Deutsche, die USA wollen Euch Euer Sauerkraut wegnehmen!
An die Stelle des demokratisch angebauten und in biologischer Einfalt gereiften Krauts soll gentechnisch veränderter und billiger und vor allem amerikanischer Weißkohl treten, der Arbeitnehmer, die mit der Herstellung, dem Vertrieb oder dem Verzehr von Sauerkraut ihren Lebensunterhalt verdienen, arbeitslos machen wird, um den Reibach aus dem Verkauf von US-amerikanischem Substitut-Weißkohl an ungezügelten Märkten und vorbei an aller demokratischer Kontrolle verbrassen zu können.
Und weil jeder weiß, dass es in Deutschland zur Rebellion, zum Aufstand, nein: zum Gemetzel kommt, wenn bekannt wird, dass die Amis den Deutschen ihr Sauerkraut wegnehmen wollen, deshalb wird geheim verhandelt, ganz geheim, so geheim, dass niemand etwas darüber weiß, was in den TTIP-Verhandlungen zwischen der EU und den USA verhandelt wird, nicht einmal Abgeordnete.
Niemand?
Wirklich?
Deshalb kennen Jahnke und Behrens, wenn es um Sauerkraut und TTIP geht, kein Halten, und deshalb machen sie öffentlich, was sie im dunkelsten Teil ihrer dunklen Gedanken vermuten, dass es im Rahmen von TTIP verhandelt werden könnte: Fakten, nichts als Fakten, Fakten vom Hörensagen:
„TTIP ist eine Gefahr für die Demokratie“
Warum? Weil böse US-Investoren nach Deutschland kommen und die Regierung verklagen können. Das können sie zwar jetzt schon, aber sei’s drum. Nachdem TTIP in Kraft getreten ist, werden sie in Schwärmen, in Investoren-Heuschrecken-Schwärmen über Deutschland hereinfallen und den Weißkohl fressen, um auf diese Weise die Herstellung von Sauerkraut zu unterbinden und das Allgemeinwohl zu schmälern. Das wissen Jahnke und Behrens ganz genau, so genau wie sie wissen, dass die Demokratie in Europa heimischer ist als in den USA.
„Eine Gefahr für die öffentlichen Dienstleistungen und die Daseinsfürsorge“
Warum? Weil schreckliche Liberalisierungswellen und Privatisierungsorgien auf TTIP folgen werden. Und sie werden nicht davor haltmachen, den maroden kommunalen Eigenbetrieben Konkurrenz zu machen, mit Slogans wie: „Volvic statt Rheinfiltrat!“ oder „Billiger Strom statt teures EEG!“. Und nicht zu vergessen, die Herstellung von Sauerkraut, sie hängt vom Zugang zu deutschen Wasser und natürlich deutschem Salz aus Salzwedel ab. Beides ist, wie das Sauerkraut selbst, in Gefahr, in höchster Gefahr, in TTIP-Gefahr.
„Eine Gefahr für die Lebensmittelsicherheit.“
US-Amerikaner sind fett und gehen zu McDonalds. Sie essen so ziemlich alles, was ihnen vor den Mund kommt und ihre Regierung freut es: Keine Regulation, die den unmäßigen Gebrauch von Zucker, Wein, Bier, Milch, Fleisch oder sonstiger Schadstoffe einschränkt. Jeder Amerikaner ist Herr über seinen Bauch, kann Gen-Food essen bis er platzt oder hormonbehandeltes Fleisch so viel er will. Das wissen Jahnke und Behrens, so wie sie wissen, dass deutsche Rinder natürlich nicht mit Hormonen und Antibiotika behandelt werden. Die entsprechenden Richtwerte für Fleisch und Milch gibt es nur pro forma. Und natürlich benutzen deutsche Bauern keine Pestizide und deutsche Konsumenten gehen nicht zu McDonalds, essen keine McNuggets und keine Schokolade und keinen Zucker und trinken nur so viel Bier, wie staatlich verordnet. Überhaupt, der deutsche Konsument ist reglementiert und bekommt staatlich verordnet, was er zu essen und zu trinken hat. Und TTIP will damit Schluss machen, will, dass selbstverantwortliche Konsumenten aus den USA den deutschen Markt übernehmen und alles Sauerkraut aufessen. Unglaublich.
„Eine Gefahr für die Umwelt“
Damit noch mehr Sauerkraut produziert werden kann und um den gierigen Weltmarkt und die gierigen Investoren, alle aus den USA versteht sich, zu befriedigen, deshalb – so Jahnke und Behrens vom Hörensagen – werden die EU-Umweltstandards auf US-Niveau gesenkt. US-Niveau, das weiß jeder, der sich jemals auf die Seiten der US-amerikanischen Environmental Protection Agency verirrt hat, sind lax, ganz lax, so lax, dass es sie fast nicht gibt, Die vorhandenen Clean Air und Clean Water Acts dienen natürlich nicht dem Schutz der Umwelt, nein, sie dienen dem Schutz der Investoren, damit diese auch weiterhin saubere Luft und sauberes Wasser verkaufen können, denn das Ziel besteht darin, die saubere Luft und das saubere Wasser aus den Weiten US-amerikanischer Gebiete, die keine humane Verschmutzung kennen, nach Deutschland zu importieren, den Markt in Deutschland zu übernehmen und vor allem die Produktion von Sauerkraut zu kapern. Sauerkraut braucht bekanntlich bei der Herstellung Wasser und Luft. Eh voilá.
„Eine Gefahr für das Kima“
Wie jeder weiß, ist Deutschland besonders abstinent, wenn es darum geht, fossile Brennstoffe im Boden zu belassen. Deshalb warnen Jahnke und Behrens davor, dass US-Investoren die Gelegenheit nutzen könnten, um den Tagebergbau Garzweiler durchzuklagen. Warum? Na, um Gewinn, Profit und was auch immer zu machen, während arme Menschen in Rhuanda im Kalten sitzen müssen, weil sie von deutscher Braunkohle nichts abbekommen. Die wird nämlich genutzt, um riesige Kellergewölbe zu beheizen, in denen Sauerkraut hergestellt wird. Denn die Übernahme des deutschen Sauerkrautmarktes ist das eigentliche Ziel von TTIP.
„Eine Gefahr für Arbeitnehmerrechte“
Wo haben Jahnke und Behrens die letzten 20 Jahre verbracht? Auf der Rückseite des Mondes? Offshoring, Internationalisierung, global sourcing, schon einmal gehört? Haben Jahnke und Behrens schon einmal in die t-Shirts geschaut, die sie tragen, oder das Smartphone, das sie benutzen, umgedreht. Alles nicht Made in Germany. Schon lange nicht mehr. Nicht einmal Deichmann produziert noch in Deutschland.
„Eine Gefahr für die Privatsphäre“
Daten! Alles, was Konzerne wollen, sind Daten. Jahnke und Behrens wissen das (vom Hörensagen versteht sich, nicht auf Grundlage von Daten). Daten über den Sauerkrautverzehr pro Kopf, die Uhrzeit mit der höchsten Nachfrage nach Sauerkraut, die häufigsten Gerichte, zu denen Sauerkraut gereicht wird, die Zahlungsbereitschaft von Krauts, den Jahresverbrauch an Sauerkraut, Sauerkrautkonsum nach Alter, Geschlecht, Beruf, Schulbildung, Tageszeit, Jahreszeit, auf den BMI, die Augenfarbe und die Schugröße heruntergebrochen. Daten. Daten sind wichtig. Je mehr Daten man hat, Sauerkraut-Daten, desto besser. Und wozu die vielen Daten?
Na, damit Leute wie Jahnke und Behrens in Hysterie verfallen können.
Sie sehen. Deutschland als Sauerkraut produzierendes Land, der Sauerkraut-Standort Deutschland, er ist in höchster Gefahr. Die Sauerkrautumwelt, die Sauerkrautfinanzen, das Sauerkrautklima, ja die Sauerkrautdemokratie, sie alle gehen vor die Hunde, wenn die Amis kommen. Und sie werden kommen, denn nichts wirkt so anziehen auf US-Amerikaner wie deutsches Sauerkraut.
Denn: Am deutschen Sauerkraut soll der Verdauungstrakt genesen!
Jahnke und Behrens liefern ein beredtes Zeugnis für das verschwindende Verständnis für die Worte der deutschen Sprache. Sie behaupten, Fakten vermitteln zu wollen, lassen der Behauptung jedoch nur weitere Behauptungen folgen. Das legt die Vermutung nahe, dass sie keine Ahnung davon haben, was Behauptungen als unbelegte Aussagen von Fakten als begründeten Aussagen unterscheidet.
Und dass Jahnke und Behrens nicht einmal auf die Idee kommen, ihre Behauptungen zu begründen, erklärt sich daraus, dass sie in Neigungen, Abneigungen oder Zuneigungen, denken. Ihre Neigungen bestimmen, was sie sehen wollen, was sie wahrnehmen wollen und struktrieren ihre kognitiven Fähigkeiten dahingehend, dass es Jahnke und Behrens nicht einmal dann möglich wäre, Fakten wahrzunehmen, wenn sie sie vor sich hätten.
Beide sind ein Beispiel für einen Verfall der deutschen Debattenkultur, sofern es sie je gegeben hat, die die Geheimhaltung um TTIP fast verständlich macht, denn wie soll man mit Menschen diskutieren, die von affektiven Impulsen gesteuert sind und ansonsten denken, ihre Abneigungen oder Zuneigungen seien allein relevant, seien Fakten.
Es ist schlicht nicht möglich und konstituiert eine Kommunikationsunfähigkeit, die in der Psychologie regelmäßig als pathologische Fixierung und Verlust der emotionalen Steuerung und Kontrolle beschrieben wird.
Dass Linke sich in Nationalismus, Deutschtümelei und Hinterwädlertum üben, ist übrigens kein neues Phänomen, es ist die Neuauflage der romantischen Schwärmerei, die direkt in die Kreise von Stefan George und Thule geführt hat.
