Schüler mit Migrationshintergrund: Problem oder kein Problem in deutschen Schulen? [Unbrauchbare Studien]

Man wirft Wissenschaftlern häufig vor, sie säßen in einem Elfenbeinturm und kennten die Welt nur vom Hörensagen. Deshalb wären ihre Texte, nun ja, in der Welt unbrauchbar, ihre Ideen abgehoben und ihre Aussagen so abstrakt, dass man weder wüsste, was sie wollen noch, was sie von einem wollen, sofern sie etwas wollen.

Mit dem Einzug der Fächer an Hochschulen, die keinerlei Gegenstand als das Getue um die eigene Betroffenheit haben, z.B. darüber, dass es einst Kolonien gab, darüber, dass es weiße Menschen gibt, darüber dass die meisten Erfindungen und technischen Entwicklungen von Männern stammen, hat dieses Vorurteil erstmals eine Berechtigung, denn seither sind vor allem in den Sozialwissenschaften Personen unterwegs, die in Zungen sprechen und sich durch Ratschläge hervortun, die niemand bestellt hat und die zudem niemand versteht, die entsprechend unbrauchbar sind. Gerade diese Unbrauchbarkeit dessen, was als Ergebnis einer Studie dann verbreitet wird, scheint auf Institutionen einen ungeheuerlichen Reiz auszuüben. Scheinbar herrscht dort die Vorstellung, dass verquaste Sprache, die mit dem Modewort „reflexiv“ durchsetzt ist, etwas ist, mit dem man viel Eindruck schinden und viel Blendwerk verbreiten kann, das zwar vollkommen nutzlos aber auf einfache und naive Gemüter schlichtweg: Wow wirkt.

Die Stiftung Mercator GmbH, die also keine Stiftung, sondern eine Gesellschaft ist, die unter anderem im Hinblick auf die von ihr veröffentlichten vermeintlichen Studienergebnisse nur beschränkte Haftung übernimmt, ist eine GmbH, deren Geschäftsführer gerne wortreiche Leerformeln in Studienform veröffentlichen, um sich als informiert, kümmernd und engagiert darstellen zu können.

Zu diesem Zweck haben sie Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen) und Paul Mecheril (Universität Oldenburg) als Gallionsfiguren sowie Anna Aleksandra Wojciechowicz und Saphire Shure als diejnigen, die die Arbeit machen, eingekauft, um eine Studie über das „Pädagogische Können in der Schule der Migrationsgesellschaft“ ausführen zu lassen. Eine Handreichung von acht Seiten ist bislang alles, was der Öffentlichkeit als Arbeitsnachweis zur Verfügung steht, aber acht Seiten qualitative Ergebnisse sind ja, immerhin, eben acht Seiten und außerdem sind es acht Seiten voller Leerformeln und unnützer Empfehlungen.

Belegen wir unsere gerade gemachte Behauptung.

Wir fangen wie immer mit der Methode an. Die qualitative Studie, von der nicht verraten wird, welche qualitative Methode genutzt wurde, um das Material zu analysieren, basiert auf Modulbeschreibungen von 11 Universitäten, von denen nicht gesagt wird, warum gerade diese Modulbeschreibungen und genau diese 11 Universitäten ausgesucht wurden. Hinzu kommen nicht näher spezifizierte Curricula und „ausgewählte Texte der Kultusministerkonferenz“, von denen nicht gesagt wird, warum bzw. nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden.

Wäre es eine studentische Arbeit, die vier Verantwortlichen wären nun durchgefallen. Aber es ist keine studentische Arbeit. Deshalb sind die Standards unterirdisch, Erwartungen an Methoden nicht vorhanden und Ansprüche nur insofern gegeben, als man bei der Mercator GmbH eine schöne Pressemeldung schreiben will.

Wir wissen zwar nicht, wie die Ergebnisse, die die vier Autoren, also die beiden symbolischen und die beiden wirklichen, präsentieren, zustande gekommen sind, welchen Aussagegehalt, wenn überhaupt, sie haben und falls sie überhaupt einen Gehalt haben, in welchem Kontext er zu sehen ist. All diese Standards wissenschaftlicher Forschung sind offenkundig nicht bekannt oder schlicht ignoriert worden. Das soll uns aber nicht daran hindern, die Ergebnisse der Handreichung einer genaueren Analyse zu unterziehen.

Formulieren wir dazu ein konkretes Problem mit dem Lehrer in der Schule konfrontiert sind. Schüler mit Migrationshintergrund sind in der Regel der deutschen Sprache weniger oder kaum mächtig. Was lässt sich den Ergebnissen und Empfehlungen der vier Autoren entnehmen, um dieses Problem zu lösen?

Das Problem ist gar kein Problem, schon gar kein technisches Problem. Denn Migration ist kein Problem, selbst wenn sich in Folge von Migration Probleme einstellen sollten, sind diese Probleme doch kein Problem der Migration als solcher und schon gar keines der Schüler mit Migrationshintergrund. Zu dieser Erkenntnis müssen Lehrer gelangen. Sie müssen lernen mit ihren „Einstellungen und Haltungen zu Migration“ umzugehen.

Wenn also die Schüler, die weniger gut Deutsch können als andere Schüler einen Migrationshintergrund haben, dann verlangt es die Selbstreflexion, diesen Hintergrund zu leugnen oder in einen größeren Kontext einzuordnen, denn: „Die durch die Schüler in den Klassenraum eingebrachten Unterschiede“ [also ihr Migrationshintergrund] müssten als Ergebnis „globaler Ungleichheiten“ verstanden werden und vor dem Hintergrund von „Fragen zu Differenz- und Diskriminierungsverhältnissen (border studies, postcolonial studies, race studies)“ diskutiert werden. Kurz: Die Tatsache, dass zum Beispiel Schüler, die aus Afrika stammen, also schwarz sind, nein, Migrationshintergrund haben, nein verflixt, die also eben vielfältig sind, so vielfältig, dass sie nicht richtig Deutsch können, diese Tatsache hat ihre Ursache darin, dass Ende des 19. Jahrhunderts Bismarck und andere Deutsche einen Platz an der Sonne gesucht haben, nicht etwa auf Mallorca wie heute, sondern in Deutsch Südwestafrika oder in Deutsch Südostafrika oder so. Und deshalb, das haben postcolonial Studies herausgefunden, deshalb können vielfältige Schüler, die zwar keinen Migrationshintergrund haben, aber eben weil sie vielfältig sind, eine räumliche Verbindung zu z.B. Namibia einst hatten, bevor sie nach Deutschland gekommen (nicht etwa migriert) sind, kein Deutsch.

Einfach – oder?

Aber, so die mahnenden Worte der vier Autoren: Vielfalt oder Pluralität dürfen auch nicht einer Gruppe zugeschrieben werden. Werden sie das, dann werden die Schüler, die vielfältig oder plural sind, wieder stigmatisiert, wieder zum Objekt und das ist schlecht, und am Ende kommt dabei heraus, dass Schüler mit …, mit …, mit Vorfahren in ehemaligen Kolonien eines staatlichen Vorgängers von Deutschland, für den Deutschland nach wie vor völkerrechtlich verantwortlich gemacht wird, zu „Mängelexemplaren“ erklärt werden, die „Unterstützung“ und Hilfe benötigen. Dem ist natürlich nicht so. Denn, dass sie schlechter Deutsch können, das wissen wir nur, weil wir sie zu einer Gruppe zusammengefasst haben, ihnen einen Migrationshintergrund zugeschrieben haben, sie am Ende aufgrund von primären Merkmalen stereotypisiert haben und so zu dem Schluss gekommen sind, dass Schüler mit Migrationshintergrund schlechter Deutsch können. Sie sehen, wenn wir uns der Tatsache bewusst werden, dass Schüler mit Migrationshintergrund nur deshalb schlechter Deutsch können als Schüler ohne Migrationshintergrund, weil wir dem Migrationshintergrund Relevanz zuweisen und wir deshalb aufhören, dem Migrationshintergrund Relevanz zuzuweisen, dann werden diese Schüler zwar nicht besser in Deutsch, aber die Autoren der Handreichung, die die Mercator GmbH durch Presseverteiler schleust, sind glücklich und fühlen sich gut.

Sie haben die Welt besser gemacht, dafür gesorgt, dass sich Lehrer nicht mehr um die Defizite ihrer Schüler sorgen, sondern um die eigenen Defizite. Entsprechend lauten die Empfehlungen, die die vier Autoren den Lehrern, an deren Adresse die Handreichung u.a. geht, geben, sich Wissen über den Ort, von dem aus Schüler oder deren Eltern nach Deutschland gekommen sind, anzueignen – den Migrationshintergrund also doch relevant zu machen. Das hat zwar keinen Einfluss auf die Deutschleistung der entsprechenden Schüler, aber es „kontextualisiert historisch“. Wozu das gut ist, wissen die Autoren zwar auch nicht, aber es muss ja auch nicht gut sein, nicht Lehrer bei ihrer täglichen Arbeit mit Migranten helfen oder anleiten, es soll nur gut klingen.
Gut klingen tut auch die durch die Autoren von Lehrern geforderte Auseinandersetzung „mit Migrationsphänomenen und Zugehörigkeitsverständnissen“. Es ist zwar zweifelhaft ob die Deutschkenntnisse von Syrern oder von Äthiopiern von deren Zugehörigkeitsverständnis beeinflusst werden, aber, abermals, es klingt gut. Abermals: Es geht nicht darum, die Deutschleistungen von Schülern zu verbessern. Mit derart konkretem Schnickschnack kann man den institutionalisierten Autoren, also an einer Universität institutionalisierten Autoren nicht kommen. Ihnen geht es darum, dass Lehrer die im Vergleich zu anderen Schülern schlechteren Leistungen nicht dem Migrationsstatus der Schüler zuschreiben, dass sie für die „Vielfalt an unterschiedlichen Sichtweisen und Bildungsbiografien sensibel“ sind.

Darum allein geht es: Die Nomenklatur für pseudo-wissenschaftliche Heuchelei zu erlernen. Das hilft zwar weder Lehrern noch Schülern, aber den leider gar nicht selbst-reflexiven Selbstdarstellern von Universitäten, deren Ziel auch gar nicht darin besteht, Schülern und Lehrern nützlich zu sein. Sie sind Vertreter der Betroffenheits-Fächer. Sie tun betroffen, heucheln Betroffenheit über Kolonialismus, Whiteness, Ableismus, Sexismus, was auch immer. Das muss reichen: Wenn man betroffen tut, kann man nicht auch noch nützlich sein, gar denen, an deren Stelle man betroffen tut, behilflich sein.

Wissenschaft ist in Teilen zur Purifikation vor Phantasien geworden, die außer denjenigen, die die Welt vor ihnen retten wollen, niemand hatte. Und wie immer fällt das Individuum, um das es eigentlich geht, dann, wenn die universitären Purifizierer am Werk sind, durch. Möglicherweise wäre eine individuelle Betreuung und Hilfe, die Lösung für die Probleme, die viele Schüler, nicht nur die mit Migrationshintergrund im Fach Deutsch haben. Um vorhandene Probleme zu lösen und individuelle Hilfe zu leisten, ist es aber notwendig, die Probleme zu benennen und wenn sich die Probleme dadurch auszeichnen sollten, dass sie in einer bestimmten Schülergruppe (z.B. mit Migrationshintergrund) besonders häufig vorhanden sind, dann ist es zur Lösung der Probleme elementar, die Ursache dieser gleichen Problemlage zu erforschen, nicht, den Blick auf die spezifische Problemlage zu verweigern und sich ansonsten in sprachlichen Variationen von Heuchelei zu verlieren.

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Bertelsmann-Studie: Weibliche Muslime schlechter integriert als männliche Muslime

Derzeit geht die Bertelsmann-Studie „Muslime in Europa – Integriert, aber nicht akzeptiert?“ durch die Medien. Eine Reihe von Lesern hat uns auf diese Studie und die dazugehörige Berichterstattung hingewiesen, deren Tenor weitgehend lautet: Muslime sind gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Angesichts eines nunmehr mehrere Jahrzehnte dauernden Aufenthalts von Muslimen in Deutschland, die oft in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, wäre alles andere auch mehr als bedenklich.

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Wir haben ein paar Abbildungen zusammengestellt, die die wichtigsten deskriptiven Ergebnisse aus der Befragung von für Deutschland 1.114 Muslimen und 1.453 Deutschen zeigt. Für uns ist jedoch nicht der deskriptive Firlefanz, der in den Medien berichtet wird, von Interesse sondern der in der Bertelsmann-Studie unternommene Versuch, die Integration von Muslimen der zweiten Generation in den Arbeitsmarkt als alleinigen Indikator für deren gesellschaftliche Integration zu erklären.

Diese Erklärung basiert zunächst auf einer mehr oder weniger verballhornten Übernahme von vier Dimensionen der Integration, die Esser zugeschrieben werden, der sie allerdings bei Berry entliehen hat. Die vier Dimensionen im originalen Akkulturationsmodell von Berry lauten Segregation, Marginalisierung, Assimilation und Integration. Bei Bertelsmann hat man die Segregation und die Marginalisierung vermutlich schon deshalb gestrichen, weil beide negativ und politisch nicht erwünscht sind und durch Platzierung und Interaktion ersetzt. Nimmt man noch Akkulturation und Identifikation hinzu, dann kommt man zu dem, was bei Bertelsmann als Modell der sozialen Integration bezeichnet wird.

Aufgelöst in die Bestandteile wird alles wieder etwas trivialer:

  • Platzierung wird durch Erwerbstätigkeit operationalisiert,
  • Akkulturation auf Spracherwerb und Schulbildung verkürzt,
  • Interaktion als Freizeitkontakt mit Einheimischen definiert und
  • Identifikation als Verbundenheit mit der Aufnahmegesellschaft angesehen (was letztlich eher Akkulturation als Identifikation misst, aber lassen wir das);

Aus Gründen, die nicht angegeben sind und von uns auch nicht nachvollzogen werden können, gilt den Bertelsmännern nur die Platzierung als erklärungsbedürftig, als multivariat erklärungsbedürftig. Multivariat scheint heute vornehmlich mit logistischer Regression einher zu gehen und die Berechnung derselben, die zum Ziel hat, auf Grundlage der abhängigen Variablen „Platzierung“ die Determinanten einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft zu bestimmen, ergibt Folgendes:

Alles, was in der letzten Spalte keine Sterne aufweist, kann vergessen werden, weil es n.s., also nicht signifikant ist.

Bleiben die signifikanten Ergebnisse:

Akkulturation, also bei den Bertelsmännern Sprachkenntnisse und ein formaler Bildungsabschluss erhöhen dann, wenn sie hoch sind, die Wahrscheinlichkeit von Platzierung, also von Erwerbstätigkeit, denn letzten Endes erklären die Bertelsmänner hier Erwerbstätigkeit und nicht Integration oder Platzierung.

Viele Freizeitkontakte zu Deutschen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit.

Der Unsinn, den logistische Regressionen dann produzieren, wenn sie von Unbedarften bedient werden, kommt darin zum Ausdruck, dass Befragte, die sich Deutschland als eher verbunden erklären, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als Befragte, die von sich sagen, sie seien Deutschland sehr verbunden. Dass hier Unbedarfte am Werk sind, zeigt sich schon daran, dass Sie den Referenzkategorien Signifikanzen zuweisen, im Ergebnis stellt sich bei statistisch Bedarften Schüttelfrost ein.

Mit zunehmender Religiosität sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit (also von Platzierung für die Bertelsmänner).

Schließlich wirkt sich auch Geschlecht auf die Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, aus. Weibliche Muslime haben eine deutliche, um 60% geringere Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als männliche Muslime.

Die Bertelsmänner berücksichtigen in ihrer Analyse ausschließlich Angehörige ab der zweiten Migrantengeneration also Befragte, die bereits in Deutschland geboren wurden.

Übrigens: Das Modell ist insofern ein sinnloses Modell als die Analysen auf Muslime beschränkt bleiben. Wollte man tatsächlich Aussagen darüber machen, ob Muslime integriert sind und wenn ja, wie gut sie integriert sind, dann muss man sie in Relation zur deutschen Bevölkerung analysieren und Letztere auch als Referenzgruppe wählen.

Folgt man den Bertelsmännern dennoch in ihrer Ansicht, dass die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt letztlich die Variable ist, die eine gelungene Integration signalisiert, dann muss man daraus folgern, dass dieselbe bei weiblichen Muslimen in geradezu spektakulärer Weise misslungen ist. Da die weiblichen Muslime, die in der logistischen Regression berücksichtigt sind, alle in Deutschland geboren sind und alle das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, stellt sich die Frage: What went wrong?

Das ist doch einmal eine Frage, die die Gender Studierten beantworten könnten – oder?

Und für den Fall, dass die Gender Studierten auf ihre Lieblingsvariable springen: Es hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn von Diskriminierung geht keinerlei Effekt auf die „Platzierung“ aus.

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Flüchtlinge im Mittelmeer: Daten und Fakten anstelle von Mythen

Wie so viele Diskussionen in Deutschland, so hat auch die Diskussion über Flüchtlinge, die über die Route von Libyen nach Italien nach Deutschland kommen, etwas seltsam Uninformiertes. Der Begriff „Flüchtling“ scheint auszureichen, um diejenigen, die da kommen, zu klassifizieren. Jeder kann sich dann das vorstellen, woran er bei „Flüchtling“ denken will. Manche werden an Muslime denken, andere an Syrer, wieder andere an junge Männer, manche an Menschen, die Hilfe benötigen, wieder andere an Wirtschaftsflüchtlinge.

Wir wollen mit diesem Beitrag ein paar Fakten über Flüchtlinge, die über die zentrale Mittelmeer-Route nach Italien kommen, zusammenstellen.

Quelle. UNHCR

Ausgangspunkt sind zunächst die Daten von UNHCR. Diesen Daten zufolge kamen im Jahr 2016 181436 Flüchtlinge über die zentrale Mittelmeer-Route nach Italien (Insgesamt kamen 2016 362.753 Flüchtlinge über das Mittelmeer). Bis zum 4. August 2017 waren es 114.000 Flüchtlinge. Bei den Flüchtlingen, die nach Italien kommen, handelt es sich in erster Linie nicht um Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Zu diesem Ergebnis sind Crawley et al. (2016) zu deren Arbeit wir gleich kommen, bereits für 2015 gekommen. Damals war der Anteil der Flüchtlinge aus Syrien, die in Italien ankommen, mit 5% bereits deutlich geringer als in den Jahren zuvor. 2017 stammen die Flüchtlinge, die nach Italien kommen, vornehmlich aus Nigeria (14,8%), Guinea (9,6%), von der Elfenbeinküste (9,0%) und aus Bangladesh (8,6%). Erst an fünfter Stelle kommen Flüchtlinge aus Syrien (6,5%).

Die angesprochene Arbeit von Crawley et al (2016) ist die einzige Arbeit, die wir finden können, die sich mit den Fragen beschäftigt, wer die Flüchtlinge sind, woher sie warum kommen und wie sie nach Europa kommen. Um diese Fragen zu beantworten haben sie 500 Flüchtlinge u.a. in Italien und Griechenland befragt. Wir beziehen uns hier auf die Ergebnisse für die Flüchtlinge, die in Italien ankommen (Basis. 205 Interviews mit Migranten):

Bereits für 2015 haben die Autoren wie gesagt festgestellt, dass syrische Flüchtlinge nur noch einen kleine Anteil der Flüchtlinge stellen, die über die zentrale Mittelmeerroute nach Italien kommen. Schon damals stammten die Flüchtlinge vornehmlich aus den afrikanischen Staaten Eritrea, Nigeria, Somalia, Sudan, Gambia, Mali und Senegal.

Schon 2015 gab es keine „spontanen“ Ankünfte mehr in Italien. Alle Flüchtlinge, die 2015 in Italien angekommen sind, wurden von Schiffen, damals noch im Rahmen der Triton Plus Mission kurz vor der Lybischen Küste aufgenommen und nach Italien transportiert.

Die Migranten, die über die Mittelmeerroute nach Italien kommen, sind im Vergleich zu denen, die z.B. über die Türkei nach Griechenland gelangen, jünger: Drei Viertel sind zwischen 18 und 29 Jahren. Sie sind in der Regel alleine unterwegs: „The migration of a single family member through the Central Mediterranean route stands in stark contrast to the increasing migration of families across the Aegean” (6).

Die meisten der Flüchtlinge, die in Italien ankommen, haben eine sekundäre Schulbildung und hatten vor ihrer Flucht einen Arbeitsplatz.

Die Fluchtmotive sind gemischt: manche flüchten vor einem bewaffneten Konflikt, manche aus ökonomischen Gründen, andere, weil sie in ihrem Heimatland nicht in der Lage waren, sich selbst zu unterhalten, wieder andere, weil sie arbeitslos waren und darauf hoffen, in Europa einen Arbeitsplatz zu finden.

Die meisten Flüchtlinge wissen nicht, was sie in Europa erwartet. Sie haben keine Präferenz für ein bestimmtes Zielland. Vielmehr entscheiden sie sich während der Flucht oft spontan für ein bestimmtes Zielland, z.B. Deutschland, wobei Personen, die ihnen bei der Flucht behilflich sind, Mitarbeiter von NGOs oder Schlepper eine besondere Rolle bei der Bestimmung des Ziellandes zu spielen scheinen.

Im Gegensatz zu den Flüchtlingen, die über die Türkei nach Griechenland fliehen, die nur wenige Monat unterwegs waren, haben die Flüchtlinge, die in Italien ankommen, oft eine jahrelange Geschichte der Migration hinter sich. Flüchtlinge aus Eritrea haben z.B. in Ägypten und Libyen gearbeitet, ehe sie sich auf den Weg in die EU gemacht haben. Flüchtlinge aus Afghanistan haben häufig jahrelang im Iran gearbeitet, bevor sie über Libyen versucht haben, in die EU zu gelangen. Das zeigt, in Libyen fließen die unterschiedlichsten Ströme von Migranten mit den unterschiedlichsten Motiven zusammen.

Zwei Ergebnisse von Crawley et al. sind besonders interessant: (1) Die Entscheidung für ein bestimmtes Zielland in der EU wird während der Flucht, spontan und häufig unter dem Einfluss unterschiedlicher Berater getroffen. (2) Viele Flüchtlinge, die versuchen, in die EU zu gelangen, migrieren schon seit Jahren von einem Land zum nächsten und haben bereits in den unterschiedlichsten Ländern gearbeitet. Bei ihnen handelt es sich also um Arbeitsmigranten, die mit der Vorstellung kommen, es wäre leicht möglich, in der EU einen Arbeitsplatz zu finden. Sie haben entsprechend keine Ahnung, welche rechtlichen Schwierigkeiten sich mit dem Status „Flüchtling“ verbinden.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wer diejenigen sind, die für bestimmte Zielländer bei den Migranten werben, und wer diejenigen sind, die ihnen erzählen, in der EU sei es ebenso problemlos möglich, einen Arbeitsplatz zu finden, wie dies vielleicht in Ägypten der Fall ist. Die Antworten auf diese Fragen würden zumindest einen Teil der Migrationsdynamik, wie wir sie derzeit sehen, erklären.

Crawley, Heaven, Duvell, Franck, Sigona, Nando, McMahon, Simon & Jones, Katharine (2016). Unpacking a Rapidly Changing Scenario: Migration Flows, Routes and Trajectories Across the Mediterranean. Research Brief No. 1, March 2016.

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EU-Migranten als Geiseln in BREXIT-Verhandlungen?

In der BBC-Serie Colditz, in der es um das Gefangenenlager geht, das die Wehrmacht im Colditzer Schloss und im Zweiten Weltkrieg betrieben hat, fragt Major Moon, wie man es erklären könne, dass die britischen Gefangenen ständig versuchen würden, aus Colditz auszubrechen, während es für deutsche Gefangene in Britannien keinerlei Hinweise gebe, dass sie versuchen würden, nach Deutschland zu kommen. Hauptmann Ullmann tut sich in dieser Szene durch den lakonischen Kommentar hervor, dass man den Eindruck haben könne, deutsche Gefangene wollten gar nicht aus britischen Gefangenenlagern ausbrechen.


Irgendwie ist diese kleines Szene bezeichnend für eine Fehlwahrnehmung, die es in Deutschland immer gegeben zu haben scheint und die es wohl immer noch gibt. Manche Deutsche, vielleicht auch viele Deutsche sind der Ansicht, Deutschland sei das gelobte Land, nach dem sich andere Nationen sehnen. Menschen aller Herren Länder sehnen sich danach, im Land der hohen Steuern, der linken Chaoten und rechten Spaziergänger heimisch zu werden oder zu sein, um auf diese Weise dazu beitragen zu können, dass unnötige Programme wie „Demokratie leben!“ und nutznießende Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung sich auch morgen noch von Steuerzahlern aushalten lassen können.

Wer sich an die post-BREXIT-Abstimmungsdiskussion erinnert, der wird sich an die Briten in Deutschland-Diskussion erinnern. (Doppelte) Staatsbürgerschaft wollten die Grünen für die armen Briten, die vom heimischen Brexit ereilt wurden und denen nun die Vertreibung aus dem Paradies bevorstand, erwirken. Schleunigst wurden die Exil-Briten zum politischen Faustpfand oder auch zur politischen Geisel genommen, um sie in kommenden Verhandlungen vorführen zu können.

Niemand hat sich in Deutschland je gefragt, wie viele Briten denn tatsächlich in Deutschland leben oder – umgekehrt – wie viele Deutsche im Vereinigten Königreich Zuflucht genommen haben. Wenn man die entsprechenden Migranten als Geisel nehmen will, dann ist es sinnvoll, sich dahingehend zu versichern, dass die Gegenseite nicht ein viel größeres Geiselpotential für sich in die Waagschale werfen kann.

PEW hat sich die Mühe gemacht, die Anzahl der Migranten aus EU-Ländern, die u.a. in Deutschland und im Vereinigten Königreich leben, zu schätzen.

Ergebnis:
Zum Ende des Jahres 2015 lebten 100.000 Briten in Deutschland. Unter den 5.330.000 Migranten aus der EU machen sie 1,9% aus. Die meisten EU-Migranten kommen aus Polen (1.930.000 Migranten), Rumänien (590.000 Migranten), Tschechien (540.000 Migranten), Italien (410.000 Migranten) und Österreich (260.000 Migranten) nach Deutschland.

Im Vereinigten Königreich sieht das Bild völlig anders aus. 320.000 Deutsche leben im Vereinigten Königreich. Sie stellen 11% der EU-Migranten im Land. Damit stellen Deutsche hinter Polen (700.000 Migranten) und Iren (500.000 Migranten) die drittgrößte Migrantengruppe, und zwar deutlich vor Migranten aus Frankreich und Italien (je 150.000).

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Muslimische Unterschichtung der Gesellschaft: Ein Spiel mit dem Feuer

Migration hat in manchen Ländern eine Unterschichtung der vorhandenen Sozialstruktur zur Folge. Die Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen, um in den meisten Fällen ungelernte Arbeit zu verrichten oder nach einer kurzen Anlernphase, die entsprechende Arbeit zu tun, sind ein Beispiel dafür. Sie haben die vorhandene Sozialstruktur unterschichtet, eine neue, eigene Schicht geschaffen. Weitgehend ungelernte Arbeiter in beengten Wohnverhältnissen ohne Vermögen und mit Tätigkeiten, bei denen keine Frauenbeauftragte auch nur im Traum darauf gekommen wäre, eine Gleichstellung für ihre Klientel zu fordern.

MIgrantenfamilienEine derartige Unterschichtung, so die Ansicht von Migrationsforschern wie Milton M. Gordon oder John W. Berry, wird für die meisten Migrantengruppen über kurz oder lang ein Ende finden. Sie werden sich in die autochthone Gesellschaft akkulturieren oder assimilieren oder integrieren, in jedem Fall werden sie im Hinblick auf Beruf, Verdienst, Schulbildung usw. kaum oder gar nicht mehr von den Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft zu unterscheiden sein.

Gordon ist ein US-amerikanischer Forscher, Berry ist Kanadier. Das mag erklären, warum beide den deutschen Sonderfall nicht berücksichtigen. Denn: Wenn in Deutschland etwas stabil ist, dann die Sozialstruktur. Vertikaler Aufstieg findet so gut wie nicht statt. Das deutsche Schulsystem ist ein segregierendes Schulsystem: Kinder aus Arbeiterfamilien haben weit geringere Chancen, einen Bildungsaufstieg zu erreichen als Kinder aus den Familien der Mittelschicht. Dafür sorgen nicht zuletzt die Lehrer aus der Mittelschicht.

Die Prozesse, die dazu führen, dass die deutsche Sozialstruktur in Stein gemeißelt ist, sind vielschichtig, die Schließung schulischer Karrierewege für Kinder aus dem, was man heute bildungsferne Schichten nennt, ist ein solcher Prozess, einer der Prozesse, die dafür sorgen, dass auch Kinder aus Migrantenfamilien geringere Bildungschancen haben als deutsche Kinder. Dr. habil. Heike Diefenbach hat die Erklärungen für dieses Phänomen in einem Buch, das als Standard der Migrationssoziologie gilt, zusammengestellt.

Und so kommt es, dass das PEW Research Center ein Ergebnis einer eigenen Analyse auf Basis von Daten aus dem Jahre 2010 veröffentlicht, das man nur als erschreckend bezeichnen kann. Die PEWler haben untersucht, wie groß die Distanz in Schuljahren zwischen unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung ab 25 Jahren ist, u.a. für die Gegenüberstellung der Gruppe der Muslime und der nicht-muslimischen Bevölkerung. Das Ergebnis für Europa ist in der folgenden Abbildung dargestellt und zeigt: Nirgends ist der Unterschied zwischen der muslimischen und der nicht-muslimischen Bevölkerung gemessen in Bildungsjahren so groß, wie in Deutschland. Muslime haben im Durchschnitt 4.2 Schuljahre an Bildung weniger als Nicht-Muslime. (9,5 im Vergleich zu 13,7) Ein eindrucksvoller Beleg für eine im Bereich „Bildung“ nicht gelungene Integration von Muslimen und ein ebensolcher für die Persistenz der Sozialstruktur, für deren Unterschichtung durch Muslime.

PEW Muslime Bildung

Eine derart starre Sozialstruktur ist nicht überlebensfähig. Sie wird über kurz oder lang zu Konflikten führen, wie Robert K. Merton schon in den 1960er Jahren gezeigt hat, ganz einfach deshalb, weil Ziele, deren Erreichung als gesellschaftlicher Standard angesehen werden, für viele nicht erreichbar sind, weil ihnen dazu u.a. die finanziellen Mittel fehlen. Der Konflikt zwischen Zielen und nicht vorhandenen Mitteln, diese Ziele zu erreichen, führt bei Merton u.a. zu kriminellem Verhalten oder in die Revolution.

Seit 2010 sind mehr als eine Million Personen muslimischen Glaubens nach Deutschland geflüchtet von denen zwischenzeitlich bekannt ist, dass ihr Bildungsniveau deutlich unter dem der autochthonen Bevölkerung liegt.

Was bedeutet es, eine starre und ohnehin schon von Muslimen unterschichtete Gesellschaft weiter mit Muslimen zu unterschichten, so dass der Unterschied, gemessen in Bildung, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen noch größer, die Divergenz zwischen gesellschaftlichen Zielen und vorhandenen Mitteln noch größer wird?. Um es mit Merton zu sagen: Es ist ein Rezept dafür, Kriminalität zu erhöhen, Unruhe zu schaffen und eine Gesellschaft in Tumulte zu stürzen.


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