Anders als man im Zusammenhang mit der Aufregung in manchen Kreisen und in den ehemaligen mainstream-Medien über die Rede des Bundesvorsitzenden der CDU, Friedrich Merz von den „Pull-Faktoren, die auf Deutschland wirken“ vielleicht meinen könnte,
ist es in der Migrationsforschung seit vielen Jahren üblich, von „push“- und von „pull“-Faktoren mit Bezug auf verschiedene Länder oder Regionen zu sprechen. Dabei sind „push“-Faktoren solche, die eine abstoßende Wirkung haben, auch Minus-Faktoren („minus factors“; Lee 1966: 57) genannt, und „pull“-Faktoren, auch Plus-Faktoren („plus factors“; Lee 1966: 57) genannt, solche, die eine anziehende Wirkung ausüben.
Die früheste Erwähnung von „push“- und „pull“-Faktoren mit Bezug auf die Erklärung von Migation, die ich kenne, findet sich in einem Text von Fred H. Rindge aus dem Jahr 1923. Rindge schreibt:
„The causes of emigration might be divided into two kinds – the ‚pushes‘ in countries of origin and the ‚pulls‘ in countries of destination“ (Rindge 1923: 1009),
d.h.
„Die Ursachen von Auswanderung können in zwei Arten unterteilt werden – die ‚Pushs‘ in den Herkunftsländern und die ‚Pulls‘ in den Zielländern“ (Rindge 1923: 1009).
Für beide, „pushs“ und „pulls“, zählt Rinde anschließend eine ganze Reihe von Beispielen auf, darunter – als Beispiele für „pushes“ – eine hohe Geburtenrate (bzw. hoher Bevölkerungsdruck), eine hohe Steuerbelastung, ein Mangel an Bildungsgelegenheiten, Angst vor religiös motivierter Verfolgung, Angst davor, für den Militärdienst eingezogen zu werden, politischer Dissens, sozialer Druck durch zurückgekehrte Migranten, schlechte Arbeitsgelegenheiten, die Werbung durch Transportunternehmen („transportation industries“; heute würde man hierunter auch NGOs und Schlepperbanden fassen) u.a.m. (Rindge 1923: 1009).
Trotz der Vielzahl an „pushes“ und „pulls“, die Rindge berücksichtigt, ist seine Auffassung insofern eine zu einfache als „push“-Faktoren von Rindge nur in Herkunftsländern verortet werden und „pull“-Faktoren nur in Zielländern.
In der Migrationstheorie wurde später (und wird) davon ausgegangen, dass „Push“- und „Pull“-Faktoren sowohl mit Bezug auf das Land oder den Ort der Herkunft als auch auf das Ziel-Land oder den Ziel-Ort in Rechnung gestellt werden müssen. Anders ausgedrückt: Jedes Land, jede Region, jeder Ort haben Eigenschaften, die für viele oder die meisten Menschen attraktiv sind, und Eigenschaften, die für viele oder die meisten Menschen unattraktiv sind. Menschen, die von einem Land, einer Region, einem Ort in das/die/den andere/n wandern, – so die plausible Annahme – tun dies, weil die unattraktiven Eigenschaften im Herkunftsland/am Herkunftsort die attraktiven überwiegen und gleichzeitig die attraktiven Eigenschaften des Zielortes die unattraktiven überwiegen.
Es wird also ein Abwägungsprozess vorgenommen, bei dem das leitende Interesse das der Nutzenmaximierung ist, und deshalb spricht man in diesem Zusammenhang von einer ökonomischen Entscheidung, d.h. einer Entscheidung, bei der der größtmögliche Nutzen unter dem geringstmöglichen Einsatz erzielt werden soll. Wenn Migrationsentscheidungen von Migrationsforschern oder -theoretikern ökonomische Entscheidungen genannt werden, dann in diesem Sinn.
Die Eigenschaften des Herkunftslandes oder –ortes sind gewöhnlich besser bekannt als die Eigenschaften eines Zielortes, so dass man besonders mit Bezug auf Letztere anmerken sollte, dass es die Wahrnehmung der Eigenschaften von Ländern oder Orten ist, die in das Migrations-Kalkül einfließt. (Darauf wird noch zurückzukommen sein.) Dies steht im Einklang mit dem sogenannten Thomas-Theorem, das seit seiner Formulierung im Jahr 1928 durch William Isaac Thomas and Dorothy Swaine Thomas als das aller Erklärung durch menschliches Handeln in den Sozialwissenschaften zugrundeliegende Prinzip gilt. Es besagt:
„If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas & Thomas 1928: 572),
d.h.
„Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real“ (Thomas & Thomas 1928: 572)
Wenn Friedrich Merz die Möglichkeit (auch) für abgelehnte Asylbewerber, unentgeltlichen Zahnersatz in Deutschland zu erhalten, als einen „pull“-Faktor bezeichnet, ist das vor dem Hintergrund der migrationstheoretischen Literatur eine ganz normale Sache, die an sich schwerlich „irritierend“ sein oder für „Empörung“ sorgen können sollte.
Zumindest jeder Abgeordnete des Deutschen Bundestages sollte das auch wissen; immerhin haben die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für denselben im Jahr 2020 eine Dokumentation unter dem Aktenzeichen WD 1 – 3000 – 027/20 vorgelegt, die den Titel „Push- und Pull-Faktoren in der Migrationsforschung“ trägt. Aber selbst dann, wenn die Abgeordneten es gelesen haben oder hätten, hätten sie vermutlich ein zumindest sehr schiefes, wenn nicht schlicht falsches Bild von Push- und Pull-Faktoren in der Migrationsforschung“ bekommen, denn das sieben Seiten umfassende Papier unterschlägt das meiste, was relevant für dieses Thema ist, und das, was es darstellt, ist überwiegend bestenfalls halbrichtig dargestellt. Und die negative Einschätzung von Migrationstheorien, die Migrationsentscheidungen mit „push“- und „pull“-Faktoren erklären, die im Papier vorgenommen wird, basiert (dementsprechend) auf teilweise absurden Behauptungen offenbar nach ideologischer Verwertbarkeit ausgesuchter Autoren. (Hierzu später mehr.) Immerhin belegt die Existenz des Papiers aber zumindest, dass man im Deutschen Bundestag schon einmal von „push“- und „pull“-Faktoren gehört haben sollte. Der Bezug von Merz auf „push“- und „pull“-Faktoren im Zusammenhang mit Migration kann zumnindest für Abgebordnete also schwerlich „irritierend“ gewesen sein oder für „Empörung“ gesorgt haben.
Wie oben bereits bemerkt ist es nämlich vielmehr die Wahrnehmung des Vorhandenseins oder Nicht-Vorhandenseins einer Möglichkeit, die einen „pull“-Faktor darstellt, auch dann, wenn es diese Möglichkeit in der Realität nicht oder nicht in der wahrgenommenen Form geben sollte. Auch dies müssten die Abgeordneten des Bundestages wissen, berichtet sein wissenschaftlicher Dienst doch auf den Seiten vier und fünf des Papiers:
„Dem Soziologen Frank Kalter zufolge beruht die Bedeutung von Lees Ansatz insbesondere darauf, dass er zum einen die Bandbreite der berücksichtigten Variablen erweitert und zum anderen auch individuelle Merkmale einbezieht, die die subjektive Wahrnehmung der Faktoren im Herkunfts- und Zielgebiet prägen“.
Man muss Kalter diesbezüglich nicht einfach glauben, also einem argumentum ad auctoritatem Vertrauen schenken. Von einem wissenschaftlichen Dienst würde man erwarten, dass er im Stande ist, die Richtigkeit der Behauptung selbst zu prüfen, indem die Original-Literatur gelesen wird, die im übrigen leicht zugänglich ist, so dass es keine Entschuldigung dafür gibt, sie nicht gelesen zu haben, und sie statt dessen bloß in einer späteren deutschen Übersetzung zu zitieren (auf Seite 4 im Papier), nur, um sich dennoch auf das zu stützen, was ein zeitgenössischer Soziologe behauptet, dass es im Original stünde, wie das der doch nicht so wissenschaftliche wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung tut. Aber tatsächlich hat Kalter mit Bezug auf die „subjektive Wahrnehmung“ bei Lee Recht. Im Original bei Lee heißt es:
Wollte man das Zahnersatz-Beispiel, das Friedrich Merz für einen „pull“-Faktor angeführt hat, als unpassend oder unzutreffend erweisen, müsste man daher den Beleg erbringen, dass Migranten in der Regel nicht meinen, dass sie in Deutschand im Rahmen der Sozialleistungen, auf die sie einen Anspruch haben, eine Zahnbehandlung bzw. einen Zahnersatz erhalten könnten. Es ist völlig gleichgültig, ob Zahnersatz für Asylbewerber – ggf. unter bestimmten Bedingungen – vollumfänglich, oder teilweise oder überhaupt nicht bezahlt wird; wenn Migranten in dem Glauben sind, dass er (vollumfänglich oder teilweise) bezahlt wird, vielleicht weil diese Behauptung unter ihnen verbreitet wird und sich vielleicht auf Erfahrungsberichte stützt, dann wirkt dieser Glaube als „pull“-Faktor. Umgekehrt müsste jemand, der das Zahnersatz-Beispiel von Merz als passend und zutreffend erweisen will, den Nachweis führen, dass Migranten in der Regel oder zumindest häufig tatsächlich meinen, dass sie in Deutschland im Rahmen der Sozialleistungen, auf die sie einen Anspruch haben, eine Zahnbehandlung bzw. einen Zahnersatz erhalten könnten. So oder so ist die Frage nur durch eine entsprechende Befragung von Migranten vor ihrer Wanderung nach Deutschland eindeutig zu klären. Eine solche Befragung dürfte aber ziemlich aufwändig sein.
Der diesbezügliche versuchte Faktencheck des WDR verfehlt deshalb das Thema, wenn er berichtet:
Es ist einigermaßen unplausibel, einfach davon auszugehen, dass ein möglicher Migrant, sagen wir: aus der Levante oder aus Afrika, die Details der gesetzlichen und verwaltungstechnischen Details in Deutschland kennt, und – falls er sie kennt – seine Möglichkeiten, einen behandelnden Arzt von der Unaufschiebbarkeit einer Zahnbehandlung zu überzeugen, hinreichend negativ einschätzt, um die mögliche Zahnbehandlung nicht als „pull“-Faktor anzusehen.
Darüber hinaus ist der Punkt, auf den Merz mit seinem Beispiel abstellt, dass die einheimische Bevölkerung es als ungerecht empfände, wenn Migranten (weitgehend) unentgeltlich Zahnersatz erhielten, während sie selbst eine Menge Geld in die Krankversicherung einzahlen müssten, um eine teilweise Erstattung zahnärztlicher Behandlung zu erhalten. Auch mit Bezug hierauf ist nicht interessant, inwieweit oder unter welchen Umständen das zutrifft, sondern ob ein nennenswert großer Anteil der Bevölkerung dies so wahrnimmt, und gemäß des Thomas-Theorems darf man sich dann, wenn das so ist, nicht darüber wundern, dass das diesebezügliche Ungerechtigkeitsempfinden verbreitet ist und für Unzufriedenheit mit dem migrationspolitischen Leistungen der Bundesregierung sorgt.
Wie weit verbreitet ein solches Ungerechtigkeitsempfinden tatsächlich ist, wäre viel einfacher herauszufinden als die Vorstellungen von potenziellen Migranten von den gesetzlichen und verwaltungstechnischen Regeln in Deutschland. In einer Demokratie, so würde man meinen, trägt eine Regierung Sorge dafür, dass sie den Willen ihres Souveräns, der Bevölkerung, wann immer möglich, aber besonders mit Bezug auf Fragen, die die gesamte Bevölkerung in vielen verschiedenen Lebensbereichen betreffen, zu erkunden versucht und sich ihm entsprechend responsiv zeigt (auf konstruktive Weise, also nicht durch die Beschimpfung eines großen Anteils der Bevölkerung oder durch Manipulationsversuche). Seltsamerweise scheint auf politischer Seite kein Interesse an der Erforschung des Willens des Souveräns zu bestehen.
Dies alles könnte man ganz normal – und das heißt vor allem: unaufgeregt – diskutieren, aber offenbar ist es nicht das Zahnersatz-Beispiel von Merz, das auch manche „irrtierend“ wirkt oder bei manchen für „Empörung“ sorgt. Vielmehr scheint es die Rede von „push“- und „pull“-Faktoren als solche zu sein, die mancherorts „irritierend“ wirkt oder in manchen Kreisen „Empörung“ auslöst. Mit dieser Vermutung im Einklang steht, dass die „irritierten“ oder „empörten“ Kreise bzw. diejenigen, die davon berichten und solche, die die Fakten mit Bezug auf das „irritierende“ oder „empörende“ Beispiel, das Merz für einen „pull“-Faktor angeführt hat, prüfen wollen, in ihren Einlassungen versuchen, Migrationstheorien, die Migrationsentscheidungen durch „push“- und „pull“-Faktoren erklären wollen, zu diskreditieren. So heißt es auf Seite 5 im oben bereits angesprochenen Papier des nicht wissenschaftlichen wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages:
Zu behaupten, dass eine Erklärung von Migrationsentscheidungen durch „push“- und „pull“-Faktoren keine „Theorie“ sei, sondern eine „suggestive Sprechweise“, wie Frank Kalter vom Dienst hier zitiert wird, ist im ersten Teil des Satzes einigermaßen haarspalterisch und für alle praktischen Fragen irrelevant, weil es ein sehr spezifisches Verständnis von „Theorie“ voraussetzt bzw. in den Bereich wissenschaftstheoretischer oder erkenntnistheoretischer Diskussion gehört, und im zweiten Teil des Satzes unsinnig, denn wenn jeder Faktor, der vorschlagen wird, um ein Phänomen zu erklären, bloß eine „suggestive Sprechweise“ ist, dann ist das eben so; dann haben wir nichts anderes, und dieser Umstand macht die Faktoren nicht von vornherein irgendwie falsch oder prinzipiell für eine Erklärung ungeeignet. Ob ein Faktor ein Phänomen erklären kann oder nicht, ist im Übrigen eine empirische Frage, die anhand von Daten entschieden wird, nicht anhand der Frage, ob man ihn als eine „Sprechweise“ qualifiziert oder ihn im Rahmen einer Theorie verortet – wie Frank Kalter, der in seinem Leben durchaus empirisch gearbeitet hat, bestens wissen sollte. Aber natürlich ist es möglich, dass Kalter diesen Unsinn nicht oder nicht so oder nicht in diesem Kontext von sich gegeben hat, und es bleibt zu hoffen, dass dies tatsächlich so ist.
Weil „push“- und „pull“-Faktoren darüber hinaus positive und negative Anreize darstellen und die Abwägung positiver und negativer Anreize dasjenige sind, das im Rahmen der Theorie der Rationalen Wahl, der sich Frank Kalter in jüngeren Jahren, als er noch mein Kollege am Lehrstuhl von Hartmut Esser war, sehr stark verbunden gezeigt hat, die Hauptrolle spielt (zur Theorie der Rationalen Wahl s. Diefenbach 2009), ist es sehr überraschend, dass Kalter (inzwischen) meinen sollte, positive und negative Anreize stünden nicht im Rahmen einer Theorie oder seien nicht in eine solche einzubetten. Ich habe Schwierigkeiten, in dem, womit Kalter hier zitiert wird, – falls er es tatsächlich so gesagt oder so geschrieben haben sollte – etwas anderes zu sehen als eine „suggestive Sprechweise“ mit Bezug auf gefühlten Druck in eine bestimmte politische oder ideologische Richtung.
Und stimmt es, dass Erklärungen von Migrationsentscheidungen durch „push“- und „pull“-Faktoren „mittlerweise vielfach empirisch widerlegt“ sind? Belassen wir es hier dabei, darauf hinzuweisen, dass diese starke Behauptung ohne Belege bleibt und daher wohl bloß eine als „suggestive Sprechweise“ gedacht ist; dieser Umstand ist selbstredend.
Trifft wenigstens zu, dass Migrationstheorien, die Migrationsentscheidungen mit „push“- und „pull“-Faktoren zu erklären versuchen, „[…] nichtökonomische Faktoren weitgehend [ignorieren]“ oder die „strukturierende Rolle, die … Netzwerke … für den Migrationsprozess spielen“, ignorieren?
Nein.
Und was ist mit der „strukturienden Rolle“, die Staaten und Institutionen für Migrationsentscheidungen oder -prozesse spielen? Werden sie als „push“- und „pull“-Faktoren ignoriert? Nein, ihre Rolle ist spätestens in den 1990er-Jahren von Migrationsforschern aufgearbeitet worden, so u.a. von Bauböck 1994; Hollifield 1999; Hollifield & Zuk 1998; Soysal 1994. Und wenn sie tatsächlich ignoriert oder „marginalisiert“ worden wäre, wie der nicht wissenschaftliche wissenschaftliche Dienst des Bundestages behauptet, dann würde dies lediglich bedeuten, dass es weitere „push“- und „pull“-Faktoren gibt, die der Berücksichtigung harren; Politiken sind ja nichts anderes als Regelungen, die positive oder negative Anreize für Handeln bieten. Um mit Hollified (2000: 147) zu sprechen:
„The types of push and pull factors identified by scholars may vary, but the logic of looking at individual migrants as pre-eminently rational, utility-maximizing agents remains the same …”.
d.h.
„Die Arten von Push- und Pull-Faktoren, die von Wissenschaftlern identifiziert werden, mögen variieren, aber die Logik, einzelne Migranten vorrangig als rationale, nutzenmaximierende Akteure zu betrachten, bleibt dieselbe …“.
Und man ist geneigt anzufügen: Natürlich ist das so, denn die bei weitem meisten Migranten – abgesehen von Kindern, und auch hier gilt: nicht von generell allen Kindern – werden nicht gegen ihren Willen irgendwohin entführt, sondern entscheiden sich für oder gegen eine Migration, auch wenn in bestimmten Situationen „push“- oder „pull“-Faktoren so stark dominieren, dass die Entscheidung sehr leicht fällt, wie vielleicht im Fall von politisch Verfolgten. Man ist aber auch geneigt zu vermuten, dass es genau diese Auffassung von Migranten als verantwortlich Entscheidende und Handelnde ist, die bestimmte Leute an Migrationstheorien, die mit „push“- oder „pull“-Faktoren argumentieren, nicht mögen.
Das läßt sich auch anhand des versuchten Faktenchecks des WDR mit Bezug auf das Zahnbehandlungsbeispiel von Merz zeigen, denn auch dieser „Faktencheck“ kommt nicht ohne das Bestreiten der Relevanz von „push“- und „pull“-Faktoren aus. Dort heißt es:
Gibt es auch alternative Erklärungen?
„In der modernen Migrationsforschung gilt die Theorie von „Pull“-Faktoren inzwischen als veraltet, weil sie Migration fast ausschließlich mit einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnung erklärt. „Ich würde sagen, es ist eine sehr vage Idee, mehr nicht“, sagte vor einiger Zeit Frank Kalter, Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Wenn die Menschen allein aus wirtschaftlichen Gründen ihre Zielländer aussuchen würden, dann „müsste die ganze Welt in Bewegung sein“, so Kalter. Das sei sie aber nicht.
Wir beobachten hier wieder das vollständige Unverständnis des Ausdrucks „ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung“, der in den Sozialwissenschaften verbreitet ist. Wie oben bereits berichtet, bedeutet „ökonomisch“ in ihnen „sparsam“ im Sinn von „größtmöglichen Nutzen erzielen bei geringstmöglichem Aufwand“, und Kosten“ und „Nutzen“ verweisen keineswegs nur auf Materielles oder schlicht: Geld, sondern auf alles, was Vorteile oder Nachteile angesichts bestehender Interessen des Entscheiders erbringt.
Frank Kalter spielt hier einmal mehr eine unglückliche Rolle, falls er tatsächlich gesagt haben sollte, dass „die ganze Welt in Bewegung sein“ müsse, wenn „Menschen allein aus wirtschaftlichen Gründen ihre Zielländer aussuchen würden“. Erstens sind die Gründe für die Entscheidung zur Migration allgemein nicht notwendigerweise dieselben wie die Gründe für die Entscheidung, in ein bestimmtes Land zu migrieren, und zweitens: Wenn die Aussage, die Frank Kalter angeblich oder tatsächlich so formuliert hat, zuträfe, würde sie notwendigerweise bedeuten, dass die Betrachtung allein von wirtschaftlichen Gründen für Migration eine hinreichend Bedingung wäre, um Migration zu erklären, denn mehr als „die ganze Welt“ kann ja nicht „in Bewegung“ sein, und wenn „die ganze Welt“ schon aus wirtschaflichen Gründen „in Bewegung“ ist, dann kann man der Erklärung durch die Berücksichtigung z.B. von sozialen Netzwerken ja nichts mehr hinzufügen. Einmal mehr wird hier also Unsinn verzapft.
Jedenfalls formulieren die Autoren auf der Basis ihres völligen Unverständnisses dessen, was in den Sozialwissenschaften unter einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Abwägung verstanden wird, ein Strohmann-(Pseudo-)Argument gegen Migrationstheorien, die mit („push“- und) „pull“-Faktoren argumentieren (wobei wie bereits bemerkt „push“-Faktoren ausgeblendet werden und nur gegen die Vorstellung von „pull“-Faktoren angeredet wird:
„Aktuellen Studien zufolge spielen soziale Faktoren eine viel größere Rolle bei der Wahl eines Flucht[!]ziels als wirtschaftliche Interessen. So hoffen viele Geflüchtete[!], bei Verwandten und Freunden unterzukommen, die bereits in Deutschland leben. Wohin Menschen flüchten[!], sei darüber hinaus meist nicht von langer Hand geplant, sondern hänge oft von sehr kurzfristigen Entscheidungen ab. Die Bewegungsfreiheit von Geflüchteten [!] sei stark eingeschränkt, sie müssten bei der Wahl ihres Ziels flexibel sein und jede Chance nutzen“.
Nicht nur, dass die „aktuellen Studien“ allesamt unerwähnt bleiben, obwohl im Text immer dann, wenn die Verfasser meinen, sie könnten sich auf einen von Anderen verfassten Text stützen, denselben mit link angeben; die Forschung über die Rolle, die soziale Netzwerke bei Migrationsentscheidungen spielen, existiert – wie oben berichtet – bereits spätestens seit den 1990er-Jahren (auf systematische Weise), ist also nicht neu, und spräche in der Tat gegen die Vorstellung, dass Migration immer und überall „ausschließlich“ aus wirtschaftlichen Interessen erfolgt – sofern diese Vorstellung irgendjemand hätte.
Migrationsforscher haben und hatten diese Vorstellung jedoch nicht, auch nicht vor rund hundert Jahren, und schon gar nicht mit Bezug auf Flüchtlinge im Sinn des Wortes (statt Migranten aller Art). Sie haben vielmehr verschiedene Arten von Migration unterschieden, so z.B. Lee, der die Migration von Kriegsflüchtlingen als „forced migration“, d.h. erzwungene Migration, betrachtet hat, und von ihr die „free migration“, d.h. die freie oder freiwillige Migration, unterschieden hat (Lee 1966: 49). Lee hat „freie“ bzw. freiwillige Migration zu erklären versucht, und bei ihr können wirtschaftliche Faktoren eine große Rolle spielen – wie dies z.B. mit Bezug auf die Massenmigrationen vom Land in die Städte während der industriellen Revolution der Fall war oder mit Bezug auf Armutsmigrationen wie diejenige aus Irland in die USA im Zeitraum von etwa 1750 bis 1900. Man kann Theorien und Forschungen nicht gerecht werden, wenn man sie aus ihrem Kontext löst, ihnen pauschal irgendetwas unterstellt, Versatzstücke aus ihnen herauslöst und sie so zu einer Karikatur ihrer selbst macht. Gegen den versuchten Faktencheck des WDR wäre an dieser Stelle daher – mindestens – „missing context“, d.h. fehlender Kontext, einzuwenden, ein Einwand den sogenannte Faktenchecker iherseits gerne bei Anderen anbringen.
Aus dem Text im versuchten Faktencheck des WDR wird nicht ersichtlich, inwieweit all diese Irrtümer, Fehler, die Strohmann-Strategie etc. Frank Kalter anzulasten sind oder Christina Höwelhans und Andreas Poulakos, also denjenigen, die ihren bis dahin vielleicht guten Namen dem versuchten Faktencheck vorangestellt haben. In jedem Fall spielt Frank Kalter auch hier, im Rahmen des versuchten Faktenchecks beim WDR, wieder eine – gelinde gesagt – sehr unglückliche Rolle. Natürlich steht es ihm jederzeit frei, sich gegen falsche Zitationen oder falsche Interpretationen, dessen was er wem wann gesagt hat, zu verwahren und sie richtigzustellen; bislang hat er das m.W. jedoch nicht getan.
Wie dem auch sei – es geht (auch) im versuchten Faktencheck des WDR darum, die Rede von „push“- und „pull“-Faktoren mit allen Mitteln zu diskreditieren, denn dort heißt es weiter:
Inzwischen dürfte es nicht mehr überraschen, dass von den „Studien“ nur „die bekannteste“, also vermutlich die einzige, die den Autoren des Textes bekannt geworden ist, zitiert und mit link versehen ist, und dass die „Kritik“, die es an dieser Studie gegeben haben soll, überhaupt nicht belegt ist. (Vielleicht meinen sie, dass es eine „Kritik“ darstelle, wenn ihnen das Ergebnis einer Studie nicht gefällt?!) Und wahrscheinlich überrascht es auch nicht, dass Höwelhans und Poulakos von den unbekannt bleibenden Studien behaupten, dass sie nur „scheinbar die Theorie von „Push“- und „Pull“-Faktoren unterstützen“. Die Begründung, die für diese Qualifizierung mit Bezug auf die einzige Studie, die die Autoren nennen, vorgebracht wird, ist – einmal mehr – auf doppelte Weise absurd: Erstens deshalb, weil jede Studie naturgemäß „viele Faktoren einfach [! nicht vielleicht aus praktischen Gründen?!] unberücksichtigt läßt“; wie oben bereits erwähnt ist Wissenschaft mit dem Anspruch, eine Formel zur Erklärung der Welt zu finden, unvereinbar. Wissenschaft funktioniert durch Reduktion auf die Prüfung klar angegebener Zusammenhangshypothesen, nicht durch die wilde Ansammlung von allem, was sonst noch irgendwie wichtig sein könnte, im Zuge irgendeines utopischen, nicht praktikablen Holismus.
Die zweite Absurdität besteht darin, gegen die „Push“- und „Pull“-Faktoren- Studie, die die Autoren anführen, einzuwenden, dass sie politikbezogene „push“- und „pull“-Faktoren nicht berücksichtige. Wie ist es möglich, „push“- und „pull“-Faktoren insgesamt als fragwürdige Konzepte darzustellen und gleichzeitig zu kritisieren, dass eine bestimmte Art von „push“- und „pull“-Faktoren nicht berücksichtigt worden sei? Was darf es denn nun sein: Weniger „push“- und „pull“-Faktoren oder mehr?!
Aber warum ist es überhaupt so wichtig, die Rede von „push“- und „pull“-Faktoren möglichst zu diskreditieren?
Die (oder zumindest: eine) Antwort auf diese Frage dürfte sein, dass die Vorstellung von Migranten als aktiv handelnden Menschen, die sich von Migration Vorteile versprechen, nicht zur Darstellung des an sich passiven, bloß auf den Unbill der Welt reagierenden, Migranten in Form eines Flüchtlings, sei es als Wirtschafts- oder Armuts- oder Kreigsflüchtlings oder neuerdings als Wetter-Flüchtling passt. Wenn Migranten mehrheitlich aktive Migranten und nicht passive Flüchtlinge sind, die „…bei der Wahl ihres Ziels flexibel sein und jede Chance nutzen“ müssten, wie es im versuchten Faktencheck des WDR heißt – unter Beifügung eines anrühren sollenden Bildes von einem Migranten auf einer Wiese, der ein Kleinkind in den Armen hält; ja so primitiv wird hier vorgegangen! –, dann tragen sie Verantwortung für ihre Handlungen samt der Konsequenzen ihrer Handlungen. Z.B. sind dann Macheten-Amokläufer nicht mehr umstandslos als traumatisierte Flüchtlinge darstellbar, bei denen die schreckliche Gewalt, die sie (irgendwie irgendwo vielleicht) mitansehen mussten oder vielleicht sogar erlebt haben (sollen), zu psychischen Schäden geführt haben. Und wenn Migranten für ihre Handlungen und deren Folgen verantwortlich sind, dann kann nicht mehr uneingeschränkt an das Mitgefühl der Bürger im Zielland oder in der Zielregion appelliert werden oder gar eine moralische Verpflichtung den Migranten gegenüber postuliert werden.
Umfassende Sozialleistungen an Migranten, zwangsfinanziert von den Steuerzahlern des Aufnahmelandes, sind dann nicht mehr darstellbar als ein schlichter Akt des Mitleids bzw. als Ausdruck einer für unhinterfragbar geltenden moralischen Verpflichtung zur Hilfe, sondern werden erkennbar als von Personen in politischer Verantwortung – absichtlich oder unabsichtlich – gesetzten Anreizen. Sofern Personen in politischer Verantworung – sofern sie überhaupt demokratisch gewählt sind – den Willen ihres Souverän, der Bürger, umzusetzen haben, müssten sie die von ihnen durch ihre Politik gesetzen Anreize ggf. dementsprechend korrigieren. Und wenn sie dies nicht tun wollen, z.B. weil sie sich (aus welchen Gründen auch immer) anderen Personen oder Organisationen stärker verpflichtet fühlen als ihrem demokratischen Souverän, dann werden sie bestrebt sein, ein Narrativ zu verbreiten, in dem „push“- und „pull“-Faktoren und damit: persönliche Verantwortung auf Seiten der Migranten wie auf Seiten der politischen Akteure keine oder bestenfalls gegenüber dem „Zwang-zur-Flucht“-Motiv eine weit untergeordnete Rolle spielt.
Es ist in diesem Kontext, dass „Irritation“ und „Empörung“ über das Zahnersatz-Beispiel von Merz einigermaßen Sinn machen. Normalerweise würde man es dabei belassen, zu diskutieren, ob das Beispiel ein gutes oder ein schlechtes Beispiel für das ist, wofür es eines ist oder sein soll. Wenn darüber hinaus sowohl durch den nicht wissenschaftlichen wissenschaftlichen Dienst des Bundestages als auch durch das „Faktencheckerei“-Geschäft versucht wird, – unter der höchst bedauerlichen Instrumentalisierung von Personen wie Frank Kalter, der seinen Lebensunterhalt „gefördert vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend“ (also alles außer Männern wie ihm selbst) verdient (https://www.dezim-institut.de), – eine ganze bewährte sozialwissenschaftliche Tradition als „veraltet“ oder „widerlegt“ dargestellt werden soll, dann liegt es nahe zu vermuten, dass es hier um die Durchsetzung einer ganz bestimmten Erzählung geht, die – wieder einmal – mit dem Stempel „wissenschaftlich belegt“ versehen werden soll, obwohl sie die Wissenschaft lediglich schlecht karikiert.
Dem widerspricht nicht, dass diejenigen, die dieses Narrativ verbreiten, aufgrund ihrer Unkenntnis über Wissenschaft im allgemeinen und hier: Migrationstheorien und -forschung im Speziellen als die sprichwörtlichen „nützlichen Deppen“ fungieren, die sich jemand, der dieses Narrativ systematisch verbreiten will, nur wünschen kann, kann er sich ihrer doch problemlos bedienen und alle Verantwortung auf sie abschieben in dem Fall, dass das Narrativ als der Unsinn erkennbar wird, der es ist.
Literatur
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