Von symbolischer Politik: ver.di entdeckt den Einzelhandel

Alle Jahre wieder…

Symbolische Politik ist ein Konzept aus der Politikwissenschaft. Auf den Punkt gebracht: Viel Lärm um nichts machen, das ist symbolische Politik. Den Mund aufreißen, um sich zu profilieren, und zwar auf Gebieten, auf denen man nichts ändern kann, z.B. durch die Forderung an die Adresse von Donald Trump, doch Deutschland zuliebe das Klimaschutzabkommen wieder einzusetzen, das ist eine Form symbolischer Politik. Unsinn fordern, von dem man weiß, dass er bei denen, die erfolglos versuchen, mit dem limbischen System zu denken, ankommt, z.B. keine Obergrenze für den Zuzug von Flüchtlingen, das ist symbolische Politik. Symbolische Politik ist auch, wenn Marxisten plötzlich ihre Zuneigung zu christlichen Werten und Festen entdecken und nach jahrelangen Versuchen, den Sozialismus gegen das Opium des Volkes in Stellung zu bringen, nun dazu übergehen, dasselbe Opium über das Volk auszugießen. Populistisch-opportunistischer Symbolismus könnte man dazu sagen:

Heiligabend fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Polizisten, Feuerwehrmänner, Ärzte, Militärpersonal, Straßenreiniger, Zugschaffner und Zugführer, sie alle müssen am Heiligabend arbeiten. Die Gewerkschaft ver.di findet das zynisch und ruft Kunden zu einem Verzicht auf: Kriminelle sollen am Heiligabend davon Abstand nehmen, sich kriminell zu verhalten. Brände bitte erst nach Weihnachten ausbrechen. Da Züge nicht in Bahnhöfen bleiben, weil die Deutsche Bundesbahn ihren Angestellten Heiligabend vermiesen will, deshalb fordert ver.di von den Kunden der Bundesbahn einen Verzicht auf Bahnreisen und natürlich soll niemand über Heiligabend öffentliche Wege verschmutzen, damit die Straßenreiniger nicht aktiv werden müssen.

Wir haben natürlich übertrieben. Das fordert ver.di gar nicht. Ver.di findet es vielmehr „zynisch“, dass am Heiligabend Supermärkte und Bäckereien geöffnet haben dürfen. Deshalb fordert die Gewerkschaft von allen deutschen Supermarkt- und Bäckereikunden einen Einkaufsverzicht, denn: “Die Einzelhandelsbeschäftigten wollen sich wie jeder andere auf das Weihnachtsfest vorbereiten und gemeinsam mit ihren Familien feiern. Wenn Heiligabend dieses Jahr ein Sonntag ist, ist die Überlegung, gerade an diesem Tag die Sonntagöffnungszeiten anwenden zu wollen, unglaublich zynisch”, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger.

„Auf das Weihnachtsfest vorbereiten wie jeder andere …“ Jeder andere, das sind natürlich nicht die oben genannten Polizisten, Feuerwehrmänner, Ärzte, Straßenkehrer, Zugführer, Zugschaffner etc.. Sie alle müssen darauf verzichten, sich stundenlang darauf vorzubereiten, am Abend vor dem Weihnachtsbaum zu stehen, Lieder zu singen und anschließend Geschenke auszupacken. Selbst den Weihnachtsmann könnten sie verpassen und am Ende leer ausgehen. Nein. Das darf nicht sein. Weihnachten, das ist ein Fest der Familie, das Fest, an dem Familien zusammensitzen, sich zwar auch nicht mehr als sonst zu sagen haben, aber zumindest für kurze Zeit so tun, als wäre dem nicht so. Weihnachten, das ist die Zeit, zu der ver.di die Angestellten des Einzelhandels entdeckt, weil man auf deren Rücken die eigene verquaste Weihnachtsromantik ausleben und versuchen kann, aus der reaktionären Vorstellung davon, wie Weihnachten zu sein habe, eine Vorstellung, die nicht einmal im 18. Jahrhundert die Realität richtig beschrieben hat, politisches Kapital zu schlagen.

Weihnachten, das ist die Zeit, zu der zynische Gewerkschaftsfunktionäre ihre Hintern aus den von üppigen Bezügen gepolsterten Sesseln erheben und feststellen, dass ihre Normalität nicht die Normalität anderer ist, denn wer hätte je davon gehört, dass ein Gewerkschaftsfunktionär an Weihnachten arbeitet? Wer hätte je davon gehört, dass ein Gewerkschaftsfunktionär arbeitet oder einen Gewerkschaftsfunktionär, der nicht arbeitet, vermisst?

Hier liegt der Hund begraben.

Zu Weihnachten merken Gewerkschaftsfunktionäre, die meist sehr von sich eingenommen sind, dass sie vollkommen irrelevant sind. Niemand würde es merken, wenn ver.di bereits am 20. Dezember die Büroräume abschließt, aber jeder würde es merken, wenn ALDI ab dem 20. Dezember geschlossen wäre. Jeder Bundesbürger im von Ladenschlusszeiten gegängelten Land, merkt gerade zu Weihnachten, wie eng doch der Einkaufskorridor oder der Einkaufsraum ist [Wollte man den Weihnachts-Einkaufsstress für Angestellte und Kunden reduzieren oder gar beseitigen, man müsste die Ladenschlusszeiten abschaffen, aber das nur am Rande.]. Jeder macht die leidvolle Erfahrung, dass Angestellte in Supermärkten, LKW-Fahrer, die sie beliefern, alle, die den Warennachschub am Laufen halten, unglaublich wichtig sind. Niemand, nicht einmal der verwirrteste unter den Einkäufern denkt an Gewerkschaftsfunktionäre. Das macht die Gewerkschaftsfunktionäre neidisch und böse, und deshalb sinnen sie, wie sie die Wichtigkeit und die Wertschätzung, die Angestellte, die auch an Weihnachten arbeiten, erfahren, zerstören können.
Wenn niemand einkaufen ginge, obwohl es möglich wäre, dann müssten die Angestellten im Einzelhandel zwar auch alle da sein, aber dann könnte auch niemand Wertschätzung für die Verkäufer und Lagerarbeiter aufbringen, so das Kalkül. Deshalb rufen wir alle Deutschen auf: Geht vor allem am Weihnachtssonntag einkaufen! Macht die Funktionäre noch neidischer, bis sie grün werden und ersticken … vielleicht.

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6 Responses to Von symbolischer Politik: ver.di entdeckt den Einzelhandel

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  2. derPragmatiker says:

    Nicht direkt Science, dafür herrlich bissig gegen die Sesselpuper von ver.di. Habe mich köstlich amüsiert. Übrigens: Ich bin für ein halbes Jahr in Thailand, hier sind diverse Ladenketten (7 eleven, Family Mart, u.a.) rund um die Uhr geöffnet. Mit ausreichend Personal! Auch an den (buddhistischen) Feiertagen. Hier gibt es auch praktisch keine Arbeitslosigkeit.

  3. S. Impressum says:

    > „Jeder Bundesbürger im von Ladenschlusszeiten gegängelten Land, merkt gerade zu Weihnachten, wie eng doch der Einkaufskorridor oder der Einkaufsraum ist“

    Solch unverhofft auftauchende Feiertage wie Weihnachten sind schon eine Plage. Wer hier nicht auf Zack ist muss zweieinhalb Tage Hunger leiden. Um nicht länger Teile der Bevölkerung durch fixe Feiertage zu verunsichern sollten die Ladenschlusszeiten gänzlich abgeschafft werden.

  4. Den Artikel finde ich sehr erheiternd. Ich würde allein aus Protest am Sonntag einkaufen.
    Aber ich hasse es, in Menschenmengen herumzulaufen und zudem, habe ich mit Weihnachten seit Jahrzehnten nichts mehr am Hut. Bei mir gibts Eintopf, von dem ich dann 3 Tage esse.
    Und mit jedem Tag schmeckt er besser. Hmmmmmm…….

  5. dentix07 says:

    >Macht die Funktionäre noch neidischer, bis sie grün werden und ersticken … vielleicht.<
    Ergibt keine Veränderung! Grün sind sie schon und beim Ersticken würden sie erst rot anlaufen (sind sie auch schon) und dann blau! Bevor sie Letzteres würden, gäben sie sich eher noch schnell die Kugel!
    Im Übrigen hat sich bei den Ladenöffnungszeiten in D ja schon eine Menge getan! Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern als in der Woche abends (NRW) um 19 Uhr Ladenschluß war, am Samstag gings bis 14 Uhr! Dagegen sind heute: Mo-Sa bis 20 Uhr, vielfach bis 22 Uhr, schon paradiesische Zustände!

  6. Sven Kuchary says:

    Wenn Gewerkschaften wirklich daran gelegen wäre, die von ihnen Vertretenen vor Sonntagsarbeit zu schützen, dann hätten sie durchaus die Lohnzuschläge hierfür schon längst verhandelt sollen. Jetzt auf moralisch einfordern, was eigentlich ihr nüchternes Geschäft wäre, ist ein Eingeständnis, wie wenig sie sich um ihre Arbeitnehmer kümmern.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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