Forcierter Brain-Drain – Hochschulen wird der Garaus gemacht

Zwei Meldungen, scheinbar ohne Bezug zueinander, machen deutlich, wie normal es schon geworden ist, dass Hochschulen im Allgemeinen und wissenschaftliche Forschung im Besonderen von außen gesteuert werden.

Die eine Meldung ist ein Streitgespräch, das unter der Überschrift “Mehr Mitspracherecht in der Forschungsförderung” auf Academics.de veröffentlicht wurde. Gestritten wird darin über die Frage, ob NGOs, die auf Umweltverbände und Kirchenleute reduziert werden, Einfluss auf die Vergabe öffentlicher Fördermittel an Universitäten haben sollen.

Zentral in diesem Streitgespräch zwischen Günter Stock, dem Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, und Uwe Schneidewind, dem Leiter des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie ist die folgende Passage:

“Stock: Regierungen und Parlamente haben die Aufgabe, gesellschaftliche Anliegen zu sortieren. Wenn ich diese Rolle jetzt teilweise den Nichtregierungsorganisationen, den NGOs, übertrage, dann frage ich: Was legitimiert sie? Mich stört, dass die Zivilgesellschaft mit organisierten Ökoverbänden gleichgesetzt wird. Und dabei lasse ich mich nicht in die Ecke der Technokraten stellen. Als wir Wissenschaftler in Brüssel dafür gekämpft haben, dass im neuen Rahmenprogramm wieder geistes- und sozialwissenschaftliche Themen eine Rolle spielen, da standen wir ziemlich allein. Das waren für die NGOs auch nur Begleitthemen. Also: Wer ist das, die Zivilgesellschaft?

Schneidewind: Zu klären, wer sie in der Forschung vertreten soll: Das ist schon ein Teil der Auseinandersetzung, die wir brauchen. Ich verstehe Ihre Abwehr einfach nicht. Pluralisierung ist doch immer ein Gewinn, selbst für die Grundlagenforschung sind Impulse aus der Gesellschaft inspirierend. Ohne sie gäbe es zum Beispiel kein Max-Planck-Institut für Altersforschung.”

greenpeace_genmais_Was also erreicht werden soll, ist die Mitsprache von z.B. Umweltverbänden darüber, wer für welche Projekte öffentlich gefördert wird. Das findet Uwe Schneidewind wichtig, denn “Pluralisierung ist doch immer ein Gewinn”, und Günter Stock findet es nicht in Ordnung, denn NGOs, also Umweltverbände im vorliegenden Fall, sind ja nicht demokratisch legitimiert. Im Gegensatz zu Parlamenten und Regierung, deren Einflussnahme auf den Gegenstand von Wissenschaft und Forschung Stock offensichtlich in Ordnung findet.

Nun, wir finden ihn nicht in Ordnung, und die Einflussnahme von NGOs auf Forschung fänden wir verheerend. NGOs, das sind die Interessenverbände, die über keinerlei demokratische Legitimation verfügen und bereits heute von UN, Weltbank und EU hofiert und finanziert werden, um als Claqueure für die entsprechenden Politiken aufzutreten. Wieso man ihnen einen Einfluss auf die Vergabe öffentlicher Forschungsmittel zugestehen sollte, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, warum man ausgerechnet Parlamenten und Regierungen einen entsprechenden Einfluss gewährt hat. Wie war das noch einmal mit der Freiheit von Forschung und Lehre und der akademischen Selbstverwaltung?

Was herauskommt, wenn man Politikern und Regierungen einen Einfluss auf Forschung und Lehre einräumt, kann man jederzeit am Beispiel des Professorinnenprogramms und all der ungezählten Landesprogramme, die angeblich Frauen an Hochschulen gleichstellen sollen, während sie Männer diskriminieren und die an Hochschulen zumindest als regulatives Prinzip herrschende Meritokratie zerstören, sehen.

Deshalb ist es erschreckend, wenn im Bundestag darüber diskutiert wird, dass dem Bund die Möglichkeit gegeben werden soll, in Zukunft “dauerhaft in Hochschulprojekte von überregionaler Bedeutung investieren” zu können. Kurz: Hochschulen sollen noch mehr als dies bisher ohnehin schon der Fall ist von selbtsernannten Dirigenten gesteuert werden, die Einfluss auf die Forschung und die Lehre nehmen wollen und dies angeblich nur tun, um “bestehende Barrieren des Wissenschaftssystems zugunsten einer verbesserten Zukunftsperspektive für Hochschulen” aufzubrechen.

ran-an-den-speck-attacDie beste Methode, um Freiheit zu zerstören, war es schon immer, die Einschränkung der Freiheit als Hilfe zu verkaufen. Entsprechend wird das “Aufbrechen der Barrieren” mit erhöhter Einsprache in die Belange von Hochschulen und erhöhter Abhängigkeit von und Kontrolle durch politische Akteure einhergehen. Wer Forscher sein will, ist entsprechend bestens beraten, sich im angelsächsischen Ausland oder in Asien um eine Forschungsförderung zu bemühen.

Denn man muss kein Prophet sein, um die Forschung vorherzusehen, die nach Einflussnahme von Bund, Umweltverbänden und anderen NGOs auf die Hochschulen gefördert werden wird – Projekte wie die folgenden:

  • Die geschlechtersensible Nutzung von Schlaglöchern auf deutschen Autobahnen: eine qualitative Langzeitstudie unter Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma – gefördert vom BMBF;
  • Traumatische Kindheit: Wie Kinder damit umgehen, dass Homer Simpson im Atomkraftwerk arbeitet – gefördert vom Kinderschutzbund;
  • Die Ästhetik des Windrads: Wie man die Wahrnehmung von Windrädern bei ihren Gegnern verändert – gefördert vom Bund für Umwelt und Naturschutz;
  • Meinungsfreiheit und Verantwortung: Vom Missbrauch der Meinungsfreiheit durch Kritik – gefördert von der Friedrich-Ebert und der Heinrich-Böll-Stiftung;
  • Urahne, Großmutter, Mutter und Kind: Entwicklung eines Mehrgenerationenautos – gefördert durch das BMFSFJ und die Heinz-Erhard-Stiftung;
  • Und er bewegt sich doch: Recycling von schwerem Bundeswehrgerät im Rahmen der Initiative “Schwerter zu Pflugscharen” – gefördert durch das Öko-Institut Freiburg;
  • Der ewige Banker – Eine sozialhygenienische Darstellung des Parasiten durch die Jahrhunderte – gefördert von Attac;
  • Smart-Cruz: Ein Device, der Raucher im Umkreis von 1000 Metern von einem Kind aufspürt und über Twitter und andere soziale Netzwerke verbreitet – gefördert von der Deutschen Krebshiilfe;
  • Schneller Brüter – Automatische Fertilisation zur Beseitigung der Geburtenkrise – gefördert von Pro Leben;
  • Richtig Bestechen und richtig bestechen lassen. Fortbildung für FIFA-Funktionäre – gefördert vom Sepp Blatter Fonds und FIFA;

Wenn man die Zivilgesellschaft an der Vergabe von öffentlichen Forschungsmitteln beteiligen will, dann spricht nichts dagegen, die öffentlichen Fördergelder in einen Fonds zu stecken, um dessen Mittel sich Wissenschaftler mit einer Darstellung ihrer Projekte bewerben, über die wiederum im Internet abgestimmt wird. Wieso Interessengruppen und -verbände, die bestenfalls einen kleinen Teit der Zivilgesellschaft repräsentieren, mitbestimmen sollten, ist nicht nachvollziehbar – warum sie das wollen, schon eher: um ihre Interessen durchzusetzen und als Interessen aller zu verkaufen.

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3 Responses to Forcierter Brain-Drain – Hochschulen wird der Garaus gemacht

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Forcierter Brain-Drain – Hochschulen wird der Garaus gemacht | netzlesen.de

  2. patzer says:

    OT Hörtipp.Martenstein über Feminismus.Ganz frisch!
    https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/martenstein/index.html

  3. Chaeremon says:

    Der “externe” Einfluss auf die Vergabe öffentlicher Fördermittel ist doch nur eine natürliche Konquenz, genauso wie bei immer mehr und leckeren Müllbergen die Krähen und Möwen ganz natürlich angelockt werden.

    Die angebliche Grundlagenforschung hat sich doch schon vor Jahrzehnten von wissenschaftlichen Zielen befreit, z.B. ist zu befürchten dass, bevor Ebola wirksam bekämpft werden kann, lange vorher eine Raumsonde ein Selfie schiesst auf dem die Sonde vor einem völlig unsichtbaren Schwarzen Loch im Weltraum fliegt (etc). Und damit bis dahin die Steuerzahler nicht an Langeweile zugrunde gehen wird er/sie/es im Staatspropaganda TV umfassend darüber aufgeklärt welchen unchristlichen Aberglauben die völlig unbekannten Totengräber der Nebra Scheibe gefröhnt gewollt haben müssen.

    An derart geistigen Abfallhaufen, welche kinderleicht und ohne irgendwelchen wissenschaftlichen Widerstand erzeugt werden, wollen sich, natürlicherweise, auch viele anderen Krähen und Möwen laben, denn selbst die einfachsten Akademiker haben Neider wenn es um Fördermittel geht. Wer könnte das den Krähen und Möwen verdenken, es sieht doch alles so einfach aus …

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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