben “Hilfe” als Motiv an, 17,9% wollen an der Schöpfung teilhaben und 20,4% sind der Meinung, Kinder seien etwas wundervolles, obwohl sie durch ihre Samenspende dafür sorgen, ihre Kinder in Obhut Dritter zu belassen.

Blickt man etwas genauer auf die drei Motive und stellt dabei in Rechnung, dass die Motive Vorgaben sind, die 80 Samenspender, die befragt wurden, also keine Möglichkeit hatten, etwas Anderes als Vorgegebenes zu antworten, dann ergeben sich folgende Hauptmotivationen:

  • Thema Hilfe: “Ich helfe aus Nächstenliebe gegenüber kinderlosen Paaren” und “Ich spende an der Samenbank, da man mit einfachen Mitteln anderen helfen kann”.
  • Thema Schöpfung teilhaben: “Ich finde es toll, dass durch die Samenspende Kinder mit meinen Zügen (z.B. Körper, Charakter) geboren werden”.
  • Thema Kinder sind etwas Wundervolles: “Ich spende Samen, damit Andere das Glück eines Kindes erfahren”.

Ist das nicht rührend? Samenspender spenden, damit andere das Glück eines Kindes erfahren, das jedoch die Züge des Spenders hat (Charakter und Körper), und Samenempfänger kaufen quasi die Katze im Sack, ein Überraschungsei, dessen Inhalt man erst mit der Zeit in voller Größe und Ausmaß erkennt. Als Rache können diejenigen, die im elterlichen Erkenntnisprozess verhaftet sind, dann das wundervolle Kind, das ihnen dank moderner Technologie verkauft wurde, nutzen, um die Identität des Spenders ausfindig zu machen und denselben mit Ansprüchen (Rechte des Kindes) zu konfrontieren.

Stellt sich abschließend die Frage, ob man als Spender wirklich so naiv und von kulturellen Vorgaben dirigiert sein kann, so leer, dass man tatsächlich denkt, die Onanie bei der Samenbank entspreche einer “Teilhabe an der Schöpfung”? Und der hohe Anteil an Akademikern ist eher verstörend, denn Akademiker sollten über andere Formen der Teilhabe an der Schöpfung verfügen. Wie auch immer, man darf natürlich nicht vergessen, dass die Antworten vorgegeben wurden und von den befragten 80 Spendern nur geratet werden konnten. Bleibt letztlich noch nachzutragen, dass sich die Mehrzahl der Spender rechtlich ausreichend aufgeklärt fühlt und dahingehend keinerlei Bedenken hat. Man sieht, schon die Beratung durch die selbsterklärten Laien von der Erlanger Samenbank führt zu dem Gefühl ausreichender Aufklärung, was letztlich als Erklärung für die Samenspende nur die Abhängigkeit von kulturellen Vorgaben und eine unglaubliche Naivität übriglässt. Das sind dann wohl die Charakterzüge, die die Spender an die nächste Generation weitergeben.

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4 Responses to Samenspender: vertrauenswürdig, jung – und naiv?

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  2. Krake says:

    “Dies zerstört auch die Idee eines egoistischen Gens, denn ein egositisches Gen will sich fortpflanzen und ist entsprechend auf die Fortpflanzung und nicht das Produkt der Fortpflanzung fixiert.”

    Gut auf den Punkt gebracht. Wobei das “egoistische Gen” bei den samenspendenden Männern als Idee existiert, wenn sie Kinder mit ihren Zügen in die Welt setzen wollen – maximale Streuung des eigenen genetischen Materials bei minimalen Aufwand. So haben es die Halb-Akademiker wohl bei Dawkins et al. gelernt 😉

    Über die Konsequenzen ihren eigenen Handelns – das also ihr genetisches Material im Sinne des menschlichen Genpools vielleicht besser gar nicht so weit gestreut werden sollte, inzestuöse Verbindungen begünstigt werden (Kinder die ihre Eltern nicht kennen gehen eine Verbindung ein…) und sie selbst belangt werden können (Unterhalt) – denken sie wohl weniger nach. Und das durch ihr Handeln bzw. Angebot auch Kinder zu (Lifestyle-)Produkten degradiert werden ist sowieso eine Abstraktionsebene zu viel. Beispiel aus der Praxis:

    “Flaschen verwechselt: Frau verklagt Samenbank wegen falscher Lieferung”

    “Eine lesbische Frau aus Ohio wollte das Sperma eines weißen Mannes, bekam aber das eines schwarzen. Nun verklagt sie die Samenbank. Zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter.”

    http://www.spiegel.de/panorama/samenbank-frau-erhielt-sperma-eines-schwarzen-und-klagt-a-994942.html

  3. kaivonderkueste says:

    Dazu passt der mir bis vor kurzem unbekannte Markt für Embryonenspenden. Eltern(?) zahlen zigtausende von Dollar für Embryonen, die bei IVF übrig geblieben sind. In Tschechien soll es eine Klinik geben, die nicht mit übrig gebliebenen, sondern nach Katalog aus Eizell- und Spermaspenden (die Spender erhalten ein geringes Entgelt) erstellten Embryonen ein gutes Geschäft macht.

    kai

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