Soziale Ungleichheit macht Kinder glücklich!? In armen Ländern sind die Kinder glücklicher als in Deutschland

Die Umfrageforschung kennt keine Bevölkerungsgruppe, die nicht zumindest ansatzweise erforscht wird. Auch Kinder entgehen den repräsentativen Studien nicht: 53.164 Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren wurden im Auftrag der Jakobs Stiftung für den “Children’s World Survey, 2013-14” in 15 Ländern, darunter auch Deutschland befragt. Neben Kindern aus Deutschland sind auch Kinder aus Algerien, Kolumbien, Estland, Äthiopien, Israel, Nepal, Norwegen, Polen, Rumänien, Südafrika, Südkorea, Spanien, der Türkei und dem Vereinigten Königreich befragt worden, unter anderem zu Ihrer Lebenszufriedenheit und dazu, wie glücklich sie in den letzten zwei Wochen waren.

Childrens world SurveyKenner der Materie wissen, hier kommen die berüchtigten Satisfaction of Life und Happiness Skalen zum Einsatz, die einen Wertebereich von 0 bis 10 haben. Je zufriedener oder je glücklicher die Befragten (hier: Kinder) sich einschätzen, um so höher der Wert.

Gehen wir einmal konform (einmal!) mit der Mehrzahl der Lebenszufriedenheits- und Happiness-Forscher und unterstellen, die Frage nach der Lebenszufriedenheit und dem Glück in den letzten zwei Wochen, gebe tatsächlich einen Aufschluss darüber, wie die Lebenszufriedenheit bzw. das Glück unter Kindern von 8 bis 12 Jahren in einem Land durchschnittlich verteilt sind, so dass man Vergleiche zwischen den 15 Ländern, aus denen die 53.164 Kinder stammen, die an der Befragung teilgenommen haben, anstellen kann.

Dann kommt man zu den folgenden Ergebnissen:

  • Nur in Südkorea sind die befragten Kinder weniger glücklich als in Deutschland.
  • Nur in Südafrika, Nepal, Polen, dem Vereinigten Königreich und Südkorea sind Kinder mit ihrem Leben als solchem unzufriedener als in Deutschland.

Die Unterschiede sind relativ groß und bewegen sich bei der Einschätzung des Glücklichseins zwischen 9,4 in Rumänien (Wertebereich 0 bis 10) und 7,5 in Südkorea bzw. zwischen 9,5 in Rumänien und 7,6 in Südkorea bei der Einschätzung der allgemeinen Lebenszufriedenheit (siehe Abbildung). Zwischen dem ersten und dem letzten der jeweiligen Skala liegen somit immerhin 19% des Wertebereichs.

Children Happiness

Nun stellt sich die Frage, woran es liegt, dass Kinder in Rumänien, in Kolumbien oder Israel im Durchschnitt glücklicher sind als Kinder in Deutschland?

Vermutlich gibt es jetzt wieder welche, die behaupten, Deutschland sei eine kinderfeindliche Gesellschaft. Einen derartigen Einwurf nehmen wir jedoch erst dann ernst, wenn die entsprechenden Behaupter angeben, wie man “kinderfeindliche Gesellschaft” operationalsieren und messen kann, dann sehen wir weiter.

Einstweilen haben wir die Daten genutzt, die man erheben kann und die auch erhoben wurden, z.B. die Daten zur Ausstattung des kindlichen Lebens mit den Annehmlichkeiten, die zu einem Kinderleben zu gehören scheinen, also:

  • gute Kleidung;
  • Computer;
  • Zugang zum Internet;
  • Mobitltelefon;
  • eigenes Zimmer;
  • Bücher;
  • ein Auto in der Familie;
  • Musikabspielgerät
  • eigener Fernseher

Betrachtet man die Ergebnisse für Deutschland, dann zeigt sich u.a., dass 21% der Kinder angeben, keinen Zugang zu Büchern zu haben, 16% haben keinen eigenen Computer, 11% müssen ihr Kinderzimmer teilen und 8% haben kein Mobiltelefon. Dagegen haben 62% der algerischen Kinder kein eigenes Zimmer, 86% der äthiopischen Kinder haben kein Mobiltelefon, 38% der Kinder in Südafrika keinen Computer, und 29% der Kinder in Kolumbien keine Bücher.

Die durchschnittliche Anzahl der Gegenstände aus der Liste der neun Gegenstände, auf die Kinder in Deutschland verzichten müssen, beträgt 0,8, sie beträgt in Kolumbien 2,4, in Algerien 3,6, in Nepal 4,2 und in Äthiopien 6,3.

Und dennoch sind die Kinder in den angegebenen Ländern glücklicher als deutsche Kinder.

Wir haben die Daten der Jakobs-Stiftung genommen und eine Regression gerechnet: Zwischen dem Ausmaß des Glücklichseins, das Kinder sich zuschreiben, und dem Fehlen von Gegenständen aus der Liste, die oben zusammengestellt ist, besteht ein Zusammenhang von r = 0.25, d.h. je weniger Gegenstände aus der Liste Kinder in ihrem Besitz haben, desto glücklicher sind sie.

Macht soziale Ungleichheit am Ende glücklich und nicht soziale Gleichheit, wie Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem Buch “The Spirit Level” behaupten?

Testen wir weiter. Dazu haben wir die Daten des HDI, des Human Development Index der UN genutzt. Der HDI beschreibt den Entwicklungsstand eines Landes im Hinblick auf u.a. die Lebenserwartung, den Lebensstandard, den Zugang zu Bildung, die Analphabetenquote usw. Auf dem HDI nimmt Norwegen Platz 1 ein, Deutschland steht auf Rang 6, Äthiopien auf Rang 173, Algerien auf Rang 93, Kolumbien auf Rang 98, um nur einige zu nennen.

Glück HDI KinderWir berechnen abermals eine Regression für die 15 Länder, aus denen die Kinder im Children’s World Survey stammen, und erhalten dieses Mal einen Zusammenhang von r = 0,26 zwischen dem durchschnittlichen Nievau an Kinderglück und dem Entwicklungsniveau: Je schlechter ein Land auf dem HDI abschneidet, je schlechter die Lebensbedingungen, je geringer die Lebenserwartung, je mehr Analphabeten in einem Land vorhanden sind, desto glücklicher sind die Kinder.

Das sagen die Ergebnisse des Children’s World Survey.

Damit deuten die Ergebnisse in eine Richtung, die in modernen Sozialstaaten vollkommen unvorstellbar ist: Die Lebenszufriedenheit und das Glück, das Kinder empfinden, könnte nicht damit zusammenhängen, ob sie mit Designer-Klamotten versorgt werden, ein Mobiltelefon haben und auch ansonsten einen Anspruch auf so ziemlich alles haben, was man als Kind so haben will, warum auch immer. Nein, Glück und Lebenszufriedenheit könnten ganz unabhängig von der Konsumfähigkeit und den vorhandenen finanziellen Ressourcen sein, was ein schwerer Schlag für die Neidindustrie wäre, die uns einzureden versucht, soziale Ungleichheit mache unglücklich und sei nicht etwa ein Ansporn für Kinder, etwas aus sich zu machen.

Unsere Ergebnisse begründen berechtigte Zweifel daran, dass eine gleiche materielle und finanzielle Ausstattung nicht nur von Kindern einen positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit und das Glück von Menschen hat. Letztere, so unsere Hypothese, hängen eher von der Selbstwirksamkeit, von der Möglichkeit, sich als eigenständigen und erfolgreichen Akteur zu erleben, ab, woraus man dann den Schluss ziehen müsste, dass das verregelte Leben in Deutschland Kinder unglücklich macht (samt ihrer Eltern).

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