Ein Volk von Hysterikern!?

Eine Erinnerung, die sich immer wieder gut als Anekdote macht, stammt aus unserer Leipziger Zeit. Zurück vom Landgericht und auf dem Weg zur Universität wollten wir einen Abstecher in unsere Wohnung machen. Das erwies sich als schwierig, denn der Zugang zum Haus wurde von maskierten, schutzbeanzugten Feuerwehrmännern, wie sich herausstellte, versperrt. Man habe einen aufgeregten Anruf erhalten. Im Aufzug sei Anthrax endeckt worden.

anthraxRichtig, die Anekdote stammt aus dem Jahre 2002 und ist ein weiterer Beleg der damals existierenden Anthrax-Phobie, die dazu geführt hat, dass selbst der letzte Normalo, der in seinem Leben noch nie durch ein kritisches Wort aufgefallen ist, der Ansicht war, er sei das auserwählte Ziel von Osama bin Laden und erhalte deshalb ein Geschenk: Anthrax.

Das Anthrax im Aufzug hat sich als Mehl herausgestellt. Eine einfache Geschmacksprobe hat genügt, dieses Faktum zu etablieren, und die Jungs von der Leipziger Feuerwehr waren einmal mehr umsonst ausgerückt.

Die Episode damals hat uns in Anwendung der Theorie sozialer Identität von Turner und Tajfel zu der Überzeugung gebracht, dass es eine Anzahl von Deutschen gibt, die ihre Unsichtbarkeit, ihre Irrelevanz im täglichen Leben und die damit einhergehende fehlende Selbstwirksamkeit dadurch zu kompensieren suchen, dass sie sich zum auserkorenen Ziel hinterhältiger Angriffe stilisieren, denn: Wer Ziel von Anschlägen ist, der muss wichtig sein. Bestes Mittel diese Selbstwirksamkeit zu erreichen und zugleich ein Mittel, das die vergangenen Jahrhunderte Frauen zugewiesen haben, (so ändern sich die Zeiten) ist die Hysterie.

Diese Form der Selbstwirksamkeit durch Hysterie scheint eine Charaktereigenschaft zu sein, die von vielen Deutschen geteilt wird – ein Umstand den Frederick Perls im Konzept der “neurotische Gesellschaft” in weitgehend derselben Weise beschrieben hat.

PerlsDiese Charaktereigenschaft macht sie dermaßen leit- und lenkbar, dass es jedem, der an die Freiheit von Willen und Meinung glaubt, die Tränen in die Augen treiben muss, denn im Gegensatz zu Pavlovs Hund muss man diesen Deutschen ihre Hysterie als Reaktion auf fehlende Selbstwirksamkeit nicht antrainieren und mit Leckerli versüssen, nein, sie sind von sich aus programmiert und benötigen keine externe Belohnung für ihre hysterischen Attacken.

Und so schafft es dann, eine “islamistische Terrordrohung”, einen Karnevalsumzug zu verhindern, eine islamistische Terrordrohung, die vom “Staatsschutz” kommt, die zur Polizei gelangt ist, und die so gefährlich ist, dass man sie in keinerlei Hinsicht an diejenigen weitergeben darf, die davon betroffen sind. Wäre es nicht einer freien Gesellschaft angemessen, dass der Staatsschutz und die Polizei in Braunschweig, die Drohung im Wortlaut und um ihre angeblichen Erkenntnisse angereichert, öffentlich machen und so jedem die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, ob er sich bedroht fühlen will oder nicht?

Nicht in Deutschland. Hier muss es reichen, dass die um Bürger angeblich besorgten Institutionen des Staates entschieden haben, dass die Drohung ausreicht, um 250000 erwartete Besucher nach Hause zu schicken. Und man kann sicher sein, dass sich unter denen, die nach Hause geschickt werden, eine Anzahl von wichtigen Persönlichkeiten befindet, die jede Art von Verständnis für den Schutz haben, der ihnen da angedeihen gelassen wird.

So zum Beispiel der Chefredakteur der Braunschweiger Nachrichten, Armin Maus, der Folgendes von sich gibt:

“Polizei und Stadt hatten keine Alternative. Sie mussten die konkrete Anschlagsdrohung ernst nehmen, sie durften keine Menschenleben riskieren. Wie groß die Gefahr wirklich war, werden erst die Ermittlungen zeigen. Aber selbst wenn sich herausstellen sollte, dass lediglich die Idiotie fehlgeleiteter Scherzbolde im Spiel war, bliebe die Absage richtig. Die klare Entscheidung von Polizeipräsidenten Michael Pientka und Oberbürgermeister Ulrich Markurth für die Sicherheit und gegen jedes unnötige Risiko verdient allen Respekt – dass dies keine leichte Entscheidung war, liegt auf der Hand.”

Die konkrete Anschlagsdrohung, die Maus im zweiten Satz verkündet, ist im fünften Satz zur Möglichkeit eines Faschingsscherzes geworden, was ein bezeichnendes Licht auf die angeblich konkrete Drohung wirft. Aber noch bezeichnender ist das Licht, das die Drohung mit einem Faschingsscherz auf angebliche Journalisten wie die Maus aus der Braunschweiger Zeitung wirft, Journalisten, die sich beeilen, mit der Staatsmacht im Gleichschritt zu laufen, die Entscheidungen zu begrüßen und bloß nicht zu hinterfragen, statt dessen ihren Lesern eine korrekte Interpretation vorzugeben, deren wichtigster Bestandteil die Aussage ist: Wir sind bedroht.

Nicht nur das “Unser Land ist verletzbar” so weiß Maus, und zwar dehalb, weil in Paris und in Kopenhagen Anschläge verübt worden sind, woraus man eigentlich das Gegenteil schließen müsste, denn dass in Dänemarkt und Frankreich Anschläge verübt werden und nicht in Deutschland zeigt gerade das Gegenteil dessen, was Armin Maus sehen will (Im Irak werden täglich Anschläge verübt, muss daraus auch geschlossen werden, dass unser Land verletzbar ist, Herr Maus?)

ak47_02Dass Maus die Verletzbarkeit sehen will, ist dem Hysterie-Komplex geschuldet, der oben angesprochen wurde. Wir Deutsche, wir sind wieder wer, denn wir sind verletzbar, Ziel von Anschlägen, potentielle Opfer islamistischer Terroristen, die sich die Hände reiben und darauf freuen, Armin M. oder Ulrich M. höchstpersönlich die Kalaschnikow unter die Nase zu halten.

Jucheisa, wie wichtig wir doch sind. Wir sind keine grauen Mäuse, keine second-hand Nation und kein militärisches Leichtgewicht. Wir sind wichtig, man muss mit uns rechnen, wir sind Feind für Islamisten!

Und ausgehend von Journalisten wie Maus, die ihre Aufgabe in der bedingungslosen Akzeptanz und Weitergabe staatlicher Verlautbarungen, – vom Staatsschutz, uiii, ist das wichtig -, sehen, laufen sie wieder, diejenigen, die an der neuen Wichtigkeit partizipieren wollen, die nichts lieber wären, als Opfer, denn dann sind sie immerhin etwas.

war of orsonJeder, der sich in einem Geheimdienst den Kopf darüber zerbricht, wie er Deutsche dazu bringt, einen neuen Pogrom gegen Ausländer auszuführen oder dazu, sich ihrer Verantwortung gegenüber Juden und nicht gegenüber Menschen als solchen bewusst zu werden, muss sich auf die Schenkel klopfen, ob dieser neuen Möglichkeit, die die kollektive Hysterie hier bietet: Ein Anruf beim Staatsschutz, ein Tweet, ein Eintrag bei Facebook genügt, eine Drohung, eine, die islamistisch verpackt ist, reicht aus, um Hysteriker in Behörden dazu zu veranlassen, Hysterie zur Bürgerpflicht zu machen und um Lebenssinn zu verteilen: Lebenssinn als wichtiges Opfer einer imaginierten Entität, die man nun natürlich mit aller Verve, zu der man fähig ist, bekämpfen muss.

Hadmut Danisch hat in einem mutigen Beitrag die Frage gestellt, was angesichts von tausenden Verkehrsopfern jährlich oder von geschätzt 10.000 Toten durch Keime in Krankenhäusern so schlimm wäre, an ein paar Terroropfern auf einem Karnevalsumzug. Seine Antwort: Jemand müsste Verantwortung überehmen.

Seine Antwort basiert auf der Prämisse, dass die Drohung authentisch ist, dass in Braunschweig wirklich ein Anschlag vor der Tür stand. Lässt man diese Prämisse fallen, dann ergibt sich eine weitere Antwort: Führte man den Karnevalsumzug trotz Drohung durch, dann zeigte sich einerseits, dass die Drohungen, mit denen der Staatsschutz hantiert, nicht ernst zu nehmen sind oder gezielt eingesetzt werden, um Angst zu verbreiten, eine produktive Form von Angst, die unter manchen Deutschen in Wichtigkeit umgewandelt wird, Wichtigkeit, die wiederum dirigierbar und in Hass umsetzbar ist, Hass auf diejenigen, die man als Ausgangspunkt vermeintlicher Drohungen wähnt.

Ein alter Exportschlager in neuem Gewand: Hysterie aus deutschen Landen frisch auf den Tisch!

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