Das räuberische Ministerium

Die Idee von der „predatory bureaucracy“ bzw. vom „predatory bureau“ oder dem räuberischen Ministerium/Amt ist eine relativ unbekannte Idee, wie man leicht feststellen kann, wenn man in Google oder in Google Scholar nach den entsprechenden Ausdrücken sucht. Sie wurde von Rodney Fort und John Baden entwickelt und im Jahr 1980 in der Zeitschrift „Policy Review“ von den Autoren mit Bezug auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen vorgestellt (Fort & Baden 1980).

Growth of bureaucracy.jpgDie Idee basiert auf der Beobachtung, dass Bürokratien und öffentliche Verwaltungen dazu neigen, vorrangig sich selbst zu erhalten, d.h. danach zu streben, möglichst viele Ressourcen bei sich selbst zu konzentrieren, so dass die Bürokratie oder Verwaltung weiter wachsen kann. Bürokratien und öffentliche Vewaltungen funktionieren also nicht im Interesse der Öffentlichkeit oder im Interesse des Erhaltes öffentlicher Güter, sondern vorrangig im eigenen Interesse. Schon die einfachen Beobachtungen, dass immer neue Ämter und Zweigstellen eingerichtet werden, aber sehr selten welche geschlossen werden, und die Laufzeit einmal initiierter Programme und Maßnahmen immer weiter verlängert werden, sogar dann, wenn ihr ursprünglicher Zweck mehr oder weniger erfüllt oder entfallen ist – man denke nur an den im Jahr 1991 von der Regierung Kohl für ein Jahr eingeführten, im Jahr 1993 wiederbelebten und seitdem existierenden Solidaritätszuschlag! –, sprechen für diese These.

Diese Beobachtung ist nicht neu, und Public Choice-Theoretiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, entsprechende Prozesse zu identifizieren und zu erklären (Buchanan & Tullock 1962; Downs 1957; Olson 1965; Stigler 1971). Fort und Baden haben darüber hinaus einen Vorschlag gemacht, wie man dem permanenten Wachstum und der ständig zunehmenden Ressourcenkonzentration in Bürokratien und öffentlichen Verwaltungen entgegenwirken kann, und dieser Vorschlag besteht eben in der Einrichtung eines räuberischen Ministeriums oder Amtes.

Die Idee ist, das Budget eines solchen Ministeriums oder Amtes abhängig zu machen von dem Ausmaß, in dem es diesem Ministerium oder Amt gelingt, das Budget anderer Ministerien oder Ämter zu reduzieren, indem es Vorschläge darüber macht oder bestimmt, welche Stellen, Programme oder Maßnahmen, die in die Zuständigkeit eines bestimmten anderen Ministeriums fallen, gestrichen werden können.

Statt an das Einsehen von Leitern von Bürokratien oder öffentlichen Verwaltungen und deren Bereitschaft zur Mäßigung zu appellieren, schlagen Fort und Baden also vor, sich gerade diejenigen Eigenschaften von Bürokratien oder öffentlichen Verwaltungen zunutze zu machen, die dazu führen, dass sie ständig wachsen und immer mehr Ressourcen binden: Gerade weil das räuberische Ministerium oder Amt wie jedes andere auch versuchen wird, sich selbst zu erhalten und die eigenen Ressourcen ständig zu vergrößern, sollte es das Wachstum anderer Ministerien und Ämter effizient beschränken können.

Man könnte nun fragen, wie denn dem ständigen Wachstum des räuberischen Ministeriums entgegengewirkt werden kann, und meinen, es würde ein Leviathan oder ein Mechanismus benötigt, der das räuberische Ministerium kontrolliert, und auf diese Weise würde ein inifiniter (Verwaltungs-)Regress geschaffen. Dies ist aber falsch, denn das räuberische Ministerium gerät dort an Wachstumsgrenzen, wo die anderen Ministerien auf ihr notwendiges Mindestmaß zurechtgeschrumpft wurden. Eben deshalb ist die Metapher vom räuberischen Ministerium/von der räuberischen Verwaltung treffend: Die Ernährungslage eines Raubtieres wird automatisch schlechter, wenn die Population der von ihm Gejagten unter einen bestimmten Bestand sinkt.

Es ist wenig verwunderlich, dass die innovative Idee von der „predatory bureaucracy“ weder von Politikern noch von Politikwissenschaftlern oder Soziologen aufgenommen wurde, sind all diese Personen doch selbst Angestellte staatlicher Einrichtungen oder staatlich geförderter Einrichtungen und haben deshalb kein Interesse daran, Wachstum und Ressourcenbindung dieser oder anderer Einrichtungen zu beschränken.

Dies ist ein Beispiel, an dem man erkennen kann, warum es wichtig ist, neben einem (oder statt eines) staatlich finanzierten und geregelten Bildungs- und Forschungswesen(s) ein möglichst starkes privates Bildungs- und Forschungswesen zu haben. Nur von einem solchen kann man erwarten, dass es Ideen aufnimmt und verbreitet, die der immer weiter ausufernden und für den Steuerzahler immer teurer werdenden staatlichen Bürokratie entgegenwirken können.

Literatur:

Buchanan, James M. & Tullock, Gordon, 1962: The Calculus of Consent: Logical Foundations of Constituonal Democracy. Ann Arbor: University of Michigan.

Downs, Anthony, 1957: An Economic Theory of Political Action in a Democracy. New York: Harper and Brothers.

Fort, Rodney D. & Baden, John, 1980: Natural Resources and Bureaucratic Predators. Policy Review Winter 1980(11): 69-81.

Olson, Mancur, 1965: The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups. Cambridge: Harvard University Press.

Stigler, George J., 1971: The Theory of Economic Regulation. The Bell Journal of Economics and Management Science 2(1): 3-21.


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4 Responses to Das räuberische Ministerium

  1. heter says:

    Sehr interessant. Ich freue mich immer wieder, wenn ich hier mit Ideen konfrontiert werde, die ich so noch nicht gehört habe. Machen Sie weiter so 🙂

  2. Pingback: Das räuberische Ministerium – MoshPit's Corner

  3. Michael M. says:

    Danke für diesen erhellenden Einblick!

  4. jasperquast says:

    Vielen Dank! Ich freue mich über jeden weiteren Beitrag mit dem Thema Public Choice Theorie!

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