Warum bei steigenden Preisen Waren nicht billiger werden …

Wenn man sich in Wales auf den Weg zum Pen-y-fan macht, dem höchsten Berg von Südwales mit 886 Metern über dem Meeresspiegel, dann ist das ein mühsames Unterfangen, denn es geht gleich sehr steil los, erst auf den letzten Metern und in Sichtweite des Gipfels lässt wird die Steigung geringer. Aber deshalb würde niemand behaupten, es gehe bergab.

Pen-y-fan; ©Heike Diefenbach, 2014

Eine Aufgabe in einer Statistik-Klausur, die Dr. habil. Heike Diefenbach ihren Studenten gestellt hat, verlangte anhand einer vorgegebenen Regressionsgleichung die RegressiongsGERADE in ein Koordinatenkreuz einzuzeichnen. Eine einfache Sache, für den, der es kann, und eine Sache, die durch den Zusatz „GERADE“ erheblich erleichtert wird. Dessen ungeachtet fanden sich in den Klausuren einige Gekrümmte, ein Umstand, der nur dadurch zu erklären ist, dass manche der Studenten den Bedeutungsgehalt von GERADE nicht mehr kennen und denken, auch etwas, was als Gerade bezeichnet wird, könne krumm sein.

Offenkundig ist die Kenntnis nicht nur von Begriffsbedeutungen, sondern auch von dynamischen Konzepten auch unter denen, die sich wohl im Selbsttest als intelligent einstufen würden und in jedem Fall der Ansicht sind, sie seien so kompetent, dass sie andere belehren können, nicht sonderlich weit verbreitet, wie ein Beitrag aus der FAZ zeigt, in dem ein verwunderter Redakteur seine Leser zunächst mit der Erkenntnis beglückt, dass „[d]ie Inflation in Deutschland“ deutlich nachlasse, dennoch vieles teurer als in früheren Jahren sei…

Wenn es um Definitionen statistischer Konzepte geht, dann ist das Statistische Bundesamt eine erstaunlich gute Adresse:

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„Die Inflation kann unter anderem anhand des Verbraucherpreisindex für Deutschland gemessen werden, den das Statistische Bundesamt jeden Monat berechnet und veröffentlicht.

Die prozentuale Veränderung des Verbraucherpreisindex gegenüber dem Vorjahreszeitraum wird oft als Inflationsrate bezeichnet. Sie ist ein Maßstab dafür, wie sich innerhalb eines Jahres die Preise für private Verbrauchsausgaben in Deutschland im Durchschnitt verändern. Synonym verwendet werden die Begriffe „Teuerung“ beziehungsweise „Teuerungsrate“.“

Im Prinzip kann eine Inflationsrate auch negativ werden, sie beschriebe dann einen Rückgang der Preise auf breiter Front, denn natürlich ist die Inflationsrate ein aggregiertes Datum, in das die PreisENTWICKLUNG vieler unterschiedlicher Güter einfließt. Insofern ist der Text, den Christian Siedenbiedel für die FAZ verfasst hat, in etlichen Teilen eher unglücklich, schon weil ein Rückgang der Inflationsrate lediglich bedeutet, dass sich die Preissteigerung für das Gesamtmaß verringert hat, sie beträgt nun 3,8% und nicht mehr 4,5%, wie noch im September, dessen ungeachtet sind 3,8% Preissteigerung ein Plus von 3.80 Euro pro 100 Euro Ausgaben.

Es ist, als wäre man auf dem Weg zum Pen-y-fan im Abschnitt mit reduzierter Steigung angelangt. Man schnauft immer noch heftig, aber nicht mehr ganz so heftig, wie bei der Überwindung der vorausgehenden Höhenmeter. Auch der Begriff „Disinflation“, den Siedenbiedel in den Ring wirft, ist unglücklich platziert, denn er beschreibt KEINEN Rückgang von Preisen, er beschreibt die Abschwächung der Teuerung. Es wird alles zusammengenommen, weiterhin teurer, aber nicht mehr so viel teurer, wie im Vormonat.

Indes, wie gesagt, die Preissteigerung, die letztlich zur Inflationsrate verrechnet wird, umfasst eine Vielzahl von Gütern, darunter auch solche, die im Vergleich zum Vorjahresmonat relativ, was die Preissteigerung betrifft, billiger geworden sind und billiger ist eigentlich außer Energie nicht viel im Oktober 2023 und im Vergleich zum Vorjahresmonat geworden – relativ.

Indes, kurzfristige Veränderungen in der Preissteigerung, wie sie aus dem Vergleich zweier Monate resultiert, ändern nichts daran, dass die Inflationsrate die Angewohnheit hat, stetig zu steigen, eine Erfahrung, die viele von uns teilen: Alles wird schnell teurer, aber in der Regel nicht wieder billiger. Das Statistische Bundesamt stellt mit Genesis eine nette Datenbank zur Verfügung, um den Anstieg der Teuerungsrate zu verdeutlichen:

Schön zu sehen: Der rasante Preisanstieg seit 2020, ein Ergebnis idiotischer Lockdown-Politik in Kombination mit einer suizidalen Energiepolitik, beides sorgt mit dafür, dass die Preise konstant steigen, im Aggregat der Inflationsrate, die immer dann, wenn im unteren Teil der Abbildung ein roter Balken zu sehen ist, steigt, also mehr oder weder stetig steigt.

Und es kommt noch schlimmer, nicht nur ist weniger Preissteigerung als im Vorjahresmonat immer noch Preissteigerung, auch ein Preisrückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat muss nicht bedeuten, dass die entsprechenden Produkte wieder billiger als im Vorjahr sind, denn die Berechnung der Teuerung basiert auf Preissteigerungsraten:

„Der Verbraucherpreisindex misst monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke kaufen. Die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat bzw. zum Vorjahr wird als Teuerungsrate oder als Inflationsrate bezeichnet.“

Berechnungsbasis ist demnach eine ENTWICKLUNG, womit wir beim oben angesprochenen dynamischen Konzept sind. Wenn z.B. die Preissteigerung im Oktober 2022 4,5% betragen hat, im Oktober 2023 aber nur 4,366%, dann entspricht dies einem Rückgang der Preissteigerung um 3,2% (-3,2%). Damit ist nichts billiger geworden, die Preissteigerung hat sich nur abgeschwächt.

Das von uns gerade Gesagte wird in Verlaufsdiagrammen des Statistischen Bundesmats für unterschiedliche Produkte eindrücklich bestätigt. Lediglich ein einziges Produkt, der im Folgenden dargestellten, ist seit 2020 billiger geworden: Fernseher.







Kontinuierlich steigende Preise sind ein Indikator dafür, dass Marktmechanismen nicht greifen, von regulativen Eingriffen überlagert werden. Kurz: Kontinuierlich steigende Preise sind ein Ergebnis von politischen Entscheidungen, denn auf Märkten herrschen bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die z.B. das Angebot über Lernkurven (Skalenprozesse) billiger machen und mit einem billigeren Angebot eine höhere Nachfrage zum Ergebnis haben, was wiederum einen preissenkenden Effekt hat. Lediglich Monopolisten, politische Entscheider und Produkte mit fester Nachfrage (und entsprechend keinerlei Nachfrageelastizität) können diesen natürlichen Prozess der Verbilligung von Produkten abschwächen (bei letzteren) bzw. umkehren, bei ersteren.


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13Comments

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  1. 1
    MasedPringle

    Tatsächlich sind viele Preise aber wieder deutlich gesunken, auch mal nur knapp über Ausgangsniveau. Rapsöl oder Butter z.B.. Teils macht man es andersrum als sonst. Erst im Angebot und danach wieder dauerhaft billiger. Früher wurde es teils danach teurer, wobei der Angebotspreis zur Erinnerungsverwirrung gedacht ist. Auch die Angebotspreise selbst sind wieder niedriger geworden. Wo früher aktiv mit dauerhaften Reduzierungen geworben wurde, macht man das nun eher verschämt und heimlich. Dafür kann man dann bei Bedarf schnell wieder nach oben korrigieren.

    • 2
      Tobi

      Das liegt aber daran, dass wir immer noch Marktwirtschaft haben und die Unternehmen bzw. Firmen untereinander konkurrieren. Ich glaube nicht, dass z.B. ein Müller Joghurt im Handel für 1,11 Euro heute noch kostendeckend ist, geschweige dass man daran etwas verdient. Aber für diesen Preis wird er noch gekauft, für 2 Euro sicherlich nicht mehr. Also hält man den Preis und unterbietet notfalls sogar den Konkurrenten und spart lieber woanders. Und wie ich beobachtet habe, verzichten immer mehr Unternehmen besonders im Lebensmittelbereich an kostenintensiver Werbung. Naja und das ist ja da noch die Schummelei mit gleicher Preis aber weniger Inhalt.

      • 3
        Karsten Mitka

        Ich glaube kaum, daß die Unternehmen ihre Produkte zu Einkaufspreisen oder nicht kostendeckend kalkuliert verkaufen, denn dann wären sie schon längst pleite und nicht immernoch Milliardäre. Ein Müller Joghurt wird im Einkauf nichtmal 50Cent kosten, da ist man bei 1,11€ noch mit über 100% Marge dabei, da werden Massen eingekauft und man bezahlt pro Packungseinkeit, nicht pro Becher. Die gleichen Preise überall kommen von illegalen Preisabsprachen, die zwar verboten, aber doch irgendwie geduldet sind, bis man ab und an mal aus Gründen des Scheines irgendwas auffliegen läßt.

  2. 4
    Karsten Mitka

    Natürlich gehen die Preise nicht zurück. Werden auch Lohnerhöhungen zurückgenommen (oder gar freiwilliger Verzicht), die aufgrund Inflation und gestiegener Preise gewährt wurden? Nein und so bleibt es ein ewiger Teufelskreis, bis zum großen Zusammenbruch.

  3. 6
    pantau

    Den ersten Schub politisch verursachter Teuerung bekamen wir mit dem Euro geschenkt. Jetzt ein Lockdown- und Energiezerstörungsnachschlag. Dass es für die Bankrotteure eine positive Meldung ist, wenn die Teuerungsgeschwindigkeit etwas sinkt, glaub ich gern.

  4. 7
    Archenländer

    Was mir im letzten Jahr auch aufgefallen ist, dass es tatsächlich öfter weniger Inhalt zum gleichen Preis gab (Shrinkflation), z.B. nur noch 150g Chips statt 175g, oder 400g Margarine statt 500g, nur 200g Käse statt 250g etc.

    • 8
      felix

      Das Gewicht der Haribo-Tüten ist schon seit längerem am Sinken … von 300g auf 250g auf 200g auf 175g und teils bis auf 167g …
      Teils steigt das Gewicht bei einigen Produkten auch, weil sie xxL-Packungen anbieten, kann aber nicht sagen, ob das mit Preissteigerung oder -reduktion einherging.
      Die Bundesregierung behauptet, die Unternehmen würden viel investieren wollen.
      Flassbeck hat das in seinem letzten Interview mal ganz gut erklärt, wie diese „Berechnung“ zustandekommt (siehe Mario Lochner).
      Einkaufsmanagerindex zeigt eher den Kreb-Seitwärts-gang,:
      https:// beschaffung-aktuell.industrie.de/studien/einkaufsmanagerindex/

    • 9
      pantau

      dito bei den „Romana Salatherzen“ im Aldi meines Vertrauens: in der guten alten Zeit gab es drei große zum Preis von 50 cent bis selten mal 1 öro. Dann 3 kleine, dann 2 mittlere, jetzt sind wir bei 2 winzigen je 1 Euro bis 1.19. Da ich Salat schüsselweise fresse, geht das gut ins Geld mittlerweile.

    • 10
      Marvin Falz

      Ist mir auch aufgefallen. Und ich habe den Eindruck, dass Topfschwämme, zumindest die billigen aus dem Netto, schneller unbrauchbar werden als früher. Als würde ein chemischer Stoff, etwas, dass das Ausleiern verhindert, fehlen.

      • 11
        ERINNERUNG

        Deutlich weniger Inhalt (ca. 15 %) bei gleichzeitiger Preiserhöhung um 1/3 und
        obendrauf dann die durchgereichte ‚Mehr“Wert“St.‘ für den Endverbraucher.
        Exponentielle Wertminderung läßt sich auf doppelt logarithmischem Papier
        ja auch GERADEbügeln.

  5. 12
    ERINNERUNG

    Viele Zweibeiner wissen nicht, was sie worüber daherreden. Sie haben „keine Ahnung“, davon aber jede Menge.
    Das Gesagte trifft dann auf beschränktes Verstehen, vom Begreifen ganz abgesehen.
    So bleibt ihnen nur, ihre besondere Wortwahl, ihren Wortlaut als einzige Wahrheit zu betrachten.

  6. 13
    Marvin Falz

    Ich würde, wie andere Leser auch, vermuten, dass die Preise weiterhin kontinuierlich ansteigen werden, einfach weil die Politik immer weiter in die Marktmechanismen eingreift, bzw. selbst zum Unternehmer wird, sich Märkte per Gesetz erschließt und dabei die Konkurrenzsituation ausschaltet. Vielleicht stammen daher auch die eher orwellschisch anmutenden Bezeichnungen wie etwa die des „Kunden“ im Jobcenter, obwohl der gesamte Sozialstaat besser als Teil einer wachsenden Plan- und Kommandowirtschaft angesehen werden sollte. „Kunden“ bekommen normalerweise nicht gesagt, was sie zu tun haben, sondern können entscheiden, ob und wenn ja, für welches Produkt oder für welche Serviceleistung, sie bezahlen möchten. Die Ergebnisse lassen sich allerorten beobachten. Nicht nur wird alles teurer, die Qualität von Produkten und Serviceleistungen nimmt ab, es sinkt auch die Motivation, überhaupt noch etwas zu tun. Ich glaube, unabhängig davon, ob diese Situation politisch genau so geplant ist und durchgeführt wird, oder ob diese Situation entsteht, weil Inkompetente Entscheidungen aufgrund von Ideologie treffen, das nur das Ausweichen in eine Parallelökonomie aus der Situation helfen wird. Ja, es mag sein, dass eine AfD an einer Lösung arbeitet, aber womöglich sind die gegen eine AfD arbeitenden Kräfte stärker und schneller, so dass auch eine AfD einen wirtschaftlichen Kollaps nicht mehr verhindern kann.

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