Noch ein BREXIT – Labour löst sich auf

Nicht einmal Tony Blair hat die Labour Party so in Aufruhr versetzt, wie Jeremy Corbyn und vor allem die Frage, ob Corbyn auch nach dem BREXIT Vorsitzender von Labour bleiben kann. Derzeit bringen beide Seiten, Corbyn Gegner und seine Unterstützer, ihre Truppen in Stellung, um dann mit Hurra aufeinander loszustürmen.

Der BREXIT, er scheint die Auflösung sozialistischer Parteien zu beschleunigen. Ein interessantes Phänomen, nicht nur aus politikwissenschaftlicher Perspektive, aber besonders aus politikwissenschaftlicher Perspektive.

corbynFür die britische Labour Party gilt seit ihrer Gründung: Wer zahlt bestimmt. Und finanziert wird die Labour Party von den Gewerkschaften. Entsprechend geht gegen oder ohne Gewerkschaften nichts bei Labour. Das hat zuletzt David Milliband zu spüren bekommen. Er war als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Gordon Brown als Parteivorsitzender angetreten – bis die Gewerkschaften seinen Bruder, den glücklosen Ed, durchgesetzt haben. David ist daraufhin ins politische Trotz-Exil, in die USA gegangen.

Die Gewerkschaften, sie finanzieren nicht nur Labour, sie nehmen auch für sich in Anspruch, die Mitglieder, die Arbeiter, den Mann auf der Straße zu repräsentieren und genau zu wissen, was in den Millionen Männern auf der Straße vorgeht.

Das Referendum über den BREXIT hat gezeigt, dass Gewerkschaften und Laboir-Politiker wenig Tuchfühlung zu den Männern auf der Straße haben. Carwyn Jones, Erster Minister von Wales, Führer der stärksten Fraktion im Waliser Parlament, dem Senedd, der Labour-Fraktion, er hat gerade mitansehen müssen, wie seine Waliser Männer auf der Straße mehrheitlich für BREXIT gestimmt haben – obwohl er und seine Fraktionskollegen im Senedd sich vehement gegen einen BREXIT ausgesprochen haben.

Die Berührungspunkte zwischen Labour und den (ehemaligen) Labour-Wählern, sie werden seltener.

Das, so sagt eine Gruppe von Labour-Abgeordneten im Unterhaus, ist die Schuld von Jeremy Corbyn, der keinerlei Führungsqualitäten aufweise und die BREXIT-Kampagne mit Desinteresse verfolgt habe. Letztlich machen viele Abgeordnete von Labour Corbyn dafür verantwortlich, dass der BREXIT gerade in den Stammgebieten von Labour mehrheitlich befürwortet wurde. Deshalb soll Corbyn gehen: 172 Abgeordnete haben ihm gerade das Misstrauen ausgesprochen. 40 wollen ihm auch weiterhin den Rücken stärken.

Damit ergibt sich für die britische Labour-Party eine sehr interessante Konstellation.

  • Die Mehrheit der Abgeordneten von Labour im Unterhaus lehnen Corbyn als Führer ab.
  • Die Gewerkschaften (wer bezahlt, bestimmt) stehen weiter zu Corbyn.
  • Die Wähler von Labour haben sich in großen Teilen von der Partei entfremdet und sind eher in einer Anti-Establishment-Stimmung.

mps fightingMan kann am Beispiel von Labour wie auch am Beispiel der SPD eine Zweiweltentheorie entwickeln: Politische Akteure leben in der einen Welt, die Wähler in der anderen und die Verbindungen zwischen beiden werden immer weniger. Die zwei Welten haben wiederum zwei Ergebnisse: Zurückgehend Unterstützung bei Wahlen für sozialistische Parteien und in der Konsequenz weniger Ressourcen, die es unter politischen Akteuren zu verteilen gibt, was dazu führt, dass die vorhandenen politischen Akteure umso heftiger über das streiten, was zum Verteilen verblieben ist. Was man derzeit beobachten kann, ist so etwas wie Labour’s Wake, der Leichenschmaus, bei dem die Hinterlassenschaften verteilt werden.

Dass sich Parteiensysteme derzeit europaweit wandelt, ist sehr deutlich, ob der Wandel das Ende sozialistischer Parteien bedeutet, ist eine Frage, die die Zeit beantworten wird, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass sozialistische Parteien in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, recht hoch ist.

Übrigens berichten die deutschen Medien nicht darüber, dass Jeremy Corbyn und seine Labour Party ein Kollateralschaden des BREXIT sind. Sie sind zu sehr darauf fixiert, den Strohhalm zu pflegen, dass der BREXIT gar nicht kommt und wenn er doch kommt, dann werden die Briten schon sehen, was sie davon haben.


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